Am 3. Juni 1998 entgleiste bei Eschede im Landkreis Celle ein ICE bei Tempo 200 und prallte gegen eine Brücke, die einstürzte. 101 Menschen starben. Dieser Artikel fragt, wie die Rettung bei dieser Großschadenslage ablief, was trug und was nicht und warum Eschede als Anstoß für die psychosoziale Notfallversorgung gilt. Er stützt sich auf die Darstellung der Gemeinde Eschede, Auswertungen beteiligter Ärzte und Nachsorge-Fachleute und eine Schrift des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Bewertungen stammen aus diesen Quellen, nicht von uns. Namen von Opfern nennen wir nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- 101 Menschen starben, 96 davon an der Unglücksstelle; die Gemeinde Eschede nennt 88 Schwerverletzte.
- Escheder Bürger halfen als Erste; in der ersten Phase waren 1.889 Helfer und 39 Luftfahrzeuge vor Ort.
- Binnen drei Stunden waren 87 Verletzte geborgen, versorgt und auf dem Weg in die Kliniken.
- Als Probleme nennt die Auswertung Kommunikation, Dokumentation und den schweren Zugang in die Wagen.
- Eschede schärfte laut BBK den Blick für seelische Folgen – bei Betroffenen wie bei Einsatzkräften.
Was am 3. Juni 1998 passiert ist
Der ICE war auf dem Weg von München nach Hamburg. Nach der Darstellung der Gemeinde Eschede brach etwa sechs Kilometer vor dem Ort am hinteren Drehgestell des ersten Mittelwagens ein Radreifen. Er löste sich vom Rad und schlug immer wieder gegen die Betonschwellen. 200 Meter südlich von Eschede entgleiste der beschädigte Radsatz an einer Weiche.
Der Zug geriet ins Schlingern, ein Wagen riss die Pfeiler einer Brücke weg, und das Bauwerk stürzte ein. In knapp vier Sekunden türmten sich die folgenden Wagen, vom hinteren Triebkopf geschoben, vor dem Hindernis auf. Der vordere Triebkopf riss ab und kam erst nach zwei Kilometern zum Stehen.
96 Menschen starben in den Trümmern, fünf weitere in den folgenden Tagen im Krankenhaus. Die Gemeinde nennt 88 Schwerverletzte; das Fachbuch der Celler Unfallchirurgen spricht von 108 Verletzten insgesamt und vom schwersten Zugunglück in der Geschichte der Deutschen Bundesbahn. Warum der Radreifen brach, war Gegenstand eines langen Strafverfahrens. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Rettung und ihre Folgen.
Die ersten Minuten und Stunden
Als erste Helfer waren nach der Darstellung der Gemeinde Escheder Bürger wenige Minuten nach dem Unglück zur Stelle. Um 12:30 Uhr löste der Landkreis Celle Katastrophenalarm aus. Die Einsatzleitung wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Gasthauses eingerichtet.
Der Rettungsdienst des Landkreises stand nach der Auswertung des Celler Unfallchirurgen Ewald Hüls vor einem Schadensausmaß von bislang unbekannter Dimension. Zusammen arbeiteten die benachbarten Rettungsdienste verschiedener Organisationen, die Sanitätsdienste der Katastrophenschutzverbände sowie freiwillige Feuerwehren und Berufsfeuerwehren. Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Polizei und Bundesgrenzschutz unterstützten. In der ersten Phase waren laut Fachbuch 1.889 Helfer, 39 Luftfahrzeuge und 354 Kraftfahrzeuge vor Ort.
Die Bergung dauerte mehrere Tage. Große Betonteile der eingestürzten Brücke mussten mit Kränen beiseitegeräumt werden, Zugteile hatten sich tief in den Sand der Brückenrampe gebohrt. Erst nach sechs Tagen wurde die Unglücksstelle wieder für den Zugverkehr freigegeben.
Was getragen hat
Hüls zieht eine deutliche Bilanz: Innerhalb von drei Stunden waren 87 zum Teil schwerstverletzte Menschen geborgen, medizinisch versorgt und auf dem Weg in die weiterbehandelnden Kliniken. Die außergewöhnlich schnelle und hohe Präsenz von Rettungs- und Bergungskräften und vor allem die vielen Luftrettungsmittel hätten einen Versorgungsmangel vor Ort praktisch nicht entstehen lassen.
Das hatte eine bemerkenswerte Folge. Die Verletzten konnten nach seiner Darstellung annähernd individuell versorgt werden. Eine Triage im üblichen Sinn – die Entscheidung, wen man zuerst behandelt, weil nicht genug Hilfe für alle da ist – erübrigte sich, und eine Überlastung der nahen Kliniken wurde vermieden.
Hüls hält aber auch fest, dass die Rettung unter optimalen äußeren Bedingungen stattfand. Daraus folgt: Dass Eschede medizinisch so bewältigt wurde, lässt sich nicht einfach auf jede Großschadenslage übertragen. Das ist unsere Einordnung, nicht die des Autors.
