Ein Stromausfall oder eine Krise trifft alle – aber nicht alle gleich. Wer Insulin im Kühlschrank hat, regelmäßig zur Dialyse muss oder nachts ein Beatmungsgerät braucht, hat weniger Puffer als andere. Dieser Artikel zeigt, was du vorab mit Arztpraxis, Dialysezentrum, Pflegedienst und Umfeld klären kannst. Deine konkrete Behandlung legst du immer mit ihnen fest, nicht mit einer Webseite.
Das Wichtigste in Kürze
- Bei Dauermedikation rät das BBK zu einem Vorrat für mindestens zehn Tage – geplant mit Arztpraxis und Apotheke.
- Angebrochenes Insulin laut diabetesDE höchstens vier Wochen ungekühlt nutzen, nie über 30 Grad, nie gefroren.
- Ein Register für Menschen mit Heimbeatmung gibt es nicht. Sag es selbst: Störungsdienst, Pflegedienst, Leitstelle.
- Wird der Akku eines lebenswichtigen Geräts knapp, rechtzeitig 112 rufen – nicht erst, wenn es stoppt.
- Dialyse: Notfallzettel des Zentrums immer dabei, Regeln für Essen und Trinken im Ausfall nur vom eigenen Team.
Warum der Puffer kleiner ist
Am 19. Februar 2019 wurde bei Bauarbeiten in Berlin-Köpenick ein Hochspannungskabel durchtrennt. Rund 30.000 Haushalte mit etwa 70.000 Menschen waren ohne Strom, vollständig zurück war er erst nach gut 31 Stunden. Die Einsatzleitung versuchte, besonders gefährdete Menschen zu finden – etwa mit Heimbeatmungsgerät oder Heimdialyse. Das war schwer, denn telefonisch war im Gebiet fast niemand zu erreichen, weder über Festnetz noch über Mobilfunk oder Hausnotruf.
Die Fachleute, die den Einsatz ausgewertet haben, halten fest: Es gibt kein Melderegister, das die besonderen Bedarfe hilfsbedürftiger Menschen enthält. Anders gesagt: Dass in deiner Wohnung ein Beatmungsgerät läuft, weiß die Feuerwehr nur, wenn es ihr jemand sagt.
Im Januar 2026 traf es den Berliner Südwesten erneut, diesmal nach einem Anschlag auf eine Stromleitung. Über 45.000 Haushalte blieben tagelang ohne Strom und Heizung, stabil lief das Netz erst am 9. Januar wieder. Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik beschreibt, dass Krankenhäuser auf ihre eigene Notstromversorgung zurückgriffen, Pflegeeinrichtungen aber erst mit einiger Verzögerung über mobile Aggregate versorgt werden konnten.
Medikamente: Vorrat planen, nicht abzweigen
Das BBK hält für Menschen, die regelmäßig auf Medikamente angewiesen sind, einen Vorrat für mindestens zehn Tage für sinnvoll. Wie du dahin kommst, klärst du mit Arztpraxis und Apotheke: Wann ist das nächste Rezept fällig, wie lange reicht die aktuelle Packung, und lässt sich das so legen, dass nie die letzte Packung im Schrank liegt? Mehr dazu steht im Artikel „Hausapotheke zusammenstellen“.
Zum Vorrat gehört ein Medikamentenplan. Das BBK nennt ihn ausdrücklich zusammen mit dem Hinweis, Haltbarkeit und Lagerung zu beachten. Dazu kommt ein Notfallausweis, auf dem Krankheiten, Allergien, Hilfsmittel und Notfallkontakte stehen können. Solche Ausweise gibt es laut BBK zum Beispiel über Hausarztpraxen, Krankenkassen, Rettungsdienste oder Sozialverbände; viele Smartphones können einen digitalen Notfallausweis auch bei gesperrtem Bildschirm anzeigen.
Musst du die Wohnung verlassen, gehen die Medikamente mit. Das BBK betont, dass persönliche Medikamente im Notgepäck besonders wichtig sind, wenn man vorübergehend woanders unterkommt oder nur eingeschränkt medizinisch versorgt wird.
