Ende Mai und Anfang Juni 2024 regnete es über Südbayern und dem Osten Baden-Württembergs tagelang. An kleinen Donauzuflüssen zwischen Iller und Isar stiegen die Flüsse weit über das, was man als Jahrhunderthochwasser kennt. Diese Fallstudie fasst zusammen, was das Bayerische Landesamt für Umwelt, die Landesregierungen, der Deutsche Wetterdienst und eine Forschungsgruppe des KIT festgehalten haben – und sagt offen, wo amtliche Auswertungen dünn sind.
Das Wichtigste in Kürze
- In Bayern starben nach dem Bericht des Landesamts für Umwelt vier Menschen, eine Person galt weiter als vermisst.
- Der Wetterdienst gab am 29. Mai eine Vorabinformation heraus, die Wasserwirtschaft warnte ab dem 30. Mai öffentlich.
- Schutzanlagen hielten meist, wurden aber vielerorts überströmt – die Abflüsse lagen weit über ihrer Auslegung.
- Von über 4,1 Milliarden Euro geschätztem Schaden waren laut Staatsregierung nur etwa 2 Milliarden versichert.
- Eine öffentliche Auswertung der Warnung der Bevölkerung und der Evakuierungen haben wir nicht gefunden.
Was passiert ist: fünf Tage Regen auf nassen Boden
Südbayern hatte von November 2023 bis April 2024 das nasseste hydrologische Winterhalbjahr seit Beginn der 73-jährigen Beobachtungsreihe. Nach weiterem Regen im Mai waren die Böden vielerorts gesättigt, als ab dem 30. Mai eine Kette von Tiefdruckgebieten rund 72 Stunden Dauerregen brachte. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hält fest, dass in den betroffenen Regionen in nur fünf Tagen verbreitet mehr als 125 %, stellenweise mehr als 240 % eines normalen Mai-Niederschlags fielen.
Die Forschungsgruppe CEDIM am Karlsruher Institut für Technologie ordnet den 48-Stunden-Niederschlag auf einer Fläche von 7.000 bis 8.000 km² als seltener als ein hundertjährliches Ereignis ein. Im Mittel der betrachteten Pegel im Schwerpunkt – an Günz, Mindel, Kammel, Zusam, Schmutter, Paar und weiteren Flüssen – wurde der Abfluss eines statistischen Jahrhunderthochwassers um das 1,7-Fache übertroffen. An der Donau selbst blieb das Hochwasser groß, aber nicht extrem, weil in den Alpen vergleichsweise wenig Regen fiel, teils als Schnee.
Am Abend des 2. Juni und am 3. Juni folgten örtlich heftige Gewitter mit Sturzfluten, etwa im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg und im südlichen Oberbayern. Die Bayerische Staatsregierung fasst das Schadensereignis für Bayern und Baden-Württemberg auf den Zeitraum vom 30. Mai bis 11. Juni 2024 zusammen.
Die Folgen für Menschen und Häuser
Als gravierendste Folge nennt der wasserwirtschaftliche Bericht des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) vier Todesfälle in Bayern; eine weitere Person wurde bei Berichtserstellung noch vermisst. Auch in Baden-Württemberg kostete das Hochwasser nach Angaben der Landesregierung Menschenleben. Der CEDIM-Bericht vom 6. Juni 2024 nannte für beide Länder zusammen sechs bestätigte Todesopfer – ein früher, vorläufiger Stand.
In 18 bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Mehrere Zehntausend berufliche und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer waren im Einsatz, Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Nach dem LfU-Bericht entstanden Schäden nicht nur durch Oberflächenwasser, sondern vielerorts auch durch eindringendes Grundwasser.
In überfluteten Kellern schwammen Heizöltanks auf und liefen aus. Öl blieb oft im Keller stehen und wurde von Feuerwehren abgepumpt. Einige Wasserversorger mussten Brunnen in Flussauen außer Betrieb nehmen; Gesundheitsämter erließen Abkochgebote, in einem Fall wurde Trinkwasser per Tankwagen zum Hochbehälter gebracht.
Was funktioniert hat
Die Warnkette lief früh an. Der DWD gab am 29. Mai eine erste großflächige Vorabinformation zu Unwetter durch ergiebigen Regen heraus, am 30. Mai folgten konkrete Unwetterwarnungen, am 31. Mai die höchste Stufe für zwei Regionen. Die bayerische Wasserwirtschaft informierte am 29. Mai intern und am 30. Mai um 10 Uhr die Öffentlichkeit. Vom 29. Mai bis 12. Juni erschienen 87 Vorwarnungen, 250 Warnungen vor Ausuferungen und 120 Warnungen vor Überschwemmungen bebauter Gebiete.
