Ende Mai und Anfang Juni 2016 verwüsteten Sturzfluten zwei Orte, die an keinem großen Fluss liegen: Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall und Simbach am Inn in Niederbayern. Diese Fallstudie trennt beide Ereignisse und fasst zusammen, was das Bayerische Landesamt für Umwelt, die Landesregierungen und das Landesamt für Geologie in Baden-Württemberg festgehalten haben. Sie sagt auch, wo amtliche Belege fehlen – vor allem bei der Frage, wer wann gewarnt wurde.
Das Wichtigste in Kürze
- Beide Orte traf Wasser aus kleinen Bächen, nicht aus einem großen Fluss – mit kaum Vorwarnzeit.
- In Simbach stieg der Pegel in einer Stunde um mehr als 2 Meter; im Landkreis Rottal-Inn starben sieben Menschen.
- Schwemmholz, Geröll und zu enge Durchlässe verschärften die Schäden – in Simbach und vielerorts in Baden-Württemberg.
- Für Simbach gab es keine ortsgenaue Vorhersage; Bayerns Hochwasserzentrale erhielt DWD-Warnungen je Regierungsbezirk.
- Eine amtliche Auswertung, wie die Bevölkerung vor Ort gewarnt wurde, haben wir nicht gefunden.
Zwei Orte, zwei kleine Bäche
Das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) beschreibt 2016 als anderes Hochwasserjahr als 2002 oder 2013. Statt großflächigem Dauerregen an den Flüssen traten über Wochen viele lokal sehr begrenzte Ereignisse auf. Kleine Bäche traten nach dem Bericht „ohne ausreichende Vorwarnzeit“ über die Ufer, oder Wasser sammelte sich auch außerhalb der Bäche.
Das LfU ordnet solche Sturzfluten vor allem kleinen Gewässern mit Einzugsgebieten unter 200 Quadratkilometern zu, mit einer Dauer von nur wenigen Stunden. Das räumlich begrenzte, spontane Auftreten der Regenzellen und die unmittelbare Reaktion der Bäche machen eine zuverlässige Vorwarnung laut LfU derzeit „nahezu unmöglich“.
Die beiden Beispiele zeigen, wie klein solche Einzugsgebiete sein können. Der Simbach hat am Pegel ein Einzugsgebiet von 33 Quadratkilometern. Die Bäche, die Braunsbach trafen, entwässern nach dem Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden-Württemberg (LGRB) zusammen nur rund 6,4 Quadratkilometer. Wie ein großes Flusshochwasser abläuft, zeigt im Vergleich die Fallstudie zum Hochwasser 2024.
Braunsbach, 29. Mai 2016
Am Abend des 29. Mai traf eine Sturzflut die Gemeinde Braunsbach mit rund 2.500 Einwohnern. Das Innenministerium Baden-Württemberg beschreibt, wie die sonst wenig Wasser führenden Bäche Orlacher Bach, Reichenbach und Schlossbach innerhalb kürzester Zeit zu reißenden Strömen anschwollen. Sie trugen große Mengen Material in den Ort; es entstanden meterhohe Schuttberge aus Geröll, Holz, Autos und Schlamm. Den stärksten Anteil am Schadensbild hatte der Orlacher Bach.
Laut LGRB fielen im Raum Braunsbach innerhalb weniger Stunden 105 Millimeter Regen. Das Wasser lief von der Hochfläche in tief eingeschnittenen Klingen zusammen und schoss zum Ort hinab. Der Orlacher Bach hat ein Gefälle von etwa 6 bis 10 %, seine Seitenklingen stellenweise über 30 %, der Schlossbach bis etwa 25 %. Rückrechnungen ergaben einen Abfluss von etwa 40 bis 60 Kubikmetern reinem Wasser pro Sekunde.
Entscheidend war, was das Wasser mitnahm. Es riss Lockermaterial, Schwemmholz und Blöcke mit; Verklausungen und nachrutschende Hänge stauten das Material kurz auf, bis es brach. So kam das Wasser in Schwällen. Im Ort blieben rund 49.000 Kubikmeter Feststoff liegen, einschließlich Schutt aus zerstörten Gebäuden und Straßen. Die Landesregierung sprach im Landtag von einer „Geröll- und Schlammlawine“.
