Ein langer Stromausfall ist nicht ein Problem, sondern viele, die nacheinander kommen. Manches fällt in der ersten Minute aus, anderes erst, wenn Batterien, Tanks und Lager leer sind. Dieser Artikel ordnet die Abhängigkeiten zeitlich – nach dem Szenario, das das Büro für Technikfolgen-Abschätzung 2011 für den Bundestag durchgespielt hat, ergänzt um das, was sich seitdem geändert hat. Was im eigenen Haushalt ausfällt und wie du deinen Engpass findest, steht in eigenen Artikeln.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Bundestagsbericht von 2011 ist ein Szenario: mindestens zwei Wochen, mehrere Bundesländer – keine Prognose.
- Sofort weg: Heizungspumpe, Router, Geldautomat, Kartenzahlung, Tankstelle. Nach Minuten bis Stunden: Mobilfunk, Wasser.
- Nach Tagen werden Lebensmittel, Bargeld und Medikamente knapp, weil Nachschub und Notstrom enden.
- Seit März 2026 gilt das KRITIS-Dachgesetz. Es verpflichtet Betreiber zur Vorsorge, nicht Haushalte.
- Sorge nach Engpass vor, nicht nach Gerät: Wärme, Wasser, Information, Bargeld, Medikamente.
Ein Szenario, keine Vorhersage
Das deutsche Stromnetz ist sehr zuverlässig. Die Bundesnetzagentur hat für 2024 im Schnitt 11,7 Minuten Unterbrechung je Letztverbraucher ermittelt, das zehnjährige Mittel liegt bei 12,7 Minuten. In diese Kennzahl gehen allerdings nur ungeplante Unterbrechungen ein, die nicht auf höhere Gewalt wie Extremereignisse zurückgehen. Über seltene große Lagen sagt sie deshalb wenig.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hält fest, dass es großflächige, langanhaltende Stromausfälle in Deutschland bisher nicht gegeben hat. Weil fast alle Kritischen Infrastrukturen auf Energie angewiesen sind, ist ein solcher Ausfall trotzdem ein zentrales Szenario im Bevölkerungsschutz.
Die gründlichste Durchsicht dieses Szenarios stammt vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), veröffentlicht 2011 als Drucksache 17/5672. Es unterstellt einen Ausfall von mindestens zwei Wochen über das Gebiet mehrerer Bundesländer. Alles, was in diesem Artikel mit Zeitangaben steht, beschreibt diese Annahme – nicht, was bei jedem Stromausfall passiert, und nicht, wie es heute überall aussähe.
Hinweis Der TAB-Bericht ist eine Szenarioanalyse mit dem Wissensstand von 2010/2011. Für die Telekommunikation schreibt er selbst, seine Einschätzung sei mit zahlreichen Unsicherheiten behaftet.
Die Kette im Überblick
Die Tabelle fasst zusammen, wann im Szenario welcher Bereich ausfällt und woran er hängt. Die Zeiten sind Größenordnungen aus dem Bericht, keine festen Fristen. Wo ein Betreiber besser oder schlechter vorgesorgt hat, verschieben sie sich.
Auffällig ist das Muster: Zuerst fällt aus, was direkt am Netz hängt. Danach das, was von Pufferspeichern lebt – Batterien, Hochbehälter, Tanks. Zuletzt das, was Nachschub braucht: Waren, Bargeld, Arzneimittel, Treibstoff.
Video: Was tun bei Stromausfall – Vorsorge und Selbsthilfe (Bundesamt für Bevölkerungsschutz u. Katastrophenhilfe) – Erklärvideo des BBK (3:29): was bei einem Stromausfall alles mit ausfällt – von Geldautomaten und Kassen bis Heizung und Wasser – und wie du vorsorgst.
