Zahnschmerz ohne erreichbare Zahnarztpraxis gehört zu den Dingen, die eine lange Lage schnell unerträglich machen. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ zeigt, wie du Zähne und Zahnfleisch gesund hältst, wenn Drogerie und Zahnarzt ausfallen: was beim Putzen wirklich zählt, wie du Bürste und Zahnpulver selbst herstellst und warum Fluorid trotzdem in den Vorrat gehört. Er ersetzt keine zahnärztliche Behandlung – solange es sie gibt, geht Zahnschmerz dorthin.
Das Wichtigste in Kürze
- Entscheidend ist das gründliche Abreiben des Belags, nicht die Paste – notfalls reicht Wasser.
- Einmal täglich sorgfältig putzen ist laut Hesperian besser als oft und flüchtig.
- Ein Zweig mit zerkautem Ende ersetzt die Bürste, ein kräftiger dünner Faden die Zahnseide.
- Fluorid wirkt vor allem direkt am Zahn: fluoridhaltige Zahnpasta gehört in den Vorrat.
- Schwellung, Eiter und dicke Lymphknoten an einem kranken Zahn sind ein Grund für sofortige Hilfe.
Warum Zähne in einer langen Lage zählen
Karies entsteht nach dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) meist, wenn drei Dinge zusammenkommen: Zahnbelag, schlechte Mundhygiene und häufiger Zucker. Bakterien im Belag zersetzen Zucker aus Essensresten zu Säure, die den Zahnschmelz angreift. Schreitet die Karies fort, entstehen Löcher; erreicht sie Zahnnerv und Wurzel, schmerzt der Zahn, besonders bei Kaltem oder Süßem.
Die zweite große Gefahr ist das Zahnfleisch. Wird der bakterielle Belag nicht entfernt, kann sich das Zahnfleisch laut IQWiG schon innerhalb weniger Tage entzünden. Gerötetes, geschwollenes Zahnfleisch, das beim Putzen blutet, ist das typische Zeichen. Hält die Entzündung an, kann daraus eine Parodontitis werden, bei der sich mit der Zeit Zähne lockern.
Heute fängt die Zahnarztpraxis vieles früh ab. Fällt sie weg, wird aus einem kleinen Loch leicht ein Abszess. „Where There Is No Doctor“, ein Gesundheitshandbuch der gemeinnützigen US-Organisation Hesperian für Gegenden ohne Arzt, warnt, dass kranke Zähne zu ernsten Infektionen führen können, die auf andere Teile des Körpers übergreifen. Vorbeugen ist deshalb die wichtigste Zahnbehandlung, die dir ohne Praxis bleibt.
Video: Wie kommt es zu Karies? (Gesundheitsportal Bund) – Erklärfilm (4:17) des Gesundheitsportals des Bundes: wie aus Zahnbelag, schlechter Mundhygiene und häufigem Zucker Karies entsteht und wie man vorbeugt.
Das Wichtigste ist die Bürste, nicht die Paste
Hesperian ist in diesem Punkt deutlich: Zahnpasta ist nicht notwendig, Wasser genügt, wenn du gründlich reibst. Was die Zähne reinigt, ist nach „Where There Is No Doctor“ das Reiben von Zähnen und Zahnfleisch mit etwas Weichem, das ein wenig rau ist. Auch das IQWiG beschreibt es so: Das Putzen entfernt den bakterien- und säurehaltigen Belag.
Belag sitzt vor allem dort, wo Essensreste lange liegen bleiben. Das Schwesterbuch „Where There Is No Dentist“ nennt drei Verstecke: die Rillen auf den Kauflächen, die Zwischenräume und den Rand am Zahnfleisch. Nach IQWiG findet sich Belag vor allem am Übergang zwischen Zahn und Zahnfleisch; mit der Zunge fühlt er sich pelzig an.