Unter den vier Todesfällen, die die Landesregierung in ihrer Stellungnahme vom 23. Juni 2016 für den Regierungsbezirk Stuttgart aufführt, ist keiner aus Braunsbach. Zu Verletzten in Braunsbach haben wir keine amtliche Angabe gefunden.
Simbach am Inn, 1. Juni 2016
Am 31. Mai fielen im Einzugsgebiet des Simbachs im Mittel etwa 30 Millimeter Regen, in der Nacht zum 1. Juni noch einmal etwa 30. Die Böden waren damit gesättigt. Bis etwa 20 Uhr folgten laut LfU weitere 120 Millimeter, am heftigsten zwischen 12 und 15 Uhr mit rund 65 Millimetern. Die LfU-Seite zur Ereignisanalyse nennt für den 31. Mai und 1. Juni zusammen rund 180 Millimeter.
Auffällig ist, was nicht extrem war: In kurzen Zeiträumen bis zu einer Stunde regnete es laut LfU nicht außergewöhnlich stark, in Simbach höchstens 21 Millimeter in 30 Minuten. Extrem waren die Dauern von zwei bis sechs Stunden, mit bis zu 111 Millimetern in sechs Stunden. Die Regenzelle blieb lange über dem Einzugsgebiet und zog zudem den Bach entlang auf die Stadt zu. Die Ereignisanalyse im Auftrag des LfU bestätigt für Simbach ein extremes Hochwasser mit einem „Abfluss größer HQ 1000“.
Der Pegel zeigt, wie wenig Zeit am Ende blieb. Er reagierte ab etwa 4 Uhr früh und stieg in drei Stunden von 63 auf rund 180 Zentimeter. Nach einer kurzen Pause gegen 13 Uhr stieg er schwallartig um mehr als 200 Zentimeter innerhalb einer Stunde. Den Scheitel von 506 Zentimetern maß er um 14 Uhr – bei einem Bachbett von etwa drei Metern Tiefe. Das LfU weist darauf hin, dass dieser Wert außerhalb des regulären Messbereichs liegt und nicht verlässlich ist.
Im Landkreis Rottal-Inn starben sieben Menschen. Laut LfU wurden sie von den rasch auftretenden Wassermassen überrascht; mehrere kamen in ihren Häusern ums Leben. Für den Regierungsbezirk Niederbayern schätzt das LfU die Schäden auf über 1,25 Milliarden Euro.
Was die Schäden verstärkt hat
Normalerweise führt der Simbach 0,3 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, sein Bett im Ort ist auf 60 Kubikmeter pro Sekunde plus Sicherheitsabstand ausgelegt. Am 1. Juni kamen rund 190 an. An der Schulstraße staute ein Straßendamm das Wasser, weil der Durchlass – ausreichend für ein hundertjährliches Hochwasser – die Menge nicht fasste. Es bildete sich ein Stausee von rund 120.000 Kubikmetern. Der Damm wurde etwa 1,8 Meter hoch überströmt und brach.
Dadurch stieg die Abflussspitze am Pegel auf rund 280 bis 300 Kubikmeter pro Sekunde; ohne Dammbruch wären es laut LfU wohl rund 180 bis 190 gewesen. Die Ereignisanalyse der Universität für Bodenkultur Wien im Auftrag des LfU kommt aber zu dem Schluss: Die wesentlichen Schäden im Ort wären auch ohne den Dammbruch entstanden, mit etwas geringerer Wucht. Das Bachbett im Ort lief schon vorher über, das Holzlager eines Betriebs war schon vorher geflutet.
Schwemmholz verstopfte an mehreren Stellen Durchlässe. Ein Hochwasserdeich wurde überströmt und brach. In zwei Poldern sammelten sich über zwei Millionen Kubikmeter Wasser, die wegen der Stauhaltungsdämme nicht in den Inn abfließen konnten, obwohl der Inn selbst kein Hochwasser führte.
