Kaum ein Thema der Vorsorge sorgt für so viel Verwirrung wie die Frage nach dem Zeitraum. Die einen sprechen von 72 Stunden, die anderen von zehn Tagen, manche von zwei Wochen. Dieser Artikel ordnet die Zahlen ein, erklärt, warum ausgerechnet die ersten Tage die schwierigsten sind, und zeigt, was Selbstversorgung im Alltag konkret bedeutet.
Das Wichtigste in Kürze
- 72 Stunden sind eine Faustregel; die EU-Kommission nennt sie als Mindestmaß für Haushalte.
- Das BBK empfiehlt, sich zehn Tage selbst versorgen zu können – das ist der Maßstab hier.
- Das BBK sagt zugleich: ein Vorrat für zumindest drei Tage hilft schon sehr.
- Selbstversorgung heißt Wasser, Essen, Wärme, Licht, Information, Hygiene und Bargeld.
- Für eine Person sind es 6 Liter Wasser in drei Tagen und 20 Liter in zehn Tagen.
Woher die 72 Stunden kommen
Die Zahl 72 ist keine deutsche Erfindung und auch keine wissenschaftliche Konstante. Sie ist eine international verbreitete Faustregel für den Zeitraum, in dem ein Haushalt ohne Hilfe von außen zurechtkommen sollte. In Europa hat sie durch die Strategie für eine krisenfeste Union neuen Rückenwind bekommen, die die EU-Kommission im März 2025 vorgestellt hat.
Darin wird die Öffentlichkeit ausdrücklich dazu angehalten, praktische Maßnahmen zu ergreifen – unter anderem die lebensnotwendige Versorgung für mindestens 72 Stunden in Notfällen aufrechtzuerhalten. Entscheidend ist das Wort „mindestens“: Die Zahl ist als Untergrenze gedacht, nicht als Ziel.
Ihr Charme liegt in der Verständlichkeit. Drei Tage kann man sich vorstellen, drei Tage kann man an einem Samstag einkaufen, und drei Tage schrecken niemanden ab. Genau deshalb hat sich die Regel durchgesetzt.
Warum das BBK mit zehn Tagen rechnet
In Deutschland ist der maßgebliche Referenzzeitraum ein anderer. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, sich für möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können. Auf diesen Zeitraum sind auch die Checklisten und Rechenhilfen des Bundes ausgelegt.
Die Ernährungsvorsorge des Bundes folgt derselben Linie: Über das Portal ernaehrungsvorsorge.de rät die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, stets einen Nahrungsmittelvorrat für einen Zeitraum von zehn Tagen im Haus zu haben. Das dort gerechnete Beispiel kommt auf rund 2.200 Kilokalorien pro Tag und deckt damit im Regelfall den Gesamtenergiebedarf einer Person ab.
Zehn Tage sind kein Misstrauensvotum gegen Feuerwehr und Rettungsdienst. Sie sind eine Planungsgröße, die auch dann noch trägt, wenn eine Lage großflächig ist und Hilfe nach Dringlichkeit verteilt werden muss.
Hinweis „Sie sollten sich für möglichst zehn Tage selbst versorgen können“ – und zugleich: „Ein Vorrat für zumindest drei Tage hilft schon sehr.“ Beide Sätze stammen vom BBK und stehen auf derselben Seite.
Der Widerspruch ist keiner
Auf den ersten Blick stehen sich 72 Stunden und zehn Tage im Weg. Tatsächlich beantworten sie zwei verschiedene Fragen. Die 72 Stunden beantworten: Womit fange ich an, damit überhaupt etwas passiert? Die zehn Tage beantworten: Wo will ich am Ende stehen?
Das BBK selbst zieht diese Linie. Es nennt zehn Tage als Ziel und stellt im selben Atemzug fest, dass ein Vorrat für zumindest drei Tage schon sehr hilft. Wer also mit 72 Stunden anfängt, macht nichts falsch – er ist nur noch nicht fertig.
Für diese Website gilt deshalb durchgängig der Maßstab des BBK: zehn Tage, 2 Liter Wasser pro Person und Tag. Die 72 Stunden sind die erste Etappe auf diesem Weg, nicht die Zielmarke.