Die Rückhalteanlagen wirkten. Staatliche Speicher, der Forggensee und staatliche Rückhaltebecken hielten laut LfU rund 95 Millionen Kubikmeter Wasser zurück, ohne dass Hochwasserentlastungen anspringen mussten. Das LfU schreibt, die seit 2001 umgesetzten Schutzmaßnahmen hätten viele Siedlungen wirkungsvoll geschützt oder Schlimmeres verhindert; an den Hochwasserschutzanlagen habe es – entgegen einzelner Falschmeldungen – keine Deich- oder Dammbrüche gegeben.
Für Baden-Württemberg hält die Landesregierung in einer Landtagsdrucksache fest, dass Dämme und Rückhaltebecken ihre Aufgabe zuverlässig erfüllt und trotz sehr hoher Abflüsse viele Überflutungen verhindert haben. Schäden seien entstanden, weil die Wasserstände an mehreren Gewässern weit über einem hundertjährlichen Hochwasser lagen.
Video: Hochwasserschutz: Wie Starkregen nicht zur Katastrophe wird | Gute Nachrichten vom Planeten | BR (Bayerischer Rundfunk) – BR-Beitrag (8 Minuten) über Allgäuer Gemeinden, deren Rückhaltebecken beim Hochwasser im Juni 2024 hielten. Zeigt ein Beispiel, keinen Überblick über ganz Bayern.
Hinweis Der LfU-Bericht nennt ein Beispiel für Einsatz unter Druck: Bei Auchsesheim gaben Einsatzkräfte einen aufweichenden Deich auf und errichteten am Ortsrand einen Notdeich, der die Bebauung trocken hielt.
Was nicht funktioniert hat
Die Befunde in diesem Abschnitt stammen aus dem LfU-Bericht; er betrachtet das Ereignis aus Sicht der Wasserwirtschaft. Viele Schutzanlagen waren auf ein hundertjährliches Hochwasser ausgelegt und wurden überströmt, etwa in Krumbach, ohne zu versagen. Wo es keinen Schutz für Siedlungen gab, etwa in Burgau und Offingen an der Mindel, ließen sich Überschwemmungen trotz größter Anstrengungen nicht verhindern. In Nordendorf versagte ein von Einsatzkräften errichteter Behelfsdeich; bei Heißesheim brach ein Sommerdeich zum Schutz landwirtschaftlicher Flächen, ausgelöst durch eine Biberröhre.
Die Vorhersage stieß an Grenzen: Die ungünstigsten Niederschlagsszenarien wurden regional noch übertroffen, und weil Modelle an früheren Ereignissen kalibriert sind, der Regenschwerpunkt diesmal aber anders lag, sollen sie nachkalibriert werden. An besonders betroffenen Pegeln ließen sich die extremen Scheitel nicht mehr in Abflüsse umrechnen. Das Personal war bis an die Grenzen gefordert; bei längeren Lagen rechnet das LfU mit Informationsdefiziten und fordert regelmäßige Übungen für einen größeren Personenkreis.
Offen gesagt: Uns ist keine veröffentlichte amtliche Gesamtauswertung des Katastrophenschutzes bekannt, die etwa die Warnung der Bevölkerung per Sirene oder Cell Broadcast, die Evakuierungen oder die Todesfälle untersucht. Einen Untersuchungsausschuss wie nach der Flut an der Ahr haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden.
Die Lehren der Berichte
Das LfU fasst zusammen: Technischer Hochwasserschutz bietet keinen hundertprozentigen Schutz. In Bayern wird er auf ein hundertjährliches Hochwasser mit 15 % Klimazuschlag ausgelegt. Weil Abflüsse die Bemessung deutlich überschritten, sollen Überlastfälle bei Planung und Sanierung konsequent berücksichtigt und Deiche erosionsstabiler gebaut werden.
Die Hochwassergefahrenkarten sollten bis Ende 2025 fortgeschrieben werden; seit Februar 2024 gibt es zudem eine Hinweiskarte Oberflächenabfluss und Sturzflut für Gefahren abseits von Flüssen. Bayern prüft eine dritte Warnkategorie für sehr große Hochwasser, wie sie andere Länder schon kennen. Das Kabinett beschloss am 30. Juli 2024 zusätzliche 30 Millionen Euro zur Reparatur beschädigter Schutzanlagen und startete zum 1. August den HOCHWASSER-CHECK, eine Beratung der Kommunen durch die Wasserwirtschaftsämter.
Baden-Württemberg verweist auf seine 2022 fortgeschriebene Hochwasserstrategie mit Klimazuschlag und auf kommunale Starkregenmanagementkonzepte, weil Starkregen überall auftreten kann. Beim Geld zeigt sich eine Lücke: Laut Antwort der Staatsregierung im Landtag waren von über 4,1 Milliarden Euro geschätztem Schaden in beiden Ländern nur etwa 2 Milliarden Euro versichert. Die Debatte um eine Pflichtversicherung und ihren aktuellen Stand erklärt der Artikel „Elementarschaden und Versicherung“.