- Von oben nach unten bürsten, nicht nur hin und her (Hesperian)
- Vorder- und Rückseite, Kauflächen und die hinteren Backenzähne mitnehmen
- Die Borsten oder Fasern in die Zwischenräume drücken und dort reiben
- Danach die gelösten Reste ausspülen
- Eine weiche Bürste verwenden – Hesperian rät ausdrücklich zu „weich“
Tipp Laut „Where There Is No Dentist“ ist es besser, die Zähne einmal am Tag sorgfältig zu reinigen als mehrmals schlecht. Solange Zahnpasta da ist, gilt die heutige Empfehlung der Zahnärzte nach IQWiG: mindestens zweimal täglich nach den Mahlzeiten.
Eine Zahnbürste selbst machen
Eine gekaufte Bürste ist nicht nötig. „Where There Is No Doctor“ zeigt einen Zweig als Bürste: Ein Ende wird so lange gekaut, bis sich die Fasern wie ein Pinsel auffächern, das andere wird angespitzt und reinigt die Zwischenräume. „Where There Is No Dentist“ beschreibt dieselbe Technik genauer – mit einem frischen, noch grünen und weichen Stück, etwa von jungem Bambus, kräftigem Gras oder der Rinde von Zuckerrohr.
Diese Pflanzen wachsen hier kaum. Welche heimischen Gehölze sich eignen, sagen die genutzten Quellen nicht; wer es ausprobiert, sollte nur Holz nehmen, das er sicher als ungiftig kennt, und die Fasern weich kauen, bevor er damit reibt.
Ohne passenden Zweig hilft ein Stück rauer Stoff. Hesperian beschreibt, ein Stück Frotteehandtuch um das Ende eines Stocks oder um den Finger zu wickeln und damit zu reiben. Auch die Fasern aus dem Inneren einer Kokosnussschale lassen sich zu einem Pinsel drehen.
Zahnpulver aus Salz und Natron
Für Zahnpulver nennt „Where There Is No Doctor“ ein einfaches Rezept: Salz und Natron (Natriumhydrogencarbonat) zu gleichen Teilen mischen. Damit es haftet, wird die Bürste vorher angefeuchtet und dann ins Pulver getaucht. Manche Menschen reiben ihre Zähne laut Hesperian auch mit Holzkohlepulver oder nur mit Salz.
Zwei Grenzen solltest du kennen. Erstens enthält dieses Pulver kein Fluorid und ersetzt deshalb die fluoridhaltige Zahnpasta nicht, es hilft nur beim Abreiben. Zweitens bewerten die hier genutzten Quellen nicht, wie stark Salz, Natron oder Kohle den Zahnschmelz abnutzen. Die vorsichtige Folgerung daraus: sanft reiben, nicht schrubben, und das Pulver eher als Hilfe betrachten als als Muss – Wasser allein reinigt nach Hesperian ebenfalls.
Eine Mischung aus warmem Wasser mit Salz und Natron empfiehlt „Where There Is No Doctor“ auch zum Spülen, etwa bei belegter Zunge während eines Fiebers. Für Mundspülungen und das Anfeuchten der Bürste nimmst du Wasser in Trinkwasserqualität; wie du es im Zweifel keimarm machst, steht im Artikel über Abkochen und Desinfizieren.
Fluorid: was es leistet und wie du vorsorgst
Fluorid macht nach dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) den Zahnschmelz widerstandsfähiger gegen Säuren und hemmt säurebildende Bakterien. Das IQWiG führt den Rückgang der Karies in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf bessere Mundhygiene und die verbreitete Fluoridzahnpasta zurück. Zur Kariesvorbeugung empfiehlt das BfR vor allem Fluorid direkt am Zahn, also in Zahnpflegemitteln. Übliche Zahnpasten enthalten laut BfR 1.000–1.450 ppm Fluorid.
