Die Toilettenspülung ist so selbstverständlich, dass kaum jemand darüber nachdenkt, wohin das Abwasser geht – und was es anrichten würde, wenn es dort nicht hinginge. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, warum Abwasser und Trinkwasser getrennt bleiben müssen, was zwei Choleraausbrüche des 19. Jahrhunderts darüber gelehrt haben und was im Stromausfall mit dem Kanal passiert. Für den Fall, dass die öffentliche Entsorgung dauerhaft ausfällt, beschreibt er den Bau einer Grubenlatrine nach den Vorgaben der WHO.
Das Wichtigste in Kürze
- Krankheitserreger aus Stuhl gelangen über Wasser, Hände und Essen in den Mund. Die Kanalisation unterbricht diesen Weg.
- Hamburg 1892: Die Cholera machte an der Grenze zu Altona halt – dort wurde das Elbwasser filtriert.
- Im Stromausfall können Pumpstationen überlaufen. Dann gilt: so wenig Abwasser wie möglich einleiten.
- Latrine: mindestens 15 m (WHO), besser 30 m (UNHCR) von Trinkwasserquellen, Sohle 1,5 m über dem Grundwasser.
- Heute ist Abwasserbeseitigung Pflicht der Kommune. Eine eigene Latrine ist nur etwas für den dauerhaften Ausfall.
Warum Abwasser und Trinkwasser getrennt bleiben müssen
Viele Durchfallerreger nehmen denselben Weg: Sie verlassen einen Menschen mit dem Stuhl und gelangen über verunreinigtes Wasser, schmutzige Hände oder Essen in den Mund des nächsten. Fachleute nennen das fäkal-orale Übertragung. Wer diesen Kreislauf an einer Stelle unterbricht, verhindert Erkrankungen, bevor sie entstehen.
Die Kanalisation unterbricht ihn an der wirksamsten Stelle: Sie trägt den Stuhl aus dem Wohnumfeld fort, bevor er Brunnen, Hände oder Vorräte erreicht. Die WHO beschreibt dasselbe Prinzip für die einfachste Form, die Grubenlatrine: Die Toilette trennt die Nutzer von den Ausscheidungen, die Grube schließt die Ausscheidungen samt Erregern vom menschlichen Kontakt ab. Beides – Kanal und Grube – funktioniert nur, solange der Inhalt dort bleibt, wo er hingehört.
Wie wichtig das ist, hat das 19. Jahrhundert gezeigt, als europäische Städte schneller wuchsen als ihre Wasser- und Abwassersysteme. Zwei Ausbrüche der Cholera sind bis heute Lehrbeispiele: London 1854 und Hamburg 1892.
London 1854: die Pumpe in der Broad Street
Im Spätsommer 1854 brach im Londoner Stadtteil Soho die Cholera aus. Der Arzt John Snow vermutete das Wasser der öffentlichen Pumpe in der Broad Street als Ursache. Er selbst schrieb, er habe am Abend des 7. September den Armenrat der Gemeinde St. James aufgesucht; daraufhin sei der Schwengel der Pumpe am folgenden Tag entfernt worden. Die School of Public Health der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) dokumentiert, dass damals kaum jemand Snows Erklärung glaubte.
Warum die Pumpe verseucht war, zeigte erst eine spätere Untersuchung. Nach der UCLA-Dokumentation hatte eine Mutter in der Broad Street 40 das Wasser, in dem sie die Windeln ihres an Durchfall erkrankten Kindes eingeweicht hatte, in die Sickergrube vor dem Haus geschüttet. Ein Gutachter stellte 1855 fest, dass durch das schadhafte Mauerwerk dieser Grube Fäkalien in den Brunnen sickerten – und der lag nur 2 Fuß und 8 Zoll entfernt, also keinen Meter.
Die Lehre ist bis heute dieselbe: Eine Grube für Ausscheidungen und ein Brunnen für Trinkwasser gehören nie nebeneinander. Die Abstände, die die WHO heute nennt, sind der Gegenentwurf zu diesem knappen Meter.

