Am 29. August 2005 traf Hurrikan Katrina auf die Küste von Louisiana und Mississippi. In New Orleans brachen die Deiche, große Teile der Stadt liefen voll. Diese Fallstudie folgt vor allem dem Bericht „A Failure of Initiative“, den ein Sonderausschuss des US-Repräsentantenhauses im Februar 2006 vorlegte, ergänzt um die Auswertung des Weißen Hauses und den Bericht des National Hurricane Center. Im Mittelpunkt steht, wer bei der Evakuierung zurückblieb und was das für die Vorsorge hier heißt.
Das Wichtigste in Kürze
- Mehr als eine Million Menschen verließen die Region, zurück blieben vor allem Menschen ohne eigenes Auto.
- Der Stadtplan kannte rund 100.000 Menschen ohne eigenes Fahrzeug, ihr Transport aus der Stadt war nicht organisiert.
- Der Superdome war als Zuflucht für einen Sturm gedacht, nicht für Tausende Menschen über mehrere Tage.
- Krankenhäuser und Pflegeheime hatten oft keine konkreten Regeln, wann sie räumen; Notstromaggregate standen zu tief.
- Für dich heißt das: Weg aus der Gefahrenzone vorab klären, Hilfebedarf ansprechen, Notgepäck mitnehmen.
Was im August 2005 passiert ist
Katrina hatte über dem Golf von Mexiko die höchste Kategorie 5 erreicht und traf am Morgen des 29. August 2005 als Hurrikan der Kategorie 3 bei Buras in Louisiana auf Land, wenig später an der Grenze zu Mississippi ein zweites Mal. Die Sturmflut traf vor allem die drei Küstenbezirke von Mississippi. In New Orleans gaben die Deiche an mehreren Stellen nach, in manchen Vierteln stand das Wasser bis über die Dächer.
Der Bericht des National Hurricane Center wurde 2023 überarbeitet. Er nennt jetzt 1.392 Todesfälle: 520 direkt durch den Sturm, 565 indirekt, die meisten davon durch Herz-Kreislauf-Ursachen, und 307, deren Ursache sich nicht klären ließ. Frühere Fassungen hatten über 1.800 genannt. In Louisiana waren nach dem Bericht die meisten Verstorbenen älter als 60 Jahre.
Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch. Die Berichte werten Abläufe aus; diese Fallstudie übernimmt ihre Befunde und nennt keine Namen. Die Bewertungen stammen aus den Berichten, nicht von uns.

Wer nicht wegkam
Die Räumung für die breite Bevölkerung lief nach dem Ausschussbericht in allen drei betroffenen Bundesstaaten vergleichsweise gut. In Louisiana wurden die Autobahnen stufenweise auf Einbahnverkehr stadtauswärts umgestellt, mehr als eine Million Menschen verließen so die Region. Das half aber nur denen, die selbst wegfahren konnten. Mehr als 70.000 Menschen blieben in New Orleans zurück.
Der Katastrophenschutzplan der Stadt hielt selbst fest, dass rund 100.000 Einwohner kein eigenes Fahrzeug hatten, und versprach besondere Vorkehrungen für Menschen, die sich nicht selbst in Sicherheit bringen können. Nach dem Bericht wurden sie nicht getroffen. Als die verpflichtende Evakuierung am Sonntag kam – 19 Stunden vor dem erwarteten Landfall, obwohl ausreichende Warnungen schon 56 Stunden vorher vorlagen –, brachten Busse die Menschen nur bis zum Superdome, nicht aus der Stadt.
Der Bericht nennt weitere Gründe: Die Gemeinden benutzten viele unklare Begriffe wie „vorsorgliche“, „freiwillige“ oder „dringend empfohlene“ Evakuierung. Es war Monatsende, manche hatten kein Geld mehr für Benzin. Viele Ältere hatten frühere Stürme zu Hause überstanden und blieben wieder. Und der Bericht hält fest, dass auch Menschen blieben, die hätten gehen können.
Ein Gegenbeispiel liefert die Nachbargemeinde Plaquemines Parish. Sie ordnete die Räumung schon am Samstagmorgen verpflichtend an, am Sonntag gingen Hilfssheriffs von Tür zu Tür und fragten, wer Hilfe braucht. Nach Angaben des dortigen Sheriffs verließen 97 bis 98 Prozent der Bevölkerung die Gemeinde.
Der Superdome und andere Zufluchtsorte
Die Stadt öffnete das Stadion Superdome als „Zuflucht der letzten Instanz“. Es sollte Menschen helfen, einen durchziehenden Sturm zu überstehen – nicht, Tausende über mehrere Tage zu versorgen. Beim Landfall waren dort etwa 10.000 bis 12.000 Menschen, am Mittwoch rund 23.000. Das Dach riss auf, der Strom fiel aus, Klimaanlage und Toiletten versagten. Essen und Wasser gingen nach dem Bericht nie aus. Manche hatten auf Rat des Bürgermeisters Vorrat für drei Tage mitgebracht, wer nach der Flut kam, hatte nur, was er am Leib trug.
