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Konkrete Lagen

Stromausfall in Tschechien, Juli 2025: was die Berichte zeigen

Am 4. Juli 2025 riss in Tschechien ein Leiterseil, Minuten später brach ein Teilnetz samt Prag zusammen. Ablauf, Folgen und Lehren aus den Berichten.

8 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 24. Oktober 2026

Am 4. Juli 2025 fiel mittags in Teilen Tschechiens der Strom aus, auch in Prag. Ausgelöst hatte das ein gerissenes Leiterseil, doch erst eine Kette weiterer Ereignisse machte daraus einen großflächigen Ausfall. Inzwischen liegen die abschließenden Auswertungen vor. Dieser Artikel fasst zusammen, was sie festhalten – und nur das –, und leitet daraus ab, was du für kurze Stromausfälle im Sommer mitnehmen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Am 4. Juli 2025 fielen in Tschechien binnen rund acht Minuten 28 Prozent des Stromverbrauchs weg.
  • Auslöser war ein gerissenes Leiterseil an einer Verbindung aus einer Notreparatur vom Dezember 2024.
  • Weil Kraftwerke im Gebiet weniger lieferten, wurde aus einem beherrschbaren Ausfall eine Kaskade.
  • Um 17:35 Uhr waren alle wieder versorgt; das intakte übrige Netz half beim Wiederaufbau.
  • Abgeleitet für dich: Aufzug meiden, unterwegs Wasser dabeihaben, Treffpunkt vorher absprechen.

Was am 4. Juli 2025 passiert ist

Am 4. Juli 2025 um 11:51 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit schaltete sich in Tschechien die 400-Kilovolt-Leitung V411 zwischen den Umspannwerken Hradec und Výškov ab. Rund acht Minuten später brach ein Teil des tschechischen Übertragungsnetzes zusammen. Nach dem Abschlussbericht des Expertengremiums von ENTSO-E, dem Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, gingen dabei etwa 2.300 Megawatt Verbrauch verloren. Das waren 28 Prozent dessen, was im Netz des tschechischen Übertragungsnetzbetreibers ČEPS unmittelbar vorher verbraucht wurde.

Betroffen waren nach dem Bericht von ČEPS Gebiete in den Regionen Liberec, Ústí nad Labem, Hradec Králové, Mittelböhmen und Olmütz sowie in Prag. Das übrige europäische Verbundnetz lief laut ENTSO-E normal weiter, kein anderes Land war betroffen. Um 17:35 Uhr meldeten die Verteilnetzbetreiber, dass alle Verbraucher wieder versorgt waren.

Das Wetter spielte keine Rolle. Der Bericht nennt für den Tag 23 bis 27 Grad und örtliche Schauer und hält ausdrücklich fest, dass das Wetter keinen Einfluss auf den Ausfall der Leitung hatte. Wie viele Menschen ohne Strom waren, beziffern die amtlichen Auswertungen nicht – sie rechnen in Megawatt. Deshalb steht hier auch keine Personenzahl.

Wie aus einem Leitungsausfall eine Kaskade wurde

Für sich genommen war der Ausfall der Leitung V411 nach dem Bericht ein beherrschbares Ereignis. Das Netz ist nach der sogenannten N-1-Regel geplant: Fällt ein einzelnes Element aus, sollen die übrigen die Last übernehmen. Über drei verbliebene Verbindungen hing das Gebiet zunächst weiter am Netz.

In den folgenden Minuten lieferten Kraftwerke in diesem Gebiet jedoch unerwartet weniger Strom. Block 6 des Kohlekraftwerks Ledvice verlor nach einer Kesselstörung seine gesamte Leistung; Ursache war laut Bericht ein defektes Relais am Stellmotor eines Ventils. Weitere Blöcke fuhren nach dem kurzen Störimpuls mit geringerer Leistung weiter, und rund 135 Megawatt aus erneuerbaren Anlagen im Verteilnetz trennten sich vom Netz. Um 11:52 Uhr fehlten im tschechischen System insgesamt 438 Megawatt, davon 151 Megawatt aus ungeklärter Quelle.

Der fehlende Strom musste nun über weniger Leitungen in das Gebiet fließen. Die Belastung der 220-Kilovolt-Leitung V208 stieg bis 11:59 Uhr auf 142,9 Prozent des zulässigen Werts. Schnelle Gegenmittel standen nicht zur Verfügung: Kraftwerke ließen sich nicht schnell genug hochfahren, und ein gezieltes Abschalten von Verbrauchern hätte nach tschechischem Recht erst die Ausrufung eines Notstands erfordert. Das hätte laut Bericht Dutzende Minuten gedauert.