Achtung Setz nichts eigenmächtig ab, streck keine Dosis und spar keine Tabletten, um einen Vorrat zu bilden – das kann gefährlich sein. Jede Änderung an deiner Behandlung gehört in die Arztpraxis. Im Notfall: 112. Außerhalb der Sprechzeiten: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117.
Insulin ohne Kühlschrank
Die Deutsche Diabetes-Hilfe diabetesDE nennt eine klare Regel: Nicht angebrochene Ampullen gehören in den Kühlschrank, angebrochene sollte man maximal vier Wochen ungekühlt verwenden. Ein Stromausfall macht das Insulin, das du gerade benutzt, also nicht sofort unbrauchbar. Heikler ist der ungeöffnete Vorrat im Kühlschrank, der dort nicht mehr gekühlt wird.
Zwei Grenzen nennt diabetesDE ausdrücklich: Insulin sollte man nicht bei über 30 Grad lagern, und Minustemperaturen verträgt es nicht. In beiden Fällen kann es seine Wirksamkeit verlieren. Gefährlich sind deshalb das Auto im Sommer, die pralle Sonne und das Tiefkühlfach. Für heiße Monate verweist diabetesDE auf spezielle Kühltaschen und -systeme.
Ein praktischer Tipp stammt ebenfalls von diabetesDE: Notiere das Datum auf der Packung, wenn du eine neue Ampulle aus dem Kühlschrank nimmst. Dann weißt du im Ausfall, wie lange sie schon ungekühlt im Einsatz ist. Die genauen Lagerangaben für dein Präparat stehen in der Packungsbeilage.
Wer eine Insulinpumpe oder ein Messgerät mit Akku nutzt, denkt an Ersatzbatterien und Ladegerät – das BBK nennt beides für technische Hilfsmittel. Was du tust, wenn die Pumpe ausfällt, besprichst du vorab mit deinem Diabetesteam und schreibst es auf.
Tipp Was bei großer Hitze allgemein hilft, steht im Artikel „Hitzewelle überstehen“. Für Insulin gilt zusätzlich: nicht über 30 Grad, nicht in die Sonne, nicht ins parkende Auto.
Dialyse: Der Plan kommt aus deinem Zentrum
Bei der Auswertung des Köpenicker Stromausfalls zählten die Einsatzkräfte Menschen mit Heimdialyse ausdrücklich zu den besonders gefährdeten Gruppen; auch eine Dialyseeinrichtung im Gebiet wurde eigens überprüft. Für Dialyse gibt es keinen Hausmittel-Ersatz. Deshalb ist der wichtigste Schritt ein Gespräch mit deinem Zentrum, bevor etwas passiert.
Der Dialyseanbieter DaVita rät, den Notfallzettel des eigenen Zentrums mit allen wichtigen Telefonnummern immer dabeizuhaben. Kommst du ins Krankenhaus, sollst du oder deine Angehörigen das Zentrum so schnell wie möglich benachrichtigen, damit die Dialyse weiterläuft.
Als gefährlichste Situation nennt DaVita die Kaliumvergiftung. Anzeichen können plötzliche Muskelschwäche, Taubheitsgefühl rund um die Lippen und Lähmungserscheinungen sein; Kalium steckt vor allem reichlich in Obst. Auch Luftnot kann ein Zeichen von Überwässerung sein und muss sofort ärztlich abgeklärt werden. In beiden Fällen gilt: 112.
Wie viel du trinken und was du essen darfst, wenn sich eine Behandlung verschiebt, ist eine Frage für dein Behandlungsteam. Lass dir das schriftlich geben, statt im Ausfall zu raten. Diese Fragen helfen beim Gespräch:

- Wohin gehe ich, wenn das Zentrum selbst keinen Strom hat?
- Wie erreicht ihr mich, wenn Telefon und Handynetz ausfallen?
- Was gilt für Essen und Trinken, wenn eine Behandlung ausfällt oder sich verschiebt?
- Bei Heimdialyse: Was mache ich, wenn das Gerät während der Behandlung ausgeht?