Schlimmer war es an Orten, die nie als Unterkunft vorgesehen waren. Im Kongresszentrum sammelten sich nach Schätzung der Nationalgarde rund 19.000 Menschen – ohne Strom, ohne Sicherheitskräfte, ohne Essen und Wasser. An einem Autobahnkreuz, wo Gerettete abgesetzt wurden, warteten schließlich 6.000 bis 7.000 Menschen, ohne Schutz vor der Sonne.
Eine Räumung nach der Flut hatte nach dem Bericht niemand geplant, weder Stadt noch Land noch Bund. Städtische Busse und Schulbusse standen unter Wasser oder hatten keine Fahrer. Der erste Busauftrag des Bundes kam in der Nacht zum Mittwoch. Erst mit mehr Bussen und einer Luftbrücke – 129 Flugzeuge brachten 13.000 Menschen aus der Stadt – war New Orleans schließlich geräumt.

Krankenhäuser, Pflegeheime, Menschen mit Hilfebedarf
New Orleans war nach dem Befund des Ausschusses nicht darauf vorbereitet, Menschen mit besonderem Hilfebedarf und Dialysepatienten zu evakuieren und zu versorgen. Wer zu dieser Gruppe gehört, war nicht einheitlich festgelegt, und die Stadt führte keine Liste. Plaquemines Parish dagegen führte eine Datenbank, befragte jeden Betroffenen zu Transport und Medikamenten und hatte Verträge vorab geschlossen.
Die meisten Notfallpläne der Krankenhäuser gaben keine konkrete Auskunft, ob und wann geräumt werden soll. Viele Notstromaggregate standen ebenerdig oder tiefer, oft unter dem Meeresspiegel, Pumpen und Tanks ebenso. Im Raum New Orleans blieben 3 Akutkrankenhäuser in Betrieb, 4 eingeschränkt, 21 fielen aus oder wurden geräumt. Wo der Strom ausfiel, wurden Beatmungspatienten von Hand beatmet. Nach Angaben der Landesgesundheitsbehörde wurden bis zum 3. September 12.000 Patienten evakuiert.
Pflegeheime in Louisiana mussten eigene Evakuierungspläne haben. Vor dem Sturm räumten 19 Heime, nach der Flut weitere 32. Ein Heim wurde gar nicht geräumt; dort starben 35 Bewohnerinnen und Bewohner. Der Ausschuss nennt die Entscheidungen über die Räumung der Heime subjektiv und spricht in diesem Fall von vermeidbaren Todesfällen. Insgesamt starben nach seiner Schätzung in Pflegeheimen und Krankenhäusern von New Orleans 215 Menschen.
Hinweis Der Verband der Pflegeheime in Louisiana berichtete dem Ausschuss von mindestens einem Heim, das keine Busfahrer mehr fand, als die verpflichtende Evakuierung angeordnet war. Späte Entscheidungen treffen Einrichtungen, die viel Vorlauf brauchen, besonders hart.
Als die Verbindungen rissen
Nach dem Ausschussbericht fielen in Louisiana, Mississippi und Alabama mehr als drei Millionen Telefonanschlüsse aus, 38 Notrufzentralen und bis zu 2.000 Mobilfunkstandorte. Am Tag nach dem Sturm kamen mehr als 20 Millionen Anrufe nicht durch. In New Orleans gingen 37 von 41 Radiosendern vom Netz. Der Funk von Polizei und Feuerwehr brach zusammen, als die Funktürme in der Flut ihre Notstromaggregate verloren.
In den Krankenhäusern funktionierte das eigene Notfunksystem nicht, die wichtigste Informationsquelle war das Fernsehen. Satellitentelefone arbeiteten nur zeitweise und nur im Freien. Alabama, das mehrere Kommunikationswege vorhielt, kam besser durch. Der Bericht folgert, dass fehlende Verbindungen das Lagebild und die Führung lähmten und Hilfe verzögerten.
Was funktioniert hat
Die Vorhersagen des nationalen Wetterdienstes und des National Hurricane Center waren nach dem Ausschuss so genau und rechtzeitig, dass sie weitere Todesfälle verhinderten; auch das Weiße Haus zählt die Warnung vor dem Landfall zu den positiven Lehren. Die Räumung für die breite Bevölkerung gelang. Die Suche und Rettung nennt der Ausschuss einen enormen Erfolg: Allein die Küstenwache meldete mehr als 33.000 Gerettete. Die gegenseitige Hilfe der Bundesstaaten brachte in bis dahin unerreichtem Umfang Kräfte ins Katastrophengebiet.
