Am 25. November 2005 fiel im Münsterland so viel nasser Schnee, dass Hochspannungsmasten reihenweise umknickten. Rund 250.000 Menschen waren ohne Strom, manche erst nach fünf Tagen wieder versorgt. Diese Fallstudie aus der Reihe „Aus echten Lagen gelernt“ folgt dem Untersuchungsbericht der Bundesnetzagentur von 2006 und den Rückblicken von Bezirksregierung Münster, BBK und Deutschem Wetterdienst. Was dir das Wetter bei Schnee und Eisregen sagt, steht im Artikel „Schneechaos und Eisregen“.
Das Wichtigste in Kürze
- Rund 250.000 Menschen in 25 Gemeinden waren ohne Strom, einige Ortsteile und Höfe mehr als fünf Tage.
- Die Masten brachen, weil mehrere Faktoren zusammenkamen: nasser Schnee, Sturm, Temperaturen um 0 Grad, einseitige Last.
- Rund 200 Notstromaggregate aus ganz Deutschland hielten Orte wie Ochtrup provisorisch am Netz.
- Die Bundesnetzagentur hielt fest: Ein solcher Störfall kann sich überall wiederholen – auch nach bester Vorsorge.
- Ihr Rat an alle Verbraucher: selbst vorsorgen, weil ein längerer Stromausfall nie ganz auszuschließen ist.
Was am ersten Adventswochenende passierte
Am Morgen des 25. November 2005 setzte im Münsterland, im Tecklenburger und im Osnabrücker Land kräftiger Schneefall ein. Nach dem Rückblick des Deutschen Wetterdienstes (DWD) kamen in weniger als 12 Stunden 30 Zentimeter Neuschnee und mehr zusammen, bis zum nächsten Morgen verbreitet 30 bis 50 Zentimeter. In Tecklenburg lag eine 45 Zentimeter dicke Schneedecke. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt war der Schnee sehr nass und schwer.
Der Verkehr kam vielerorts zum Erliegen. Auf der A 1 staute sich der Verkehr laut DWD auf bis zu 35 Kilometern, die A 31 wurde gesperrt, weil gerissene Seile einer Hochspannungsleitung auf die Fahrbahn gefallen waren. In Nordrhein-Westfalen zählte der DWD etwa 2.000 Unfälle mit 140 Verletzten. Züge blieben stecken, weil Bäume auf Oberleitungen stürzten.
Die schwerste Folge war der Stromausfall. Nach dem Untersuchungsbericht der Bundesnetzagentur fiel am Freitag zunächst die Versorgung in 25 Gemeinden mit rund 250.000 Einwohnern im westlichen Münsterland aus. Die Kreise Steinfurt, Borken und Coesfeld stellten ein Großschadensereignis fest, und der Krisenstab der Bezirksregierung Münster trat in voller Stärke zusammen.
Fünf Tage bis zum letzten Hof
Die Störungen im Hochspannungsnetz reichten laut Bundesnetzagentur vom 25. November, 17:25 Uhr, bis zum 30. November. Am Sonntagabend waren große Teile des Münsterlandes und des Kreises Osnabrück wieder versorgt. Am Montag musste der Netzbetreiber dann zwei weitere Leitungen aus Sicherheitsgründen abschalten: Anhaltender Regen hatte den Eismantel zusätzlich beschwert, die Leitungen hingen gefährlich tief. Dadurch verloren weitere 40.000 Menschen in Borghorst und Steinfurt den Strom.
Danach ging es Schritt für Schritt. Am Montagabend waren noch rund 25.000 Haushalte ohne Strom, am Dienstag weniger als 20.000 Menschen. Am Mittwoch waren es noch knapp 2.000, überwiegend in abgelegenen, schwer zugänglichen Außenbezirken. Am Donnerstag, dem 1. Dezember, war die Versorgung weitestgehend wiederhergestellt – zum Teil noch über Provisorien.
Der DWD fasst es so zusammen: Viele Betroffene waren drei Tage ohne Strom, einige Höfe und Ortsteile mehr als fünf Tage. Der Schaden war groß: Allein im 110-Kilovolt-Netz wurden 83 Masten beschädigt, im Mittelspannungsnetz mehr als 400. Wie sich diese Dauer zu anderen Lagen verhält, zeigt der Überblick „Wie lange echte Lagen dauerten“.
Warum die Masten brachen – der Befund
Die Bundesnetzagentur ließ den Schaden von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) begutachten. Ihr Ergebnis: Zum Schaden kam es nur, weil mehrere Auslöser gleichzeitig auftraten. Dazu zählt sie starken Wind, der den Schnee erst an den Seilen anbacken ließ, extreme Schneemengen, Temperaturen um 0 Grad, sehr nassen, schweren Schnee, einsetzenden Regen und eine Windrichtung quer zur Leitung. Die Masten wurden dadurch deutlich stärker beansprucht, als die Norm beim Bau verlangte. Die Normwerte selbst erfüllten die Leitungen.
