Zwischen Weihnachten und Neujahr 1978 legten Eisregen, Sturm und Schnee große Teile Norddeutschlands lahm, vor allem Schleswig-Holstein. Im Februar 1979 kam eine zweite Welle. Diese Fallstudie aus der Reihe „Aus echten Lagen gelernt“ folgt dem Rückblick des Deutschen Wetterdienstes und den Antworten der Bundesregierung im Bundestag von Januar und Februar 1979. Einen umfassenden Untersuchungsbericht wie bei späteren Lagen gibt es online nicht; wo wir eine Vereinschronik nutzen, steht das dabei.
Das Wichtigste in Kürze
- Laut DWD waren rund 150 Ortschaften abgeschnitten, Strom- und Telefonnetze fielen aus.
- An betroffenen Vermittlungsstellen fiel der Strom im Mittel 62 Stunden aus, das Telefon dank Batterien nur 13.
- Ersatzstromanlagen der Post waren genug da, kamen aber über die verschneiten Straßen nicht rechtzeitig an.
- Nur Fahrzeuge mit Allradantrieb kamen auf ungeräumten Wegen voran; schweres Gerät musste per Bahn anreisen.
- Beim zweiten Schnee im Februar 1979 waren viele Höfe mit Notstrom vorbereitet – eine Lehre aus dem ersten.
Was zum Jahreswechsel passierte
Nach dem Rückblick des Deutschen Wetterdienstes (DWD) lag ab dem 28. Dezember 1978 mehrere Tage lang eine scharfe Luftmassengrenze über der Ostsee. Sie trennte sehr milde, feuchte Luft im Süden von arktischer Polarluft mit teils unter minus 40 Grad. Es folgten anhaltende, heftige Schneefälle; an den Küsten von Nord- und Ostsee herrschte tagelang Nordoststurm mit Hochwasser. Auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze türmten sich Verwehungen bis zu sechs Meter hoch.
Die Chronik der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, eines Geschichtsvereins, beschreibt den Beginn so: Zuerst fiel Regen, der auf dem kalten Boden und auf den Freileitungen gefror. Unter der Eislast rissen Drähte, dann brachen Masten. Danach kam der Schnee, vom Sturm zu Wehen aufgetürmt. Nach dieser Chronik riefen ab dem 29. Dezember mehrere Kreise und die Stadt Flensburg Katastrophenalarm aus.
Der DWD ordnet den Winter als außergewöhnlich ein: Vom 28. Dezember 1978 bis zum 4. März 1979 lag 67 Tage lang eine geschlossene Schneedecke. Vergleichbar sei das nur mit dem Hungerwinter 1946/47.
Abgeschnitten: Straßen, Strom, Telefon
Laut DWD kam der Straßen- und Eisenbahnverkehr zum Erliegen, rund 150 Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Eine Versorgung aus der Luft war wegen des Sturms zunächst nicht möglich. Räumfahrzeuge blieben stecken, viele Inseln waren auf sich selbst gestellt. Strom- und Telefonnetze fielen aus.
Wie lange der Strom fehlte, lässt sich an einer Zahl der Bundesregierung ablesen: An den betroffenen Vermittlungsstellen der Post fiel das Stromnetz im Mittel 62 Stunden aus. Die Vereinschronik nennt für das Versorgungsgebiet des regionalen Stromversorgers 66 von 1.200 Gemeinden ohne Strom, die meisten davon in Angeln.
Der DWD nennt auch die Opfer: In der Bundesrepublik starben 17 Menschen in der Kälte, in der damaligen DDR mindestens fünf. Zahllose Rinder, Schweine und Hühner verendeten. Die Schäden überstiegen 140 Millionen D-Mark.
Wie die Hilfe anlief
Nach der Vereinschronik waren am Ende rund 30.000 Helferinnen und Helfer im Einsatz – Soldaten, Polizei, Feuerwehren, Straßenbauämter und THW, mit Panzern, Schaufelladern, Geländewagen und Hubschraubern. Auch in der DDR versuchten laut DWD Panzer der Nationalen Volksarmee, festsitzende Züge und Hilfesuchende zu erreichen.
Wie schweres Gerät nach Schleswig-Holstein kam, hat die Bundesregierung im Bundestag Schritt für Schritt dargelegt. Am 31. Dezember gegen 17 Uhr bat der Innenminister des Landes um Unterstützung aus anderen Bundesländern. Noch in der Nacht, um 1:05 Uhr, befahl das Verteidigungsministerium, 20 Bergepanzer und weitere Spezialfahrzeuge aus Westfalen und dem Raum Hannover in Marsch zu setzen. Ausgeladen wurden sie erst am Abend des 2. Januar.
