Wenn Apotheken leer sind, taucht eine Idee immer wieder auf: Penicillin kommt doch aus Schimmel – also müsste man es selbst gewinnen können. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, warum das nicht funktioniert, welche Gefahren eigene Versuche bergen und was du stattdessen tun kannst. Er enthält bewusst keine Herstellungsanleitung und keine Dosierungen und ersetzt keine ärztliche Behandlung.
Das Wichtigste in Kürze
- Penicillin wurde 1928 an einem Schimmelpilz entdeckt, doch erst Reinigung und Industrie machten es zur Medizin.
- Schimmel auf Brot kann laut BfR Giftstoffe bilden, die Kochen und Backen überstehen – er gehört in den Müll.
- Antibiotika sind in Deutschland verschreibungspflichtig und helfen nicht gegen Viren wie bei Erkältung oder Grippe.
- Reste nie aufheben, weitergeben oder „vorsorglich“ nehmen: Falsche Anwendung fördert Resistenzen.
- Was wirklich hilft: Infektionen vermeiden, sauberes Wasser, Hygiene – und Warnzeichen früh ernst nehmen.
Ein Zufall im Labor: Fleming und das Penicillin
Die Geschichte beginnt 1928 in London. Der Bakteriologe Alexander Fleming bemerkte, dass ein Schimmelpilz eine seiner Kulturplatten mit Staphylokokken verunreinigt hatte. Rund um die Pilzkolonie lösten sich die Bakterien auf. Fleming züchtete den Pilz in Reinkultur und fand heraus, dass er einen Stoff bildet, der manche Bakterien hemmt und andere nicht. Der Pilz war ein bestimmter Stamm, später als Penicillium notatum bestimmt.
So weit klingt es einfach. Doch Fleming schilderte in seiner Nobelpreisrede 1945 auch, woran er scheiterte: Der Wirkstoff war instabil und zerfiel leicht. Sinngemäß sagte er, sie seien Bakteriologen gewesen, keine Chemiker, und ihre einfachen Verfahren hätten nicht ausgereicht, um das Penicillin zu konzentrieren. Wenn sich ein geeigneter Patient fand, war oft gerade kein wirksames Penicillin vorrätig.
Erst etwa zehn Jahre später nahmen Howard Florey und Ernst Chain in Oxford die Arbeit wieder auf. Ihnen gelang es, das Penicillin zu konzentrieren; ihre Ergebnisse erschienen 1940. Aus Flemings Beobachtung wurde ein Arzneimittel – aber nicht durch den Pilz allein, sondern durch jahrelange chemische Arbeit.

Warum Schimmelbrot kein Antibiotikum ist
Der naheliegende Gedanke lautet: Wenn Penicillin aus Schimmel stammt, müsste verschimmeltes Brot helfen. Das ist ein Fehlschluss. Welcher Pilz auf einem Brot wächst, kannst du mit bloßem Auge nicht erkennen. Selbst Fleming arbeitete mit einem gezielt isolierten Stamm, und selbst damit bekam er keine brauchbare Menge Wirkstoff heraus.
Dafür bringt Schimmel etwas anderes mit: Gift. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) können Schimmelpilze sogenannte Mykotoxine bilden, die schon in geringen Mengen gesundheitsschädlich sind. Mehr als 400 Schimmelpilzarten können über 650 verschiedene Mykotoxine produzieren. Die möglichen Folgen reichen nach BfR von Übelkeit, Erbrechen und Durchfall über Leber- und Nierenschäden bis zu Krebs bei langfristiger Aufnahme.
Das BfR nennt ausdrücklich Brot, Joghurt und Käse als Lebensmittel, auf denen im Haushalt häufig Mykotoxin-bildende Schimmelpilze wachsen. Die Pilzfäden breiten sich im Inneren aus, bevor der Belag sichtbar wird. Mykotoxine sind fast alle hitze- und säurestabil – Kochen, Braten oder Einlegen in Säure entfernt sie nicht. Verschimmelte Lebensmittel gehören deshalb nach BfR sofort entsorgt, nicht gegessen und schon gar nicht als Medizin verwendet.
Tipp Die Kehrseite gilt auch: Wer Vorräte trocken, kühl und sauber lagert, verhindert Schimmel und damit eine echte Gesundheitsgefahr. Wie du Brotkasten und Vorrat pflegst, beschreibt das BfR in seinen Fragen und Antworten zu Schimmelpilzen.
Was zwischen Pilz und Tablette liegt
Fleming besichtigte 1945 in den USA die ersten großen Penicillinfabriken. Er beschrieb, wie der Pilz in großen Tanks wuchs, die belüftet und kräftig durchgerührt wurden, und dass diese Anlagen mit enormem Aufwand errichtet worden waren. Erst durch Reinigung, so Fleming, sei aus seinem vermeintlichen Spielzeug ein Heilmittel gegen viele verbreitete Infektionen geworden.
Heute kommt eine zweite Hürde hinzu, die mindestens so wichtig ist: der Nachweis. Fertigarzneimittel brauchen in Deutschland nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums grundsätzlich eine behördliche Zulassung. Dafür muss der Hersteller Wirksamkeit, pharmazeutische Qualität und Unbedenklichkeit belegen, und auch nach der Zulassung überwachen Behörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte laufend Sicherheit und Qualität.
