Zum Inhalt springen

Gesundheit

Mangelkrankheiten: Skorbut, Rachitis, Pellagra

Wenn der Speiseplan dauerhaft einseitig wird, kehren alte Krankheiten zurück. Was fehlt, woran man es merkt und wie der Vorrat vorbeugt.

9 Min. LesezeitEinstiegStand: 25. September 2026
Historische medizinische Aquarellzeichnung eines Beins mit sichtbaren Hautveränderungen bei Skorbut.
Historische medizinische Illustration aus dem 19. Jahrhundert: Skorbut zeigt, wie schwer ein länger anhaltender Vitamin-C-Mangel werden kann.Foto: William Alfred Delamotte (Wellcome Collection) · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Satt werden ist in einem langen Versorgungsausfall die erste Aufgabe – aber nicht die einzige. Wer monatelang nur von Mehl, Reis oder Mais lebt, bekommt genug Kalorien und trotzdem zu wenig Vitamine. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt die klassischen Mangelkrankheiten, wie schnell sie entstehen und welche Lebensmittel sie verhindern. Er ist kein Werkzeug zur Selbstdiagnose: Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, solange es Ärztinnen und Ärzte gibt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mangelkrankheiten entstehen durch einseitige Kost über Wochen bis Monate, nicht durch ein paar schlechte Tage.
  • Skorbut: Ohne jedes Vitamin C reichen die Körpervorräte laut WHO nur etwa 2–3 Monate.
  • Kartoffeln, Hagebutten und gekeimte Hülsenfrüchte liefern Vitamin C auch ohne Frischobst.
  • Mais ohne Kalkbehandlung als Hauptnahrung führt zu Pellagra, weißer Reis allein zu Beriberi.
  • Vitamin-A- und Vitamin-D-Präparate können überdosiert werden – Vorsorge läuft über Lebensmittel.

Warum einseitige Kost krank macht

In den ersten Wochen eines Ausfalls zählt vor allem, dass genug zu essen da ist. Dauert die Lage an, verschiebt sich das Problem: Getreide, Reis und Mais halten sich gut und machen satt, liefern aber manche Vitamine kaum oder gar nicht. Frisches Obst, Gemüse, Milch und Fisch fehlen dann genau dort, wo sie am meisten gebraucht werden.

Die WHO hat für Notlagen eigene Leitfäden zu Skorbut, Pellagra und Thiaminmangel herausgegeben, weil diese Krankheiten in Flüchtlingslagern mit einseitigen Hilfsrationen immer wieder aufgetreten sind. Das Muster ist jedes Mal ähnlich: Eine Grundnahrung dominiert, eine Ergänzung fällt weg, und nach einigen Monaten zeigen sich die ersten Fälle.

Die gute Nachricht steckt in denselben Berichten. Laut WHO treten Mangelkrankheiten bei einer mäßig abwechslungsreichen Kost im Allgemeinen nicht auf. Vorbeugen heißt also nicht, Präparate zu horten, sondern den Speiseplan so zu planen, dass jede Grundnahrung ihren Ausgleich bekommt.

Skorbut: wenn das Vitamin C fehlt

Skorbut ist die bekannteste Mangelkrankheit. Laut WHO reichen die Vorräte des Körpers bei einer Kost ganz ohne Vitamin C nur etwa 2–3 Monate. In Lagern für äthiopische Flüchtlinge im Osten des Sudan und im Norden Somalias wurden die ersten Fälle 3–10 Monate nach der Ankunft gemeldet, im Mittel nach 4 Monaten.

Vor dem sichtbaren Skorbut steht eine Phase mit unklaren Beschwerden: Mattigkeit, Schwäche und Reizbarkeit, dumpfe Schmerzen in Muskeln oder Gelenken der Beine sowie Gewichtsverlust. Später kommen nach WHO Blutungen, geschwollene Gelenke, geschwollenes und blutendes Zahnfleisch, Wassereinlagerungen und eine verhornte, raue Haut um die Haarfollikel hinzu. Keines dieser Zeichen ist für sich eindeutig – genau deshalb ist Selbstdiagnose unzuverlässig.

Säuglinge sind geschützt, solange sie voll gestillt werden: Muttermilch deckt laut WHO ihren Bedarf, Skorbut im Säuglingsalter tritt nur bei nicht gestillten Kindern auf.

Historisch ist Skorbut die Krankheit der Seefahrt. 1747 teilte James Lind an Bord eines britischen Marineschiffs zwölf erkrankte Seeleute in Zweiergruppen und gab jeder Gruppe ein anderes Mittel, von Apfelwein über Essig bis Meerwasser. Die Gruppe mit zwei Orangen und einer Zitrone am Tag besserte sich nach 6 Tagen. Das Beispiel zeigt, wie schnell die richtige Nahrung wirkt – und wie wenig die gut gemeinten Hausmittel halfen.

