Im Februar 2019 fiel im Südosten Berlins für gut 31 Stunden der Strom aus – laut DRK der flächenmäßig größte und längste Ausfall in der Stadt seit Jahrzehnten. Was lief gut, was nicht, und was haben Behörden und Hilfsorganisationen daraus gelernt? Dieser Artikel stützt sich auf Antworten des Senats an das Abgeordnetenhaus, eine Auswertung in der Fachzeitschrift „Der Anaesthesist“ und eine Dokumentation des Deutschen Roten Kreuzes, die auf Interviews mit Beteiligten beruht. Die Bewertungen stammen aus diesen Berichten, nicht von uns.
Das Wichtigste in Kürze
- Rund 31.500 Haushalte und 1.920 Gewerbekunden waren gut 31 Stunden ohne Strom, 15.000 Haushalte ohne Fernwärme.
- Festnetz, Mobilfunk und Hausnotruf fielen weitgehend aus – Hilfe gab es an Wachen und mobilen Anlaufstellen.
- In einer Klinik brach die Notstromversorgung zusammen; 23 Patientinnen und Patienten wurden verlegt.
- Wer zu Hause an Geräten hing, war für die Einsatzkräfte unsichtbar – es gab keine Meldepflicht.
- Laut DRK half, dass der Netzbetreiber früh und regelmäßig sagte, wie lange der Ausfall dauern würde.
Was am 19. und 20. Februar 2019 passiert ist
Am Dienstag, dem 19. Februar 2019, wurden kurz nach 14 Uhr bei Bohrarbeiten für den Neubau der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick beide 110-kV-Leitungen eines Umspannwerks beschädigt. So steht es in einer Antwort des Senats an das Abgeordnetenhaus, die sich auf Angaben von Stromnetz Berlin stützt. Normalerweise lassen sich Leitungsschäden durch Umschalten im Netz auf wenige Minuten begrenzen, schreiben die Autoren der Auswertung im „Anaesthesist“. Hier waren aber Haupt- und Reserveleitung zugleich getroffen.
Betroffen waren laut Senat die Ortsteile Bohnsdorf, Grünau, Köpenick, Müggelheim und Schmöckwitz: rund 31.500 Haushalts- und 1.920 Gewerbekunden. Im Gebiet lagen zwei Krankenhäuser, fünf Pflegeheime, ein Hospiz und eine Dialyseeinrichtung. Die Temperatur schwankte an diesem Tag zwischen 2 und 10 Grad.
Mit dem Strom fiel auch Wärme aus. Nach Angaben des Fernwärmebetreibers, die der Senat weitergibt, waren rund 15.000 Haushalte in Köpenick bis zum Abend des 20. Februar ohne Heizung und Warmwasser, weil auch die Wärmeproduktion vom Stromausfall betroffen war. Schulen, Kitas und Ämter blieben laut DRK geschlossen, Ampeln und Straßenbahnen fielen aus.
Die Prognose verschob sich im Lauf der Lage: Am ersten Abend hieß es, die Reparatur dauere bis 15 Uhr am Folgetag, am Mittag des 20. Februar dann bis 21:30 Uhr. Vollständig zurück war der Strom am 20. Februar gegen 21:30 Uhr – nach gut 31 Stunden, wie der Fachartikel festhält. Der Senat spricht gerundet von 32 Stunden.
Was funktioniert hat
Um 16 Uhr, knapp zwei Stunden nach Beginn, berief die Feuerwehr einen Stab ein, der ab 17 Uhr den Einsatz führte. Darin saßen Fachleute der Hilfsorganisationen und des THW, Verbindungsleute der Senatsverwaltungen und des Bezirksamts; enge Verbindungen gab es zur Polizei und zu Stromnetz Berlin. Nach der DRK-Dokumentation hat die Zusammenarbeit im Stab aus Sicht der Befragten sehr gut funktioniert – auch weil man sich aus Übungen kannte.
Weil Telefone kaum gingen, setzte die Feuerwehr auf feste Orte: Sie bat über soziale Medien, Hilfeersuchen an die nächste Feuer- oder Polizeiwache zu richten, stellte neun mobile Anlaufstellen auf und nutzte Feuerwehrhäuser im Gebiet. Die DRK-Dokumentation beschreibt Feuerwachen und mobile Polizeiwachen als notstromversorgte „Leuchttürme“, an denen man Notrufe absetzen konnte. Auch über das Fahrpersonal der BVG war der Notruf erreichbar.