Entscheidend war nach dem Gutachten die ungleiche Last: Fotos zeigten, dass oft nur eines der beiden Leitungssysteme an einem Mast mit Schneewalzen behangen war. Zusammen mit dem Wind verdrehte das die Masten. An dem genauer untersuchten Mast riss zuerst eine Strebe aus versprödetem Thomasstahl, danach stürzten die folgenden Masten wie in einer Kaskade um. Die BAM betont, dass erst die Kombination aller Faktoren den Schaden erklärt. Auch neuere Masten ohne Thomasstahl knickten um, dort vermutlich unter noch höheren Lasten.
Rost war kein Thema: Die Bundesnetzagentur fand keinerlei Korrosion und damit keine erkennbaren Mängel in Instandhaltung und Wartung. Der Netzbetreiber zog die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf alle Schadensstellen in Zweifel, die Energieaufsicht des Landes hielt eine weitere Klärung der Rolle des Thomasstahls für nötig. Beides steht so im Bericht.
Hinweis Als thomasstahlrelevant gelten nach dem Bericht Masten bis Baujahr 1965; der Stahl kann mit der Zeit verspröden. Die Bundesnetzagentur hielt 2006 eine Beeinträchtigung der Versorgungssicherheit dadurch für möglich und empfahl, die Sanierung solcher Masten zu beschleunigen und bundesweit anzugehen.
Was funktioniert hat
Die Hilfe kam von weit her. Nach Angaben der Bezirksregierung Münster waren rund 4.000 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Ihr Krisenstab organisierte Notstromaggregate aus der gesamten Bundesrepublik und die Ablösung der Einsatzkräfte; laut Bundesnetzagentur wurden rund 200 Aggregate im Krisengebiet zusammengezogen. Hilfe kam auch von der Bundeswehr.
Mit dem Notstrom ließ sich eine ganze Stadt provisorisch versorgen. In Ochtrup stellten die Stadtwerke mit den bereitgestellten Aggregaten eine Notversorgung her; am Dienstag war die Stadt zu 95 Prozent wieder versorgt. Parallel baute der Netzbetreiber eine komplett neue Hochspannungsleitung samt Masten über die A 31, die am Mittwochabend fertig war. Bis zu 500 eigene Kräfte und 250 zusätzlich angeforderte externe Monteure arbeiteten laut Bericht seit Freitag ununterbrochen.
Für die Menschen vor Ort richteten DRK, Malteser, Johanniter, ASB und THW zentrale Anlaufstellen in Stadthallen und Vereinsheimen ein. Wer im Stau festsaß, bekam teils von Kräften des Katastrophenschutzes warme Getränke, so das BBK. Die befragten Stadtwerke bezeichneten die Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber insgesamt als gut.

Was nicht funktioniert hat
Die Kommunikation war die Schwachstelle. Die Bezirksregierung Münster hält rückblickend fest, dass viele Informationen damals über Mobiltelefone liefen, die Netze häufig zusammenbrachen und es an Dokumentation fehlte. Eines der befragten Stadtwerke meldete der Bundesnetzagentur eine sehr schleppende Kommunikation, weil die Telefonanlagen ausgefallen waren.
Auch die Vorplanung reichte nicht. Die Bundesnetzagentur empfahl als „lessons learned“, Störfallmaterial vorzuhalten, Notstromaggregate zu kartieren, Kommunikationsnetze vorbeugend aufzubauen und Ansprechpartner für den Katastrophenfall auszutauschen. Sie forderte eine bundesweite Übersicht über verfügbare Aggregate und Pläne, wo und mit welcher Leistung sie angeschlossen werden können.
Und das Ereignis war nicht so einmalig, wie es zunächst schien. Weil es in den 25 Jahren davor vergleichbare Schäden gegeben hatte – etwa 1980 in Oberbayern mit über 130 Mastschäden –, könne man nicht mehr von einem Jahrhundertereignis sprechen, so der Bericht. Der Netzbetreiber hatte das Münsterland bislang der Eislastzone I zugeordnet; die BAM empfahl, dort künftig mindestens Zone II anzusetzen.
Die Lehren der Berichte
Die Bundesnetzagentur forderte vor allem Änderungen an den Normen für Freileitungen: Einseitige Lasten sollten als Lastfall aufgenommen, Eislastzonen fest auf Karten verzeichnet werden. Sie wies aber selbst auf die Grenze hin: Neue Normen gelten nur für Neubauten, bestehende Leitungen genießen Bestandsschutz. Wirklich wirksam werde erst eine Regel, wie neuere Erkenntnisse bei Sanierungen alter Masten zu berücksichtigen sind.
