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Haushalt & Familie

Kalk brennen und löschen: vom Kalkstein zu Mörtel und Tünche

Wie aus Kalkstein im Ofen Branntkalk und daraus Löschkalk für Mörtel, Putz und Tünche wird – und warum Kalk die Augen zerstören kann.

7 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 26. September 2026

Kalk hat jahrhundertelang Mauern zusammengehalten, Wände verputzt und getüncht. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt den Kalkkreislauf: wie Kalkstein im Ofen zu Branntkalk wird, wie du ihn zu Löschkalk löschst und wofür du ihn danach brauchst. Er sagt auch klar, warum Branntkalk und Löschkalk ernste Gefahrstoffe sind – vor allem für die Augen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Brennen treibt Kohlendioxid aus dem Kalkstein; aus 100 kg Stein werden etwa 56 kg Branntkalk.
  • Branntkalk reagiert mit Wasser unter sehr starker Hitze zu Löschkalk, dem Bindemittel für Mörtel und Tünche.
  • Beide sind ätzend. Kalk im Auge kann zur Erblindung führen – sofort lange mit Wasser spülen.
  • Löschkalk nimmt an der Luft Kohlendioxid auf und wird wieder zu Kalkstein: So härtet Kalkmörtel.
  • Ein Kalkofen, der länger als zwölf Monate am selben Ort betrieben werden soll, braucht eine Genehmigung.

Einordnung: Notfall- und Zivilisationswissen

Heute kaufst du Kalk im Baustoffhandel. Das ist der richtige Weg, solange es ihn gibt. Dieser Artikel bewahrt das Verfahren für den Fall, dass es ihn nicht mehr gibt.

Achtung Das ist Notfall- und Zivilisationswissen für eine Lage, in der Versorgung, Ärzte, Behörden und Fachbetriebe dauerhaft nicht erreichbar sind. Solange sie erreichbar sind, gehen sie vor: Kalk kommt aus dem Handel, Verletzungen behandelt der Arzt, einen Ofen genehmigt die Behörde. Dieser Artikel ersetzt keine Ausbildung, keine ärztliche Behandlung und keine Genehmigung.

Der Kalkkreislauf: vom Stein zum Stein

Kalkstein besteht aus Calciumcarbonat. Das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim beschreibt, was beim Brennen um 950 Grad Celsius passiert: Dem Stein wird Kohlendioxid entzogen, übrig bleibt gebrannter Kalk, chemisch Calciumoxid. Die Steine verlieren dabei 44 Prozent ihres Gewichts – aus 100 kg Kalkstein entstehen 56 kg Branntkalk.

Im zweiten Schritt wird der Branntkalk mit Wasser gelöscht. Er zerfällt zu Löschkalk, Calciumhydroxid, einem stark alkalischen Kalkbrei. Der Name kommt laut Museum daher, dass dabei enorme Hitze entsteht.

Erst dieser Löschkalk bindet Mörtel und Farben. Er nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf und wird dabei wieder zu Kalkstein. Das Museum nennt den ganzen Weg deshalb Kalkkreislauf: Am Ende steht derselbe Stoff wie am Anfang, nur jetzt als Mörtelfuge zwischen den Steinen oder als dünne Schicht auf der Wand.

Der Ofen: wie früher gebrannt wurde

Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Kalk in vielen Regionen Frankens mit Holz in einfachen Öfen gebrannt. Nach dem Freilandmuseum waren sie recht klein und bestanden nur aus einer zylinderförmigen Röhre aus Bruchsteinen. Oft standen sie in einer Böschung oder am Hang: Das gab Halt und erleichterte es, den Kalkstein von oben einzufüllen und den Branntkalk wieder zu entnehmen.

Der Museumsofen ist einem erhaltenen Ofen aus Ried bei Benediktbeuern nachgebaut. Er fasst 6 Kubikmeter Kalkstein, gefeuert wird mit Nadelholz über eine Schüröffnung am Fuß. Für den Nachbau wählte das Museum feuerfeste Schamottsteine statt lose geschichteter Bruchsteine, weil sie seltener repariert werden müssen. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts lösten Schachtöfen mit Koks diese Bauart ab.