Daraus folgt für die Vorsorge: Zahnpasta mit Fluorid gehört in den Vorrat, sie ist das eine Pflegemittel, das sich schwer selbst herstellen lässt. Eine Tube für jedes Familienmitglied ist schnell gelagert. In Deutschland ist außerdem Speisesalz mit Fluorid erhältlich, seit 1991 per Ausnahmegenehmigung, mit höchstens 0,31 mg Fluorid je Gramm Salz. Zugelassen ist es für den häuslichen Gebrauch als Speisesalz, nicht als Zahnpflegemittel.
Mehr ist nicht besser. Das BfR rät, Fluorid nicht als Nahrungsergänzung zu nehmen; auf der Packung von Fluoridsalz steht, dass weitere Fluoridpräparate nur auf ärztliche Empfehlung eingenommen werden sollen. Hesperian warnt, Fluorid sei giftig, wenn mehr als eine kleine Menge verschluckt wird, und gehöre außer Reichweite von Kindern. Das Trinkwasser selbst wird in Deutschland laut BfR nicht fluoridiert.
Zucker meiden und Zwischenräume reinigen
Zucker ist der Brennstoff der Karies. Hesperian rät, Süßes zu meiden und nach etwas Süßem sofort zu putzen; weiches, klebriges Essen bleibt besonders leicht an den Zähnen hängen. Das IQWiG nennt neben Süßigkeiten und Limonaden auch Fruchtsäfte und Ketchup als zuckerreiche Lebensmittel. In einer langen Lage, in der Zucker als Energie oder Trost zählt, heißt das: Süßes lieber zur Mahlzeit als den ganzen Tag über, und danach die Zähne reinigen.
Die Zwischenräume erreicht keine Bürste ganz. Das IQWiG nennt neben dem Putzen Zahnzwischenraumbürstchen und Zahnseide. Ohne Drogerie bleibt, was Hesperian beschreibt: ein kräftiger, dünner Faden, der zwischen den Zähnen hindurchgezogen wird, oder das angespitzte Ende des Kauholzes. Anfangs blutet es dabei laut „Where There Is No Doctor“ stark, doch bald wird das Zahnfleisch gesünder und blutet weniger.
Zahnfleischbluten hat nach Hesperian zwei häufige Ursachen: zu seltenes Reinigen und zu wenig nahrhaftes Essen. Eier, Fleisch, Bohnen, dunkelgrünes Gemüse und Obst wie Tomaten schützen. Wie ein Vitamin-C-Mangel das Zahnfleisch angreift, beschreibt der Artikel über Mangelkrankheiten.
Babys und Kinder
Milchzähne sind nach IQWiG empfindlicher als bleibende Zähne. Hesperian rät, mit dem Putzen zu beginnen, sobald die ersten Zähne erscheinen, und Kindern später beim Selbstputzen zuzusehen. Größeren Babys keine Flasche zum Dauernuckeln geben: Das ständige Saugen badet die Zähne in süßer Flüssigkeit.
Für fluoridhaltige Zahnpasta gelten bei Kleinkindern genaue Mengen, weil sie Zahnpasta noch nicht zuverlässig ausspucken. Das Netzwerk Gesund ins Leben, das beim Bundeszentrum für Ernährung angesiedelt ist, empfiehlt von 12 bis unter 24 Monaten zweimal täglich höchstens eine reiskorngroße Menge (0,125 g) Zahnpasta mit 1.000 ppm Fluorid, von 2 bis 6 Jahren zweimal täglich höchstens eine erbsengroße Menge (0,25 g). Die Eltern tragen die Paste auf und putzen mit. Für das erste Lebensjahr gibt es zwei Wege mit oder ohne Fluoridtablette, die heute mit Kinder- oder Zahnarztpraxis abgesprochen werden.
Wann es ein Notfall ist
Ein Loch im Zahn ist ernst zu nehmen, bevor es schmerzt. Hesperian rät, dann Süßes zu meiden, nach jeder Mahlzeit gründlich zu putzen und den Zahn so früh wie möglich füllen zu lassen. Eine Zahnschmerz-Linderung beschreibt „Where There Is No Doctor“ so: das Loch von Essensresten befreien und den Mund mit warmem Salzwasser spülen.
