Vom 25. Juni bis 1. Juli 2021 lag eine Hitzeglocke über der kanadischen Provinz British Columbia. Die zuständige Behörde untersuchte in dieser Woche mehr als 800 Todesfälle statt der üblichen rund 200 – die meisten Menschen starben allein, in der eigenen Wohnung. Diese Fallstudie folgt dem Bericht des Todesfall-Prüfgremiums, das der BC Coroners Service im April 2022 einberufen hat. Am Ende steht, was sich vorsichtig auf Deutschland übertragen lässt und was du selbst tun kannst.
Das Wichtigste in Kürze
- 619 Todesfälle ordnete der BC Coroners Service der Hitze zu; 98 Prozent der Hitzeschäden entstanden drinnen.
- Laut Bericht waren die meisten Verstorbenen ältere, chronisch kranke Menschen, die allein lebten.
- Nachts kühlte es draußen ab, in den Wohnungen blieb es heiß – dort lag nach dem Bericht die Hauptgefahr.
- Das Gremium empfiehlt ein Hitzewarnsystem, Kontakt zu Risikogruppen, Kühlräume und Kühlgeräte als Hilfsmittel.
- Für dich heißt das: nach älteren Nachbarn sehen, die Wohnung tagsüber abdunkeln, regelmäßig trinken.
Was Ende Juni 2021 passiert ist
Eine Hitzeglocke entsteht, wenn ein Hochdruckgebiet tage- oder wochenlang über derselben Gegend liegt und die warme Luft darunter festhält – der Bericht vergleicht das mit einem Deckel auf einem Topf. In British Columbia stiegen die Temperaturen ab dem 24. Juni 2021 und erreichten am 28. und 29. Juni ihren Höhepunkt. Laut Bericht lagen sie dann in vielen Teilen der Provinz über 40 °C, auch die Nächte blieben ungewöhnlich warm.
In der Woche vom 25. Juni bis 1. Juli untersuchte der BC Coroners Service – die Behörde, die in der Provinz unnatürliche und unerwartete Todesfälle aufklärt – mehr als 800 Todesfälle. In derselben Woche früherer Jahre waren es im Schnitt rund 200. 619 dieser Todesfälle wurden später als hitzebedingt eingestuft. Die meisten Hitzeschäden traten am 28. und 29. Juni auf, den heißesten Tagen.
Der Bericht betont, dass hinter jeder Zahl ein einzelnes Leben steht. Er nennt keine Namen und lässt Einzelheiten weg, die Betroffene erkennbar machen könnten. So hält es auch diese Fallstudie.
Wer gestorben ist – und wo
Nach dem Bericht waren die meisten Verstorbenen ältere Menschen, deren Gesundheit durch mehrere chronische Krankheiten geschwächt war und die allein lebten. 67 Prozent (415 Menschen) waren 70 Jahre oder älter, 56 Prozent lebten allein. Kinder und Menschen unter 30 Jahren waren nicht unter den Toten. 91 Prozent waren in mindestens einem Register für chronische Krankheiten verzeichnet, am häufigsten wegen Bluthochdruck.
In 98 Prozent der Fälle entstand der Hitzeschaden drinnen, in einer Wohnung. Die meisten Verstorbenen lebten ohne ausreichende Kühlung: Nur 46 von ihnen (7 Prozent) hatten eine Klimaanlage in der Wohnung. Häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung wohnten sie in Vierteln mit hoher materieller oder sozialer Benachteiligung, oft in dicht bebauten Gegenden mit wenig Bäumen und großen Straßen.
Die Messungen zeigen, warum die Wohnung zur Falle wurde: Draußen kühlte es nachts ab, drinnen blieb es heiß. Die Innentemperaturen lagen während der ganzen Hitzewelle durchgehend über 26 °C. Nach Einschätzung des BC Centre for Disease Control, die der Bericht wiedergibt, waren Menschen am stärksten gefährdet, wenn es in der Wohnung die ganze Zeit über 26 °C blieb.
Was nicht funktioniert hat
Der Bericht stellt eine Verzögerung fest zwischen den Hitzewarnungen des kanadischen Wetterdienstes und der Behörden einerseits und der Reaktion der Öffentlichkeit andererseits. Eine umfassende Hitzeplanung fehlte vielerorts: Schon 2017 hatte eine Bestandsaufnahme ergeben, dass die meisten Gemeinden und Gesundheitsbehörden keinen vollständigen Hitze-Aktionsplan hatten. Das Risiko galt als gering, andere Aufgaben gingen vor, oder man hielt sich nicht für zuständig.