| Zeitraum im Szenario | Was ausfällt oder knapp wird | Woran es hängt |
|---|---|---|
| Sofort | Festnetzanschluss und Router, Geldautomaten, Kartenzahlung, Tankstellen, Heizung | Direkt am Stromnetz, meist ohne eigene Notstromversorgung |
| Minuten bis Stunden | Mobilfunk: Überlastung binnen Minuten, Akkupuffer der Masten 15 Minuten bis acht Stunden | Batterien der Basisstationen, gleichzeitiger Ansturm |
| Stunden bis ein Tag | Wasserdruck, zuerst in oberen Stockwerken und höher gelegenen Gebieten | Pumpen; Hochbehälter überbrücken, wo vorhanden, wenige Stunden bis zu einem Tag |
| Nach etwa 24 Stunden | Gesundheitswesen erheblich beeinträchtigt, die meisten Arztpraxen und Apotheken geschlossen | Strom für Geräte, Kühlung, Kommunikation |
| Nach einigen Tagen | Leere Regale, schließende Banken, Engpässe bei Bargeld | Notstrom der Lager, Lieferketten, Telekommunikation |
| Erste bis zweite Woche | Arzneimittel knapp, ungeheizte Wohnungen, zum Teil Wechsel in Sammelunterkünfte | Nachschub von außen, Treibstoff für Notstrom |
Sofort: was direkt am Netz hängt
Bei der Festnetztelefonie fallen laut Bericht sofort das digitale Endgerät und der Teilnehmeranschluss aus. Geldautomaten haben in der Regel weder eine unterbrechungsfreie Stromversorgung noch eine Netzersatzanlage und sind gleich zu Beginn außer Betrieb; ausgenommen ist nur eine sehr kleine Zahl von Automaten direkt an Bankgebäuden. Mit Karte zu zahlen ist umgehend nicht mehr möglich, weil die Terminals ausfallen. Wo ein Geschäft eine eigene Pufferung hat, geht es noch, solange die Festnetzleitungen halten – nach dem Bericht etwa bis zu acht Stunden.
Auch Tanken hängt am Strom: Wegen ausgefallener Pumpen kann an den Tankstellen nicht mehr getankt werden, und so gut wie keine Tankstelle verfügte 2011 über Notstrom. Im Szenario nimmt der private Autoverkehr deshalb nach den ersten 24 Stunden stark ab.
Die Heizung gehört ebenfalls in diese erste Reihe, auch wenn der Brennstoff da ist. Das BBK schreibt, ohne Fernwärme säßen die Menschen im Winter im Kalten. Die Expertenkommission zum Berliner Stromausfall im Januar 2026 hat es konkret beobachtet: Fernwärme und Gas standen an fast allen Häusern an, es fehlten allein der Zündfunke und wenige Watt für die Umwälzpumpe.
Achtung Eine Heizung oder die Hausinstallation selbst an ein Aggregat oder eine Powerstation anzuschließen, ist lebensgefährlich. Ob sich deine Heizung für Notstrom vorbereiten lässt, klärt ein Elektrofachbetrieb mit dem Netzbetreiber.
Nach Minuten bis Stunden: die Puffer laufen leer
Beim Mobilfunk sind nicht die Handys das Problem. Geladene Geräte können bei mäßigem Gebrauch einige Tage funktionieren. Die Basisstationen aber sind laut Bericht wegen des erhöhten Gesprächsaufkommens zumeist binnen weniger Minuten überlastet oder fallen wegen nur kurzfristig funktionierender Notstromversorgung ganz aus. Ihre Batterien können schon nach 15 Minuten erschöpft sein oder, je nach Betreiber und Standort, bis zu acht Stunden überbrücken. Was dann noch geht, beschreibt der Artikel „Mobilfunk und Internet fallen länger aus“.
Beim Wasser entscheidet die Technik vor Ort. Förderung, Aufbereitung und Verteilung brauchen elektrische Pumpen. Hochbehälter können, sofern sie im Netz vorhanden sind, den Druck nur wenige Stunden bis zu einem Tag halten. Nach dem Bericht ist ein Großteil der Wasserspeicher und Notstromkapazitäten allenfalls auf Störungen von wenigen Stunden ausgelegt. Höher gelegene Gebiete können ohne Pumpen gar nicht mehr versorgt werden.
Mit dem Wasser hängt das Abwasser zusammen. Abwasserhebepumpen sind oft nicht notstromgepuffert, sodass Abwasser aus den Kanälen austreten kann, und ohne Wasser funktioniert die Toilettenspülung nicht. Der Bericht nennt noch eine Folge, die man leicht übersieht: Das Brandrisiko steigt, auch durch Versuche in Haushalten, ohne Strom zu kochen, zu heizen oder zu beleuchten – und die Brandbekämpfung ist zugleich durch fehlendes Löschwasser erschwert.