Geräte mit Stecker: Beatmung, Sauerstoff, Absaugung
Die Stadt Halle (Saale) hat für heimbeatmete Menschen ein Merkblatt herausgegeben. Es rät, medizinische Geräte wie das Beatmungsgerät immer mit ausreichend geladenem Akku zu betreiben und gegebenenfalls einen Reserve-Akku oder ein Reservegerät zu beschaffen. Das gilt ausdrücklich auch für Absauggeräte. Außerdem sollte ein Hand-Beatmungsbeutel bereitliegen, um zur Not manuell zu beatmen, bis der Notarzt da ist.
Für Menschen, die auf Sauerstoff angewiesen sind, nennt das Merkblatt eine von der Stromversorgung unabhängige Sauerstoffquelle, also eine Druckgasflasche. Ein Sauerstoffkonzentrator allein hängt am Netz oder am Akku. Ob und wie viel Reserve für dich passt, klärst du mit der verordnenden Praxis und deinem Hilfsmittelversorger.
Damit du im Ernstfall rechtzeitig handeln kannst, musst du wissen, wie lange deine Akkus tatsächlich halten. Lass dir die Laufzeit vom Versorger oder Hersteller nennen und prüfe sie gelegentlich im Alltag. Häng einen Zettel neben das Gerät:

- Welche Geräte brauchen Strom, und wie lange hält jeder Akku?
- Wo liegen Ersatz-Akkus, Ladegeräte und der Hand-Beatmungsbeutel?
- Telefonnummern: Störungsdienst des Netzbetreibers, Pflegedienst, Hilfsmittelversorger, Hausarztpraxis
- Für den Notruf: deine Adresse und das Gerät, um das es geht – alles Weitere fragt die Leitstelle ab
Wenn der Strom weg ist: wen du anrufst
Das Merkblatt aus Halle nennt eine klare Reihenfolge. Laufen die Geräte nicht zuverlässig auf Akku, rufst du sofort die 112. Sonst erfragst du zuerst beim Störungstelefon des Stromversorgers, wie lange der Ausfall voraussichtlich dauert und welche Bereiche betroffen sind – und sagst dabei, dass hier ein heimbeatmeter Mensch lebt, für den Strom überlebenswichtig ist. Außerdem überlegst du, ob du ohne fremde Hilfe zu Freunden oder Verwandten außerhalb des betroffenen Gebiets ausweichen kannst.
Den Notruf 112 wählst du laut Merkblatt auch, wenn die Akkus zur Neige zu gehen drohen, und wenn der Stromausfall länger als 2 Stunden dauert. Wichtig ist das Wort „rechtzeitig“: Hilfe braucht Zeit bis zu dir. Sag der Leitstelle, dass es um einen heimbeatmeten Menschen geht, bleib ruhig und leg nicht auf, bevor sie das Gespräch beendet.
Funktioniert kein Telefon, bleibt der Weg zu Fuß. In Köpenick bat die Feuerwehr damals, Hilfeersuchen an die nächstgelegene Feuer- oder Polizeiwache zu richten. Schau dir deshalb jetzt an, wo die nächste Wache liegt, und wer aus deinem Umfeld im Ernstfall dorthin gehen würde.
Manche Kommunen sammeln Kontakte von Betroffenen vorab. Halle bittet zum Beispiel Menschen mit Heimbeatmung oder Sauerstoff, sich beim Fachbereich Gesundheit zu melden. Frag bei deiner Stadt oder deinem Kreis nach, ob es so etwas gibt.
Notfallplan mit Pflegedienst und Umfeld
Viele Menschen sind auf ambulante Pflegedienste angewiesen – für Körperpflege, Essen und die Gabe von Medikamenten. So beschreiben es die Autoren der Köpenick-Auswertung. Wenn das Telefon ausfällt, kann der Dienst dich nicht erreichen und du ihn nicht. Vereinbart deshalb vorab, was dann gilt: Kommt jemand ohne Anruf vorbei? Wer ist die Ersatzperson?
Das BBK rät, mit Nachbarschaft, Familie und Freundeskreis darüber zu sprechen, wie man dich in einer Notsituation unterstützen kann. Informier dich außerdem über Fluchtwege. Wenn du sie nicht selbst nutzen kannst, überlege, wer dir wie hilft – etwa bei einem Aufzug, der ohne Strom stillsteht.