Was Selbstversorgung praktisch bedeutet
Selbstversorgung klingt nach Landwirtschaft, meint aber etwas viel Banaleres: ein paar Tage ohne Supermarkt, ohne Leitungswasser und ohne Strom über die Runden kommen, ohne dass es gefährlich oder chaotisch wird. Es geht um sieben Bereiche, die sich gut merken lassen.
Beim Trinken ist die Rechengröße eindeutig. Das BBK setzt mindestens 1,5 Liter Trinkwasser pro Person und Tag an und rechnet 0,5 Liter zum Kochen dazu – zusammen 2 Liter pro Person und Tag. Beim Essen zählt, dass es ohne Kühlung haltbar ist und sich notfalls kalt essen lässt.
Der Rest sind Dinge, die im Alltag unsichtbar sind, weil sie immer funktionieren. Für den Stromausfall empfiehlt das BBK ein batteriebetriebenes Radio oder Kurbelradio, geladene Akkus, eine Powerbank oder ein Solarladegerät sowie ausdrücklich Bargeld, weil auch Geldautomaten nicht mehr funktionieren. Zum Kochen nennt es den Campingkocher, zum Heizen einen Vorrat an Kohle, Briketts oder Holz sowie warme Kleidung und Decken.
- Trinken: 2 Liter pro Person und Tag, davon 0,5 Liter zum Kochen
- Essen: haltbar, ohne Kühlung lagerbar, notfalls kalt verzehrbar
- Wärme: Brennstoff für Kamin oder Ofen, warme Kleidung, Decken
- Licht: Taschenlampen und Reservebatterien statt offener Flammen
- Information: batteriebetriebenes Radio oder Kurbelradio, geladene Akkus, Powerbank
- Hygiene: Artikel für mehrere Tage, Müllbeutel, im Zweifel eine Campingtoilette
- Geld und Medikamente: Bargeld im Haus, persönliche Arzneimittel nicht auf Kante
Achtung Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten nichts auf eigene Faust horten oder absetzen. Sprich mit der Hausärztin oder dem Hausarzt darüber, wie du einen sinnvollen Vorlauf organisierst.
Die Zahlen für drei und für zehn Tage
Der Unterschied zwischen beiden Zeiträumen lässt sich in einer Tabelle abräumen. Die Wassermenge folgt der BBK-Rechengröße von 2 Litern pro Person und Tag, die Lebensmittelmengen den Richtwerten der Ernährungsvorsorge je Person und Tag.
Was dabei auffällt: Der Sprung von drei auf zehn Tage ist beim Essen unproblematisch, weil ein paar Packungen mehr kaum Platz kosten. Beim Wasser ist er spürbar – aus 6 Litern werden 20, aus einer Sixpack-Packung werden zwei Kästen pro Person.
Genau deshalb lohnt es sich, den Wasservorrat zuerst und in Ruhe aufzubauen. Alles andere wächst fast von allein mit, wenn du beim normalen Einkauf etwas großzügiger bist.

| Bedarf | 3 Tage | 10 Tage |
|---|---|---|
| Trinkwasser (2 l pro Tag) | 6 Liter | 20 Liter |
| Getreide, Brot, Kartoffeln (330 g pro Tag) | 990 g | 3,3 kg |
| Gemüse und Hülsenfrüchte (400 g pro Tag) | 1,2 kg | 4 kg |
| Obst und Nüsse (250 g pro Tag) | 750 g | 2,5 kg |
| H-Milch (200 ml pro Tag) | 600 ml | 2 Liter |
| Fleisch, Wurst, Fisch (90,5 g pro Tag) | 272 g | 905 g |
Warum die ersten Tage die schwierigsten sind
Der Zeitraum der ersten Tage ist nicht deshalb entscheidend, weil danach alles vorbei wäre. Er ist entscheidend, weil in dieser Phase noch niemand für dich improvisieren kann. Die Hilfsorganisationen arbeiten eine Lage nach Dringlichkeit ab, Reparaturtrupps brauchen Zeit, und Geschäfte in der Umgebung sind vom selben Ausfall betroffen wie du.
Beim Stromausfall lässt sich das gut beziffern: Meist ist die Störung nach wenigen Stunden behoben, bei großflächigen Schäden kann es laut BBK aber Tage dauern, bis der Strom wieder da ist. Stromleitungen können durch Unfälle, Baufehler, schwere Stürme, Hochwasser, starken Schneefall oder Lawinen beschädigt werden.