Im Krankenhaus Hedwigshöhe sprang das eigene Notstromaggregat sofort an, das THW speiste zusätzlich extern ein, und der Betrieb lief mit Einschränkungen weitgehend weiter. Zwei Seniorenheime hatten einen Anschluss für externe Einspeisung und ließen sich deshalb problemlos mit Aggregaten von THW und Feuerwehr versorgen. Für Menschen mit Kunstherz gab es ein zentrales Verzeichnis beim Deutschen Herzzentrum Berlin: Die Feuerwehr bekam die Daten schnell, rief an oder fuhr hin und brachte bei Bedarf Ersatzakkus. Die Patientinnen und Patienten des Dialysezentrums wurden in anderen Stadtteilen behandelt.
Auch die Selbst- und Nachbarschaftshilfe hat nach Einschätzung der Befragten gut funktioniert. Das Bezirksamt rief dazu auf, auf Nachbarn und hilfebedürftige Angehörige zu achten. Die Notunterkunft in einer Turnhalle war kaum ausgelastet, vorbereitete Warmverpflegung wurde mangels Nachfrage nicht mehr ausgegeben, und die BVG ließ alle kostenlos fahren, damit sie das Gebiet verlassen konnten. Die Befragten führen das auch auf die Siedlungsstruktur mit vielen Einfamilienhäusern zurück und darauf, dass man am Rand des Gebiets normal einkaufen konnte.
Video: Stromausfall Köpenick (vfdb e.V.) – Fachvortrag (knapp 23 Minuten) des damaligen Leiters des Stabes der Berliner Feuerwehr auf der Interschutz über den Einsatz beim Stromausfall.
Krankenhaus und Pflege: wo der Notstrom nicht hielt
Im zweiten Krankenhaus, den DRK Kliniken Köpenick, lief die Notstromversorgung zunächst an, dann instabil und fiel schließlich aus. Gut sieben Stunden nach Beginn meldete die Klinik instabilen Strom, um 21:45 Uhr den vollständigen Zusammenbruch. Das THW stellte mit einem externen Aggregat nach kurzer Zeit wieder Strom her. Die Intensivbereiche liefen bis dahin auf Geräteakkus, deren tatsächliche Laufzeit schwer einzuschätzen war.
Ab 22:21 Uhr wurden 23 Patientinnen und Patienten in umliegende Krankenhäuser verlegt, die meisten von der Intensivstation. Ein Feuerwehrvertreter beschreibt den Transport als enormen Kraftakt: Um genug Ärztinnen und Ärzte zu haben, wurden ärztliche Einsatztrupps der Krankenhäuser aktiviert. Die Verlegung gelang. Die Befragten halten aber fest, dass die Räumung des ganzen Hauses mit über 500 Betten eine immense Herausforderung gewesen wäre.
Eine Intensivpflege-Einrichtung räumte die Feuerwehr, nachdem der Betreiber Alarm geschlagen hatte. In vier Seniorenheimen ohne eigenen Notstrom funktionierten am zweiten Tag die Notrufknöpfe in den Zimmern nicht mehr, das Personal musste regelmäßig jedes Zimmer aufsuchen. Die Wärmeversorgung war unterbrochen, in einem Haus auch die Wasserversorgung.
Achtung Dass THW und Feuerwehr Aggregate an Kliniken und Heime anschlossen, ist Arbeit für Fachkräfte an dafür vorgesehenen Einspeisepunkten. Ein Stromerzeuger gehört nicht auf eigene Faust ins Hausnetz – warum, erklärt der Artikel „Notstrom sicher betreiben“.
Was laut den Auswertungen nicht funktioniert hat
Die Kommunikation brach weitgehend weg. Eine telefonische Kontaktaufnahme mit Menschen im Gebiet – über Festnetz, Mobilfunk oder Hausnotruf – war laut Fachartikel nahezu vollständig nicht möglich. Das Mobilfunknetz war laut DRK schon zu Beginn überlastet, nach wenigen Stunden waren die Akkus der Sendemasten leer; Masten in Nachbargebieten fingen das nur teilweise auf. Das betraf auch die Notrufe 110 und 112. Besorgte Angehörige aus anderen Bezirken riefen in großer Zahl in der Leitstelle an, und die Feuerwehr musste viele Erkundungsfahrten machen.
Auch die Information der Bevölkerung war schwierig. Über Radio, Fernsehen, Internet und soziale Medien wurde berichtet, im Gebiet gab es aber meist keinen Empfang, heißt es in der DRK-Dokumentation. Flächendeckend blieben vor allem Lautsprecherdurchsagen der Polizei. Ein Feuerwehrvertreter sagt, es fehle die Möglichkeit, die Bevölkerung in der Fläche mit ausfallsicheren Systemen zu warnen und zu informieren. Das Bürgertelefon des Bezirks war stark ausgelastet. Die Anlaufstellen kannten offenbar nicht alle: Manche gingen ins Krankenhaus, um etwas Warmes zu bekommen oder das Handy zu laden – dort konnte man ihnen nicht helfen.