Wie viel Arbeit ein Brand macht, zeigt das Freilichtmuseum Ballenberg in der Schweiz. Dort dauerte ein Kalkbrand im Jahr 2024 fünf Tage, und ein Team überwachte den Ofen rund um die Uhr, um die nötige Temperatur von etwa 1.000 Grad Celsius zu halten. Ein Kalkofen ist also kein Feuer, das man nebenbei laufen lässt, sondern eine Schichtarbeit für mehrere Leute. Wie ein Brennofen für Ton arbeitet, steht im Artikel Ton formen, trocknen, brennen.

Löschen: nass zu Sumpfkalk, trocken zu Mörtel

Nach dem Brennen gibt es zwei Wege. Das Freilandmuseum verwendet den Stückkalk entweder direkt für trockengelöschten Mörtel zum Mauern und Verputzen. Oder es löscht ihn gleich nach dem Brand in Blechwannen neben dem Ofen, in kleineren Portionen und mit reichlich Wasser, zu Sumpfkalk.

Den Sumpfkalk lagert das Museum mehrere Monate bis einige Jahre frostfrei in Betonröhren im Erdreich. In der feuchten Lagerung wird er feinkörniger und geschmeidiger; Kirchenmaler schätzen ihn deshalb für Fresken.

Das Gefäß zählt. Die Gefahrstoffdatenbank GESTIS der Unfallversicherung nennt Glas, PVC und Polyethylen als ungeeignet, wenn sich Branntkalk mit Wasser erhitzt. Die entstehende Lauge greift außerdem Leichtmetalle wie Aluminium an und bildet dabei Wasserstoff. Als geeignet nennt GESTIS austenitischen Stahl, also Edelstahl. Lösche deshalb in stabilen Metallwannen wie das Museum, nie in Aluminium, Glas oder Kunststoff – und nach GESTIS nur im Freien oder in gut belüfteten Räumen.

Die Stoffe im Kalkkreislauf nach Freilandmuseum und GESTIS
StoffChemischEntsteht durchHauptgefahr
KalksteinCalciumcarbonatNatur, Abbinden an der Luft–
BranntkalkCalciumoxidBrennen um 950 bis 1.000 °Cätzend, sehr heiß mit Wasser
Löschkalk, Sumpfkalk, KalkmilchCalciumhydroxidLöschen mit Wasserätzend, schwere Augenschäden

Warum Kalk ätzt – und was am Ofen droht

Branntkalk reagiert nach GESTIS mit Wasser unter sehr starker Wärmeentwicklung, als Pulver besteht dabei sogar Explosionsgefahr. Auf feuchter Haut wirkt er stark reizend bis ätzend, weil er dort Wärme freisetzt, dem Gewebe Wasser entzieht und zu Lauge wird. Staub reizt die Atemwege erheblich, bis zu Husten, Atemnot und Entzündungen der Bronchien.

Besonders gefährdet sind die Augen. Kalk im Auge ist so schmerzhaft, dass sich die Lider krampfhaft schließen; die Hornhaut kann sich bis zu porzellanartigem Aussehen trüben, schwere Fälle führen zur Erblindung. Löschkalk ätzt etwas schwächer, weil er auf der Schleimhaut kaum noch Wärme freisetzt. Die Lauge ist aber praktisch gleich stark, und auch Löschkalk und Kalkmilch verursachen schwere Augenschäden.

Am Ofen kommen Feuer und Gas hinzu. Beim Brennen entweicht das Kohlendioxid aus dem Stein, und ein Holzfeuer mit wenig Luft bildet Kohlenmonoxid. Beide Gase sind in geschlossenen Räumen gefährlich. Arbeite deshalb nie in einer Hütte über dem Ofen, halte Kinder und Tiere fern und lass den Brand nie unbeaufsichtigt. Mehr über Kohlenmonoxid am Feuer steht im Artikel Kochen ohne Strom.