Vitamin C ohne Südfrüchte

Wer keine Zitrusfrüchte hat, ist nicht verloren. Die WHO nennt als Tagesbedarf 30 mg und hält fest, dass schon 6,5–10 mg am Tag vor Skorbut schützen. Die 30 mg deckt nach WHO eine große Portion Kartoffeln von 120 g oder eine kleine Portion von 50 g guten Blattgemüses – je nach Lagerung und Zubereitung.

Kartoffeln sind kein besonders reicher Lieferant, aber sie werden in großen Mengen gegessen. Laut WHO war Skorbut um 1800 in vielen Teilen Schottlands verschwunden, als Kartoffeln zur Alltagskost wurden, und kehrte während der großen Hungersnot von 1845–1848 zurück, als die Ernten ausfielen. Auch gekocht liefert eine Portion nach WHO etwa 5–40 mg.

Vitamin C ist empfindlich: Die WHO beschreibt es als leicht oxidierbar und durch Hitze und Sonnenlicht zerstörbar. Gemüse verliert beim Kochen viel davon, roh Gegessenes behält mehr. Die folgende Liste fasst zusammen, was die WHO als Quellen ohne Südfrüchte nennt.

Gekeimte grüne Linsen in einem Sieb, aus vielen Körnern ragen kleine weiße Keimspitzen.
Gekeimte Linsen: Beim Keimen bildet sich Vitamin C – den Keim nicht wegwerfen.Foto: Veganbaking.net from USA · CC BY-SA 2.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten
  • Kartoffeln: nicht reich, aber als Hauptnahrung ein großer Beitrag
  • Hagebutten und viele Beeren: laut WHO über 300 mg je 100 g
  • Grünes Blattgemüse: sehr unterschiedliche Gehalte, viel geht beim Kochen verloren
  • Gekeimte Hülsenfrüchte: trockene Samen enthalten praktisch kein Vitamin C, beim Keimen bildet es sich fast sofort – die Höchstmenge ist nach etwa 48 Stunden erreicht
  • Historisch: junge Triebe von Nadelbäumen galten als wirksam, vergorenes Fichtenbier dagegen enthielt praktisch kein Vitamin C mehr

Tipp Getrocknete Erbsen, Bohnen oder Linsen im Vorrat sind im Winter eine Vitamin-C-Quelle, wenn du sie keimen lässt. Den Keim nicht wegwerfen – laut WHO steckt das Vitamin gerade im wachsenden Spross.

Rachitis und Osteomalazie: Vitamin D und Sonne

Vitamin D ist ein Sonderfall: Der Körper bildet es vor allem selbst, wenn Sonnenlicht auf die Haut fällt. Laut BfR trägt diese Eigenbildung bei ausreichender Sonne 80–90 Prozent zur Versorgung bei. Nach heutigem Wissen genügt es, mehrmals in der Woche Gesicht, Hände und Arme je nach Hauttyp und Jahreszeit etwa 5–25 Minuten unbedeckt der Sonne auszusetzen – ohne Sonnenbrand.

In Deutschland ist die Sonne laut BfR von Oktober bis März nicht stark genug. Der Körper speichert Vitamin D aber im Fett- und Muskelgewebe, das hilft über den Winter. Aus der Nahrung kommt nur wenig: nennenswert vor allem in fettem Fisch wie Hering, Makrele oder Lachs, in geringerem Maß in Eiern, Champignons, Rinderleber, Käse, Butter und Milch.

Fehlt Vitamin D bei Säuglingen und Kindern lange und schwer, werden die Wachstumsfugen nicht ausreichend mineralisiert: Das ist Rachitis. Bei Erwachsenen sind die Wachstumsfugen geschlossen, dort entsteht Osteomalazie, also weicher Knochen, der sich unter Belastung verformen kann. „Where There Is No Doctor“ nennt als Risiko Kinder, die selten in der Sonne sind, und Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft zu wenig Vitamin D hatten.

Für die Lage danach heißt das: Tageslicht ist Teil der Versorgung. Wer lange in dunklen Räumen ausharrt, alt, bettlägerig oder ganz verhüllt ist, braucht besondere Aufmerksamkeit. Das BfR nennt gerade ältere Menschen, die kaum ins Freie kommen, als Risikogruppe.