Um 11:59:44 Uhr schalteten die Disponenten von ČEPS die überlastete Leitung ab. Sie führt durch dicht besiedeltes Gebiet in Prag, und die Überlastung galt als Gefahr für die Anwohner. Nach ihrer Berechnung erwarteten sie keine weiteren Folgen. Drei Sekunden später lösten jedoch Schutzeinrichtungen im Umspannwerk Krasíkov aus, und das Gebiet war vom übrigen Netz getrennt – eine Insel, der etwa 1.800 Megawatt fehlten. Innerhalb von 780 Millisekunden brach sie zusammen. Der automatische Lastabwurf sprang an, doch die Frequenz fiel so schnell, dass nur zwei seiner sechs Stufen rechtzeitig wirkten.

Die nachträgliche Auswertung zeigt, dass die regelmäßige Netzberechnung um 11:55 Uhr die drohende Überlastung in Krasíkov bereits enthielt; in der Lage selbst wurde das nicht erkannt. Das Gremium empfiehlt daraus bessere Entscheidungshilfen für Leitwarten.

Zeitleiste der Ereigniskette: 11:51 Leitung V411 fällt aus, 11:52 Erzeugung im Gebiet sinkt, 11:59 Teilnetz bricht zusammen, 17:35 alle wieder versorgt.
Rund acht Minuten vom Leitungsausfall bis zum Zusammenbruch, gut fünfeinhalb Stunden bis zur vollständigen Wiederversorgung (Uhrzeiten MESZ).Skizze: WildWeasel

Hinweis Das Expertengremium betont, dass sein Bericht niemandem Haftung oder Verantwortung zuweist. Es stützt sich auf Daten der Beteiligten, die es nach eigenen Worten nicht unabhängig überprüft hat. Hier steht nur, was die Berichte ausdrücklich festhalten.

Die Ursache: eine Verbindung im Leiterseil

Auslöser war ein Teilleiter der Leitung V411, der zwischen den Masten 35 und 36 nahe dem Dorf Kličín riss und zu Boden fiel. An dieser Stelle saß eine Zugverbindung, die bei einer Notreparatur Anfang Dezember 2024 eingebaut worden war. Das Original-Leiterseil stammte laut Bericht aus dem Jahr 1961.

Das Klokner-Institut der Technischen Universität Prag untersuchte die Bruchstelle. Ergebnis: Der Stahlkern des Seils war fest verbunden, der Aluminiumteil des Leiters aber nicht fest genug. Dadurch stieg der Übergangswiderstand, die Wärme durch den Stromfluss schwächte im Betrieb den Stahlkern, bis das Seil riss.

Warum die Reparatur zu dieser zu lockeren Verbindung führte, konnte das Gremium nicht feststellen. Die tschechische Energieregulierungsbehörde ERÚ spricht in ihrem Abschlussbericht von einer fehlerhaft ausgeführten Reparatur mit verborgenem Mangel. Nach dem Ereignis wurde die Leitung außerplanmäßig aus der Luft mit Wärmebildern geprüft; dabei fanden sich weitere Mängel, die bei der nächsten geplanten Abschaltung behoben wurden.

Was im Alltag geschah – soweit belegt

Die Netzberichte beschreiben das Stromsystem, nicht das Leben auf der Straße. Einen amtlichen Einblick gibt die Feuerwehr der Region Liberec. Kurz nach 12 Uhr fiel dort großflächig der Strom aus. Bis 15 Uhr befreiten Einsatzkräfte in 32 Fällen Menschen aus steckengebliebenen Aufzügen in Wohnhäusern. An 14 Orten stellten sie zusammen mit freiwilligen Einheiten Stromerzeuger für Menschen mit Beatmung oder Sauerstofftherapie auf. Zweimal rückten sie zu Fehlalarmen aus, die Brandmeldeanlagen beim Stromausfall ausgelöst hatten.

Auch der Mobilfunk litt. Die nationale Arbeitsgruppe unter Leitung der ERÚ ging der Frage nach, warum rund 90 Minuten nach Beginn des Ausfalls die Dienste der Mobilfunkbetreiber wegbrachen. Ihre Antwort: Je länger der Ausfall dauerte, desto mehr Sendestandorte fielen aus, weil deren Notstromreserven nach Kapazität und Ausstattung begrenzt waren.