Die größte Lücke betraf Menschen, die zu Hause gepflegt werden oder an Geräten hängen. Für häusliche Versorgung mit Beatmung oder Dialyse gibt es keine behördliche Meldepflicht; Zahl und Wohnort kannten die Einsatzkräfte nicht. Notrufe von Betroffenen gingen laut DRK nicht ein, im Krankenhaus Hedwigshöhe meldeten sich aber Heimbeatmete selbst. Im Gebiet lebten rund 11.000 Menschen über 65 – konkrete Pläne, wie ältere und pflegebedürftige Menschen im Krisenfall unterstützt werden, gab es nicht.
Die Heizung war diesmal ein Nebenproblem, dank milder Temperaturen und begrenzter Dauer, so die Befragten. Sie befürchten aber, dass eine längere Lage oder Frost die Seniorenheime vor weit größere Probleme gestellt hätte, bis hin zur Räumung. Zudem war das Gebiet zwar groß, aber dünn besiedelt. Ein vergleichbarer Ausfall in einem dicht bewohnten Stadtteil wäre nach Einschätzung eines Befragten ein komplett anderer Einsatz geworden.
Welche Lehren gezogen wurden
Die Autoren des Fachartikels ziehen zwei Schlüsse: Krankenhäuser müssen sich in ihren Vorplanungen auf solche Szenarien einstellen, und die zuständigen Behörden müssen die besonderen Bedürfnisse verletzlicher Gruppen vorab einplanen. Die Befragten der DRK-Dokumentation nennen notstromversorgte Infrastruktur, regelmäßige Übungen auf Bezirksebene und eine bessere Vernetzung der Beteiligten als nötige Anpassungen – dazu mehr Aufklärung über Selbst- und Nachbarschaftshilfe.
Für die Menschen mit Geräten zu Hause verweisen die DRK-Autoren auf Großbritannien. Dort führen Energieversorger Prioritätsregister, in die sich Menschen mit besonderem Bedarf freiwillig eintragen lassen können. In Deutschland waren solche Register für Versorgungsunternehmen zum Zeitpunkt der Dokumentation nicht vorgeschrieben.
Auf Landesebene floss der Stromausfall in die Gesetzgebung ein. Im Entwurf für ein neues Katastrophenschutzgesetz schreibt der Senat im März 2021, Ereignisse wie der Anschlag am Breitscheidplatz 2016 und der Stromausfall in Treptow-Köpenick hätten Regelungsbedarf gezeigt. Neu eingeführt wurde die „Großschadenslage“: eine Stufe unterhalb der Katastrophe, in der unter anderem frühzeitig Führungsstrukturen aufgebaut werden können.
Für dich am sichtbarsten sind die Katastrophenschutz-Leuchttürme. Schon 2019 lehnten sich die Anlaufstellen laut DRK an das Konzept eines Forschungsprojekts dieses Namens an. Heute gibt es in Berlin feste Leuchttürme in öffentlichen Gebäuden, mobile Varianten und Informationspunkte, etwa in Schulen. Sie sind nicht dauerhaft geöffnet: Wann und wo, entscheiden die Bezirke und geben es bekannt. Laut Bezirksamt Mitte soll es künftig 40 davon geben; dort kannst du Notrufe melden, der mobile Leuchtturm bringt ein eigenes Notstromaggregat mit.
Was das für dich heißt
Köpenick war kurz, begrenzt und mild – und trotzdem traten die Schwachstellen auf, vor denen Vorsorgeratgeber warnen. Aus den Befunden lassen sich einige Schritte für den eigenen Haushalt ableiten. Sie sind unsere Folgerung, nicht Teil der Berichte.
Was im Haushalt der Reihe nach ausfällt, steht im Artikel „Stromausfall: Was wirklich ausfällt – und was du vorbereitest“. Insulin, Dialyse und Atemgeräte behandelt „Chronisch krank im Ausfall“, Handynetz und Notruf „Mobilfunk und Internet fallen länger aus“. Wie lange andere Lagen dauerten, darunter der Ausfall im Berliner Südwesten 2026, zeigt „Wie lange echte Lagen dauerten“.
- Anlaufstelle kennen: Such dir jetzt den nächsten Katastrophenschutz-Leuchtturm oder die nächste Feuerwache heraus.
