Zum Inhalt springen

Gesundheit

Keime verstehen: abkochen, desinfizieren, sterilisieren

Was Reinigen, Desinfizieren und Sterilisieren unterscheidet, wie du mit Hitze, Chlor und Alkohol arbeitest – und wo jedes Verfahren aufhört.

9 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 25. September 2026
Ein Laborautoklav mit geöffneter Kammer wird zur Sterilisation von Material verwendet.
Sterilisation geht deutlich weiter als Reinigung oder Desinfektion – im Labor übernimmt das beispielsweise ein Autoklav.Foto: Luis Fernando Flores LAB · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Ohne Arztpraxis und Apotheke wird Hygiene zur wichtigsten Medizin, die du selbst in der Hand hast. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, was Reinigen, Desinfizieren und Sterilisieren unterscheidet, wie Keime von Mensch zu Mensch wandern und wie du mit Hitze, Chlor und Alkohol richtig arbeitest. Er zeigt auch, wo die Verfahren an ihre Grenzen stoßen – denn falsche Sicherheit ist gefährlicher als ein bekanntes Risiko.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erst reinigen, dann desinfizieren: Schmutz, Blut und Eiweiß schützen Keime vor Hitze und Chemie.
  • Händewaschen mit Seife, 20 bis 30 Sekunden lang, unterbricht die Übertragung über die Hände.
  • Sprudelndes Kochen befreit Wasser von Krankheitserregern; Werkzeug sterilisiert Dampf unter Druck am sichersten.
  • Chlorbleiche nie mit Säure oder Ammoniak mischen – dabei entsteht giftiges Chlorgas.
  • Alkohol tötet keine Bakteriensporen, und Prionen widerstehen fast jeder Desinfektion.

Drei Stufen: reinigen, desinfizieren, sterilisieren

Die drei Begriffe werden im Alltag oft vermischt, meinen aber Verschiedenes. Die US-Gesundheitsbehörde CDC definiert sie in ihrer Richtlinie zur Desinfektion und Sterilisation so: Reinigen entfernt sichtbaren Schmutz, meist mit Wasser und Spülmittel. Desinfizieren beseitigt viele oder alle Krankheitserreger auf Gegenständen – mit Ausnahme von Bakteriensporen. Sterilisieren zerstört oder beseitigt alle Formen mikrobiellen Lebens.

Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar. Laut CDC ist gründliches Reinigen vor jeder Desinfektion und Sterilisation nötig, weil Reste von Schmutz und organischem Material die Wirkung stören. Trocknet Schmutz an oder brennt ein, wird das Verfahren weniger wirksam oder wirkungslos. Ein blutiges Messer in Chlorlösung zu legen, ohne es vorher abzubürsten, ist deshalb halbe Arbeit.

Welche Stufe ein Gegenstand braucht, hängt davon ab, womit er in Berührung kommt. Die CDC teilt nach einem Schema von Earle H. Spaulding ein; die Tabelle fasst es zusammen.

Welche Stufe wofür (nach dem Spaulding-Schema der CDC)
Gegenstand berührt …BeispieleNötige Stufe
steriles Gewebe oder BlutbahnNadel, Skalpell, Nahtmaterialsterilisieren
Schleimhaut oder verletzte HautBeatmungsteile, Mundstückegründliche Desinfektion
nur unverletzte HautKrücken, Bettgestell, Tischreinigen, bei Bedarf desinfizieren

Wie Keime wandern

Viele Erreger reisen per Anhalter. Laut infektionsschutz.de, dem Portal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, werden viele Krankheitserreger über die Hände übertragen: auf alles, was danach angefasst wird, und über Mund, Nase oder Augen in den Körper. So entstehen Erkältungen, Grippe oder Magen-Darm-Infekte.

Das Gesundheitshandbuch „Where There Is No Doctor“ der Organisation Hesperian beschreibt den zweiten großen Weg: Keime und Wurmeier gelangen aus dem Stuhl über ungewaschene Hände, Tiere und Fliegen ins Essen. Das Handbuch nennt als Schutz eine Latrine oder Toilette, Tiere fern vom Wohnbereich und sauberes Wasser zum Händewaschen, vor allem vor dem Kochen. Wie du eine Toilette ohne Spülung betreibst, steht im Artikel „Toilette ohne Spülung“.

Dazu kommen Wasser und Lebensmittel. Hesperian rät, Fleisch, Fisch und Geflügel gut durchzugaren, Reste vor dem Essen sehr heiß aufzuwärmen und Essen vor Fliegen zu schützen. Wer eine leicht übertragbare Krankheit wie Tuberkulose oder Grippe hat, soll getrennt essen; sein Geschirr wird sehr gründlich gereinigt, bevor andere es benutzen.