Die Gründe nennt dieselbe Antwort: Auf der Straße war der Weg zu weit und zu gefährlich, für die Bahn mussten Spezialwaggons erst zusammengestellt werden, und die Strecke Hamburg–Schleswig war nicht ständig befahrbar. Gerät aus dem Norden Niedersachsens blieb bewusst vor Ort, weil man fürchtete, dass sich die Lage dorthin ausdehnt.
Was funktioniert hat
Die Notstromreserve der Telefonvermittlungen hielt weitgehend. Im Katastrophengebiet mit nahezu 0,5 Millionen Hauptanschlüssen waren laut Bundesregierung nur 1,3 Prozent der Teilnehmer vom Stromausfall an Vermittlungsstellen betroffen. Deren Ausfall dauerte im Mittel 13 Stunden – bei 62 Stunden ohne Netzstrom. Batterien vor Ort überbrückten also einen großen Teil der Zeit.
Beim THW bewährten sich die Fahrzeuge mit Allradantrieb, so die Bundesregierung; nur sie kamen auf ungeräumten Wegen voran. Die Reparatur der Hochspannungsleitungen übernahmen Spezialisten der Versorgungsbetriebe. Der Ministerpräsident dankte der Bundeswehr in einem Fernschreiben vom 5. Januar 1979 für ihren unverzüglichen und tatkräftigen Einsatz.
Auch die Wetterbeobachtung lief weiter: Laut DWD arbeiteten die Wetterwarten trotz Sturm und Verwehungen ohne Ausfall. Die Messinstrumente mussten dafür immer wieder ausgegraben werden.
Was nicht funktioniert hat
Das Material war vorhanden, aber nicht dort, wo es gebraucht wurde. Die fahrbaren Ersatzstromanlagen der Post reichten der Zahl nach aus, konnten aber wegen der Straßenverhältnisse nicht rechtzeitig zu den Vermittlungsstellen gebracht werden. Das gelang erst später mit Hubschraubern der Bundeswehr.
Hubschrauber waren aber anfangs selbst keine Lösung: Der DWD hält fest, dass eine Versorgung aus der Luft wegen des Sturms zunächst nicht möglich war. Und schweres Räumgerät brauchte vom Hilferuf bis zum Ausladen rund zwei Tage, weil es nur per Bahn anreisen konnte.
Die Vereinschronik beschreibt eine weitere Lücke: Das Katastrophenschutzgesetz des Landes hatte von der Sturmflut bis zum ABC-Fall vieles bedacht, eine Schneelage dieser Größe aber nicht. Auf den Höfen fehlte vielerorts Kraftfutter, Milch konnte nicht abgeholt werden, und Ölheizungen fielen ohne Strom aus.
Zweite Welle im Februar und die Lehren
Nach dem DWD brachte eine neue Kältewelle Mitte Februar 1979 in Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern noch einmal 60 bis 80 Zentimeter Neuschnee. Die Vereinschronik beschreibt, dass bereits Lehren aus dem ersten Mal griffen: Früh wurde entschieden, welche Straßen geräumt und welche gesperrt werden, und viele Höfe hatten sich inzwischen Notstromaggregate beschafft.
Die Bundespost kündigte an, ihr Notstromkonzept anhand der Erfahrungsberichte der Fernmeldeämter zu prüfen und die fahrbaren Ersatzanlagen künftig für den Lufttransport herzurichten. Jeder eingesetzte Truppenteil der Bundeswehr musste einen Erfahrungsbericht vorlegen. Die Bundesregierung sagte dem Innenausschuss des Bundestages einen eigenen Erfahrungsbericht zu, der auch die Erfahrungen in Dänemark einbeziehen sollte.
Nicht jede Lehre hieß Aufrüsten. Die Bundesbahn hielt es laut Bundesregierung nicht für vertretbar, ihre Vorsorge gegen Frost und Schnee nach einem „Jahrhundertwetter“ auszurichten. Die Kosten des Bundeswehreinsatzes schätzte das Verteidigungsministerium auf rund 12 Millionen D-Mark; der Bund erklärte sich bereit, auf die Erstattung zu verzichten.