Pellagra: wenn Mais allein satt macht

Pellagra entsteht durch zu wenig Niacin oder seine Vorstufe Tryptophan. Die WHO beschreibt eine typische Hautentzündung an den Stellen, die der Sonne ausgesetzt sind – Handrücken, Unterarme, Nacken –, dazu einen wunden Mund, Magen-Darm-Beschwerden und Durchfall. Die bekannte Formel der „drei D“ für Dermatitis, Durchfall und Demenz hält die WHO selbst für irreführend: Durchfall fehlt oft, Demenz ist selten, Niedergeschlagenheit dagegen häufig.

Klassisch hängt Pellagra an Mais. Im Mais ist das Niacin laut WHO fest gebunden und deshalb beim Essen kaum verfügbar; außerdem ist Maiseiweiß arm an Tryptophan. In Mittelamerika wird Mais seit langem vor dem Tortilla-Backen in Kalkwasser eingeweicht. Diese milde Laugenbehandlung setzt das gebundene Niacin frei und schützt nach WHO dort vor Pellagra – zusammen mit Bohnen, deren Niacin gut verfügbar ist.

In Europa kam der Mais ohne dieses Verfahren an, und mit ihm die Pellagra. In den Südstaaten der USA wurde sie nach 1906 zum großen Problem: Laut WHO gab es 1907 bis 1911 in acht Staaten fast 16.000 Fälle mit einer Sterblichkeit von 39,1 Prozent, vor allem bei armen Menschen, die fast nur Mais mit Speck, Schmalz und Melasse aßen. Erst 1917 gelang es Joseph Goldberger nachzuweisen, dass es sich um eine Mangelkrankheit handelt und nicht um eine Infektion.

Dass der Ausgleich wirkt, zeigt ein Fall aus Malawi: Als 1989 die Erdnüsse aus den Rationen mosambikanischer Flüchtlinge gestrichen wurden, traten nach WHO vier Monate später Pellagra-Fälle auf. Sie gingen zurück, sobald die Erdnüsse wieder verteilt wurden. Milch und andere tierische Lebensmittel schützen wegen ihres Tryptophans ebenfalls.

Kurz: Beriberi, Kropf und Nachtblindheit

Beriberi ist der Mangel an Vitamin B1 (Thiamin). Die WHO verbindet ihn klassisch mit einer Kost vor allem aus poliertem Reis, aber auch aus stark ausgemahlenem Weizenmehl. Der Körper speichert kaum Thiamin: Erste Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Schwäche und Brennen in Händen und Füßen treten laut WHO nach 2–3 Wochen auf, ein echter Mangel kann sich innerhalb von 12 Wochen entwickeln. Die schwere Form befällt Nerven oder Herz.

Das meiste Thiamin sitzt im Keim und in den Randschichten des Korns. Hochpolierter weißer Reis enthält nach WHO nur etwa 0,08 mg je 100 g, Naturreis 0,33 mg, Hülsenfrüchte 0,40–0,80 mg. Wird der Reis gewaschen und das Kochwasser weggegossen, geht noch mehr verloren. 200 g Vollkornbrot liefern laut WHO etwa die Hälfte des Tagesbedarfs, 200 g Weißbrot nur ein Zehntel.

Ein Kropf ist eine Vergrößerung der Schilddrüse, meist durch Jodmangel. „Where There Is No Doctor“ warnt, dass Jodmangel in der Schwangerschaft das Kind schädigen kann, auch wenn die Mutter keinen Kropf hat. Vorbeugung ist Jodsalz, dazu Meeresfisch, Meeresfrüchte und Seetang.

Nachtblindheit ist oft das erste Zeichen von Vitamin-A-Mangel, am häufigsten bei Kindern zwischen 1 und 5 Jahren. Unbehandelt kann er laut „Where There Is No Doctor“ zur Austrocknung des Auges und zur Erblindung führen. Vitamin A steckt in dunkelgrünem Blattgemüse, gelbem und orangem Obst und Gemüse wie Kürbis, in Vollmilch, Eiern und Leber.

Vorbeugen mit Vorrat und Garten

Aus allen Beispielen folgt dieselbe Regel: Jede Grundnahrung braucht einen Partner. Die Tabelle fasst zusammen, was die Quellen nennen. Für dauerhaftes Selbstversorgen sind Kartoffeln und Hülsenfrüchte die wichtigsten Bausteine – wie du sie anbaust und lagerst, steht in den Artikeln „Kartoffeln: warum eine Knolle Europa ernährt hat“ und „Hülsenfrüchte und Stickstoff“.

Beobachte in einer langen Lage nicht nur die Menge, sondern die Vielfalt: Wie viele Wochen gab es schon nichts Frisches? Wer im Haushalt ist kaum draußen? Treten Zahnfleischbluten, neue Hautveränderungen, Nachtblindheit oder anhaltende Schwäche auf, ist das ein Grund, den Speiseplan zu ändern und ärztlichen Rat zu suchen – nicht, auf eigene Faust Präparate hoch zu dosieren.