Händewaschen: das wirksamste Werkzeug

Gründliches Händewaschen unterbricht den Übertragungsweg über die Hände. Infektionsschutz.de nennt als Richtwert 20 bis 30 Sekunden Einseifen – Handflächen, Handrücken, Fingerzwischenräume, Daumen, Fingerspitzen und Nägel. Danach abspülen und sorgfältig abtrocknen, denn feuchte Hände geben Keime leichter weiter. Die Wassertemperatur spielt für die Keimzahl keine Rolle.

Seife wirkt deutlich besser als Wasser allein. Fehlt sie, wäschst du trotzdem: Schon Händewaschen nur mit sauberem Wasser hat in Untersuchungen Durchfallerkrankungen seltener gemacht. Jeder im Haushalt benutzt ein eigenes Handtuch, das regelmäßig gewechselt und bei mindestens 60 °C gewaschen wird.

Hesperian ergänzt für die Versorgung von Verletzten: Hast du Blut oder andere Körperflüssigkeiten an dir, wasch die Hände so bald wie möglich mit Seife und Wasser; Augen und andere Körperstellen spülst du mit viel Wasser. Kurz geschnittene Fingernägel gehören dazu, denn unter langen Nägeln halten sich laut Hesperian Keime und Wurmeier. Wie du mit wenig Wasser wäschst, zeigt der Artikel „Waschen und Wäsche mit wenig Wasser“.

  • immer nach der Toilette, dem Wickeln, dem Naseputzen und dem Kontakt mit Abfall oder Tieren
  • immer vor dem Essen und vor dem Umgang mit Medikamenten
  • vor und nach dem Zubereiten von Speisen, dem Kontakt mit Kranken und der Wundversorgung

Hitze: Wasser abkochen, Werkzeug auskochen

Hitze ist ein Mittel, das ohne Nachschub an Chemikalien auskommt. Die WHO hält fest, dass Wasser, das sprudelnd kocht, ausreichend von krankheitserregenden Bakterien, Viren und Protozoen befreit ist – ausdrücklich auch bei trübem Wasser und in großer Höhe. Danach nimmst du es vom Feuer, lässt es von selbst abkühlen, ohne Eis zuzugeben, und schützt es vor erneuter Verunreinigung. Wie du Trinkwasser im Einzelnen aufbereitest und lagerst, steht im Artikel „Wasser aufbereiten im Notfall“.

Für Gegenstände nennt Hesperian längere Zeiten: Nadel und Faden zum Nähen einer Wunde werden 20 Minuten gekocht, eine Glasspritze wird zerlegt und mit der Nadel ebenfalls 20 Minuten gekocht. Danach gießt du das Wasser ab, ohne Spritze oder Nadel zu berühren, und fasst die Teile nur dort an, wo sie später nicht mit dem Körper in Berührung kommen.

Die CDC hält Sterilisieren von Gegenständen, die in Gewebe eindringen, im Haushalt allgemein für nicht praktikabel, theoretisch aber mit chemischen Sterilisationsmitteln oder durch Kochen für möglich. Auskochen ist also der Behelf, wenn nichts Besseres da ist – nicht der Standard einer Klinik.

Sterilisieren ohne Klinik: Trockenhitze und Dampfdruck

Hesperian beschreibt zwei Verfahren zum Sterilisieren von Werkzeug. Zuerst zerlegst du es, damit alle Flächen erreichbar sind, und schrubbst es mit sauberem Wasser, Seife und Bürste frei von Blut, Schleim und Schmutz – mit Handschuhen gegen Schnitte. Dann entweder im Ofen backen, bei mindestens 170 °C für 2½ Stunden, oder mit Dampf unter Druck behandeln: 15 bis 20 Pfund pro Quadratzoll, das sind etwa 1 bis 1,4 bar, bei 121 °C für 20 Minuten.

Dampf unter Druck ist laut CDC das Verfahren mit dem größten Sicherheitsspielraum, weil es zuverlässig, gleichmäßig und tödlich für Keime wirkt. Ein Schnellkochtopf arbeitet nach demselben Prinzip. Ob deiner die 121 °C erreicht, verrät nur die Bedienungsanleitung mit dem Betriebsdruck. Ohne diese Angabe ist er ein besseres Auskochen, kein Sterilisator.

Verbandmull kannst du nach Hesperian selbst keimarm machen: in dickes Papier wickeln, mit Klebeband verschließen und 20 Minuten im Ofen backen. Eine Schale Wasser unter dem Päckchen verhindert, dass der Stoff ansengt. Sterilisiertes Material bleibt verpackt, bis du es brauchst.

