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Haushalt & Familie

Kinder unterrichten ohne Schule: Lesen, Rechnen, Alltag

Wenn Schulen dauerhaft ausfallen: was Kinder zuerst brauchen, wie ein einfacher Lernplan nach Alter aussieht und was heute rechtlich gilt.

7 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 26. September 2026

Was passiert mit der Bildung der Kinder, wenn es keine Schule mehr gibt – nicht für ein paar Wochen, sondern auf Dauer? Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ ordnet, was Kinder am dringendsten brauchen, wie ein einfacher Lernplan nach Alter aussehen kann und wie eine Nachbarschaft Unterricht gemeinsam organisiert. Er gilt ausdrücklich nicht für heute: In Deutschland besteht Schulpflicht, und Unterricht zu Hause ersetzt den Schulbesuch nicht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zuerst zählen Lesen, Schreiben und Rechnen, dazu ein fester Tagesablauf und Kontakt zu anderen Kindern.
  • Die Schulschließungen 2020/21 zeigen: Schon Monate mit weniger Unterricht hinterlassen messbare Lücken.
  • Die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für Klasse 4 taugen als einfacher Zielkatalog.
  • Ältere Kinder, die jüngere unterrichten, lernen dabei selbst – am besten beim Üben, nicht bei ganz Neuem.
  • Heute gilt Schulpflicht: Heimunterricht statt Schule ist nicht erlaubt und kann bestraft werden.

Was Kinder am dringendsten brauchen

In einer lang anhaltenden Notlage verlieren Kinder mehr als Unterrichtsstunden. UNICEF beschreibt, dass Kinder in Krisen neben Sicherheit auch das Gefühl von Normalität verlieren. Schulen und Lernorte geben ihnen nach UNICEF Stabilität und Struktur, die ihnen helfen, mit belastenden Erlebnissen umzugehen. Unterricht ist in einer solchen Lage also nicht nur Wissensvermittlung, sondern ein Stück Halt.

Daraus folgt eine einfache Rangfolge. An erster Stelle stehen die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen, weil alles andere darauf aufbaut – vom Beipackzettel bis zur Vorratsliste. An zweiter Stelle steht ein verlässlicher Tagesablauf mit festen Lernzeiten. An dritter Stelle stehen andere Kinder: Das Bundesverfassungsgericht hat betont, dass soziale Kompetenz und Toleranz sich besser einüben lassen, wenn Kontakte mit anderen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil des Alltags sind.

Was nicht an erster Stelle steht: ein vollständiger Stundenplan mit allen Fächern. Wer mit wenigen Erwachsenen, wenig Material und wenig Zeit auskommen muss, sichert zuerst das Fundament.

Was die Schulschließungen 2020/21 gezeigt haben

Einen nüchternen Blick darauf, was fehlender Unterricht bewirkt, liefert der IQB-Bildungstrend 2021. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen hat dafür 26.844 Viertklässlerinnen und Viertklässler aus 1.464 Grund- und Förderschulen getestet, gegen Ende des Schuljahres 2020/2021. Diese Kinder waren seit dem Frühjahr 2020 von Schulschließungen und dem Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht betroffen.

Das Ergebnis nennt das IQB selbst besorgniserregend: In Deutsch und Mathematik hat sich das Kompetenzniveau erheblich verringert. Die Mindeststandards – Anforderungen, die alle Kinder erreichen sollten – verfehlten im Fach Deutsch zwischen rund 18 Prozent (Zuhören) und 30 Prozent (Orthografie), in Mathematik rund 22 Prozent. Besonders ungünstig fielen die Ergebnisse für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und mit Zuwanderungshintergrund aus.

Wichtig ist die Richtung der Aussage: Das IQB schreibt, dass sich die Ursachen wegen der Anlage der Studie nicht mit Sicherheit bestimmen lassen, dass aber einiges dafür spricht, dass die pandemiebedingten Einschränkungen eine Rolle gespielt haben. Mehr Präsenzunterricht, gute Unterstützung durch die Eltern und eine bessere Ausstattung zu Hause gingen mit höheren Kompetenzwerten einher. Für die Lage danach heißt das: Wer Unterricht auffängt, verhindert Lücken, die sonst schnell entstehen.