Auf Seiten des Katastrophenschutzes begann das Innenministerium Nordrhein-Westfalen laut Bericht, ein Kataster aller Notstromaggregate aufzubauen. Die Bezirksregierung Münster nennt 20 Jahre später weitere Folgen: Krisenstäbe üben gezielter für Unwetterlagen und Stromausfälle, die Kontakte zu den Versorgern wurden ausgebaut, die Kommunikationsstrukturen verbessert.
Das BBK ordnet das Ereignis so ein: Bei einer Übung von Bund und Ländern 2004 hielten viele Fachleute einen extremen Stromausfall nach einem Wintersturm noch für sehr unwahrscheinlich. Danach befassten sich Forschung, Krisenmanagement und Notfallplanung deutlich intensiver mit großräumigen und lang andauernden Stromausfällen.
Was das für dich heißt
Der Bericht der Bundesnetzagentur endet mit einem Abschnitt „Eigene Vorsorge“. Trotz bester Vorkehrungen der Versorger könne ein Stromausfall im Katastrophenfall auch über längere Zeit nicht ausgeschlossen werden; das sei Grund genug, über eigene Vorsorge nachzudenken. Für landwirtschaftliche Betriebe und Gewerbe könne ein eigenes Notstromaggregat sinnvoll sein.
Aus dem Verlauf lassen sich drei Punkte ableiten, die über die Berichte hinausgehen und unsere Folgerung sind. Erstens: Im Winter trifft ein Stromausfall mit Kälte zusammen – wie du ohne Heizung warm bleibst, steht im Artikel „Warm bleiben ohne Heizung“. Zweitens: Wer abgelegen wohnt, bekam den Strom zuletzt zurück; dort lohnt ein größerer Vorrat. Drittens: Ein Radio mit Batterien hängt nicht an Mobilfunknetzen, die 2005 häufig zusammenbrachen.
- Vorrat für 10 Tage mit 2 Litern Trinkwasser pro Person und Tag, wie vom BBK empfohlen
- Warme Kleidung, Decken und Schlafsäcke für mehrere kalte Tage
- Licht und Radio mit Batterien, dazu Ersatzbatterien
- Wissen, wo in deiner Gemeinde Anlaufstellen eingerichtet werden
- Mit Tieren oder Gewerbe: Notstrom rechtzeitig mit Fachleuten planen, wie es die Bundesnetzagentur anregt
Tipp Was bei einem Stromausfall im Haushalt der Reihe nach ausfällt, erklärt „Stromausfall vorbereiten“. Wie ein mehrtägiger Winterausfall in einer Großstadt verlief, zeigt die Fallstudie zu Berlin im Januar 2026.
Häufige Fragen
Wie lange waren die Menschen im Münsterland ohne Strom?
Unterschiedlich lange. Große Teile waren nach gut zwei Tagen wieder versorgt, viele nach drei Tagen. Einige Höfe und Ortsteile waren laut DWD mehr als fünf Tage ohne Strom.
War der Thomasstahl schuld am Stromausfall?
Nicht allein. Laut Gutachten erklärt erst die Kombination aus nassem Schnee, Sturm, einseitiger Last und versprödetem Stahl den Schaden an dem untersuchten Mast. Auch neuere Masten ohne Thomasstahl knickten um.
Warum blieben die großen 380-Kilovolt-Leitungen stehen?
Die Bundesnetzagentur erklärt es mit den Bündelleitern: Mehrere gekoppelte Seile konnten sich nicht drehen, sodass sich der Nassschnee nicht rundherum anlagern konnte wie an einzelnen Seilen.
Kann so etwas wieder passieren?
Ja. Die Bundesnetzagentur schrieb 2006, ein solcher Störfall könne sich überall erneut ereignen. Maßnahmen könnten die Gefahr mindern, einen Störfall aber nicht völlig verhindern.
Quellen
- Untersuchungsbericht über die Versorgungsstörungen im Netzgebiet des RWE im Münsterland vom 25.11.2005 (Juni 2006, archivierte Fassung)Bundesnetzagentur · Ablauf und Dauer, Zahl der Betroffenen, Mastschäden, BAM-Gutachten, Aggregate, Stadtwerke, lessons learned, Normen, eigene Vorsorge
- Vor 20 Jahren: „Schneechaos“ im Münsterland (23.11.2025)Bezirksregierung Münster · Großschadensereignis in drei Kreisen, Krisenstab, rund 4.000 Helfer, Anlaufstellen, Kommunikationsprobleme, spätere Verbesserungen
- 15 Jahre Schneekatastrophe im Münsterland – Auswirkungen auf den Schutz Kritischer InfrastrukturenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Warme Getränke im Stau, Einordnung für Krisenmanagement und Forschung
- Als Strommasten umknickten – Das „Münsterländer Schneechaos“ (Thema des Tages, 23.11.2020)Deutscher Wetterdienst (DWD) · Schneemengen, Verkehr und Unfälle, Dauer des Stromausfalls für Höfe und Ortsteile