Achtung Kochendes Wasser, Dampf und heiße Metallteile verbrühen und verbrennen schnell. Öffne einen Schnellkochtopf nie unter Druck, lass Werkzeug im Topf abkühlen und nimm es mit einer ausgekochten Zange heraus. Heute gehört das Sterilisieren von Instrumenten in Arztpraxis und Klinik; im Kaltstart ist es ein Behelf mit Restrisiko.

Chlor und Alkohol richtig einsetzen

Haushaltsbleiche ist in den USA laut CDC eine Lösung von 5,25 bis 6,15 Prozent Natriumhypochlorit. Sie wirkt breit, schnell und hinterlässt keine giftigen Rückstände, wird aber durch organisches Material und besonders durch Blut stark abgeschwächt. Produkte im deutschen Handel können anders zusammengesetzt sein: Lies die Prozentangabe auf dem Etikett, denn alle folgenden Verdünnungen gelten nur für diese Konzentration.

Die CDC nennt für 5,25- bis 6,15-prozentige Bleiche: Kleine Blutspritzer auf Flächen desinfizierst du mit einer Verdünnung 1:100, also etwa 10 ml Bleiche, mit Wasser auf 1 Liter aufgefüllt. Große Blutlachen werden erst gereinigt, dann mit 1:10 behandelt. Für Gegenstände, die Schleimhäute berühren, nennt die Richtlinie zu Hause 5 Minuten Einlegen in 1:50 als wirksam, also etwa 20 ml auf 1 Liter. Angesetzte Lösung verliert in einer verschlossenen, lichtdichten Flasche binnen 30 Tagen etwa die Hälfte ihres Chlors; am besten setzt du sie täglich frisch an.

Alkohol wirkt laut CDC am besten in Konzentrationen von 60 bis 90 Prozent in Wasser; unter 50 Prozent fällt die Wirkung steil ab. Ethanol mit 60 bis 80 Prozent inaktiviert alle Viren mit Fetthülle, etwa Grippeviren. Alkohol verdunstet schnell, dringt nicht in eiweißreiche Beläge ein und ist leicht entzündlich – kühl und gut belüftet lagern. Essig, Natron, Borax oder Spülmittel sind laut CDC kein Ersatz: Gegen Staphylococcus aureus wirken sie nicht.

Achtung Chlorbleiche setzt laut CDC giftiges Chlorgas frei, wenn sie mit Säure oder Ammoniak zusammenkommt – etwa mit säurehaltigen Reinigern wie Essig- oder Kalkreiniger. Nie mischen, nur mit Wasser verdünnen, gut lüften. Unverdünnte Bleiche reizt die Augen und verätzt beim Verschlucken Mund, Speiseröhre und Magen. Heute rät das BfR, Mittel mit antimikrobieller Wirkung im Haushalt nur in begründeten Ausnahmefällen zu nutzen; bei Vergiftung ist der Giftnotruf deines Bundeslands zuständig, im Notfall die 112.

Grenzen: Sporen, Viren ohne Hülle, Prionen

Nicht jeder Keim ist gleich empfindlich. Die CDC nennt eine Rangfolge der Widerstandskraft gegen chemische Mittel: Nach den Prionen sind Bakteriensporen am zähesten, dann Parasiten wie Cryptosporidium, Mykobakterien wie der Tuberkulose-Erreger, kleine Viren ohne Fetthülle, Pilze, gewöhnliche Bakterien und zuletzt Viren mit Hülle wie Herpes oder HIV.

Daraus folgen konkrete Lücken. Alkohol tötet keine Sporen und erfasst laut CDC weder das Hepatitis-A-Virus noch das Poliovirus. Cryptosporidium widersteht Chlor in Trinkwasserkonzentration; die WHO zeigt dagegen, dass Hitze über 70 °C diese Parasiten in weniger als einer Minute abtötet. Prionen, die Erreger der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, sind laut CDC extrem widerstandsfähig gegen Sterilisation und Desinfektion – kein Hausmittel hilft hier.

Die Faustregel daraus: Wo Hitze möglich ist, ist sie der Chemie überlegen. Die solare Desinfektion von Trinkwasser in klaren Flaschen ist ein Behelf mit eigenen Grenzen; sie ist im Artikel „Wasser aufbereiten im Notfall“ beschrieben.