Ein einfacher Lehrplan nach Alter

Einen fertigen Zielkatalog gibt es schon: die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für das Ende der 4. Klasse. Im Fach Deutsch sollen Kinder dann flüssig und verstehend lesen, unbekannte Wörter über Silben erschließen und in leserlicher Handschrift kurze Sätze flüssig schreiben. In Mathematik sollen sie sich im Zahlenraum bis zu einer Million orientieren, Einspluseins und Einmaleins auswendig können, schriftlich addieren, subtrahieren und multiplizieren und Ergebnisse per Überschlag kontrollieren.

Zum Bereich „Größen und Messen“ zählen die Standards Geldwerte, Längen, Zeitspannen und Massen, dazu Hohlmaße sowie im Alltag gebräuchliche Brüche wie einen halben Meter, eine Dreiviertelstunde oder einen Viertelliter. Das ist eine gute Richtschnur, weil es genau das Wissen ist, das auch im Haushalt gebraucht wird.

Die Tabelle ordnet diese Ziele grob nach Alter. Die Einteilung vor und nach der 4. Klasse ist eine eigene Orientierung, keine amtliche Vorgabe – Kinder lernen unterschiedlich schnell, und der Stand eines Kindes zählt mehr als sein Alter.

Orientierung nach Alter (Ziel für Klasse 4 nach KMK-Bildungsstandards)
AlterLesen und SchreibenRechnen und Messen
etwa 5–7 JahreLaute hören, Silben klatschen, Buchstaben kennen, erste Wörterzählen, Mengen legen, bis 20 rechnen
etwa 8–10 Jahreflüssig lesen, Silben nutzen, kurze Texte leserlich schreibenEinmaleins, schriftliches Rechnen, Geld, Längen, Zeit, Gewichte
ab etwa 11 JahrenSachtexte lesen, Berichte und Anleitungen schreibenSachaufgaben, Überschlag, Brüche, Flächen und Rauminhalte

Lesen und Rechnen mit dem, was da ist

Lesenlernen braucht kein Lehrbuch. Die Bildungsstandards nennen die Silbe als Einheit, über die Kinder unbekannte Wörter erlesen. Praktisch heißt das: Wörter gemeinsam in Silben klatschen, Silben auf Zettel schreiben und neu zusammensetzen, dann kurze Sätze aus dem Alltag lesen – Etiketten im Vorrat, eine Einkaufsliste, einen Brief. Vorlesen gehört dazu: Die Kultusministerkonferenz schreibt ihm eine besondere Bedeutung zu, weil es Weltwissen, soziale Kompetenz und Urteilsvermögen erweitert.

Rechnen lernt sich am besten mit Dingen zum Anfassen. Die Standards verlangen, dass Kinder den Aufbau des Zehnersystems verstehen, also das Bündeln. Bohnen, Steine oder Streichhölzer lassen sich zu Zehnerbündeln und Hunderterhaufen legen; so wird aus einer abstrakten Zahl eine sichtbare Menge. Einspluseins und Einmaleins werden danach so lange geübt, bis sie sitzen – kurz, aber täglich.

Beim Messen gehen die Standards vom Grundprinzip aus: erst mit selbst gewählten Einheiten wie Schritten oder Handspannen messen, dann mit Standardeinheiten. Hilfreich sind feste Vergleichsgrößen aus dem Alltag, etwa die Höhe einer Tür. Ein Maßband, eine Küchenwaage und ein Messbecher reichen als Ausstattung.