Die Notrufe überforderten die Leitstellen. Am 28. Juni gingen bis zu 11.970 Notrufe ein, an den Tagen davor und danach waren es 6.000 bis 7.000. Am 29. Juni dauerte es bei 52 Prozent der Anrufe länger als fünf Sekunden, bis jemand abnahm. In 50 Fällen brauchte der Rettungsdienst 30 Minuten oder länger bis zum Einsatzort, in 17 Fällen hingen Anrufer lange in der Warteschleife, und in sechs Fällen hieß es, gerade sei kein Rettungswagen frei.
Viele Verstorbene waren zwar mit dem Gesundheitswesen in Kontakt, aber in der Hitze allein. Mehr als 60 Prozent hatten im Monat vor ihrem Tod eine Ärztin oder einen Arzt gesehen, viele hatten gesagt, dass es ihnen in der Hitze schlecht gehe. Der Bericht hält fest, dass ältere, sozial isolierte Menschen besonders gefährdet waren. Dazu kam die Corona-Pandemie: Manche Menschen mieden öffentliche Kühlräume vermutlich aus Sorge vor Ansteckung.
Hinweis Das Gremium darf keine rechtliche Verantwortung feststellen. Es soll herausfinden, wie sich künftige Todesfälle verhindern lassen. Deshalb richten sich seine Befunde an Abläufe und Zuständigkeiten, nicht an einzelne Personen.
Was funktioniert hat
Der Bericht hebt zwei Gemeinden hervor, die schon vor der Hitze einen Hitze-Aktionsplan hatten: die Stadt Vancouver und das Dorf Ashcroft. Er stellt außerdem fest, dass in manchen stark benachteiligten Gegenden weniger Menschen starben als zu erwarten gewesen wäre. Das Gremium empfiehlt, genau dort nachzufragen, wie sich die Menschen gegenseitig unterstützt haben.
Wie wichtig Kontakt ist, zeigen die Umstände, unter denen die Verstorbenen gefunden wurden: die Hälfte bei einem Besuch, den Angehörige, Freunde, Betreuer oder die Polizei aus Sorge machten, ein weiteres Drittel bei regelmäßigem Kontakt. Der Bericht zählt Besuche bei älteren, kranken und allein lebenden Menschen – zusammen mit einem kühlen Rückzugsort – zu den wirksamsten Maßnahmen während einer Hitzewelle.
Die Empfehlungen des Gremiums
Das Gremium bündelt seine Empfehlungen in drei Bereiche: ein abgestimmtes Hitzewarn- und Reaktionssystem für die ganze Provinz, das Erkennen und Unterstützen der gefährdetsten Menschen sowie langfristige Vorbeugung.
- Hitzewarnsystem mit zwei Stufen, „Hitzewarnung“ und „extremer Hitzenotfall“, und klaren Zuständigkeiten. Beim Notfall soll eine Warnung direkt auf die Handys gehen; im Mai 2022 wurde das nationale Warnsystem dafür erweitert.
- Die ambulanten Pflege- und Betreuungsdienste sollen chronisch Kranke, Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit oder geistigen Einschränkungen und Alleinlebende vorab erfassen und bei extremer Hitze besuchen oder kontaktieren.
- Gemeinden sollen Kontrollbesuche, Kühlräume – auch mobile –, Wasserausgabe und kühle Parks prüfen.
- Das Gesundheitsministerium soll prüfen, ob Kühlgeräte als medizinisches Hilfsmittel an besonders gefährdete Menschen ausgegeben werden können.
- Langfristig: Kühlung in die Bauordnung aufnehmen, Förderprogramme für Nachrüstung, mehr Stadtbäume.
Was sich auf Deutschland übertragen lässt
Der Bericht untersucht nur British Columbia; Klima, Bauweise und Gesundheitssystem sind anders. Übertragbar ist aber das Muster. Auch in Deutschland zählen nach dem Deutschen Wetterdienst vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke und kleine Kinder zu den Risikogruppen. Der DWD warnt auf Landkreisebene, wenn eine starke Wärmebelastung vorhergesagt wird und die Wohnungen nachts nicht mehr ausreichend abkühlen – also vor einer Lage wie der, die in British Columbia tödlich war.