Nach Tagen: wenn Nachschub und Notstrom enden
Die Lebensmittelindustrie fällt im Szenario zumeist sofort aus, die Belieferung der Lager ist unterbrochen. Nur wenige Lager können ihre Notstromversorgung länger als zwei Tage aufrechterhalten, und in den Filialen leeren sich die Regale innerhalb weniger Tage. Etwa die Hälfte der Filialen hatte nach einer im Bericht zitierten Untersuchung eine eigene Notstromversorgung, meist für Notbeleuchtung und oft für die Kassen. Den Handel nennt der Bericht das schwächste Glied der Lebensmittelversorgung.
Beim Geld verschiebt sich das Problem vom Automaten zum Schalter. Viele Banken, die zunächst geöffnet bleiben, schließen nach einigen Tagen, und die Bargeldversorgung der Bevölkerung droht zu kollabieren. Der Bericht bezeichnet die fehlenden elektronischen Bezahlmöglichkeiten und das versiegende Bargeld als Achillesferse des Finanzsektors – nicht die Rechenzentren der Banken, die lange durchhalten.
Im Gesundheitswesen ist die Funktionsfähigkeit schon nach 24 Stunden erheblich beeinträchtigt. Arzneimittel werden im Verlauf der ersten Woche knapper; besonders dramatisch wirken sich laut Bericht Engpässe bei Insulin, Blutkonserven und Dialysierflüssigkeiten aus. Rettungsdienste sind durch den Ausfall der Kommunikation von Notrufen weitgehend abgeschnitten. In der zweiten Woche suchen Menschen zum Teil Sammelunterkünfte auf, wenn die Wohnungen nicht mehr geheizt werden können.
Was heute anders ist – und was nicht
Seit dem 17. März 2026 ist das KRITIS-Dachgesetz in Kraft. Es gilt für Betreiber kritischer Anlagen in zehn Sektoren, darunter Energie, Wasser, Ernährung, Gesundheitswesen, Finanzwesen sowie Informationstechnik und Telekommunikation. Die Betreiber müssen Maßnahmen treffen, um Vorfälle zu verhindern, darauf zu reagieren und die kritische Dienstleistung nach einem Vorfall zügig wiederherzustellen. Als mögliche Maßnahme nennt das Gesetz ausdrücklich die Notstromversorgung.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Das Gesetz verlangt verhältnismäßige Maßnahmen und wägt den Aufwand gegen das Risiko ab, wirtschaftliche Aspekte sind zu berücksichtigen. Und es richtet sich an Betreiber, nicht an Haushalte. Wie weit es in der Fläche wirkt, zeigt sich erst mit Verordnungen und Umsetzung; Teile gelten erst ab 2030.
Der Berliner Ausfall vom Januar 2026 zeigt, dass die Grundlogik von 2011 trägt. Die Expertenkommission nennt das Stromnetz die Achillesferse der kritischen Infrastruktur; ein Stromausfall führe sehr schnell zu Einschränkungen bei Wärme, Wasser, Gas, Mobilfunk und Festnetz. Zugleich war manches milder als im Szenario: Die Trinkwasserversorgung bewertet die Kommission für Berlin als vergleichsweise krisensicher, und die Ernährung spielte kaum eine Rolle, weil der nächste Laden im Schnitt keine drei Kilometer entfernt lag. Die Kommission warnt selbst davor, aus einem Ausfall, der drei Prozent der Berliner betraf, lineare Schlüsse auf eine größere Lage zu ziehen. Die ganze Auswertung steht in der „Fallstudie Berlin 2026“.
Was das für dich heißt: nach Engpass vorsorgen, nicht nach Gerät
Aus der Kette folgt eine einfache Ordnung. Was sofort ausfällt, musst du ab der ersten Stunde ersetzen können: Wärme, Licht, Bargeld. Was von Puffern lebt, gibt dir ein paar Stunden Vorlauf: Wasser abfüllen und das Handy schonen, solange es noch geht. Was Nachschub braucht, deckt nur ein Vorrat: Essen, Medikamente, Batterien.