Links eine einzelne Bohne (1), in der Mitte zehn Bohnen zu einem Zehnerbündel zusammengefasst (10), rechts zehn solcher Bündel nebeneinander (100).
Bohnen zu Zehnerbündeln und Hunderterhaufen legen – so wird das Zehnersystem sichtbar.Skizze: WildWeasel

Lernen durch Mitarbeit: Garten, Küche, Werkstatt

Die Bildungsstandards verlangen ausdrücklich, dass Kinder Rechenoperationen bei Sachaufgaben anwenden und sachgerecht runden und überschlagen. In einer Lage ohne Schule liegen diese Sachaufgaben überall. Wer mitarbeitet, lernt nebenbei – und die Arbeit wird trotzdem erledigt.

Die Liste zeigt Beispiele. Sie sind keine amtliche Vorgabe, sondern eine Übertragung der Standards auf den Alltag.

  • Küche: Mehl abwiegen, Wasser abmessen, ein Rezept für mehr Personen umrechnen – Massen, Hohlmaße, Viertel und Halbe
  • Garten: ein Beet ausmessen, Reihenabstände abstecken, Keimtage zählen und aufschreiben – Längen, Flächen, Zeitspannen
  • Vorrat: Bestände zählen, Listen führen, ausrechnen, wie lange etwas reicht – Lesen, Schreiben, Überschlag
  • Werkstatt und Reparatur: Schrauben sortieren, Längen anzeichnen, eine Anleitung Schritt für Schritt vorlesen
  • Tagebuch: jeden Tag Wetter, Temperatur und Erledigtes notieren – Schreiben und Daten

Gruppenunterricht in der Nachbarschaft

Kaum ein Haushalt kann allein alle Altersstufen unterrichten. Eine Nachbarschaft kann es, wenn sie Aufgaben verteilt: ein fester Raum, feste Zeiten, und wechselnde Erwachsene, die das übernehmen, was sie gut können. Wie man sich auf solche Regeln einigt und mit Streit umgeht, beschreibt der Artikel „Entscheiden und Streit schlichten, wenn keine Verwaltung hilft“.

Ein bewährter Baustein ist, dass ältere Kinder jüngere unterrichten. Die Education Endowment Foundation, eine britische Stiftung, wertet dazu 145 Studien aus: Im Durchschnitt entspricht die Wirkung von Lernen unter Gleichaltrigen oder Älteren etwa sechs zusätzlichen Monaten Lernfortschritt innerhalb eines Schuljahres, und zwar für beide Seiten – die Lehrenden wie die Lernenden. Bei altersgemischten Paaren fanden manche Studien einen Abstand von weniger als drei Jahren am günstigsten.

Die Stiftung nennt auch die Grenzen. Am besten wirkt das Verfahren zum Wiederholen und Festigen, weniger beim Einführen von neuem Stoff. Die älteren Kinder brauchen Anleitung, etwa vorbereitete Aufgaben und Fragen. Regelmäßige Einheiten an 4–5 Tagen in der Woche über bis zu 10 Wochen wirkten besser als seltenere oder längere Programme. Neues führt also ein Erwachsener ein, geübt wird in Paaren.

Tipp Schreibt für jedes Kind auf ein Blatt, was es schon sicher kann und was als Nächstes dran ist. So kann jeder Erwachsene und jedes ältere Kind anknüpfen, ohne von vorn zu beginnen.

Material ohne Strom und die psychische Seite

Unterricht ohne Strom braucht wenig: eine Tafel oder eine gestrichene Platte mit Kreide, Papier, Bleistifte, Anspitzer, ein paar Lesebücher und ein Wörterbuch. Bücher sind dabei das Wertvollste, weil sie Wissen speichern, das kein Erwachsener in der Gruppe mehr parat hat. Warum Papier lange hält und wie man Wissen sichert, steht im Artikel „Wissen sichern: warum Papier Festplatten überlebt“.

Unterricht ist in einer solchen Lage auch Sorge um die Seele. UNICEF zählt psychosoziale Unterstützung ausdrücklich zu dem, was Lernorte in Krisen leisten. Kinder, die schlecht schlafen, sich zurückziehen oder gereizt sind, brauchen zuerst Zuwendung und dann Aufgaben. Was in Krisen normal ist und was hilft, beschreibt der Artikel „Psychische Belastung in der Krise“.