Achtung Rechtslage heute: Anlagen zum Brennen von Kalkstein stehen in Anhang 1 der 4. BImSchV, unter 50 Tonnen Branntkalk am Tag im vereinfachten Verfahren – eine Untergrenze gibt es nicht. Genehmigungspflichtig ist ein Ofen, wenn er voraussichtlich länger als zwölf Monate am selben Ort betrieben wird. Dazu kommen Brandschutz und Nachbarrecht. Gefahr: Branntkalk und Löschkalk verursachen schwere Augenschäden bis zur Erblindung, Branntkalk erhitzt sich mit Wasser sehr stark, am Ofen entstehen Kohlendioxid und Kohlenmonoxid. Zuständig: Für einen Ofen die Immissionsschutzbehörde bei Landratsamt oder kreisfreier Stadt, für Verletzungen der Rettungsdienst über 112 und die Augenklinik.

Schutz und Erste Hilfe: Augen zuerst

GESTIS verlangt beim Umgang mit Branntkalk eine Korbbrille, also eine dicht anliegende Schutzbrille, dazu Schutzhandschuhe. Staub soll gar nicht erst entstehen; nicht vermeidbare Ablagerungen feucht aufnehmen statt aufwirbeln. Am Arbeitsplatz gehören eine Waschgelegenheit und eine Augenbrause bereit – im Kaltstart heißt das: ein Eimer sauberes Wasser, bevor der erste Stein gelöscht wird.

Kommt Kalk ins Auge, zählt jede Sekunde. GESTIS nennt für Branntkalk: so schnell wie möglich 10 Minuten unter fließendem Wasser spülen, die Lider dabei weit spreizen und das unverletzte Auge schützen. Beim Löschkalk betont GESTIS, dass die schmerzbedingt zugekniffenen Lider energisch gespreizt werden müssen. Danach sofort in die Augenklinik und auf dem Weg weiterspülen, mit Kochsalzlösung oder ersatzweise Wasser.

Die Sorge, Wasser mache es schlimmer, ist unbegründet: Laut GESTIS bildet schon das Wasser im Gewebe die Lauge, deshalb wird trotzdem gespült. Benetzte Kleidung ausziehen und die Haut mindestens 10 bis 20 Minuten spülen. Wie du einen Notfall sonst versorgst, steht im Artikel Erste Hilfe: die Grundlagen.

Wofür Kalk taugt: Mörtel, Putz, Tünche, Stall, Garten

Kalk war nach dem Freilandmuseum mindestens seit der Antike auch nördlich der Alpen unentbehrlich: für massive Bauwerke, zum Verputzen und als Farbtünche. Das Freilichtmuseum Ballenberg mauert mit selbst gebranntem Kalkmörtel ein historisches Schulhaus wieder auf. Im Mörtel aus Löschkalk und Sand ist der Kalk das Bindemittel; er härtet nur, wenn Luft an ihn kommt, weil er ihr Kohlendioxid braucht. Wie Kalk mit Lehm, Stroh und Holz zusammenspielt, zeigt der Artikel Bauen mit dem, was da ist.

Im Stall dient Kalk der Hygiene. Das Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg nennt für kleine Geflügelhaltungen Branntkalk zur Desinfektion von Ausläufen und Außenbereichen, warnt dabei ausdrücklich vor Brandgefahr und nennt 40-prozentige Kalkmilch als Alternative. Rat gibt heute das Veterinäramt. Mehr zur Haltung steht im Artikel Hühner halten.

Im Garten hebt Kalk einen zu niedrigen pH-Wert an. Ob dein Boden das überhaupt braucht, erklärt der Artikel Boden verstehen – streu ihn nicht auf Verdacht. Für Branntkalk gelten dabei dieselben Schutzregeln wie auf der Baustelle.