Wo die Rettung an Grenzen stieß
Hüls nennt die Kommunikation am Einsatzort und die Dokumentation als Probleme, die sich bei Großschadenslagen erneut gezeigt hätten – bekannte Schwachstellen, auch in Eschede. Besonders kritisch war die technische Rettung: Die ICE-Reisewagen boten kaum Zugangs- und Eindringmöglichkeiten, um an die Menschen im Inneren heranzukommen.
Eine Besonderheit war die Koordination ziviler und militärischer Luftrettung. Dafür wurden die Leitstelle für den Such- und Rettungsdienst (SAR) und ein Koordinator vor Ort eingebunden. Der Luftraum über der Unglücksstelle und über nahe gelegenen militärischen Übungsplätzen musste gesperrt werden.
Das Fachbuch zum Einsatz behandelt neben Rettung und Führung auch Themen, die leicht übersehen werden: Notfallseelsorge, psychologische Einsatznachsorge, Öffentlichkeitsarbeit, die Lage in den Krankenhäusern sowie die Identifizierung der Toten. Auf die Rettung in den ersten Stunden folgten also Tage der Bergung und eine Nachsorge, die 1999 noch lief. Wie lange andere reale Lagen dauerten, zeigt der Artikel „Wie lange echte Lagen dauerten“.
Die unsichtbaren Folgen: Nachsorge für Einsatzkräfte
Nach einem Fachbeitrag von 1999 waren rund 1.900 Einsatzkräfte vor Ort. Das Ausmaß der emotionalen Belastung bei den Rettungs- und den mehrtägigen Bergungsarbeiten veranlasste Einzelpersonen und Organisationen aus ganz Deutschland, psychologische Betreuung für die Helfer anzubieten. Ein großer Teil davon wurde organisationsübergreifend in einer koordinierten Einsatznachsorge zusammengeführt.
Aus dieser ehrenamtlichen Hilfe wurde ein Einsatznachsorgeprojekt, das Bund und Land Niedersachsen finanzierten. Die Autoren aus der Koordinierungsstelle Einsatznachsorge in Celle, der Universität Freiburg und der DRK-Rettungsschule Niedersachsen leiteten daraus Forderungen für künftige Großschadensereignisse ab:
- eine eigene Organisationsstruktur für die Nachsorge entwickeln,
- Einsatznachsorge stärker in die Aus- und Fortbildung der Einsatzkräfte einbinden,
- Qualitätsstandards entwickeln und wissenschaftlich begleiten,
- die Nachsorge in die Katastrophenschutzpläne aufnehmen.
Was daraus für den Bevölkerungsschutz wurde
Das BBK nennt Eschede in einer Reihe mit dem Flugschauunglück von Ramstein 1988 und den Anschlägen vom 11. September 2001. Diese Ereignisse hätten das Bewusstsein für die psychosozialen Belange von Überlebenden, Angehörigen, Hinterbliebenen, Vermissenden und Einsatzkräften geschärft. Sie seien Ausgangspunkte für Betreuungsangebote gewesen, die heute die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) in Deutschland bestimmen. Eschede war also ein wichtiger Anstoß, aber nicht der einzige.
Gemeinsame Qualitätsstandards – eine der Forderungen von 1999 – gibt es inzwischen. In einem Konsensus-Prozess von 2007 bis 2010 einigten sich 120 Delegierte aus 45 Organisationen und Institutionen auf bundeseinheitliche Standards und Leitlinien. Nach Angaben des BBK ist die PSNV heute vielerorts fester Bestandteil der Versorgung nach schweren Unglücken und Katastrophen, und das Wissen hat sich durchgesetzt, dass nicht nur körperliche Verletzungen Versorgung brauchen.
Juristisch endete die Aufarbeitung 2003. Das Landgericht Lüneburg stellte das Strafverfahren gegen drei Ingenieure der Deutschen Bahn und eines Radreifenherstellers nach einem Bericht der taz im Mai 2003 gegen Geldauflagen von je 10.000 Euro ein, gegen den Protest von Hinterbliebenen. Eine strafrechtliche Schuld wurde damit nicht festgestellt – dieser Artikel fragt deshalb nach Abläufen, nicht nach Einzelnen.
Was das für dich heißt
Du prüfst keine Radreifen und leitest keinen Großeinsatz. Aus den Befunden lassen sich trotzdem einige Punkte für dich ableiten. Sie sind unsere Folgerung, nicht Teil der Auswertungen.
- Erste Hilfe zählt: In Eschede waren Menschen aus dem Ort die ersten Helfer. Wer die Grundlagen kann, überbrückt die Zeit bis zum Rettungsdienst – mehr in „Erste Hilfe: die Grundlagen“.
- Notruf, dann Platz machen: Rettungskräfte brauchen Zufahrten, Landeflächen und Überblick. Wer nicht gebraucht wird, hält Abstand und folgt den Anweisungen.