Hinweis Der Erfahrungsbericht des Landes Schleswig-Holstein und der zugesagte Bericht der Bundesregierung an den Innenausschuss sind nach unserer Recherche nicht online abrufbar. Diese Fallstudie stützt sich deshalb auf die Antworten der Bundesregierung im Bundestag und auf den DWD.
Was das für dich heißt
Die Berichte von 1979 enthalten keinen Abschnitt zur privaten Vorsorge. Die folgenden Punkte sind unsere Folgerung aus dem Verlauf. Erstens: Wenn Straßen zu sind, kommt Hilfe auch mit gutem Willen erst nach Tagen – selbst die Post bekam ihre Notstromanlagen nicht rechtzeitig an den Ort. Ein Vorrat überbrückt genau diese Zeit.
Zweitens: Ein Stromausfall im Winter heißt auch, dass die Heizung ausfällt. Wie du dann warm bleibst, erklärt Warm bleiben ohne Heizung. Drittens: Bei Schneesturm ist das Auto kein sicherer Ort, um irgendwo hinzukommen. Wenn eine Fahrt nicht sein muss, bleib daheim; was ins Auto gehört, steht in Notfallausrüstung im Auto.
- Vorrat für 10 Tage mit 2 Litern Trinkwasser pro Person und Tag, wie vom BBK empfohlen
- Warme Kleidung, Decken und Schlafsäcke für mehrere kalte Tage
- Radio und Licht mit Batterien, dazu Ersatzbatterien
- Mit Tieren oder Hof: Notstrom und Futter vorher mit Fachleuten planen – die Lehre der Höfe von 1979
Tipp Wie lange andere Lagen dauerten, zeigt der Überblick Wie lange echte Lagen dauerten. Ein späterer Winterfall mit umgeknickten Masten ist das Schneechaos im Münsterland 2005.
Häufige Fragen
Wie viele Menschen sind bei der Schneekatastrophe gestorben?
Der Deutsche Wetterdienst nennt 17 Tote in der Bundesrepublik und mindestens fünf in der damaligen DDR. Andere Darstellungen nennen abweichende Zahlen; wir geben nur die des DWD wieder.
Wie lange waren die Menschen ohne Strom?
Unterschiedlich lange. Für die betroffenen Vermittlungsstellen der Post nannte die Bundesregierung einen mittleren Ausfall des Stromnetzes von 62 Stunden. Eine flächendeckende amtliche Zahl für alle Haushalte haben wir nicht gefunden.
Warum kam das schwere Räumgerät erst am 2. Januar an?
Laut Bundesregierung konnten Bergepanzer aus Westfalen und dem Raum Hannover nur per Bahn kommen. Die Spezialwaggons mussten erst zusammengestellt werden, und die Strecke nach Schleswig war nicht ständig befahrbar.
Kann sich so ein Winter wiederholen?
Der DWD nennt vergleichbar harte Winter 1928/29, 1962/63, 1984/85 und 1986/87. Ausgeschlossen ist ein solcher Winter also nicht.
Quellen
- Deutschland vor 40 Jahren: Die Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/1979 (Pressemitteilung, 20.12.2018)Deutscher Wetterdienst (DWD) · Wetterlage, Verwehungen, 150 abgeschnittene Orte, Luftversorgung, Tote, Schäden, Februar 1979, 67 Tage Schneedecke, Wetterwarten, vergleichbare Winter
- Plenarprotokoll 8/129 vom 19.01.1979, Anlagen 68 und 89Deutscher Bundestag · Antworten der Bundesregierung: zeitlicher Ablauf der Bundeswehrhilfe, Bundespost (62 und 13 Stunden, 1,3 Prozent, Ersatzanlagen), Bundesbahn
- Plenarprotokoll 8/133 vom 26.01.1979, Anlage 28Deutscher Bundestag · Zusage eines Erfahrungsberichts an den Innenausschuss, auch zu Dänemark
- Plenarprotokoll 8/134 vom 07.02.1979, FragestundeDeutscher Bundestag · Erfahrungsberichte der Truppe, Dank des Ministerpräsidenten, Kosten und Verzicht auf Erstattung
- Plenarprotokoll 8/139 vom 16.02.1979, Anlage 35Deutscher Bundestag · THW: nur Allradfahrzeuge einsetzbar, Leitungsreparatur durch Versorger
- Der große Schnee – Schneewinter 1978/79Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (Verein) · Vereinschronik nach einem Buch von 1979: Eisregen und Masten, Katastrophenalarm, 66 Gemeinden, rund 30.000 Helfer, Höfe, Lehren im Februar