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Grundlagen

Rettungswerkzeug für Auto und Haus: was es kann und was nicht

Nothammer, Federkörner, Gurtschneider, Brechstange: welche Scheibe sich einschlagen lässt, wo das Werkzeug hingehört – und warum es keine Waffe ist.

8 Min. LesezeitEinstiegStand: 25. September 2026
Ein roter Nothammer zur Zerstörung von Sicherheitsglas ist in einer Halterung angebracht.
Ein Nothammer kann Sicherheitsglas brechen – ob und wo er sinnvoll ist, hängt vom konkreten Fahrzeug und der Situation ab.Foto: Asacyan · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Ein Nothammer im Auto, eine Brechstange im Keller: Solche Werkzeuge sind für den seltenen Moment gedacht, in dem du dich selbst oder jemand anderen aus einem Fahrzeug oder Gebäude befreien musst. Dieser Artikel erklärt, welche Autoscheiben sich überhaupt einschlagen lassen, worin sich Nothammer und Federkörner unterscheiden und wo das Werkzeug liegen muss. Außerdem geht es darum, was im Haus wirklich zählt und warum ein Rettungswerkzeug rechtlich ein Werkzeug bleibt und kein Waffenersatz ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seitenscheiben aus Einscheiben-Sicherheitsglas lassen sich mit Nothammer oder Federkörner einschlagen.
  • Frontscheiben aus Verbundglas und doppelt verglaste Seitenscheiben halten auch diesem Werkzeug stand.
  • Im Wasser zuerst das Fenster öffnen, nicht auf die Tür warten – das Werkzeug ist der Plan B.
  • Im Haus zählt der Schlüssel an seinem festen Platz mehr als jede Brechstange.
  • Rettungswerkzeug ist keine Waffe – wer es gegen Menschen richtet, macht sich strafbar.

Wofür Rettungswerkzeug gedacht ist

Der ADAC, ein Verein und keine Behörde, hat in einem Versuch Autos absichtlich im Wasser versenkt. Er hält fest, dass es „äußerst selten“ vorkommt, in einem sinkenden Auto festzustecken – aber es kann passieren, etwa nach einem Unfall oder in einer Extremwetterlage wie im Ahrtal 2021. Für genau solche seltenen Lagen ist Rettungswerkzeug da: nicht für den Alltag, sondern für die Minute, in der niemand sonst helfen kann.

Die wichtigste Vorsorge ist deshalb, gar nicht erst in diese Lage zu geraten. Überflutete Straßen und vollgelaufene Unterführungen sind keine Strecke, sondern eine Falle. Was das BBK dazu sagt, steht im Artikel „Hochwasser und Starkregen“. Was im Auto sonst griffbereit sein sollte, beschreibt der Artikel „Im Auto festsitzen“.

Bei einem gewöhnlichen Unfall befreien dich Feuerwehr und Rettungsdienst. Ihr Werkzeug ist dem deinen weit überlegen. Dein Nothammer ist für den Fall gedacht, dass du nicht warten kannst.

Welche Scheibe sich einschlagen lässt

In Fahrzeugen darf nur zugelassenes Sicherheitsglas eingesetzt werden, und es gibt zwei Arten davon. Nach Angaben des Bundesverbands Autoglaser, eines Fachverbands, besteht die Frontscheibe aus Verbund-Sicherheitsglas (VSG), die Seiten- und Heckscheiben aus Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG). Je nach Fahrzeugtyp können aber auch Seiten- und Heckscheiben aus Verbundmaterialien bestehen.

ESG ist thermisch vorgespannt. Bricht die Scheibe, löst sich die Spannung, und das Glas zerfällt in „eine Vielzahl kleiner, stumpfkantiger Krümel“. Der Verband nennt als Nachteil gerade das, was dir im Notfall hilft: ESG lässt sich mit einem harten, spitzen Gegenstand wie einem Nothammer leicht zerstören. VSG dagegen besteht aus zwei oder mehr Glasscheiben mit einer reißfesten Folie dazwischen. Die Bruchstücke haften an der Folie – das schützt bei einem Unfall, kann laut Verband aber auch den Rettern das Bergen der Insassen erschweren.