Dazu kommt ein weicher Faktor: In den ersten Stunden entscheidet sich, ob ein Haushalt ruhig bleibt oder hektisch wird. Wer Wasser, Licht und ein Radio im Haus hat, muss nicht raus und nicht suchen – und trifft deshalb bessere Entscheidungen.
So kommst du von 72 Stunden auf zehn Tage
Der Weg ist unspektakulär und genau deshalb funktioniert er. Du baust zuerst die 72 Stunden vollständig auf – alle sieben Bereiche, aber nur für drei Tage. Danach verlängerst du Bereich für Bereich, statt weitere Ausrüstung zu kaufen.
Eine gute Zwischenetappe ist das Notgepäck. Dort rechnet das BBK mit Verpflegung für zwei Tage pro Person, verpackt staubdicht, dazu eine Wasserflasche. Wer sein Notgepäck fertig hat, hat die mobile Variante der 72 Stunden bereits abgedeckt.
Ab dann ist Vorsorge reine Routine: einmal im Quartal ins Regal schauen, Abgelaufenes aufbrauchen, Nachgekauftes nach hinten stellen. Die zehn Tage stellen sich nach ein paar Monaten von selbst ein, ohne dass du je einen großen Einkauf machen musstest.
- Etappe 1: 72 Stunden in allen sieben Bereichen, also 6 Liter Wasser pro Person
- Etappe 2: Notgepäck packen, inklusive Verpflegung für zwei Tage
- Etappe 3: Wasser auf 20 Liter pro Person aufstocken
- Etappe 4: Lebensmittel auf zehn Tage bringen und die Rotation einführen
- Danach: einmal im Quartal prüfen, sonst nichts
Tipp Schreib die Notrufnummern auf Papier und häng sie sichtbar auf: 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst, 110 für die Polizei, 116 117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst.
Häufige Fragen
Was gilt denn nun – 72 Stunden oder zehn Tage?
Beides. Die 72 Stunden sind das Mindestmaß, das unter anderem die EU-Kommission nennt. Zehn Tage sind die Empfehlung des BBK und damit der Maßstab, an dem sich die Rechnungen auf dieser Website orientieren.
Ist ein Vorrat für drei Tage denn überhaupt etwas wert?
Ja. Das BBK formuliert es selbst so, dass ein Vorrat für zumindest drei Tage schon sehr hilft. Er deckt die Phase ab, in der du auf keinen Fall einkaufen gehen willst.
Wie viel Wasser brauche ich für 72 Stunden?
6 Liter pro Person, gerechnet mit 2 Litern pro Person und Tag. Für einen Vier-Personen-Haushalt sind das 24 Liter, also etwa ein Kasten und ein Sixpack.
Brauche ich für Selbstversorgung einen Generator?
Für die ersten Tage nicht. Radio, Taschenlampen, Powerbank, Campingkocher und Bargeld decken den Bedarf ab, den das BBK für einen Stromausfall beschreibt – zu deutlich geringeren Kosten.
Was, wenn ich schon nach zwei Tagen wieder einkaufen kann?
Dann hast du Glück gehabt und nichts verloren. Ein Vorrat aus normalen Lebensmitteln wird ohnehin gegessen, solange du Neues hinten einräumst und Älteres zuerst verbrauchst.
Quellen
- Vorsorgen für Krisen und KatastrophenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Empfehlung von zehn Tagen Selbstversorgung und der Hinweis, dass drei Tage schon sehr helfen
- Krisenvorsorge: Neue EU-Strategie vorgestelltEuropäische Kommission, Vertretung in Deutschland · Strategie für eine krisenfeste Union vom März 2025 mit der Empfehlung von mindestens 72 Stunden
- Essen und Trinken bevorratenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Mindestens 1,5 Liter Trinkwasser plus 0,5 Liter Kochwasser pro Person und Tag
- Notvorrat: Vorrat für zehn TageBundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), ernaehrungsvorsorge.de · Nahrungsmittelvorrat für zehn Tage, Beispielrechnung mit rund 2.200 kcal pro Person und Tag
- Vorsorge und Handeln bei StromausfallBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Dauer und Ursachen von Stromausfällen, Radio, Powerbank, Bargeld, Campingkocher, Brennstoffvorrat
- Wenn es schnell gehen muss: Das NotgepäckBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Verpflegung für zwei Tage in staubdichter Verpackung und eine Wasserflasche im Notgepäck