Für Baden-Württemberg nennt die Landesregierung ähnliche Schwachstellen: zu kleine oder verstopfte Verdolungen und Brücken. Holz und Rundballen, die am Gewässer gelagert waren, verschärften die Lage. Geröllfänge vor Verdolungen waren für solche Ereignisse nicht ausgelegt. In Braunsbach war laut LGRB zudem etwa 80 % der Wildbachverbauung, die nach einem Hochwasser im Jahr 1902 angelegt worden war, im Lauf der Zeit oder durch das Ereignis zerstört.
Die Warnlage: was amtlich belegt ist
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab im Frühsommer 2016 viele Unwetterwarnungen heraus. In der Übermittlung an die bayerische Hochwassernachrichtenzentrale waren sie für ganze Regierungsbezirke zusammengefasst: An 23 von 45 Tagen zwischen dem 12. Mai und 25. Juni lagen Warnungen vor, insgesamt 169. Das LfU folgert, die Empfänger seien über eine mögliche Gefahr „im Großraum“ informiert gewesen. Problematisch blieben die ortsgenaue Vorhersage und eine ausreichende Vorwarnzeit.
Die Wettermodelle sagten für den 1. Juni im Raum Simbach deutlich weniger Regen voraus und verfehlten den Schwerpunkt knapp. Der Hochwassernachrichtendienst kann lokale Überschwemmungen durch örtlichen Starkregen laut LfU nicht vorhersagen und nicht davor warnen. Das LfU schreibt, das Ereignis in Simbach übersteige „jegliche Möglichkeit seriöser Vorhersage“.
Für Baden-Württemberg schreibt die Landesregierung allgemein, solche Gewitterregen seien schwer vorhersehbar und ließen wenig Reaktionszeit. Eine amtliche Auswertung der Warnungen speziell für Braunsbach haben wir nicht gefunden.
Hinweis Offen gesagt: Für keinen der beiden Orte haben wir eine veröffentlichte amtliche Chronologie gefunden, wann und wie die Bevölkerung vor Ort gewarnt wurde. Aussagen dazu aus Presse oder Forschung übernehmen wir hier bewusst nicht.
Was danach geändert wurde
Bayern erweiterte sein Hochwasserschutz-Aktionsprogramm um eine Komponente „Sturzfluten“. Laut Antwort des Umweltministeriums im Landtag sollte die Wasserwirtschaft dafür 30 neue Stellen und für 2017 und 2018 zusätzlich 12 Millionen Euro erhalten. Der Deich an der Bruchstelle in Simbach wurde provisorisch wiederhergestellt; im November 2016 begann der Einbau einer Innendichtung.
Das LfU kündigte 2017 an, Warnung und Vorhersage auszubauen, etwa mit mehr Niederschlagskarten, Vorhersagen für kleinere Einzugsgebiete und Push-Meldungen der App „Meine Pegel“. Zugleich rät es zu hochwasserangepasstem Bauen und hält eine Grundvorsorge wie hochgezogene Kellerschächte überall für sinnvoll, weil Starkregen überall auftreten kann.
In Braunsbach wurden am Ausgang von Orlacher Bach und Schlossbach Geröllfänge gebaut, die Schwemmmaterial zurückhalten sollen. Das Land förderte den Wiederaufbau bis 2022 mit etwa 47 Millionen Euro. Die Gemeinde hat seitdem nach Angaben des Innenministeriums ein kommunales Starkregenrisikomanagement und Starkregengefahrenkarten.
Was das für dich heißt
Die folgenden Punkte sind unsere Schlussfolgerungen aus den Berichten, keine Aussagen der Behörden selbst. Der wichtigste Befund: Die Gefahr kam nicht von einem großen Fluss, sondern von Bächen, die sonst kaum Wasser führen – und der entscheidende Anstieg in Simbach dauerte etwa eine Stunde.
- Schau nicht nur auf Flüsse. Frag deine Gemeinde nach einer Starkregengefahrenkarte und prüf, ob Klingen, Hänge oder Durchlässe oberhalb deiner Wohnung liegen. Wie das geht, steht unter „Risiken am Wohnort einschätzen“.
- Nimm eine Unwetterwarnung für deine Region ernst, auch wenn dein Bach harmlos aussieht. Die Warnung sagt nicht, welcher Ort getroffen wird.