Der häufige Fehler ist, nach Geräten zu planen – erst die Powerstation, dann weitersehen. Die Kette zeigt, dass ein einzelnes Gerät selten den Engpass löst. Eine Powerstation im Wohnzimmer macht die Gasheizung nicht warm, und ein voller Kühlschrank hilft nicht, wenn das Wasser fehlt. Sinnvoller ist die Frage je Bereich: Wie viele Tage komme ich ohne Nachschub aus? Wie du das Blatt für Blatt ausfüllst, zeigt „Der Engpass zuerst: wie viele Tage du ohne Nachschub auskommst“.
Das BBK empfiehlt, sich für möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können, mit 2 Litern Wasser pro Person und Tag. Die Tabelle oben macht verständlich, warum die Zahl so hoch ist: Im Szenario wird es schon nach wenigen Tagen eng und gegen Ende der ersten Woche kritisch. Die meisten echten Ausfälle sind kürzer – wer zehn Tage im Blick hat, kommt durch sie ruhig hindurch.
- Sofort: Decken und warme Kleidung, Licht mit Batterien, Bargeld in kleinen Scheinen
- In den ersten Stunden: Gefäße mit Wasser füllen, Handy nur für das Nötige nutzen
- Für Tage: Wasser- und Lebensmittelvorrat, Medikamente mit ärztlich abgesprochenem Vorlauf
- Für Information: ein Radio mit Batterie oder Kurbel, Nummern und Treffpunkte auf Papier
Häufige Fragen
Passiert das bei jedem Stromausfall so?
Nein. Die Zeitleiste beschreibt ein Szenario von mindestens zwei Wochen über mehrere Bundesländer. Die meisten Ausfälle dauern Minuten oder Stunden, und dann fallen vor allem die Dinge aus der ersten Zeile aus.
Warum fällt der Mobilfunk früher aus als das Handy?
Weil die Masten Strom brauchen. Ihre Batterien reichen laut Bundestagsbericht 15 Minuten bis acht Stunden, und schon vorher sind sie durch den Ansturm oft überlastet. Das geladene Handy selbst hält bei mäßigem Gebrauch einige Tage.
Ist der Bericht von 2011 nicht veraltet?
In Einzelheiten ja: Netze, Notstrom und Recht haben sich verändert, seit März 2026 gilt das KRITIS-Dachgesetz. Die Grundlogik der Abhängigkeiten hat der Berliner Ausfall 2026 aber bestätigt. Lies die Zeiten als Größenordnung, nicht als Fahrplan.
Muss ich nach dem KRITIS-Dachgesetz selbst etwas tun?
Nein. Das Gesetz verpflichtet Betreiber kritischer Anlagen, nicht Privathaushalte. Die Empfehlung des BBK zur Eigenvorsorge für zehn Tage gilt unabhängig davon.
Quellen
- Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung (Drucksache 17/5672, 2011)Deutscher Bundestag, Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) · Szenario und Zeitverlauf: Telekommunikation, Zahlungsverkehr, Tankstellen, Wasser und Abwasser, Lebensmittel, Gesundheit, Sammelunterkünfte (Stand 2011)
- Energie – Ausfallfolgen: Was wäre wenn?Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Abhängigkeit fast aller Kritischen Infrastrukturen von Energie, bisher kein großflächiger langanhaltender Ausfall in Deutschland, Fernwärme
- KRITIS-Dachgesetz (KRITISDachG), insbesondere §§ 2, 4 und 13Bundesministerium der Justiz / gesetze-im-internet.de · In Kraft seit 17. März 2026, zehn Sektoren, Resilienzpflichten der Betreiber einschließlich Notstromversorgung, Verhältnismäßigkeit
- Resilienz in Berlin: Über die Funktionsfähigkeit der Kritischen Infrastruktur – Bericht der Expertenkommission (Juni 2026, PDF)Senatskanzlei Berlin · Stromnetz als Achillesferse, Wärme trotz anliegender Fernwärme und Gas nicht nutzbar, Trinkwasser und Ernährung in Berlin, Grenzen der Übertragbarkeit
- Versorgungsunterbrechungen Strom in 2024 gegenüber Vorjahr gesunkenBundesnetzagentur · 11,7 Minuten je Letztverbraucher 2024, zehnjähriges Mittel 12,7 Minuten, Kennzahl ohne höhere Gewalt