Hamburg 1892: eine Straße als Grenze
Noch deutlicher wurde es 1892 in Hamburg. Robert Koch beschrieb die Lage 1893 in seinem Aufsatz „Wasserfiltration und Cholera“, den das Robert Koch-Institut in den gesammelten Werken bereitstellt. Hamburg bezog sein Wasser unfiltriert aus der Elbe oberhalb der Stadt. Das angrenzende Altona nahm Elbwasser unterhalb der Stadt – nachdem der Fluss, so Koch, die Abwässer samt Fäkalien von nahezu 800.000 Menschen aufgenommen hatte –, filtrierte es aber.
Hamburg wurde von der Cholera schwer getroffen, Altona blieb nach Koch fast verschont, wenn man die aus Hamburg eingeschleppten Fälle abzieht. An einer Straße, die die Grenze bildete, erkrankte die Hamburger Seite, die Altonaer blieb frei. Eine Häusergruppe auf Hamburger Gebiet, die ihr Wasser aus Altona bezog, blieb nach Koch vollkommen verschont, während ringsum zahlreiche Menschen erkrankten und starben.
Koch sah darin eine Art Experiment an mehr als hunderttausend Menschen: Boden, Bebauung, Kanalisation und Bevölkerung waren auf beiden Seiten gleich, verschieden war nur die Wasserversorgung. Sein Schluss: Altona wurde durch die Filtration des Elbwassers vor der Cholera geschützt. Für heute heißt das: Abwasser wegzuleiten reicht nicht, wenn es flussabwärts wieder ins Trinkwasser gelangt. Ableitung und Aufbereitung gehören zusammen.
Was bei einem Stromausfall mit dem Kanal passiert
Ein Kanalnetz fließt nicht überall von allein. Wo das Gelände es verlangt, heben Pumpstationen das Abwasser an, und Kläranlagen brauchen ebenfalls Strom. Der Zweckverband Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Rügen (ZWAR) beschreibt für seine Inseln, dass nur ein Teil der Anlagen, darunter drei Abwasserhauptpumpwerke, fest mit Notstromaggregaten ausgerüstet ist. Diese decken im Ausfall einen Teil der Abwasserreinigung ab.
Daraus folgt der wichtigste Hinweis für den Stromausfall: Da Pumpstationen überlaufen könnten, bittet der Verband, möglichst wenig Abwasser in Toilette und Abfluss einzuleiten und vollgelaufene Pumpstationen zu melden. Er empfiehlt Campingtoiletten oder gesammeltes Brauchwasser für die Spülung. Wer in dieser Lage weiter kräftig spült, trägt dazu bei, dass Abwasser dort austritt, wo es nicht hingehört.
Für die ersten Tage genügt deshalb eine einfache Lösung in der Wohnung: ein Eimer oder die Toilettenschüssel mit reißfestem Beutel und Einstreu, eine Campingtoilette oder eine Trockentrenntoilette, die Urin und Feststoffe getrennt sammelt. Wie das im Einzelnen geht, wie du die Beutel zwischenlagerst und warum du nichts in Gully oder Grünfläche kippst, steht im Artikel „Toilette ohne Spülung“. Auch die WHO nennt für Lagen, in denen keine Latrine gebaut werden kann, feste, wasserdichte und verschließbare Beutel als letzte Möglichkeit.
Die Grubenlatrine: wo sie hin darf
Eine Latrine ist keine Lösung für den Stromausfall, sondern für den Fall, dass die öffentliche Entsorgung dauerhaft wegfällt und die Beutel nirgendwohin mehr abgeholt werden. Dann entscheidet der Standort über alles. Die WHO nennt in ihrem Datenblatt zur Toilette mit Grube zwei Regeln, wo Grundwasser getrunken wird: Die Sohle der Grube liegt mindestens 1,5 Meter über dem Grundwasserspiegel, und die Grube liegt mindestens 15 Meter waagerecht von Trinkwasserquellen entfernt, und zwar hangabwärts davon.
Andere Handbücher sind vorsichtiger. Das Notfallhandbuch des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR verlangt, dass Toiletten mindestens 30 Meter von Grundwasserquellen entfernt liegen, und zusätzliche Vorkehrungen, wo das Grundwasser hoch steht. Weil du ohne Bodenuntersuchung nicht weißt, wie schnell Wasser durch deinen Untergrund sickert, ist der größere Abstand die sichere Wahl, wenn das Gelände ihn hergibt.