Befunde, Medikamentenplan und Kopien wichtiger Unterlagen gehören in die Dokumentenmappe, beschrieben im Artikel „Wichtige Dokumente sichern“. Ist ein Kind chronisch krank, hilft zusätzlich der Artikel „Vorsorge mit Kindern“.
Tipp Übt den Ernstfall einmal gemeinsam mit Pflegedienst oder Assistenz: Akku wechseln, Handbeutel greifen, Notruf durchspielen. Was einmal geübt wurde, klappt im Dunkeln besser.
Häufige Fragen
Kann ich mein Insulin bei einem Stromausfall weiter verwenden?
Angebrochenes Insulin sollte laut diabetesDE höchstens vier Wochen ungekühlt verwendet werden, nicht über 30 Grad und nie gefroren. Die genauen Angaben für dein Präparat stehen in der Packungsbeilage; im Zweifel fragst du Praxis oder Apotheke.
Weiß die Feuerwehr, dass ich zu Hause beatmet werde?
In der Regel nicht. Die Auswertung des Köpenicker Stromausfalls hält fest, dass es kein Melderegister für solche Bedarfe gibt. Frag bei deiner Kommune, ob sie Betroffene vorab erfasst, und sag es im Ausfall dem Störungsdienst und der Leitstelle.
Wann rufe ich bei Heimbeatmung die 112?
Das Merkblatt der Stadt Halle nennt drei Fälle: akute Lebensgefahr, Akkus kurz vor dem Ende, Stromausfall länger als 2 Stunden. Ruf rechtzeitig an, damit Hilfe ankommt, bevor es kritisch wird.
Was mache ich, wenn meine Dialyse ausfällt?
Melde dich bei deinem Zentrum, die Nummern stehen auf dessen Notfallzettel. Ändere Essen und Trinken nur nach dem Plan deines Behandlungsteams. Bei Muskelschwäche, Taubheit um die Lippen oder Luftnot wählst du 112.
Quellen
- Vorsorgen für Krisen und Katastrophen (Ratgeber, PDF, 2. Auflage 11/2025)Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Vorrat für mindestens zehn Tage bei Dauermedikation, Vorsorge für Menschen mit Beeinträchtigungen: Medikamentenplan, Ersatz-Akkus, Notfallausweis, Umfeld, Fluchtwege, Medikamente im Notgepäck
- Warum wirkt das Insulin nicht? Tipps für Ihre SuchediabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe · Ungeöffnet in den Kühlschrank, angebrochen höchstens vier Wochen ungekühlt, nicht über 30 Grad, keine Minustemperaturen, Datum notieren, Kühltaschen im Sommer
- Tipps zur Vorsorge für heimbeatmete Menschen bei Stromausfall (Merkblatt, PDF)Stadt Halle (Saale) · Akkus, Reservegerät, Absaugung, Hand-Beatmungsbeutel, Sauerstoff-Druckgasflasche, Störungstelefon, wann 112, Meldung beim Fachbereich Gesundheit
- Erkenntnisse aus 31 Stunden Stromausfall in Berlin Köpenick – medizinische Schwerpunkte und HerausforderungenBreuer, Brettschneider, Kleist u. a., Der Anaesthesist 2021 (Springer) · Ablauf und Zahlen des Ausfalls 2019, gefährdete Patientengruppen, kein Melderegister, Telefon ausgefallen, Hilfe über Wachen, ambulante Pflege
- Bedingt resilient: Was der Berliner Blackout Anfang 2026 für die deutsche Krisenvorsorge bedeutetBundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) · Über 45.000 Haushalte ohne Strom, Notstrom für Pflegeeinrichtungen erst mit Verzögerung, stabil ab 9. Januar
- Verhalten in NotfällenDaVita Deutschland (Dialyseanbieter, kommerziell) · Notfallzettel des Zentrums, Zentrum bei Klinikaufnahme benachrichtigen, Kaliumvergiftung und Luftnot als Notfälle