Der ADAC hat genau das im Wasser erlebt: Eine doppelt verglaste Seitenscheibe ließ sich weder mit Nothammer noch mit Federkörner zerstören. Solche Verglasung gibt es bei manchen Autos gegen Aufpreis, damit die Fahrgeräusche besser gedämmt werden. Der Ausweg war die Heckscheibe, die in Fahrzeugen meist nur einfach verglast ist.

Ein Auto von oben: Die Frontscheibe ist dunkelrot markiert (hält stand), die Seitenscheiben und die Heckscheibe orange (einschlagbar), an der Heckscheibe steht „meist“.
Seitenscheiben aus Einscheiben-Sicherheitsglas und meist auch die Heckscheibe lassen sich einschlagen, die Frontscheibe aus Verbundglas nicht. Seitenfenster mit dem Kürzel „XI“ halten ebenfalls stand.Skizze: WildWeasel
Autoscheiben und Rettungswerkzeug
ScheibeÜbliche GlasartMit Nothammer oder Federkörner
FrontscheibeVerbund-Sicherheitsglasnicht zum Ausstieg geeignet
Seitenscheibe, StandardEinscheiben-Sicherheitsglaslässt sich einschlagen
Seitenscheibe mit Verbundglas oder Doppelverglasungerkennbar am Kürzel „XI“im ADAC-Versuch nicht zu zerstören
Heckscheibemeist einfach verglastlässt sich einschlagen, Ausstieg aber kräfteraubend

Tipp Schau heute auf deine Seitenscheiben. Laut ADAC tragen Seitenfenster aus Verbundglas oder mit Doppelverglasung das Kürzel „XI“, ein Hinweis steht außerdem in der Rettungskarte des Fahrzeugs. Dann weißt du vorher, welcher Weg im Notfall offen ist.

Nothammer und Federkörner

Ohne Werkzeug geht es nicht. Im ADAC-Versuch scheiterte der Fahrer mit der Spitze eines Regenschirms und mit dem Gestänge einer Kopfstütze. Der ADAC fasst zusammen: Eine Seitenscheibe lässt sich einzig und allein mit einem Nothammer zertrümmern – oder, noch besser, mit einem Federkörner.

Der Nothammer ist ein kleiner Hammer mit harter Spitze. Du musst ausholen und kräftig zuschlagen, was im engen Innenraum, angeschnallt oder unter Wasser schwerfällt. Den Federkörner beschreibt der ADAC als „quasi vorgespannten Nothammer“: Du drückst ihn gegen die Scheibe, bis eine Feder die Spitze auslöst. Ausholen musst du dafür nicht. Beide Werkzeuge helfen nur bei Einscheiben-Sicherheitsglas, gegen Verbund- oder Doppelverglasung kommen beide nicht an.

Für den Einsatz nennt der ADAC zwei Regeln: den Nothammer nicht in der Mitte der Scheibe, sondern an den Ecken ansetzen und beim Zuschlagen die Augen schützen. Auch stumpfe Krümel fliegen dir entgegen.

Ein Federkörner auf hellem Grund: ein Metallstift mit feiner Spitze, gerändeltem Griffstück und rotem Knauf.
Beim Federkörner löst eine Feder die Spitze aus, wenn du ihn gegen die Scheibe drückst – ausholen musst du nicht.Foto: Allant · CC BY 3.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Gurtschneider und der Platz für das Werkzeug

Sich aus einem sinkenden Auto zu befreien, gelingt laut ADAC nur, wenn du so schnell wie möglich das Fenster öffnest und den Sicherheitsgurt löst, um dich bewegen zu können. Klemmt das Gurtschloss, schneidet ein Gurtschneider das Gurtband durch. Der ADAC empfiehlt, Nothammer oder Federkörner in Kombination mit einem Gurtschneider „sicher und an gut zugänglicher Stelle im Fahrzeug“ zu platzieren.

Gut zugänglich heißt: Du erreichst es angeschnallt vom Fahrersitz aus. Kofferraum, Reserveradmulde und ein vollgestopftes Handschuhfach scheiden damit aus. Sicher heißt: Das Werkzeug ist befestigt und fliegt bei einer Vollbremsung nicht durch den Innenraum.

Der ADAC-Verkehrspsychologe rät, die Rettung im Geist einmal durchzuspielen: abschnallen, Fenster herunterlassen, gegebenenfalls anderen helfen, aussteigen. Auch eine Trockenübung, durch das geöffnete Seitenfenster hinauszuklettern, hält er für hilfreich. Wer das einmal geübt hat, weiß auch, wo das Werkzeug liegt.