Im eigenen Glas fehlt all das. Niemand kann dort messen, ob überhaupt Wirkstoff entstanden ist, wie viel davon, ob er schon wieder zerfallen ist und welche Giftstoffe oder Keime mitgewachsen sind. Ein Antibiotikum, dessen Gehalt unbekannt ist, ist keine schwache Medizin, sondern ein unkalkulierbares Risiko.
Die Gefahren eigener Versuche
Wer trotzdem experimentiert, geht mehrere Risiken zugleich ein. Das erste sind die Mykotoxine: Sie entstehen im selben Gefäß, in dem man sich den Wirkstoff erhofft, und lassen sich laut BfR weder durch Hitze noch durch Säure entfernen.
Das zweite ist die Behandlung selbst. Auch geprüfte Antibiotika haben nach dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit Nebenwirkungen, etwa Magen-Darm-Beschwerden oder allergische Hautreaktionen. Deshalb sollen frühere allergische Reaktionen vor jeder Behandlung ärztlich besprochen werden. Bei einem selbst gewonnenen Gemisch weiß niemand, was genau auf den Körper trifft.
Das dritte Risiko betrifft nicht nur dich. Das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt, dass jeder Einsatz von Antibiotika einen Selektionsdruck erzeugt: Empfindliche Bakterien sterben, resistente überleben und vermehren sich. Eine falsche Dosierung oder ein ungeeignetes Mittel begünstigt das. Schon Fleming warnte in seiner Nobelpreisrede, dass Menschen, die sich selbst zu wenig Penicillin geben, ihre Bakterien widerstandsfähig machen und diese an andere weitergeben können. Eine unbekannte, vermutlich viel zu geringe Menge Wirkstoff ist genau diese Lage.
Und schließlich kostet ein Versuch Zeit. Wer auf ein Hausmittel setzt, während sich eine Infektion ausbreitet, verschiebt die Behandlung, die dann vielleicht dringend nötig wäre.
Achtung Rechtslage heute: Antibiotika sind in Deutschland verschreibungspflichtig und damit auch apothekenpflichtig; nach dem Arzneimittelgesetz dürfen sie nur auf ärztliche Verschreibung abgegeben werden. Gefahr: Selbst gewonnene „Antibiotika“ aus Schimmel können Mykotoxine enthalten, die Leber und Nieren schädigen und durch Kochen nicht zerstört werden; unbekannte Mengen fördern Resistenzen, und eine verschleppte Infektion kann in eine lebensbedrohliche Sepsis übergehen. Zuständig: Bei Verdacht auf eine Infektion die Arztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117, bei Zeichen einer Sepsis sofort der Notruf 112. Fragen zu vorhandenen Medikamenten beantwortet die Apotheke.
Reste und „vorsorglich“: warum das nicht hilft
Naheliegender als selbst herstellen ist der Griff zur übrig gebliebenen Packung. Auch davon raten die Behörden klar ab. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (früher BZgA) schreibt: niemals ein Antibiotikum einnehmen, das einer anderen Person verschrieben wurde, und das eigene niemandem geben – auch dann nicht, wenn die Beschwerden gleich aussehen.
Der Grund: Die Ärztin oder der Arzt stimmt Wirkstoff, Dosierung und Dauer auf die konkrete Infektion ab. Nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen jedes Bakterium, und gegen Viren wirkt keines. Erkältungen und Grippe werden von Viren verursacht; ein Antibiotikum bringt dort nichts außer Nebenwirkungen und Resistenzdruck.
Eine angebrochene Packung ist außerdem fast immer zu klein für eine vollständige Behandlung. Laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit begünstigen eine fehlerhafte Anwendung und der vorzeitige Abbruch, dass resistente Bakterien überleben. Wer „vorsorglich“ ein paar Tabletten nimmt, ohne dass eine bakterielle Infektion festgestellt ist, handelt nach RKI genau so, wie Resistenzen entstehen: Antibiotika ohne Indikation.
Video: Antibiotika: Wie entstehen Resistenzen? (Österreichs Apotheker:innen – Apothekerkammer) – Eine Apothekerin der österreichischen Apothekerkammer erklärt in gut zwei Minuten, wie Resistenzen entstehen und warum Antibiotika nicht gegen Viren helfen.
Tipp Für den Vorrat heißt das: Plane Dauermedikamente mit Praxis und Apotheke – wie das geht, steht im Artikel „Medikamente und Lieferengpässe“. Antibiotika gehören nicht auf eine eigene Vorratsliste.
Was stattdessen hilft: Infektionen gar nicht erst bekommen
Die wirksamste Antwort auf fehlende Antibiotika ist, weniger Infektionen zu bekommen. Das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums nennt als Schutz vor Infektionen, die eine Sepsis auslösen können: regelmäßig und gründlich Hände waschen, Mahlzeiten hygienisch zubereiten, bei Verdacht früh ärztliche Hilfe suchen, verschriebene Antibiotika korrekt einnehmen und Impfungen nutzen.