Das Robert Koch-Institut schätzt jeden Sommer die hitzebedingten Sterbefälle. Der größte Anteil entfällt auf Menschen ab 75 Jahren. In den Jahren 2018 und 2019 waren es jeweils etwa 7.000 und mehr; für 2026 schätzte das RKI im Bericht vom 24. September 2026 bis Mitte September rund 16.000. Auf dem Totenschein steht Hitze meist nicht, weil sie oft zusammen mit Vorerkrankungen zum Tod führt.
Zuständig für Hitzeaktionspläne sind nach dem Bundesgesundheitsministerium Länder, Städte und Kommunen; Empfehlungen dafür haben Bund und Länder schon 2017 erarbeitet. Das Ministerium hat 2023 einen „Hitzeschutzplan für Gesundheit“ vorgelegt. Ob deine Kommune einen Plan hat und was darin steht, erfährst du bei deiner Stadt oder deinem Gesundheitsamt.
Was das für dich heißt
British Columbia zeigt: Hitze tötet leise, meist in der Wohnung und bei Menschen, die allein sind. Die folgenden Punkte stammen aus den Grundregeln des DWD und den Hinweisen im Bericht.
- Nach älteren oder kranken Nachbarn und Angehörigen sehen, wenn der DWD vor Hitze warnt – am besten verabredet und schon bevor es am heißesten wird.
- Wohnung tagsüber vor Sonne schützen, lüften, wenn es draußen kühler ist als drinnen, und Herd und Backofen möglichst nicht benutzen.
- Ausreichend und regelmäßig trinken, leicht essen, auf Alkohol verzichten.
- Kühlere Orte in der Nähe kennen: schattige Parks, Kirchen, klimatisierte öffentliche Gebäude.
- Hitzewarnungen des DWD verfolgen, etwa über dessen Newsletter oder eine Warn-App.
Achtung Ein Hitzschlag ist ein Notfall. Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit bei großer Hitze sind Alarmzeichen, unbehandelt kann ein Hitzschlag tödlich enden. Dann sofort 112 rufen.
Häufige Fragen
Warum starben so viele Menschen drinnen und nicht draußen?
Laut Bericht staute sich die heiße Luft in den Wohnungen und stieg immer weiter an. Draußen kühlte es nachts ab, drinnen nicht. Nur 20 Verstorbene waren kurz vorher körperlich aktiv gewesen, etwa bei Gartenarbeit.
Hätte ein Ventilator gereicht?
Das lässt sich aus dem Bericht nicht ablesen. Ventilatoren liefen in 24 Prozent der Wohnungen, bei 44 Prozent war es unbekannt. Das Gremium setzt vor allem auf kühle Rückzugsorte und Kontakt zu gefährdeten Menschen.
Gibt es in Deutschland ein Hitzewarnsystem?
Ja. Der Deutsche Wetterdienst gibt Hitzewarnungen auf Landkreisebene heraus, in zwei Stufen: starke und extreme Wärmebelastung. Für ältere Menschen und Stadtbewohner weist der Warntext unter bestimmten Bedingungen gesondert auf die Belastung hin.
Wie lange dauerte die Hitze in British Columbia?
Der Bericht nennt die Woche vom 25. Juni bis 1. Juli 2021, mit dem Höhepunkt am 28. und 29. Juni. Wie lange andere echte Lagen dauerten, steht im Überblick „Wie lange echte Lagen dauerten“.
Quellen
- Extreme Heat and Human Mortality: A Review of Heat-Related Deaths in B.C. in Summer 2021 (Bericht des Death Review Panel, Juni 2022)BC Coroners Service (Provinzregierung British Columbia) · Ablauf, Todesfälle, Wohnsituation, Notrufe, Empfehlungen (v. a. S. 4–7, 13–21, 23–26)
- HitzewarnungDeutscher Wetterdienst (DWD) · Warnstufen, Risikogruppen, drei Grundregeln bei Hitze
- Wochenbericht zur hitzebedingten MortalitätRobert Koch-Institut (RKI) · Geschätzte hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland, Altersverteilung (Stand 24. September 2026)
- Gesundheitsrisiko HitzeBundesministerium für Gesundheit (BMG) · Hitzeschutzplan für Gesundheit, Zuständigkeit für Hitzeaktionspläne