Achtung Gerät dein Auto ins Wasser, öffne sofort das Fenster. Laut ADAC gilt: Je länger du wartest, desto größer wird das Risiko, dass die 12-Volt-Bordelektrik ausfällt, und das Fahrzeug sollte innerhalb der ersten Minute verlassen werden. Warte nicht darauf, dass sich die Tür öffnen lässt: Im Versuch ging sie erst nach 4 Minuten und 36 Sekunden auf, der Kopf des Fahrers war da schon 1 Minute und 37 Sekunden unter Wasser. Siehst du als Zeuge ein Auto im Wasser, wähle sofort die 112 und achte auf deine eigene Sicherheit.

Im Haus: der Schlüssel schlägt die Brechstange

Im Haus ist das wichtigste Rettungswerkzeug kein Werkzeug. Die Fachempfehlung „Verhalten im Brandfall“ von Deutschem Feuerwehrverband und vfdb fragt als Erstes, ob der Fluchtweg frei ist und ob Mobiltelefon und Wohnungsschlüssel griffbereit liegen. Beides soll immer am gleichen Platz liegen. Wer nachts abschließt, lässt den Schlüssel im Schloss stecken, sofern die Tür dann von außen noch aufgeschlossen werden kann, oder hängt ihn gut sichtbar direkt neben die Tür.

Den Schlüssel nimmst du beim Verlassen mit und gibst ihn der Feuerwehr. Dann muss sie sich laut Fachempfehlung nicht erst mit Brechwerkzeug Zugang verschaffen und verliert keine Zeit. Das Aufbrechen von Türen ist also Sache der Feuerwehr, nicht deine.

Türen sind im Brandfall eher Schutz als Hindernis. Die Fachempfehlung nennt Brandschutztüren, die mindestens 30 Minuten standhalten, und einfache Türen, die eine Brandausbreitung für mindestens 10 Minuten verhindern. Ist der Weg zum Ausgang nicht frei von Feuer und Rauch, gehst du in das Zimmer, das am weitesten vom Brand entfernt ist, ziehst die Tür zu, wählst die 112 und machst dich am Fenster bemerkbar.

Dass dich ein Brand überhaupt rechtzeitig weckt, dafür sorgt der Rauchwarnmelder. Er gehört an den Anfang jeder Liste, die sich mit Fluchtwegen beschäftigt.

Brechstange, Axt und Handschuhe

Eine Behördenquelle für Brechstange und Axt im Haushalt gibt es für einen bestimmten Fall. Das BBK-Merkblatt zur Vorsorge und Eigenhilfe bei Erdbeben nennt: „Im Ernstfall können Hammer, Axt, Brechstange, große Zange, feste Arbeitshandschuhe, Feuerlöscher benötigt werden.“ Dasselbe Merkblatt verlangt: „Türen und Fenster müssen jederzeit von innen zu öffnen sein.“

Das Merkblatt ordnet die Lage selbst ein: In Deutschland ist ein starkes Beben unwahrscheinlich, die Empfehlungen richten sich vor allem an Menschen, die sich im Ausland in Erdbebengebieten aufhalten. Für einen Haushalt in Deutschland folgt daraus eine bescheidene Rolle: Eine Brechstange oder ein Kuhfuß im eigenen Keller ist ein Hebel für die eigene klemmende Tür oder ein verkeiltes Brett. Feste Handschuhe gehören immer dazu.

Wichtiger als das Werkzeug ist die Vorarbeit: Fluchtwege nicht zustellen, Türen und Fenster so lassen, dass sie sich von innen öffnen lassen, und wissen, wo der Schlüssel hängt.

Achtung Eine Brechstange ist kein Grund, in ein brennendes, verrauchtes oder beschädigtes Gebäude zu gehen. Menschen darin rettet die Feuerwehr – ruf die 112 und sag, wo und wie viele Personen noch drin sind. Fremde Türen und fremdes Eigentum sind tabu.