Die Lehren der Berichte
Der Ausschuss fasst es so zusammen: Pläne gab es genug, aber zu wenig Planung. Die Behörden hätten auf die Katastrophe gewartet, die zu ihren Plänen passt, statt Fähigkeiten aufzubauen, die mit jeder Lage mitwachsen. Die Folgen eines schweren Hurrikans für New Orleans seien vorhergesagt gewesen, auch in einer Übung im Juli 2004.
Das Weiße Haus stellt seine Auswertung ausdrücklich nicht unter die Frage nach Schuld, sondern nach Lücken im System. Evakuierung sei Aufgabe von Land und Kommune, der Bund müsse aber einspringen können. Seinem Einsatz hätten vorab geplante Routen, Kommunikation, Fahrzeuge und die Abstimmung mit den aufnehmenden Orten gefehlt. Mehr als 200.000 chronisch kranke Menschen standen nach dem Sturm ohne ihre gewohnten Medikamente und ihre Versorgung da.
Was das für dich heißt
Deutschland ist nicht Louisiana: Hurrikane gibt es hier nicht, Zuständigkeiten und Warnwege sind anders. Übertragbar ist das Muster. Wer kein Auto hat, auf Pflege angewiesen ist oder in einer Einrichtung lebt, braucht bei einer Räumung mehr Vorlauf und fremde Hilfe. Wie es in Deutschland bei einer großen Flut aussah, zeigt die Fallstudie „Flut an Ahr und Erft 2021“. Die folgenden Punkte stützen sich auf die Hinweise des BBK; der Rest sind Folgerungen aus den Berichten.
- Überleg vorab, wie du ohne Auto aus deinem Viertel kommst und wer dich mitnehmen könnte. Wie Sammelstellen und Hilfe für nicht mobile Menschen funktionieren, steht im Artikel „Evakuierung“.
- Das BBK rät, dich über Fluchtwege zu informieren und, wenn du sie nicht selbst nutzen kannst, zu überlegen, wer dich wie unterstützt – und mit Nachbarschaft, Familie und Freundeskreis darüber zu sprechen.
- Geh früh, wenn die Behörden dazu auffordern. Katrina zeigt, dass späte Entscheidungen vor allem die treffen, die Hilfe beim Aufbruch brauchen.
- Nimm Notgepäck mit Medikamentenplan und Medikamentenvorrat mit. Eine Notunterkunft ist eine Zuflucht, kein Hotel; was dort passiert, beschreibt der Artikel „Nach der Evakuierung“.
- Lebt ein Angehöriger in einem Pflegeheim, frag nach dessen Evakuierungsplan und wie das Heim dich im Ernstfall erreicht.
Häufige Fragen
Warum sind so viele Menschen in New Orleans geblieben?
Nach dem Ausschussbericht hatten viele kein eigenes Fahrzeug, die verpflichtende Evakuierung kam spät, und Busse fuhren nur bis zum Superdome. Dazu kamen Geldmangel am Monatsende und Menschen, die frühere Stürme zu Hause überstanden hatten.
Wie viele Menschen sind durch Katrina gestorben?
Das National Hurricane Center nennt seit seiner Überarbeitung von 2023 insgesamt 1.392 Todesfälle, davon 520 direkt durch den Sturm. Ältere Fassungen hatten über 1.800 angegeben.
Werde ich bei einer Räumung automatisch abgeholt, wenn ich nicht mobil bin?
Verlass dich nicht darauf. Katrina zeigt, wie schnell Menschen ohne Liste und ohne Absprache übersehen werden. Sprich vorher mit deinem Umfeld und deinem Pflegedienst; wie Städte Hilfebedarf abfragen, steht im Artikel „Evakuierung“.
Wie lange dauerte die Lage in New Orleans?
Bis die Stadt nach der Flut geräumt war, vergingen mehrere Tage. Wie lange andere echte Lagen dauerten, steht im Überblick „Wie lange echte Lagen dauerten“.
Quellen
- A Failure of Initiative: Final Report of the Select Bipartisan Committee to Investigate the Preparation for and Response to Hurricane Katrina (H. Rept. 109-377, Februar 2006)U.S. House of Representatives, über govinfo.gov (U.S. Government Publishing Office) · Leitquelle: Befunde zu Evakuierung, Superdome, Kommunikation, Krankenhäusern und Pflegeheimen (v. a. S. 1–5, 103–123, 163–165, 277–295)
- The Federal Response to Hurricane Katrina: Lessons Learned, Kapitel 5 (Februar 2006)The White House (Archiv der Regierung George W. Bush) · Lehren des Bundes: keine Schuldfrage, Evakuierung, chronisch Kranke, Warnung als positive Lehre
- Tropical Cyclone Report: Hurricane Katrina, 23–30 August 2005 (überarbeitet 4. Januar 2023)National Hurricane Center (NOAA) · Verlauf, Landfall, Todesfälle nach aktueller Zählung, Altersangabe für Louisiana
- Vorsorge für Menschen mit BeeinträchtigungenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Fluchtwege, Unterstützung durch das Umfeld, Medikamentenplan und Vorrat
