Zum Inhalt springen

Wasser

Wasser mit Chlor desinfizieren: Dosierung, Einwirkzeit, Grenzen

Wenn Abkochen nicht geht: wie viel Bleiche oder Chlorlösung je Liter nötig ist, wie lange sie wirkt – und wogegen Chlor nichts ausrichtet.

8 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 26. September 2026
Vier kleine Probengläser mit Trinkwasser stehen nebeneinander; das Wasser darin hat sich nach Zugabe eines Testreagenzes rosa bis rot gefärbt.
Test auf freies Chlor: Das Reagenz färbt die Wasserprobe rot, die Farbe wird mit einer Skala verglichen.Foto: JonnyTwoDogs · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Abkochen ist das beste Verfahren gegen Keime im Wasser – aber es braucht Brennstoff, und für viele Liter am Tag wird das knapp. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, wie du Wasser mit Chlor desinfizierst: welche Chlorquellen taugen, welche Dosierung US-Behörden und WHO nennen, wie du die Wirkung prüfst und wo Chlor versagt. Die Grundlagen zur Wasseraufbereitung stehen im Artikel „Wasser aufbereiten im Notfall“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nur Bleiche ohne Duft- und Zusatzstoffe verwenden; entscheidend ist die Prozentangabe Natriumhypochlorit.
  • Bei 5 bis 9 % Natriumhypochlorit nennt die CDC 2 Tropfen je Liter, bei 1 % sind es 10 Tropfen.
  • Trübes, farbiges oder sehr kaltes Wasser: erst klären, dann die doppelte Menge nehmen.
  • Mindestens 30 Minuten einwirken lassen; danach soll das Wasser leicht nach Chlor riechen.
  • Chlor wirkt kaum gegen Cryptosporidium und gar nicht gegen Treibstoff, Chemikalien oder Schwermetalle.

Zuerst die Einordnung: wann Chlor statt Abkochen

Die US-Gesundheitsbehörde CDC ist eindeutig: Abkochen ist der beste Weg, Keime im Wasser abzutöten. Chemische Mittel wie Chlorbleiche töten die meisten Keime ebenfalls, wirken gegen einige aber schlechter – namentlich gegen die Parasiten Cryptosporidium und Giardia. Wo du abkochen kannst, bleibt das deshalb die erste Wahl.

Chlor wird interessant, wenn Brennstoff knapp ist oder große Mengen anfallen. Mit wenigen Tropfen lässt sich ein ganzer Kanister behandeln, ohne ein Feuer zu unterhalten. Die US-Umweltbehörde EPA nennt die Reihenfolge: zuerst abgepacktes oder bevorratetes Wasser, dann Abkochen, und Bleiche, wenn Abkochen nicht möglich ist.

Die CDC rät außerdem, sich bei Abkochen und Aufbereitung nach den Empfehlungen der örtlichen Gesundheitsbehörde zu richten. In Deutschland ist das das Gesundheitsamt. Solange es eine Anordnung gibt, gilt sie – nicht dieser Artikel.

Achtung Notfall- und Zivilisationswissen: Dieser Artikel beschreibt Wissen für eine Lage, in der Wasserversorger, Ärzte, Behörden und Fachbetriebe dauerhaft nicht erreichbar sind. Solange sie erreichbar sind, gehen sie vor – Trinkwasser aus der Leitung, von Ausgabestellen oder aus dem Vorrat ist immer besser als selbst behandeltes. Der Artikel ersetzt keine Ausbildung, keine ärztliche Behandlung und keine Genehmigung.

Welche Chlorquelle taugt

Haushaltsbleiche: Die EPA lässt nur gewöhnliche Chlorbleiche ohne Duftstoffe gelten, die laut Etikett zum Desinfizieren geeignet ist. Bleiche mit Duft, „farbschonende“ Bleiche oder Bleiche mit zugesetzten Reinigern gehört nicht ins Wasser. Der Wirkstoff ist Natriumhypochlorit; seine Konzentration steht bei den Inhaltsstoffen. In den USA liegt sie laut CDC meist zwischen 5 und 9 %. Produkte anderswo können anders zusammengesetzt sein – die Tabellen unten gelten nur für die dort genannten Konzentrationen.

Chlortabletten und Tropfen: Die CDC verweist auf die Packungsanleitung, denn solche Mittel sind jeweils für bestimmte Wassermengen gemacht. Die EPA ergänzt, dass jedes Produkt eine andere Stärke haben kann. Hier gibt es also keine allgemeine Dosierung, nur die des Herstellers.