In einer langen Lage ohne Versorgung wird das zur Kernaufgabe. Wie du Wasser und Gegenstände mit einfachen Mitteln keimarm bekommst, erklärt der Artikel „Keime verstehen: abkochen, desinfizieren, sterilisieren“. Warum die Trennung von Abwasser und Trinkwasser so viel für die Gesundheit leistet, steht in „Die Kanalisation: die unterschätzteste Gesundheitserfindung“.
Auch kleine Wunden verdienen Aufmerksamkeit. Laut Gesundheitsportal kann jede Infektion zu einer Sepsis führen, ausdrücklich auch eitrig entzündete Hautwunden oder Mückenstiche. Saubere Hände, saubere Verbandsmittel und eine gut sortierte Hausapotheke sind daher mehr wert als jedes improvisierte Mittel. Wie du Wunden versorgst, lernst du am besten in einem Erste-Hilfe-Kurs.
Wann es ärztliche Hilfe braucht
Eine Infektion zeigt sich nach dem Gesundheitsportal des Bundes je nach Körperstelle unterschiedlich, zum Beispiel durch Husten, Bauchschmerzen, eine gerötete und schmerzhafte Wunde oder Brennen beim Wasserlassen. Allgemeine Zeichen können Fieber, Erschöpfung und Herzrasen sein. Bei Anzeichen einer Infektion wird empfohlen, sich umgehend ärztlich vorzustellen.
Breitet sich eine Infektion im Körper aus, droht eine Sepsis. Laut Gesundheitsportal sterben 20 bis 30 Prozent der Menschen, die in Deutschland daran erkranken. Die folgenden Zeichen nennt es als Symptome einer Sepsis. Treten sie auf, ist das ein Notfall für die 112 – kein Fall für Hausmittel.
Wie man Infektionen und Verletzungen ohne erreichbare Praxis einschätzt, behandeln spätere Artikel dieser Reihe gesondert und mit eigenen Warnhinweisen. Bis dahin gilt: Solange es Ärztinnen, Ärzte und Apotheken gibt, sind sie die richtige Adresse.
- plötzlich auftretende Verwirrtheit
- Kurzatmigkeit und schnelle Atmung
- Herzrasen
- Fieber und Schüttelfrost
- feuchte Haut durch vermehrtes Schwitzen
- Schmerzen und starkes Unwohlsein
Häufige Fragen
Helfen Honig, Knoblauch oder Heilkräuter als Ersatz für Antibiotika?
Die hier genutzten amtlichen Quellen nennen für kein Hausmittel eine Wirkung, die ein Antibiotikum ersetzt. Verlass dich bei einer Infektion nicht darauf, sondern auf Hygiene und ärztlichen Rat.
Kann ich den Schimmel einfach abschneiden und das Brot essen?
Nein. Laut BfR breiten sich die Pilzfäden unsichtbar im Inneren aus, und verschimmeltes Brot soll ganz entsorgt werden. Ausnahmen nennt das BfR nur für luftgetrocknete Salami und Schinken am Stück.
Darf ich übrig gebliebene Antibiotika für den Notfall aufheben?
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit rät, nie ein fremdes Antibiotikum zu nehmen und das eigene nicht weiterzugeben. Was du für den Vorrat brauchst, besprichst du mit Praxis und Apotheke.
Warum wirkt ein Antibiotikum nicht bei Erkältung?
Erkältungen und Grippe werden von Viren verursacht, Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Nur wenn zusätzlich eine bakterielle Infektion entsteht, kann ein Antibiotikum nötig werden – das entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
Quellen
- Penicillin – Nobel Lecture, 11. Dezember 1945 (PDF)Alexander Fleming, veröffentlicht von der Nobelstiftung · Entdeckung 1928, Penicillium notatum, Instabilität und gescheiterte Konzentrierung, Florey und Chain 1940, Fabriken mit belüfteten Tanks, Reinigung, Warnung vor Unterdosierung
- Schimmelpilze in Lebensmitteln – Gesundheitliche Risiken und wie sie sich vermeiden lassenBundesinstitut für Risikobewertung (BfR) · Mykotoxine, 400 Arten und 650 Toxine, Gesundheitsfolgen, Hitze- und Säurestabilität, Brot, Entsorgen statt Abschneiden, Vorbeugung
- FAQ zu AntibiotikaresistenzRobert Koch-Institut (RKI) · Entstehung von Resistenzen, Selektionsdruck, Einsatz ohne Indikation und falsche Dosierung
- AntibiotikaBundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (infektionsschutz.de) · Nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren, Einnahme nach Vorschrift, keine fremden Antibiotika, Nebenwirkungen und Allergien, vorzeitiger Abbruch und Resistenzen
- Zugang zu ArzneimittelnBundesministerium für Gesundheit (BMG) · Zulassung mit Nachweis von Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit, Überwachung, Antibiotika verschreibungs- und apothekenpflichtig
- Sepsis: Ursache, Symptome, Behandlunggesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Infektionszeichen, Symptome einer Sepsis, Notruf, Sterblichkeit 20 bis 30 Prozent, Vorbeugung durch Hygiene und Impfungen