Wie mit Zahnschmerz, Abszess und dem Ziehen eines Zahns umzugehen ist, wenn niemand hilft, ist ein eigenes Thema dieser Reihe mit eigenen Warnhinweisen. Hier nur die Schwelle, ab der du nicht abwarten solltest.
Achtung Gefahr: Ein Abszess entsteht, wenn die Infektion die Wurzelspitze erreicht und sich Eiter sammelt. Hesperian nennt Schwellung, Eiter und große, druckempfindliche Lymphknoten als Zeichen einer schweren Zahninfektion und rät, einen Abszess sofort behandeln zu lassen – bevor die Infektion in den Knochen oder auf andere Körperteile übergreift. Heute gilt: Solche Beschwerden gehören umgehend in eine Zahnarztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten in den zahnärztlichen Notdienst. Ob und welches Antibiotikum nötig ist, entscheidet die Zahnärztin, der Zahnarzt oder die Arztpraxis, nicht der Vorrat.
Häufige Fragen
Kann ich ohne Zahnpasta überhaupt richtig putzen?
Ja. Laut Hesperian reinigt das Reiben die Zähne, nicht die Paste; Wasser genügt, wenn du gründlich bist. Fluorid fehlt dann aber, deshalb gehört Fluoridzahnpasta in den Vorrat.
Ist Zahnpulver aus Salz und Natron schädlich für den Zahnschmelz?
Die hier genutzten Quellen bewerten den Abrieb nicht. Hesperian nennt die Mischung zu gleichen Teilen als Zahnpulver; sanft reiben ist die vorsichtige Wahl.
Kann ich Fluoridsalz als Zahnpulver nehmen?
Dafür ist es nicht gedacht. Das BfR beschreibt Fluoridsalz als Speisesalz für den häuslichen Gebrauch; für Fluorid direkt am Zahn empfiehlt es Zahnpflegemittel.
Das Zahnfleisch blutet beim Reinigen – aufhören?
Nein. Zahnfleischbluten ist nach IQWiG ein typisches Zeichen einer Entzündung durch Belag. Hesperian beschreibt, dass es mit regelmäßigem Reinigen bald weniger blutet.
Quellen
- Where There Is No Doctor, Kapitel 17: The Teeth, Gums, and Mouth (PDF)Hesperian Health Guides (gemeinnützige Organisation, USA) · Zucker, Putzrichtung, Zweig und Stoff als Bürste, Zahnpulver aus Salz und Natron, Fluorid-Warnung, Flasche, Zahnfleischbluten, Faden, Abszesszeichen
- Where There Is No Dentist: Clean Your Teeth Every DayHesperian Health Guides (gemeinnützige Organisation, USA) · Drei Verstecke, einmal sorgfältig statt oft schlecht, weiche Bürste, Kauholz aus Bambus, Gras oder Zuckerrohr, Kokosfaser, Wasser genügt
- KariesInstitut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de · Entstehung, Symptome, Milchzähne, zweimal täglich putzen, Fluorid, zuckerreiche Lebensmittel
- Zahnfleischentzündung und ParodontitisInstitut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de · Belag als Ursache, Entzündung binnen weniger Tage, Zahnfleischbluten, Zwischenraumbürstchen und Zahnseide
- Fluorid – Ein wichtiger Baustoff für die Zähne (FAQ, PDF)Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) · Wirkung, lokale Anwendung, Gehalt üblicher Zahnpasten, Fluoridsalz seit 1991 und Höchstgehalt, keine Nahrungsergänzung, Trinkwasser nicht fluoridiert
- Kariesprävention im Säuglings- und frühen Kindesalter: EmpfehlungenNetzwerk Gesund ins Leben (Bundeszentrum für Ernährung) · Zahnpastamengen und Fluoridgehalt nach Alter, Eltern dosieren, erstes Lebensjahr