Selbst der Netzbetreiber hatte Mühe, seine Mitteilungen zu verbreiten. Laut ENTSO-E konnte ČEPS die Aussetzung des Strommarkts nicht auf der eigenen Website bekannt geben und informierte die Beteiligten über sein Krisenkommunikationssystem per SMS und E-Mail. Die erste öffentliche Information gab ČEPS nach eigenem Bericht um 12:31 Uhr heraus, außerdem stand eine kostenlose Infotelefonnummer bereit.

Zu Metro, Straßenbahn, Bahn und Wasserversorgung enthalten die hier ausgewerteten amtlichen Berichte keine Zahlen. Dass Straßenbahnen und U-Bahnen am Strom hängen, liegt auf der Hand; wie lange sie standen, ist in diesen Quellen nicht belegt, deshalb stehen hier dazu keine Zeiten.

Wie der Strom zurückkam

Weil der größte Teil des Netzes intakt geblieben war, bauten die Disponenten das Gebiet von außen wieder auf, und zwar von zwei Seiten. Ab 12:19 Uhr setzten sie die ersten Umspannwerke wieder unter Spannung, mit Vorrang für die Versorgung Prags. Um 12:30 Uhr konnten in Prag wieder die ersten Verbraucher zugeschaltet werden. Kurz nach 13:01 Uhr standen alle Transformatoren unter Spannung, die Prag vor dem Ausfall versorgt hatten.

Um 14:09 Uhr waren alle 400- und 220-Kilovolt-Umspannwerke wieder unter Spannung. Um 14:20 Uhr stoppten die Disponenten das weitere Zuschalten, weil die Leitung V208 sonst bei einem weiteren Ausfall stark überlastet gewesen wäre, und ließen ein Gaskraftwerk anfahren. Nach dessen Zuschaltung um 15:18 Uhr ging es weiter. Um 17:35 Uhr meldeten die Verteilnetzbetreiber, dass alle wieder versorgt waren – gut fünfeinhalb Stunden nach dem Zusammenbruch.

Parallel galt ein Notstand in der Elektrizitätsversorgung: Er wurde um 15:45 Uhr rückwirkend ab 12:00 Uhr für das ganze Land ausgerufen und endete mit Wirkung zum 5. Juli 2025, 0:00 Uhr. Die gerissene Leitung war am Abend repariert und um 23:13 Uhr wieder eingeschaltet. Während des Wiederaufbaus führten die Disponenten nach dem Bericht mehr als 200 Telefonate, vor allem mit Verteilnetzbetreibern und Kraftwerken.

Was die Berichte empfehlen – und wie sich der Fall einordnet

Das ENTSO-E-Gremium formuliert sieben neue Empfehlungen und greift zwei aus der Untersuchung des iberischen Blackouts auf. An erster Stelle steht eine strengere Qualitätssicherung bei Arbeiten am Übertragungsnetz, besonders bei Notreparaturen, mit Dokumentation und möglichst einer Wärmebildprüfung danach. Weitere Empfehlungen betreffen das Risiko, dass sich viele kleine Erzeugungsanlagen nach einer Störung gleichzeitig abschalten, Entscheidungshilfen für Leitwarten und Schutzpläne, deren Maßnahmen in der Praxis auch rechtzeitig umsetzbar sind.

Die nationale Arbeitsgruppe der ERÚ hat zusätzlich die Krisenkommunikation überarbeitet; das neue System von ČEPS wurde im März 2026 getestet. Mit der Telekommunikationsbehörde und den Mobilfunkbetreibern wird untersucht, wie Mobilfunknetze bei Stromausfall für eine garantierte Mindestzeit erreichbar bleiben können.

Im Vergleich mit anderen Fällen ist Tschechien 2025 ein regionaler Zusammenbruch innerhalb eines intakten Netzes. Bei der europäischen Netzstörung 2006 zerfiel der Verbund in drei Teile, beim Blackout in Spanien und Portugal 2025 fiel ein ganzes System aus und musste neu aufgebaut werden. In Tschechien konnte das Gebiet dagegen sofort aus dem umliegenden Netz wieder versorgt werden.

Was du daraus mitnehmen kannst

Die folgenden Punkte sind Ableitungen der Redaktion aus den belegten Folgen, keine Empfehlungen der Berichte. Der Ausfall kam mittags an einem Sommertag und dauerte Stunden, nicht Tage. Er traf Menschen dort, wo sie gerade waren – unterwegs, bei der Arbeit, im Aufzug. Für solche Lagen zählen kleine Dinge, die du ohnehin bei dir hast.