Rechtslage heute: Schulpflicht

Alles oben Gesagte gilt für den Fall, dass es keine Schule mehr gibt. Solange es sie gibt, gilt in Deutschland die allgemeine Schulpflicht. Das Bundesverfassungsgericht hat 2006 bestätigt, dass sie das Erziehungsrecht der Eltern in zulässiger Weise beschränkt. Im entschiedenen Fall hatten Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichtet, begleitet von einer Fernschule, die nicht als Ersatzschule anerkannt war – das ersetzte den Schulbesuch nicht.

Auch während der Schulschließungen 2020/21 organisierten die Schulen Fernunterricht; die Eltern unterstützten das Lernen zu Hause, ersetzten die Schule aber nicht.

Achtung Rechtslage heute: In Deutschland besteht Schulpflicht; Unterricht zu Hause statt an einer anerkannten Schule ist nicht erlaubt. Gefahr: Wer ein Kind dauerhaft der Schulpflicht entzieht, riskiert rechtliche Folgen – in Hessen etwa wurden Eltern nach § 182 Hessisches Schulgesetz verurteilt, das Bundesverfassungsgericht hat das 2006 bestätigt. Zuständig: Fragen zu Unterricht, Befreiung oder Lernrückständen klärst du mit der Schule und dem zuständigen Schulamt.

Häufige Fragen

Darf ich mein Kind heute schon zu Hause unterrichten?

Nein. In Deutschland gilt Schulpflicht, und Heimunterricht ersetzt den Besuch einer anerkannten Schule nicht. Zusätzliches Lernen zu Hause ist natürlich erlaubt.

Womit fange ich an, wenn ich nur wenig Zeit habe?

Mit Lesen und Rechnen, jeden Tag ein kurzes Stück zur selben Zeit. Vorlesen und Einmaleins-Üben brauchen kein Material und passen in jeden Tag.

Können ältere Geschwister wirklich unterrichten?

Zum Üben und Wiederholen ja – laut Education Endowment Foundation profitieren beide Seiten. Neuen Stoff führt besser ein Erwachsener ein, und die Älteren brauchen vorbereitete Aufgaben.

Woher weiß ich, was ein Kind in welchem Alter können sollte?

Die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz beschreiben, was Kinder am Ende der 4. Klasse in Deutsch und Mathematik können sollen. Sie sind frei zugänglich und lassen sich ausdrucken.

Quellen

  1. Beschluss vom 31. Mai 2006 – 2 BvR 1693/04 (Schulpflicht und Heimunterricht)Bundesverfassungsgericht · Schulpflicht als zulässige Beschränkung des Elternrechts, soziale Kompetenz durch regelmäßige Kontakte, Verurteilung nach § 182 Hessisches Schulgesetz, nicht anerkannte Fernschule
  2. IQB-Bildungstrend 2021Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) · Teilnehmerzahl, Erhebungszeitraum, Rückgang der Kompetenzen, Anteile unter Mindeststandard; Pressemappe: Ursachen nicht sicher bestimmbar, Zusammenhang mit Präsenzunterricht und Ausstattung
  3. Bildungsstandards im Fach Mathematik für den Primarbereich (2022, PDF)Kultusministerkonferenz (KMK) · Ziele für Klasse 4: Zahlenraum bis zu einer Million, Einmaleins, schriftliche Verfahren, Überschlag, Sachaufgaben, Größen und Messen, Alltagsbrüche
  4. Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (2022, PDF)Kultusministerkonferenz (KMK) · Flüssig lesen, unbekannte Wörter über Silben erlesen, leserliche Handschrift, Bedeutung des Vorlesens
  5. Education in emergenciesUNICEF · Verlust von Normalität in Krisen, Lernorte geben Stabilität und Struktur, psychosoziale Unterstützung
  6. Teaching and Learning Toolkit: Peer tutoringEducation Endowment Foundation (britische Stiftung) · 145 Studien, etwa sechs Monate zusätzlicher Fortschritt, Nutzen für beide Seiten, Altersabstand, am besten zum Wiederholen, Häufigkeit und Dauer