Nicht geeignet sind nach der WHO felsiger Boden, Stellen mit hohem Grundwasser oder durchnässtem Boden sowie Gebiete, in denen Starkregen oder Hochwasser die Grube überlaufen lassen können. In Siedlungen mit dichter Bebauung fehlt zudem der Platz, um immer wieder neue Gruben zu graben. Eine Latrine gehört also auf freies, trockenes Gelände – nie neben den eigenen Brunnen, nie neben den des Nachbarn.
Rund um die Latrine soll nach der WHO-Notiz für Notlagen ein Graben das Oberflächenwasser ableiten. Die ausgehobene Erde wird als Wall um die Grube gelegt, damit Regenwasser nicht hineinläuft.
- Mindestens 15 m zu jedem Brunnen und jeder Quelle (WHO), besser 30 m (UNHCR), hangabwärts davon
- Grubensohle mindestens 1,5 m über dem Grundwasser
- Kein felsiger, nasser oder hochwassergefährdeter Boden
- Abstand zu Beeten, Vorräten und Küche, Graben gegen Regenwasser
Hinweis UNHCR Emergency Handbook (Ausgabe 2015), Kapitel „WASH in camps“, Standard „Protection of water sources“: „Toilets must be located at least 30 metres from groundwater sources.“ Das Handbuch ist als PDF in der Sustainable Sanitation and Water Management Toolbox (sswm.info) abrufbar.
Die Grubenlatrine bauen, nutzen und schließen
Für die ersten Tage beschreibt die WHO-Notiz eine einfache Familienlatrine: ein Loch von etwa 0,3 mal 0,5 Metern und rund 1 Meter Tiefe, zwei Holzbretter als Fußstützen, ein Sichtschutz aus Stoff oder Folie und daneben die ausgehobene Erde zum Abdecken. Das ist eine Lösung für kurze Zeit.
Für eine dauerhafte Latrine nennt das WHO-Datenblatt eine Grube von mindestens 2 Metern Tiefe und 1 Meter Breite, vorzugsweise rund. Ab 1,5 Metern Durchmesser steigt die Einsturzgefahr. Über die Grube kommt eine Platte über Bodenhöhe mit Loch und dicht schließendem Deckel, darüber ein Häuschen aus örtlichem Material. Bei tiefen Grabenlatrinen sollen nach der WHO-Notiz die oberen 0,5 Meter der Wände ausgekleidet werden, damit sie nicht einbrechen.
Im Betrieb kommt nach jedem Gang ein Becher Erde, Asche oder Sägespäne in die Grube; das mindert Geruch und hält Insekten fern. Menstruationsartikel und anderer Abfall gehören in einen eigenen Behälter, sonst füllt sich die Grube schneller. Ist sie voll, wird sie mit Erde zugeschüttet und eine neue gegraben. Die WHO-Notiz nennt als Grenze für Bohrlochlatrinen einen Füllstand 0,5 Meter, für flache Grabenlatrinen 0,3 Meter unter der Oberfläche.
In der geschlossenen Grube sterben die Erreger nach dem WHO-Datenblatt im Allgemeinen innerhalb von ein bis zwei Jahren ab; am längsten halten sich Spulwurmeier. Wer auf der alten Grube einen Baum pflanzt, setzt ihn in die aufgeschüttete Erde, nie in die rohen Ausscheidungen.

Achtung Rechtslage heute: Nach § 56 Wasserhaushaltsgesetz ist Abwasser „von den juristischen Personen des öffentlichen Rechts zu beseitigen, die nach Landesrecht hierzu verpflichtet sind“. Eine eigene Latrine ist keine Option, solange diese Entsorgung funktioniert. Gefahr: Eine Grube zu nah am Brunnen oder zu tief ins Grundwasser verseucht das Trinkwasser – in London lag die Sickergrube keinen Meter vom Brunnen entfernt. Ungesicherte Grubenwände können einbrechen; steig nicht in eine tiefe, unausgekleidete Grube. Zuständig im Normalbetrieb: dein kommunaler Abwasserbetrieb.