Calciumhypochlorit: Das körnige Chlorpulver ist laut EPA ein sehr starkes Oxidationsmittel. Die EPA beschreibt, wie du daraus erst eine Stammlösung ansetzt und diese dann ins Wasser gibst – siehe unten. Die WHO nennt Chlor in ihren technischen Notizen für Notlagen das mit Abstand häufigste Desinfektionsmittel, weil es als Pulver, Granulat, Tablette und Flüssigkeit verfügbar ist, sich leicht löst und nachwirkt.

Dosierung mit Haushaltsbleiche

Steht auf der Flasche eine Anleitung zur Trinkwasserdesinfektion, folgst du ihr. Fehlt sie, dosierst du nach der Konzentration. Die Tabelle fasst die Angaben von CDC und EPA zusammen; die Literangaben für den Kanister sind aus Gallonen umgerechnet.

Ist das Wasser trüb, farbig oder sehr kalt, nimmst du laut CDC die doppelte Menge. Rühre gut um. Hast du eine Einwegspritze mit Milliliterskala, nimm die Milliliterangabe – die CDC nennt beide Maße, und Milliliter lassen sich genauer abmessen als Tropfen.

Für Konzentrationen zwischen 1 und 5 % nennen die Quellen keine Werte. Aus den Tabellen folgt nur die Richtung: Je schwächer die Bleiche, desto mehr brauchst du. Dann ist die Geruchsprobe im nächsten Abschnitt deine Kontrolle – oder ein Chlortest.

Bleiche je Wassermenge (klares Wasser, nach CDC und EPA)
Natriumhypochlorit1 Literrund 19 Liter (5 Gallonen)
5 bis 9 % (CDC)2 Tropfen oder 0,1 ml40 Tropfen oder 2,5 ml
6 % (EPA)2 Tropfenkeine Angabe; 8 Tropfen je Gallone (rund 3,8 Liter)
8,25 % (EPA)2 Tropfenkeine Angabe; 6 Tropfen je Gallone (rund 3,8 Liter)
1 % (CDC)10 Tropfen oder 0,5 ml200 Tropfen oder 12,5 ml

Einwirken, riechen, messen

Chlor braucht Zeit. Die CDC verlangt, das Wasser nach dem Umrühren mindestens 30 Minuten stehen zu lassen, bevor du es trinkst. Die WHO präzisiert in ihrer technischen Notiz zur Chlormessung: 30 Minuten gelten ab 18 °C Wassertemperatur; ist das Wasser kälter, muss die Einwirkzeit länger sein.

Danach kommt die Geruchsprobe. Laut EPA soll das Wasser nach 30 Minuten leicht nach Chlor riechen. Riecht es nicht, gibst du dieselbe Menge noch einmal hinzu und wartest weitere 15 Minuten. Schmeckt es zu stark nach Chlor, gießt du es mehrmals von einem sauberen Gefäß ins andere und lässt es einige Stunden stehen.

Der Hintergrund: Chlor reagiert zuerst mit organischem Material im Wasser. Was danach übrig bleibt, nennt die WHO freies Chlor. Ist freies Chlor nachweisbar, sind die gefährlichsten Keime nach WHO beseitigt und das Wasser ist wahrscheinlich sicher. Der Geruch ist ein grober Hinweis darauf, ein Test ist genauer.

Solche Tests gibt es als kleine Koffer mit DPD-Tabletten: Die Tablette färbt die Wasserprobe rot, die Farbe wird mit einer Skala verglichen. Für die Hausversorgung nennt die WHO an der Entnahmestelle 0,2 bis 0,5 mg freies Chlor je Liter. Mehr Chlor schützt länger, lässt das Wasser aber riechen und schmecken – und schlecht schmeckendes Wasser wird ungern getrunken.

Ablaufskizze: Chlor zugeben, 30 Minuten warten, dann riechen. Riecht das Wasser leicht nach Chlor, ja: trinken. Nein: dieselbe Menge nachgeben, 15 Minuten warten und erneut riechen.
Nach 30 Minuten soll das Wasser leicht nach Chlor riechen – sonst dieselbe Menge nachgeben und weitere 15 Minuten warten.Skizze: WildWeasel

Calciumhypochlorit: erst Stammlösung, dann Wasser

Chlorpulver streust du nie direkt in den Kanister. Die EPA beschreibt zwei Schritte. Erstens die Stammlösung: einen gehäuften Teelöffel (etwa 7 g) hochprozentiges, körniges Calciumhypochlorit in zwei Gallonen Wasser (rund 7,6 Liter) einrühren, bis sich alles gelöst hat. Das ergibt eine Lösung mit etwa 500 mg Chlor je Liter.