Werkzeug, keine Waffe

Einen Nothammer im Auto oder eine Brechstange im Keller zu haben, ist Alltag. Diese Dinge sind dafür gebaut, Glas zu brechen, Gurte zu schneiden oder etwas anzuheben, nicht dafür, Menschen anzugreifen. Wie das Waffengesetz Waffen abgrenzt und was die Polizei zur Selbstverteidigung rät, steht im Artikel „Selbstverteidigung in Deutschland“. Für Messer gilt eigenes Recht, dazu gibt es einen eigenen Artikel der Reihe.

Ein Rettungswerkzeug ist aber kein Waffenersatz. Das Strafgesetzbuch nennt in § 224 die Körperverletzung „mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs“ in einem Atemzug – beides ist gefährliche Körperverletzung, mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Wer einen Nothammer oder eine Brechstange gegen einen Menschen richtet, hat vor dem Gesetz also kein harmloses Werkzeug mehr in der Hand.

Deshalb gehört das Werkzeug an seinen Platz: der Nothammer in die Halterung im Auto, die Brechstange in den Keller. In der Jackentasche beim Stadtbummel hat es nichts zu suchen.

Häufige Fragen

Kann ich im Notfall die Frontscheibe einschlagen?

Als Ausstieg taugt sie kaum. Die Frontscheibe besteht aus Verbund-Sicherheitsglas, dessen Bruchstücke an einer Folie haften. Rettungswerkzeug ist für die Seitenscheiben aus Einscheiben-Sicherheitsglas gedacht.

Nothammer oder Federkörner – was ist besser?

Der ADAC nennt den Federkörner „noch besser“. Er muss nur gegen die Scheibe gedrückt werden, statt dass du ausholst. Gegen Verbund- oder Doppelverglasung helfen beide nicht.

Woran erkenne ich, ob meine Seitenscheiben sich einschlagen lassen?

Laut ADAC tragen Seitenfenster aus Verbundglas oder mit Doppelverglasung das Kürzel „XI“. Ein Hinweis findet sich zudem in der Rettungskarte deines Fahrzeugs.

Warum soll ich unter Wasser nicht warten, bis die Tür aufgeht?

Weil es zu lange dauert. Im ADAC-Versuch ließ sich die Tür erst nach 4 Minuten und 36 Sekunden öffnen. Öffne sofort das Fenster und steig dort aus.

Darf ich einen Nothammer immer dabeihaben?

Im Auto gehört er in eine feste Halterung, das ist Alltag. Als Waffenersatz taugt er nicht: Eine Körperverletzung mit einem gefährlichen Werkzeug ist nach § 224 StGB eine gefährliche Körperverletzung.

Quellen

  1. Auto versinkt im Wasser – was tun? So kann man sich retten!ADAC e.V. (Verein) · Versuch mit versenkten Autos: Tür erst nach 4:36 Minuten offen, Scheibe nur mit Nothammer oder Federkörner, Doppelverglasung unzerstörbar, Ecken ansetzen, Augen schützen, Platz des Werkzeugs
  2. Im Wasser zählt jede SekundeADAC e.V. (Verein), Pressemitteilung vom 01.07.2025 · Kürzel „XI“ für Verbund- oder Doppelverglasung, Hinweis in der Rettungskarte, Gurtschneider mit Nothammer in Griffweite
  3. Fachwissen GlasschädenBundesverband Autoglaser e.V. (Fachverband) · Frontscheibe aus VSG, Seiten- und Heckscheiben aus ESG oder je nach Fahrzeug Verbund; ESG-Krümel, VSG erschwert Rettern das Bergen
  4. Fachempfehlung „Verhalten im Brandfall“Gemeinsamer Ausschuss Brandschutzerziehung und -aufklärung von vfdb und Deutschem Feuerwehrverband (2019) · Schlüssel und Mobiltelefon griffbereit, Schlüssel für die Feuerwehr statt Brechwerkzeug, Türen halten 10 bzw. 30 Minuten, Verhalten bei versperrtem Fluchtweg
  5. Merkblatt zur Vorsorge und Eigenhilfe (MVE19): ErdbebenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), bereitgestellt vom Landkreis Calw · Hammer, Axt, Brechstange, Zange, Handschuhe für den Ernstfall; Türen und Fenster von innen zu öffnen; Zielgruppe vor allem Auslandsaufenthalte
  6. Strafgesetzbuch (StGB), § 224 Gefährliche KörperverletzungBundesministerium der Justiz · Körperverletzung mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs, Strafrahmen