Händewaschen: die zweite Barriere
Kanal und Grube halten Erreger vom Wasser fern. Was an den Händen hängen bleibt, halten sie nicht auf. Deshalb zeigt die WHO-Notiz für Notlatrinen eine Waschgelegenheit gleich an der Latrine: Wer sie verlässt, soll sich die Hände waschen können, bevor er irgendetwas anderes anfasst.
Ohne fließendes Wasser genügt dafür ein Kanister mit Zapfhahn und eine Schüssel darunter. Wie gründlich du waschen solltest und warum Wasser allein weniger bewirkt als Wasser mit Seife, steht im Artikel „Toilette ohne Spülung“. Warum Abkochen, Desinfizieren und Sterilisieren drei verschiedene Dinge sind, erklärt „Keime verstehen“.
Zusammen ergibt das ein einfaches System aus drei Schritten: Ausscheidungen sicher einschließen, Trinkwasser davon fernhalten, Hände waschen. Genau das hat die Kanalisation für ganze Städte erledigt – und genau das musst du übernehmen, wenn sie nicht mehr arbeitet.
Häufige Fragen
Darf ich bei einem Stromausfall im Garten eine Latrine graben?
Nein. Nach § 56 Wasserhaushaltsgesetz ist die Abwasserbeseitigung Aufgabe der dafür verpflichteten öffentlichen Stellen. Für einen Stromausfall genügen Eimer mit Beutel, Campingtoilette oder Trockentrenntoilette.
Wie weit muss eine Latrine vom Brunnen entfernt sein?
Das WHO-Datenblatt nennt mindestens 15 Meter waagerecht, hangabwärts vom Brunnen, das UNHCR-Notfallhandbuch mindestens 30 Meter. Die Grubensohle liegt mindestens 1,5 Meter über dem Grundwasser; felsiger oder nasser Boden ist ungeeignet.
Warum soll ich im Stromausfall weniger spülen, wenn noch Wasser kommt?
Weil Pumpstationen ohne Strom überlaufen können. Der Zweckverband Rügen bittet deshalb, möglichst wenig Abwasser einzuleiten, und empfiehlt Campingtoiletten.
Was kommt nach jedem Gang in die Latrine?
Ein Becher Erde, Asche oder Sägespäne, so das WHO-Datenblatt. Das mindert Geruch und hält Insekten fern. Abfall und Hygieneartikel gehören in einen eigenen Behälter.
Quellen
- § 56 WHG – Pflicht zur AbwasserbeseitigungBundesministerium der Justiz – gesetze-im-internet.de · Wortlaut der Abwasserbeseitigungspflicht öffentlicher Stellen nach Landesrecht
- Wasserfiltration und Cholera (R. Koch, 1893), Gesammelte Werke Band 2,1Robert Koch-Institut – edoc-Server · Wasserversorgung von Hamburg, Altona und Wandsbek, Cholera an der Grenze, Schutz durch Filtration
- Broad Street Pump Outbreak – Handle Removal, Index Case and Rev. WhiteheadUCLA Fielding School of Public Health, Department of Epidemiology · Entfernung des Pumpenschwengels 1854, Sickergrube und Brunnen in weniger als einem Meter Abstand
- Fact sheet 1: Dry or flush toilet with onsite disposal (PDF)World Health Organization (WHO) · Abstand zu Trinkwasserquellen und Grundwasser, Grubenmaße, Einsturzgefahr, Betrieb, Schließen, Absterben der Erreger
- Technical note 14: Technical options for excreta disposal in emergencies (PDF)World Health Organization (WHO), erstellt von WEDC · Familienlatrine, Grabenlatrinen, Auskleidung, Füllgrenzen, Entwässerungsgraben, Beutel als letzte Möglichkeit, Waschgelegenheit
- Blackout – Was passiert mit der Wasserversorgung?ZWAR – Zweckverband Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Rügen · Notstrom nur für einen Teil der Abwasseranlagen, überlaufende Pumpstationen, wenig Abwasser einleiten