- Selbst informieren: Radio mit Batterie oder Kurbel bereitlegen – das Handynetz war nach wenigen Stunden weg.
- Geräte zu Hause: Sag es selbst Pflegedienst, Netzbetreiber und im Notfall der Leitstelle. Eine Liste hat niemand.
- Ausweichen planen: Kläre vorher, bei wem außerhalb deines Viertels du unterkommen könntest.
- Nachbarschaft: Sprecht ab, wer nach wem schaut, wenn das Telefon schweigt.
Tipp Die Befragten der DRK-Dokumentation halten fest, dass frühe und regelmäßig aktualisierte Angaben des Netzbetreibers zur Dauer die Selbsthilfe erleichtert haben. Schreib dir die Störungsnummer deines Netzbetreibers auf Papier.
Häufige Fragen
Wie lange dauerte der Stromausfall in Köpenick?
Vom 19. Februar 2019 kurz nach 14 Uhr bis zum 20. Februar gegen 21:30 Uhr, also gut 31 Stunden. Der Senat rundet in seiner Antwort auf 32 Stunden.
Wie viele Menschen waren betroffen?
Laut Senat rund 31.500 Haushalts- und 1.920 Gewerbekunden in fünf Ortsteilen. Rund 15.000 Haushalte hatten zusätzlich keine Fernwärme und kein Warmwasser.
Wie kam es zu dem Schaden?
Bei Bohrarbeiten für den Neubau einer Brücke wurden beide 110-kV-Leitungen zum Umspannwerk beschädigt. Dieser Artikel fragt nicht nach Einzelnen, sondern nach den Folgen.
Gibt es in Berlin heute Anlaufstellen für so einen Fall?
Ja: Katastrophenschutz-Leuchttürme, mobile Leuchttürme und Informationspunkte. Sie öffnen nur in Gefahrenlagen, die Bezirke entscheiden und machen es bekannt. Die Standorte stehen auf berlin.de unter Bevölkerungsschutz.
Warum waren Heimbeatmete besonders gefährdet?
Ihre Geräte hängen am Strom, und es gibt keine Meldepflicht. 2019 kannten die Einsatzkräfte weder Zahl noch Wohnort und waren darauf angewiesen, dass Betroffene sich selbst meldeten.
Quellen
- Erkenntnisse aus 31 Stunden Stromausfall in Berlin Köpenick – medizinische Schwerpunkte und HerausforderungenBreuer, Brettschneider, Kleist u. a., Der Anaesthesist 2021 (Springer) · Zeitablauf, Stab der Feuerwehr, neun mobile Anlaufstellen, Ausfall von Festnetz, Mobilfunk und Hausnotruf, Zusammenbruch des Klinik-Notstroms, Verlegung von 23 Patienten, Schlussfolgerungen
- Blackouts bei Strom und Fernwärme – ist Berlin gefährdet? (Schriftliche Anfrage, Drucksache 19/10538, PDF)Abgeordnetenhaus Berlin, Antwort der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe · Ortsteile, 31.500 Haushalts- und 1.920 Gewerbekunden, Dauer, Ursache, 15.000 Haushalte ohne Fernwärme und Warmwasser
- Dokumentationen von Einsatzlagen, Teil 2: Der Stromausfall in Berlin-Köpenick im Februar 2019 (PDF)Deutsches Rotes Kreuz e. V., Schriften der Forschung, Band 7 · Anlaufstellen und „Leuchttürme“, Krankenhäuser und Pflegeheime, Heimbeatmete ohne Meldepflicht, Information der Bevölkerung, Nachbarschaftshilfe, Lehren
- Gesetz über den Katastrophenschutz im Land Berlin – Vorlage zur Beschlussfassung (Drucksache 18/3507, PDF)Abgeordnetenhaus Berlin, Vorlage des Senats vom 16.03.2021 · Stromausfall Treptow-Köpenick als Anlass für neuen Regelungsbedarf, Einführung der Großschadenslage
- Standorte der Katastrophenschutz-Leuchttürme, mobilen Katastrophenschutz-Leuchttürme sowie Katastrophenschutz-Informationspunkte in BerlinSenatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin · Leuchttürme nur in Gefahrenlagen geöffnet, Entscheidung und Bekanntgabe durch die Bezirke, mobile Varianten und Informationspunkte, Standortsuche
- Mitte-Blog September 2024: Vorstellung des Katastrophenschutz-LeuchtturmsBezirksamt Mitte von Berlin · Künftig 40 Leuchttürme in Berlin, Notrufe melden, mobiler Leuchtturm mit Notstromaggregat