- Plane vorher, wohin du im Haus nach oben ausweichst. Bei mehr als 2 Metern Anstieg in einer Stunde bleibt keine Zeit, im Keller etwas zu retten. Die Verhaltensregeln stehen in „Hochwasser und Starkregen“.
- Lagere Brennholz, Ballen oder Gerät nicht direkt am Bach. Solches Material kann Durchlässe verstopfen.
- Prüf deinen Versicherungsschutz. Das LfU hält eine Elementarschadenversicherung auch fernab von Gewässern für empfehlenswert.
Tipp Eine weitere Flut in engen Tälern mit vielen Todesopfern behandelt die Fallstudie zur Flut an Ahr und Erft 2021.
Häufige Fragen
Hätte man die Sturzflut in Simbach vorhersagen können?
Nach dem LfU nicht ortsgenau: Die Modelle sagten deutlich weniger Regen voraus und verfehlten den Schwerpunkt. In der Übermittlung an Bayerns Hochwassernachrichtenzentrale lagen die DWD-Unwetterwarnungen nur je Regierungsbezirk vor. Das LfU schreibt, das Ereignis übersteige jegliche Möglichkeit seriöser Vorhersage.
Hat der Dammbruch an der Schulstraße die Katastrophe verursacht?
Er hat sie verstärkt: Die Spitze stieg von rund 180 bis 190 auf 280 bis 300 Kubikmeter pro Sekunde. Die wesentlichen Schäden wären laut Ereignisanalyse aber auch ohne ihn entstanden, mit etwas geringerer Wucht.
Was heißt „Abfluss größer HQ 1000“?
HQ 1000 ist der Abfluss, der statistisch im Mittel einmal in 1.000 Jahren erreicht oder überschritten wird – eine Wahrscheinlichkeit, kein fester Abstand. Aus früheren Messungen hatte man ihn für den Simbach auf 70 Kubikmeter pro Sekunde geschätzt; das Modell ergab 2016 rund 190.
Gab es in Braunsbach Tote?
In der Aufstellung der Landesregierung vom 23. Juni 2016 steht für den Regierungsbezirk Stuttgart kein Todesfall aus Braunsbach. Zu Verletzten dort haben wir keine amtliche Angabe gefunden.
Quellen
- Sturzfluten- und Hochwasserereignisse Mai/Juni 2016 – Wasserwirtschaftlicher BerichtBayerisches Landesamt für Umwelt, 2017 · Sturzflut-Begriff, Regen- und Pegelverlauf Simbach, Dammversagen, Todesopfer, Schäden, DWD-Warnungen, Vorhersagegrenzen, Vorsorge
- Ereignisse im Landkreis Rottal-Inn am 1. Juni 2016Bayerisches Landesamt für Umwelt · Ergebnisse der Ereignisanalyse der BOKU Wien im Auftrag des LfU, rund 180 Millimeter, Fazit zum Dammversagen
- Drucksache 17/14900 – Hochwasserschutzmaßnahmen Rottal-InnBayerischer Landtag, Antwort des Umweltministeriums vom 21. Dezember 2016 · Komponente „Sturzfluten“, angekündigte 30 Stellen und 12 Millionen Euro, Deichsanierung Simbach
- Drucksache 16/41 – Schäden infolge von Tiefdruckgebiet „Elvira“ in Baden-WürttembergLandtag von Baden-Württemberg, Stellungnahme des Innenministeriums vom 23. Juni 2016 · Todesfälle im Regierungsbezirk Stuttgart, Geröll- und Schlammlawine in Braunsbach, Schwachstellen, Vorhersehbarkeit
- Sturzflutereignis bei Braunsbach im Mai 2016Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden-Württemberg (LGRBwissen) · Einzugsgebiet, Gefälle, 105 Millimeter, Abfluss, 49.000 Kubikmeter Feststoff, Wildbachverbauung, Geröllfänge
- 6. Jahrestag der Flutkatastrophe von BraunsbachInnenministerium Baden-Württemberg, Pressemitteilung vom 29. Mai 2022 · Ablauf am Abend des 29. Mai, betroffene Bäche, Einwohnerzahl, Förderung, Starkregenrisikomanagement