Zweitens die Anwendung: ein Teil Stammlösung auf 100 Teile Wasser, also zum Beispiel 100 ml auf 10 Liter. Auch hier gilt: Schmeckt es zu stark, umgießen und stehen lassen. Die WHO rät, feste Chlorverbindungen vor dem Zugeben immer erst mit etwas Wasser anzurühren, weil sie sich sonst nicht verteilen.

Wegen seiner starken Wirkung gilt laut EPA: Setze die Stammlösung an einem gut belüfteten Ort an, trage eine Schutzbrille und halte dich an die Hinweise auf dem Etikett zu Umgang und Lagerung.

Trübes Wasser zuerst klären

Chlor tötet nur, was es erreicht. Die WHO erklärt, dass Bakterien in Schwebstoffen vom Chlor nicht erfasst werden können und dass Chlor Schlamm und organische Partikel schlecht durchdringt. Trübung und Säuregrad beeinflussen die Wirkung deutlich; die WHO nennt als Zielwerte eine Trübung unter 5 NTU und einen pH-Wert zwischen 6,8 und 7,2. Ohne Messgerät heißt das praktisch: so klar wie möglich.

CDC und EPA beschreiben denselben Vorschritt: trübes Wasser absetzen lassen, das klare Wasser abnehmen und durch ein sauberes Tuch, Küchenpapier oder einen Kaffeefilter gießen. Erst dann chloren – und bei weiterhin trübem oder farbigem Wasser die doppelte Menge nehmen.

Wasser mit schwimmendem Material, dunkler Farbe oder fragwürdigem Geruch solltest du laut EPA gar nicht erst verwenden. Fließendes Wasser ist in der Regel besser als stehendes.

Grenzen: was Chlor nicht schafft

Chlor ist kein Allheilmittel. Die WHO hält fest, dass es gegen manche Zysten wie Cryptosporidium wegen ihrer dicken Außenwand unwirksam ist. Laut CDC töten auch Chlortabletten und Iod Cryptosporidium nicht; Chlordioxid-Tabletten dagegen schon, wenn du die Anleitung genau befolgst. Wo diese Parasiten zu befürchten sind, ist Abkochen die sichere Wahl.

Die zweite Grenze sind Chemikalien. Wasser mit Treibstoff, giftigen Chemikalien oder radioaktiven Stoffen lässt sich laut CDC weder durch Abkochen noch durch Desinfektion sicher machen. Die EPA nennt ausdrücklich Schwermetalle, Salze und die meisten anderen Chemikalien. Die WHO fasst es knapp: Chlor desinfiziert Wasser, reinigt es aber nicht.

Warnskizze: Eine Flasche Bleiche plus eine Flasche mit Säure oder Ammoniak ergibt eine Wolke Chlorgas. Überschrift: Nie mischen.
Chlorbleiche setzt giftiges Chlorgas frei, wenn sie mit Säure oder Ammoniak zusammenkommt – nie mischen.Skizze: WildWeasel

Achtung Rechtslage heute: Trinkwasser aufzubereiten ist Sache der Wasserversorger. Die Trinkwasserverordnung erlaubt ihnen nur Stoffe aus der Liste des Umweltbundesamts (§ 19); für Katastrophenfälle können dort Stoffe vorgesehen werden, die nur mit Zustimmung der Katastrophenschutzbehörden eingesetzt werden dürfen (§ 20). Gefahr: Chlorbleiche setzt laut CDC giftiges Chlorgas frei, wenn sie mit Säure oder Ammoniak zusammenkommt, etwa mit Haushaltsreinigern – nie mischen, gut lüften. Unverdünnte Bleiche reizt die Augen und kann Mund, Speiseröhre und Magen verätzen; halte dich strikt an die Tabelle. Zuständig: Das Gesundheitsamt überwacht die Wasserversorgungsanlagen (§ 54) und ordnet bei Gefahr Maßnahmen an (§ 63); bei einer Vergiftung wählst du die 112.