Wo du es heute lernst

Kalkbrennen ist heute ein Museumshandwerk. Das Freilandmuseum Bad Windsheim brennt regelmäßig in seinem rekonstruierten Ofen, das Freilichtmuseum Ballenberg zeigte 2024 Brand und Löschen öffentlich. Solche Vorführungen sind der beste Weg, Ofen, Feuer und Löschen einmal mit eigenen Augen zu sehen.

Das Verarbeiten ist wieder gefragt. Das Freilandmuseum beschreibt eine kleine Renaissance: Kalk ist in der Bauwerkserhaltung, der Konservierung und im ökologischen Bauen wieder aktuell. Frag bei Museen und Denkmalämtern in deiner Nähe nach Vorführungen und Kursen. Wer heute einmal mit gekauftem Sumpfkalk eine Wand tüncht, lernt den Werkstoff ohne Ofen kennen. Wie ein anderer alter Ofen geführt wird, beschreibt der Artikel Holzkohle: der Meiler.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Branntkalk und Löschkalk?

Branntkalk ist gebrannter Kalkstein, chemisch Calciumoxid. Mit Wasser gelöscht wird daraus Löschkalk, Calciumhydroxid. Beide sind ätzend, Branntkalk erhitzt sich mit Wasser zusätzlich sehr stark.

Warum wird Kalkmörtel hart?

Löschkalk nimmt an der Luft Kohlendioxid auf und wird dabei wieder zu Kalkstein. Deshalb braucht Kalkmörtel Luft, um fest zu werden.

Was tue ich, wenn Kalk ins Auge kommt?

Sofort mindestens 10 Minuten unter fließendem Wasser spülen, die Lider weit spreizen, dann in die Augenklinik – über 112 – und unterwegs weiterspülen.

Darf ich im Garten einen kleinen Kalkofen bauen?

Kalköfen stehen in der 4. BImSchV ohne Mindestgröße. Soll der Ofen länger als zwölf Monate am selben Ort betrieben werden, braucht er eine Genehmigung. Frag vorher bei der Immissionsschutzbehörde deines Landkreises.

Quellen

  1. KalkbrennofenFränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim · Kalkkreislauf, Brennen um 950 °C, 44 Prozent Gewichtsverlust, Löschen mit viel Wasser, vorindustrielle Öfen, Museumsofen mit 6 m³, trockengelöschter Mörtel, Sumpfkalk in Blechwannen und Lagerung
  2. Kalkbrennen im Freilichtmuseum, ein jahrtausendaltes HandwerkFreilichtmuseum Ballenberg (Schweiz) · Brenntemperatur etwa 1.000 °C, Brand über fünf Tage mit Aufsicht rund um die Uhr, Kalkmörtel für den Wiederaufbau eines Schulhauses
  3. GESTIS-Stoffdatenbank: Calciumoxid (Branntkalk)Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) · Sehr starke Wärmeentwicklung mit Wasser, Ätzwirkung, Gefahr der Erblindung, ungeeignete Behälter, Lauge greift Leichtmetalle an, Korbbrille, Erste Hilfe
  4. GESTIS-Stoffdatenbank: Calciumhydroxid (Löschkalk)Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) · Kalkmilch als Suspension, schwächere Ätzwirkung als Branntkalk bei gleicher Alkalität, schwere Augenschäden, Erste Hilfe mit energischem Spreizen der Lider
  5. Verordnung über genehmigungsbedürftige Anlagen (4. BImSchV), Anhang 1Bundesministerium der Justiz (gesetze-im-internet.de) · Nr. 2.4.1: Anlagen zum Brennen von Kalkstein, unter 50 t Branntkalk je Tag im vereinfachten Verfahren; zusammen mit § 1 Abs. 1 der Verordnung (Betrieb länger als zwölf Monate am selben Ort)
  6. Hygieneregeln für kleine GeflügelhaltungenMinisterium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg · Branntkalk zur Desinfektion von Außenbereichen, Warnung vor Brandgefahr, 40-prozentige Kalkmilch als Alternative, Veterinäramt