Grundnahrung und ihr Ausgleich nach WHO, BfR und Hesperian
Wenn vor allem … gegessen wirddrohtAusgleich
Getreide, Mehl, Konserven ohne FrischesSkorbutKartoffeln, Keimlinge, Hagebutten, Beeren, Blattgemüse
Mais ohne KalkbehandlungPellagraBohnen, Erdnüsse, Milch; Mais in Kalkwasser einweichen
polierter Reis, WeißmehlBeriberiHülsenfrüchte, Vollkorn, Naturreis; Kochwasser mitverwenden
wenig Sonne, kein FischRachitis, OsteomalazieTageslicht auf die Haut, fetter Fisch, Eier
kein Jodsalz, kein MeeresfischKropfJodsalz bevorraten, Meeresfisch, Seetang
kein Grün, keine tierischen LebensmittelNachtblindheitBlattgemüse, Kürbis, Vollmilch, Eier, Leber

Achtung Rechtslage heute: Für Vitamin D in Nahrungsergänzungsmitteln gibt es laut BfR bislang keine gesetzlichen Höchstmengen, und die Mengenangabe auf der Packung darf bis zu 50 Prozent vom tatsächlichen Gehalt abweichen. Gefahr: Vitamin D lässt sich durch Sonne nicht überdosieren, wohl aber durch Präparate – laut BfR bei langfristig mehr als 100 Mikrogramm am Tag, mit zu hohem Calcium im Blut, Nierensteinen und bleibendem Nierenschaden. Zu viel Vitamin A ist nach „Where There Is No Doctor“ giftig und kann Fehlbildungen beim ungeborenen Kind verursachen. Zuständig: Verdacht auf einen Mangel klärt die Arztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten der Bereitschaftsdienst unter 116 117; welches Präparat in welcher Menge, entscheidet sie oder die Apotheke.

Häufige Fragen

Reicht eine Multivitamintablette statt frischer Lebensmittel?

Für kurze Zeit kann sie Lücken füllen, ersetzt aber keine Planung. Das BfR warnt vor Vitamin-D-Überdosierung durch Präparate, „Where There Is No Doctor“ vor zu viel Vitamin A. Welches Präparat passt, klärst du in Apotheke oder Arztpraxis.

Wie schnell bekommt man Skorbut?

Laut WHO reichen die Vitamin-C-Vorräte bei einer Kost ganz ohne Vitamin C nur etwa 2–3 Monate. In Flüchtlingslagern traten die ersten Fälle im Mittel 4 Monate nach der Ankunft auf.

Schützt Sauerkraut vor Skorbut?

Die hier genutzten WHO-Unterlagen nennen es nicht. Belegt sind Kartoffeln, Hagebutten, Beeren, Blattgemüse und gekeimte Hülsenfrüchte – darauf solltest du dich bei der Planung stützen.

Kann ich Mais aus dem Vorrat bedenkenlos essen?

Als Teil einer gemischten Kost ja. Gefährlich wird Mais laut WHO erst als fast einzige Nahrung ohne Kalkbehandlung. Bohnen, Erdnüsse oder Milch dazu gleichen das aus.

Quellen

  1. Scurvy and its prevention and control in major emergencies (WHO/NHD/99.11)World Health Organization (WHO) · Vorräte 2–3 Monate, Zeitverlauf in Lagern, Symptome, Bedarf, Kartoffeln, Hagebutten, Keimlinge, Lind 1747, Schottland und Hungersnot
  2. Pellagra and its prevention and control in major emergencies (WHO/NHD/00.10)World Health Organization (WHO) · Symptome, gebundenes Niacin im Mais, Kalkwasser, US-Südstaaten, Goldberger 1917, Malawi
  3. Thiamine deficiency and its prevention and control in major emergencies (WHO/NHD/99.13)World Health Organization (WHO) · Beriberi, polierter Reis und Weißmehl, Zeitverlauf, Thiamingehalte, Verlust beim Waschen
  4. Vitamin D – Sonne und Bewegung fördern eine gute VersorgungBundesinstitut für Risikobewertung (BfR) · Eigenbildung, Oktober bis März, Speicher, Lebensmittel, Rachitis und Osteomalazie, Überdosierung, keine Höchstmengen
  5. Where There Is No Doctor, Kapitel 11: Nutrition (PDF)Hesperian Health Guides · Rachitis bei Kindern, Kropf und Jodmangel, Pellagra bei Maiskost
  6. Where There Is No Doctor, Kapitel 16: The Eyes (PDF)Hesperian Health Guides · Nachtblindheit und Vitamin-A-Mangel, Lebensmittel, Warnung vor zu viel Vitamin A