Behälter und Bleiche richtig aufbewahren

Desinfiziertes Wasser gehört in saubere Behälter mit dicht schließendem Deckel. Die CDC beschreibt, wie du einen Kanister vorher reinigst: mit Seife auswaschen und gründlich ausspülen, dann einen Teelöffel Bleiche mit 5 bis 9 % Natriumhypochlorit in ein Quart Wasser (knapp 1 Liter) geben, verschließen und kräftig schütteln, bis die Lösung alle Innenflächen benetzt hat. Nach mindestens 30 Sekunden ausgießen und an der Luft trocknen lassen.

Behälter, in denen giftige Chemikalien waren – auch Bleiche oder Pflanzenschutzmittel –, verwendest du laut CDC nicht. Am besten eignen sich Behälter für Lebensmittel mit enger Öffnung zum Ausgießen. Beschrifte sie mit „Trinkwasser“ und dem Datum.

Bleiche verliert mit der Zeit an Kraft. Die EPA empfiehlt frische Bleiche oder solche, die weniger als ein Jahr bei Raumtemperatur gelagert wurde. Verdünnte Lösungen – etwa eine angesetzte Stammlösung – verlieren laut CDC in einem verschlossenen, lichtdichten Kunststoffbehälter bei Raumtemperatur in einem Monat bis zu 40 bis 50 % ihres freien Chlors; in einer verschlossenen braunen Flasche zerfiel die Lösung nach 30 Tagen nicht. Ist die Stärke unsicher, zeigt die Geruchsprobe, ob noch genug Chlor wirkt.

Häufige Fragen

Wie viele Tropfen Bleiche brauche ich für einen Liter?

Bei 5 bis 9 % Natriumhypochlorit nennt die CDC 2 Tropfen, bei 1 % sind es 10 Tropfen. Bei trübem, farbigem oder sehr kaltem Wasser nimmst du die doppelte Menge und lässt es mindestens 30 Minuten stehen.

Kann ich jeden Chlorreiniger aus dem Haushalt nehmen?

Nein. Die EPA lässt nur gewöhnliche Chlorbleiche ohne Duftstoffe und ohne zugesetzte Reiniger gelten, die laut Etikett zum Desinfizieren geeignet ist. Reiniger mit weiteren Zusätzen gehören nicht ins Trinkwasser.

Woran erkenne ich, dass genug Chlor im Wasser ist?

Nach 30 Minuten soll das Wasser laut EPA leicht nach Chlor riechen. Wenn nicht, dieselbe Menge nachgeben und weitere 15 Minuten warten. Genauer ist ein DPD-Test; die WHO nennt 0,2 bis 0,5 mg freies Chlor je Liter.

Macht Chlor jedes Wasser trinkbar?

Nein. Gegen Cryptosporidium wirkt Chlor kaum, gegen Treibstoff, Chemikalien und Schwermetalle gar nicht. Wasser mit Treibstoff oder giftigen Chemikalien lässt sich laut CDC so nicht sicher machen.

Quellen

  1. How to Make Water Safe in an EmergencyCenters for Disease Control and Prevention (CDC) · Abkochen als bester Weg, Bleichetabellen für 5–9 % und 1 %, doppelte Menge, 30 Minuten, Vorfiltern, Cryptosporidium und Chlordioxid, Chemikalien
  2. Emergency Disinfection of Drinking WaterU.S. Environmental Protection Agency (EPA) · Bleiche ohne Duft- und Zusatzstoffe, Tabelle für 6 und 8,25 %, Geruchsprobe mit Nachdosieren, Lagerdauer der Bleiche, Stammlösung aus Calciumhypochlorit
  3. Technical Note 11: Measuring chlorine levels in water supplies (PDF)World Health Organization (WHO) · Einwirkzeit ab 18 °C, Schwebstoffe, Trübung und pH-Wert, freies Chlor, DPD-Test, 0,2 bis 0,5 mg/l, Cryptosporidium, feste Chlorverbindungen anrühren
  4. How to Create an Emergency Water SupplyCenters for Disease Control and Prevention (CDC) · Behälter reinigen und mit Bleichelösung desinfizieren, keine Chemikalienbehälter, Beschriftung
  5. Guideline for Disinfection and Sterilization in Healthcare Facilities (PDF)Centers for Disease Control and Prevention (CDC) · Chlorgas beim Mischen mit Säure oder Ammoniak, Verätzungen durch unverdünnte Bleiche, Chlorverlust verdünnter Lösungen
  6. Trinkwasserverordnung (TrinkwV)Bundesministerium der Justiz · § 19 zulässige Aufbereitungsstoffe, § 20 Abs. 3 Einsatz in Katastrophenfällen, § 54 Überwachung und § 63 Anordnungen des Gesundheitsamts