- Seelische Folgen ernst nehmen: Belastung nach einem schweren Ereignis betrifft Betroffene, Zeugen und Helfer. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche – mehr in „Psychische Belastung in der Krise“.
- Mitmachen: Getragen haben die Rettung auch freiwillige Feuerwehren und die Sanitätsdienste der Hilfsorganisationen. Wie du dich einbringen kannst, steht in „Ehrenamt im Bevölkerungsschutz“.
Tipp Lässt dich ein Erlebnis nicht los, sprich mit deiner Hausarztpraxis. Wer im Einsatz war, findet in vielen Organisationen eigene Angebote der Einsatznachsorge.
Häufige Fragen
Wie viele Menschen starben in Eschede?
101 Menschen: 96 an der Unglücksstelle, fünf später im Krankenhaus. Die Gemeinde Eschede nennt 88 Schwerverletzte, das Fachbuch der Celler Unfallchirurgen 108 Verletzte insgesamt.
Was war die Ursache?
Nach der Darstellung der Gemeinde brach am ersten Mittelwagen ein Radreifen. Der beschädigte Radsatz entgleiste an einer Weiche, der Zug prallte gegen eine Brücke, die einstürzte.
Wie viele Helfer waren im Einsatz?
In der ersten Phase laut Fachbuch 1.889 Helfer mit 39 Luftfahrzeugen und 354 Kraftfahrzeugen – von Rettungsdienst, Feuerwehren, Sanitätsdiensten, THW, Bundeswehr, Polizei und Bundesgrenzschutz.
Was hat Eschede mit psychosozialer Notfallversorgung zu tun?
Nach Eschede wurde psychologische Betreuung für die Einsatzkräfte organisationsübergreifend koordiniert. Das BBK zählt das Unglück zu den Ereignissen, die den Blick auf seelische Folgen schärften und die heutige PSNV prägten.
Wurde jemand verurteilt?
Nein. Das Strafverfahren gegen drei Ingenieure wurde nach einem Bericht der taz im Mai 2003 gegen Geldauflagen eingestellt. Eine strafrechtliche Schuld wurde damit nicht festgestellt.
Quellen
- ICE-UnglückGemeinde Eschede · Unfallhergang (Radreifenbruch, Entgleisung an der Weiche, Brückeneinsturz), 96 Tote vor Ort und 5 im Krankenhaus, 88 Schwerverletzte, Escheder Bürger als erste Helfer, Katastrophenalarm um 12:30 Uhr, Bergung über mehrere Tage, Freigabe nach sechs Tagen
- Die ICE-Katastrophe von Eschede: Erfahrungen und Lehren. Eine interdisziplinäre Analyse (Hrsg. E. Hüls, H.-J. Oestern, 1999)Springer (Fachbuch; Herausgeber: Klinik für Unfallchirurgie, Allgemeines Krankenhaus Celle) · 101 Tote und 108 Verletzte, 1.889 Helfer, 39 Luftfahrzeuge und 354 Kraftfahrzeuge in der ersten Phase; Themen Notfallseelsorge, Einsatznachsorge, Öffentlichkeitsarbeit, Krankenhaus, Identifizierung (Verlagsseite mit Inhaltsangabe)
- ICE-Katastrophe von Eschede (E. Hüls), Trauma und Berufskrankheit 2000Springer (Fachzeitschrift; Autor: Allgemeines Krankenhaus Celle) · Beteiligte Organisationen, 87 Verletzte binnen 3 Stunden versorgt, keine Triage im üblichen Sinn nötig, optimale äußere Bedingungen, Probleme bei Kommunikation, Dokumentation und Zugang in die Wagen, Luftrettungskoordination und Luftraumsperrung (Zusammenfassung)
- Einsatznachsorge beim ICE-Unglück in Eschede (Helmerichs, Bengel, Leonhardt), Notfall + Rettungsmedizin 1999Springer (Fachzeitschrift; Autoren u. a. Koordinierungsstelle Einsatznachsorge Celle) · Rund 1.900 Einsatzkräfte, emotionale Belastung, koordinierte Einsatznachsorge, von Bund und Land finanziertes Projekt, Forderungen für künftige Großschadensereignisse (Zusammenfassung)
- Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien Teil I und II (Praxis im Bevölkerungsschutz, Band 7, PDF)Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Vorwort: Ramstein 1988, Eschede 1998 und 11. September 2001 als Ausgangspunkte der PSNV; Konsensus-Prozess 2007–2010 mit 120 Delegierten aus 45 Organisationen
- Eschede-Prozess wird eingestellt (9. Mai 2003, Sekundärquelle, Journalismus/Reuters)taz · Einstellung des Strafverfahrens am Landgericht Lüneburg gegen drei Ingenieure gegen je 10.000 Euro Geldauflage, gegen den Protest von Hinterbliebenen