  • Aufzug: Fällt der Strom aus, steig nicht mehr ein. Steckst du fest, nutze den Notruf in der Kabine oder 112 und bleib ruhig – allein in der Region Liberec rückte die Feuerwehr 32-mal zu Aufzügen aus.
  • Unterwegs im Sommer: Eine Flasche Wasser und eine Kopfbedeckung helfen, wenn Bahn oder Straßenbahn stehen und du laufen musst. Mehr dazu in „Unterwegs überrascht“.
  • Kommunikation: Mobilfunk kann nach kurzer Zeit wegbrechen. Sprich Treffpunkte vorher ab und halte eine Powerbank bereit. Was dann noch geht, steht in „Mobilfunk und Internet fallen länger aus“.
  • Medizinische Geräte: Wer zu Hause beatmet wird oder Sauerstoff braucht, klärt vorab Akkulaufzeit und Notfallplan mit Pflegedienst oder Praxis. Hinweise dazu im Artikel „Chronisch krank im Ausfall“.
  • Wasser zu Hause: Ein Vorrat von 2 Litern pro Person und Tag deckt auch den Fall ab, dass ein Ausfall länger dauert als dieser.

Tipp Dass es nach Stunden vorbei war, wusste vorher niemand. Wie lange andere Lagen dauerten, vergleicht der Artikel „Wie lange echte Lagen dauerten“.

Häufige Fragen

War ganz Tschechien ohne Strom?

Nein. Nach ENTSO-E fielen 28 Prozent des Verbrauchs weg, betroffen waren Gebiete in fünf Regionen und in Prag. Andere Länder waren nicht betroffen.

Was war die Ursache?

Ein Teilleiter der 400-Kilovolt-Leitung V411 riss an einer zu lockeren Verbindung aus einer Notreparatur vom Dezember 2024. Dass daraus ein großflächiger Ausfall wurde, lag an weiteren Ereignissen in den Minuten danach.

Warum hat der automatische Lastabwurf den Zusammenbruch nicht verhindert?

Dem abgetrennten Gebiet fehlten etwa 1.800 Megawatt. Die Frequenz fiel so schnell, dass nur zwei der sechs Stufen rechtzeitig wirkten; die Insel brach innerhalb von 780 Millisekunden zusammen.

Wie lange dauerte der Ausfall?

Der Zusammenbruch geschah um 11:59 Uhr. Um 17:35 Uhr meldeten die Verteilnetzbetreiber, dass alle wieder versorgt waren; in Prag konnten schon ab 12:30 Uhr wieder erste Verbraucher zugeschaltet werden.

Quellen

  1. Grid Incident in Czech Republic on 4 July 2025 – ICS Investigation Expert Panel Final Report (26. Juni 2026)ENTSO-E – Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber · Ablauf mit Uhrzeiten (MESZ), Lastverlust und Anteil, Ursache am Leiterseil, Kraftwerksausfälle, Lastabwurf, Wiederaufbau, Notstand, Wetter, Empfehlungen
  2. Grid Incident in Czech Republic on 4 July 2025 – ICS Investigation Expert Panel Factual Report (19. Dezember 2025)ENTSO-E – Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber · Faktenbericht: Zeitangaben in MESZ, Ablauf und Wiederaufbau, Abgleich mit dem Abschlussbericht
  3. Zpráva k události 4. 7. 2025 – Výpadek vedení V411 a následné bezproudí v části soustavyČEPS – tschechischer Übertragungsnetzbetreiber (staatliches Unternehmen) · Eigener Untersuchungsbericht (PDF auf der Seite): betroffene Regionen, Wiederversorgung, Krisenkommunikation mit Uhrzeiten
  4. Závěrečná zpráva – Pracovní skupina k vyhodnocení výpadku elektřiny ze dne 04.07.2025 (Juni 2026)ERÚ – tschechische Energieregulierungsbehörde · Einordnung der Reparatur, Ausfall der Mobilfunkdienste nach rund 90 Minuten, Krisenkommunikation und Maßnahmen
  5. Masivní výpadek elektrické energie na území Libereckého kraje (Juli 2025)Feuerwehr- und Rettungskorps (HZS) der Region Liberec · Einsätze in der Region Liberec: Aufzüge, Stromerzeuger für Beatmung und Sauerstofftherapie, Fehlalarme, Wiederversorgung gegen 17 Uhr