Treppe aus sechs Balken, oben die längsten: Prionen, Bakteriensporen, Mykobakterien, Viren ohne Hülle, Bakterien, Viren mit Hülle. Ein Pfeil links zeigt nach oben zu „widerstandsfähiger“, unten steht „empfindlicher“.
Widerstandskraft gegen chemische Mittel nach der CDC, vereinfacht; Parasiten wie Cryptosporidium und Pilze liegen in der vollständigen Rangfolge dazwischen.Skizze: WildWeasel

Verband und Wäsche bei Kranken

Bei Blutungen schützt du dich laut Hesperian zuerst selbst: Handschuhe oder eine saubere Plastiktüte über die Hände, ein sauberes, dickes Tuch auf die Wunde, dann drücken. Achte auf Nadeln und scharfe Gegenstände. Wunden deckst du mit trockenen, sauberen Verbänden ab.

Verbände sollen Wunden sauber halten, müssen also selbst sauber sein. Hesperian rät, Stoff für Verbände zu waschen und mit einem Bügeleisen oder in der Sonne an einem sauberen, staubfreien Ort zu trocknen. Wird ein Verband nass oder kommt Schmutz darunter, nimmst du ihn ab, reinigst die Wunde erneut und legst einen frischen an; gewechselt wird täglich. Kein Verband ist besser als ein schmutziger oder nasser.

Kranke werden laut Hesperian täglich gebadet, auch Säuglinge. Laken und Decken hängst du oft in die Sonne. Handtücher wäschst du nach infektionsschutz.de bei mindestens 60 °C. Wer ansteckend krank ist, isst getrennt, und sein Geschirr wird gründlich gereinigt. Wie du einen Erkrankten zu Hause versorgst, beschreibt der Artikel „Pandemie und Quarantäne zu Hause“.

Häufige Fragen

Reicht es, Wasser kurz aufkochen zu lassen?

Ja. Laut WHO genügt es, Wasser sprudelnd kochen zu lassen, um krankheitserregende Bakterien, Viren und Protozoen zu inaktivieren – auch bei trübem Wasser und in großer Höhe. Danach von selbst abkühlen lassen und sauber lagern.

Ist Auskochen dasselbe wie Sterilisieren?

Nicht ganz. Hesperian nennt als Sterilisation 170 °C Trockenhitze für 2½ Stunden oder Dampf mit 121 °C für 20 Minuten. Auskochen, etwa 20 Minuten für Nadel und Faden, ist der Behelf, wenn beides nicht geht.

Kann ich Wodka zum Desinfizieren nehmen?

Nur eingeschränkt. Laut CDC wirkt Alkohol am besten mit 60 bis 90 Prozent und fällt unter 50 Prozent steil ab. Entscheidend ist die Prozentangabe auf dem Etikett – was darunter liegt, taugt kaum.

Warum soll ich vor dem Desinfizieren putzen?

Weil Schmutz, Blut und Eiweiß die Keime abschirmen und Chlor binden. Die CDC verlangt gründliches Reinigen vor jeder Desinfektion und Sterilisation; angetrockneter Schmutz macht beides weniger wirksam oder wirkungslos.

Quellen

  1. Guideline for Disinfection and Sterilization in Healthcare Facilities (2008, Stand Juni 2024, PDF)Centers for Disease Control and Prevention (CDC) · Begriffe, Spaulding-Schema, Reinigen vor Desinfektion, Bleiche und Verdünnungen, Alkoholkonzentrationen, Chlorgas, Widerstandsrangfolge, Prionen, Desinfektion im Haushalt
  2. Boil water – Technical Brief (WHO/FWC/WSH/15.02)World Health Organization (WHO) · Sprudelndes Kochen genügt gegen Bakterien, Viren und Protozoen, auch trüb und in großer Höhe; Abkühlen ohne Eis; Cryptosporidium über 70 °C
  3. Händewascheninfektionsschutz.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit) · Übertragung über die Hände, 20 bis 30 Sekunden, Anlässe, Wasser ohne Seife, Abtrocknen, Handtücher bei 60 °C, BfR zu antimikrobiellen Mitteln
  4. Where There Is No Doctor, Kapitel 9: Instructions and Precautions for Injections (PDF)Hesperian Health Guides · Spritze und Nadel 20 Minuten kochen, Werkzeug reinigen und sterilisieren (170 °C, 2½ Stunden oder 121 °C Dampfdruck, 20 Minuten)
  5. Where There Is No Doctor, Kapitel 10: First Aid (PDF)Hesperian Health Guides · Selbstschutz bei Blutungen, Nadel und Faden 20 Minuten kochen, Verbände waschen und trocknen, Mull im Ofen, Verbandwechsel
  6. Where There Is No Doctor, Kapitel 12: Prevention (PDF)Hesperian Health Guides · Übertragung über Stuhl, Hände, Tiere und Fliegen, Händewaschen, Fingernägel, Kranke täglich baden, Laken in die Sonne, getrennt essen