Was das für dich heißt
Die folgenden Punkte sind unsere Schlussfolgerungen aus den Befunden, keine Aussagen der Berichte selbst. Der wichtigste Befund: Auch gut gebaute Deiche werden überströmt, wenn der Fluss weit über das Jahrhunderthochwasser steigt – und Starkregen trifft auch Orte ohne Fluss in der Nähe.
- Schau in die Hochwassergefahrenkarte und, wo es sie gibt, in eine Starkregen- oder Sturzflutkarte für deine Adresse. Wie du sie findest, steht im Artikel „Hochwasser und Starkregen“.
- Richte Warn-App und Radio mit Batterie ein. Die Warnungen der bayerischen Wasserwirtschaftsämter laufen laut LfU inzwischen auch über NINA und Katwarn.
- Betritt keinen Keller, in dem Wasser steigt. Strom und Strömung sind dort lebensgefährlich; Sachwerte lassen sich ersetzen.
- Hast du eine Ölheizung in einem Überschwemmungs- oder Risikogebiet, gelten nach § 78c Wasserhaushaltsgesetz Nachrüstpflichten. Kläre mit der Wasserbehörde, ob dein Tank hochwassersicher ist.
- Halte Trinkwasser vorrätig: 2 Liter pro Person und Tag. Nach einem Hochwasser können Abkochgebote gelten.
- Prüf, ob deine Wohngebäude- und Hausratversicherung Elementarschäden einschließt.
Tipp Wie sich die Lage seit 2002 und 2013 verändert hat, zeigt die Fallstudie zum Elbe- und Donauhochwasser; die Flut an Ahr und Erft 2021 behandelt eine eigene Fallstudie. Wie lange solche Lagen dauern, vergleicht „Wie lange echte Lagen dauerten“.
Häufige Fragen
War das Hochwasser 2024 schlimmer als 2013?
Das lässt sich so nicht sagen. Das LfU stuft es als großes Flussgebietshochwasser nach 1988, 1999, 2002, 2005 und 2013 ein. Der Unterschied: Der Regenschwerpunkt lag diesmal im Donauvorland statt an den Alpen, deshalb traf es vor allem kleinere Zuflüsse extrem.
Gab es Deichbrüche?
Laut LfU brachen an den Hochwasserschutzanlagen keine Deiche oder Dämme. Viele Anlagen wurden aber überströmt; im Bericht genannt sind außerdem der Bruch eines Sommerdeichs bei Heißesheim und das Versagen eines Behelfsdeichs in Nordendorf.
Was ist CEDIM?
Das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology ist eine Forschungseinrichtung am Karlsruher Institut für Technologie, keine Behörde. Sein Bericht entstand wenige Tage nach dem Ereignis und ist ausdrücklich vorläufig.
Wie hoch war der Schaden?
Bayern und Baden-Württemberg schätzten ihn im Antrag an den EU-Solidaritätsfonds auf über 4,1 Milliarden Euro, davon etwa 2 Milliarden versichert. Die Staatsregierung betont, dass es sich um vorläufige Schätzungen handelt.
Quellen
- Hochwasser Mai/Juni 2024 – Wasserwirtschaftlicher BerichtBayerisches Landesamt für Umwelt, 2025 · Todesfälle, Katastrophenfall, Warnungen, Rückhalt, Schutzanlagen, Heizöl, Trinkwasser, Handlungsbedarf (Kap. 13)
- Drucksache 19/3592 – Anfragen zum Plenum mit Antworten der Staatsregierung (Fragen 32–34)Bayerischer Landtag, 7. Oktober 2024 · Zeitraum 30. Mai bis 11. Juni 2024, Schaden über 4,1 Mrd. Euro, davon etwa 2 Mrd. versichert, vorläufige Schätzung
- Drucksache 17/7746 – Wiederaufbau von Infrastruktur nach UnwetterschädenLandtag von Baden-Württemberg, Stellungnahme des Innenministeriums, November 2024 · Schutzanlagen in Baden-Württemberg, Wasserstände über HQ100, Hochwasserstrategie 2022, Starkregenmanagement
- Bericht aus der Kabinettssitzung vom 30. Juli 2024Bayerische Staatsregierung · 30 Millionen Euro für Schäden an Schutzanlagen, Start des HOCHWASSER-CHECKs
- Hydro-klimatologische Einordnung der Stark- und Dauerniederschläge im Süden Deutschlands vom 30. Mai bis 03. Juni 2024Deutscher Wetterdienst, Juni 2024 · Niederschlag im Verhältnis zum Mai-Mittel, Ablauf der Unwetterwarnungen
- Außergewöhnliche Niederschläge und Hochwasser in Süddeutschland im Juni 2024 (Bericht Nr. 1)CEDIM, Karlsruher Institut für Technologie (Forschungseinrichtung), Stand 6. Juni 2024 · Wissenschaftliche, vorläufige Einordnung: Wiederkehrzeiten, Überschreitung HQ100, früher Stand der Todesopfer
