Ein Haus hält so lange, wie sein Dach dicht ist. Dringt Wasser ein, leiden Balken und Wände – der Artikel über das Bauen mit Lehm, Stroh und Holz endet deshalb mit der Regel, dass oben alles trocken bleiben muss. Dieser Beitrag aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ setzt dort an: warum die Dachneigung über die Deckung entscheidet, wie Holzschindeln und Reet verlegt werden, was Ziegel und Steinplatten können, wie du Regenwasser ableitest und wie du ein Loch im Dach flickst, ohne selbst abzustürzen. Was heute rechtlich gilt, steht im Warnkasten am Ende.
Das Wichtigste in Kürze
- Jede Deckung braucht eine Mindestneigung: Schindeln laut FAO 35 Grad, Gras und Reet 45 Grad und mehr.
- Holzschindeln liegen dreilagig; jede hat genau einen Nagel, und kein Nagel geht durch zwei Schindeln.
- Reet wird heute rund 35 bis 40 cm dick gedeckt und hält auf Süd- und Westseite etwa 35 bis 40 Jahre.
- Wasser muss weg vom Haus: Dachüberstand, Rinne mit wenig Gefälle, Steingraben statt Pfütze am Sockel.
- Abstürze sind die häufigste Ursache tödlicher Arbeitsunfälle – aufs Dach nur gesichert.
Warum die Dachneigung zählt
Ein Dach aus kleinen Teilen – Schindeln, Ziegel, Halme – ist nicht dicht wie eine Folie. Es funktioniert, weil Wasser schneller abläuft, als es in die Fugen kriechen kann. Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, schreibt in ihrem Lehrbuch für ländliches Bauen: Welche Mindestneigung ein Material braucht, hängt vom Wind, von der Art der Fuge und Überdeckung, von der Saugfähigkeit und von der Größe der einzelnen Teile ab.
Steiler ist nicht umsonst. Nach derselben Quelle braucht ein 45 Grad steiles Dach rund 141 Prozent der Deckfläche eines flachen Dachs, bei 60 Grad das Doppelte. Auch das Gewicht zählt: Verlegte Ziegel wiegen laut FAO etwa 65 kg je Quadratmeter, Schiefer etwa 40 kg. Der Dachstuhl muss das tragen, bei Gras und Stroh das Gewicht der nassen Deckung.
Das Lehrbuch ist für tropisches Klima geschrieben; seine Werte sind Richtwerte. Für Reet in Norddeutschland nennt die IG Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen, ein Verein, eine Mindestneigung von 45 Grad; 50 Grad seien besser.
| Deckung | Mindestneigung |
|---|---|
| Holzschindeln | 35 Grad |
| Grasdach | 45 Grad |
| Reetdach (Norddeutschland) | 45 Grad, besser 50 Grad |
| Flachziegel aus gebranntem Ton | 40 Grad |
| Ziegel mit Seitenfalz, einfach überdeckt | 30 Grad |
| Schieferplatten ab 30 cm Breite | 25 Grad |
| Schieferplatten ab 22,5 cm Breite | 35 Grad |
Holzschindeln: dreilagig und mit einem Nagel
Schindeln aus fäulnisbeständigem Holz halten laut FAO auch ohne Holzschutz 15 bis 20 Jahre. Sie dämmen gut, sind bei Starkregen leise und leicht. Weil sie Bewegungen im Dachstuhl gut vertragen, reicht ein einfaches Dachgerüst aus Rundholz.
Verlegt wird von der Traufe aufwärts, Schindel an Schindel. Jede Reihe überdeckt die beiden darunter, sodass über jeder Latte drei Lagen liegen. Jede Schindel bekommt genau einen Nagel in die Latte, und kein Nagel darf durch zwei Schindeln gehen.
Holz wölbt sich beim Trocknen. Die FAO empfiehlt, das zu nutzen: Legst du alle Schindeln mit der Kernseite nach unten, entsteht eine Deckung, die weniger leckt. Wie du Holz ohne Maschinen spaltest und glättest, erklärt der Artikel „Holz bearbeiten ohne Maschinen“ in dieser Reihe.
Reet und Stroh: das Weichdach
Das Reetdachdecker-Handwerk steht seit 2014 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es ihr zufolge schon um 4000 v. Chr. Geerntet wird im Winter: Dann ist die Pflanze trocken, die Blätter sind größtenteils abgefallen, der Halm bleibt elastisch. Früher deckte man oft auch mit Stroh; die IG Baupflege nennt Roggenstroh.
Gutes Reet bricht laut IG Baupflege beim Biegen nicht, ist etwa 2 m lang, innen hell und ohne Schimmel und hat höchstens 18 Prozent Feuchte. Die Bunde werden schuppenförmig übereinandergelegt und an der Lattung im Abstand von 30 bis 35 cm vernäht, sodass die nächsten zwei Lagen jede Naht überdecken. Um 1900 galt eine Dicke von 10 cm als Regel, heute deckt man etwa 35 bis 40 cm stark. Mit dem Klopfbrett treibt der Decker das Reet in die Bindung und bestimmt so die Neigung, beschreibt die UNESCO-Kommission.
Für Grasdächer nennt die FAO dasselbe Prinzip: Bündel mit dem Stängelfuß nach unten, von der Traufe aus in etwa 1 m breiten Bahnen, jede Lage überdeckt die darunter um die Hälfte bis zwei Drittel. Frisch ist die Deckung 15 bis 20 cm dick und setzt sich später. Tief heruntergezogene Traufen schützen die Wände.
Wie lange ein Reetdach hält, hängt von Qualität und Pflege ab. Die IG Baupflege nennt 35 bis 40 Jahre als gute Liegezeit für Süd- und Westseite; Nord- und Ostseite halten länger, es gibt gute Befunde nach 60 Jahren. Pflege heißt: Wasser muss ablaufen, die Deckung muss lüften.

Ziegel und Steinplatten
Ziegel wurden laut FAO ursprünglich von Hand aus gebranntem Ton gemacht, Schieferplatten aus Naturstein. Beide sind langlebig, brauchen wenig Pflege und dämmen Schall und Wärme gut. Flachziegel sind leicht gewölbt, damit sie nicht plan aufeinanderliegen – das verhindert, dass Wasser in der Fuge nach oben gesaugt wird.
Ziegel und Platten hängen an eng gesetzten Latten; der Lattenabstand entspricht dem sichtbaren Teil jedes Ziegels. Weil ein Ziegeldach schwer ist, brauchen die Sparren entsprechend Tragkraft und einen engen Abstand.
Wasser ableiten: Traufe, Rinne, Steingraben
Das Wasser vom Dach darf nicht am Sockel stehen bleiben. Am einfachsten lässt du es laut FAO auf einen befestigten Spritzstreifen rund ums Haus tropfen, der auch die Wände schützt. Nur bei sehr kleinen Gebäuden darf es einfach im Boden versickern; bei größeren spült der gebündelte Strahl den Boden aus und kann das Fundament beschädigen. Bewährt sind mit Steinen gefüllte Gräben, in denen das Wasser versickert.
Eine Dachrinne sammelt das Wasser und führt es über Fallrohre in einen Graben oder einen Tank. Die FAO empfiehlt nur wenig Gefälle, etwa 0,3 Prozent; läuft das Wasser zu schnell, bleibt Laub liegen. Weil eine Rinne bei Starkregen oder Verstopfung überlaufen kann, gehört immer ein Dachüberstand dazu, damit das Wasser nicht an der Fassade herunterläuft. Die Deckung sollte etwa 5 cm über das Sparrenende hinausreichen, damit das Wasser frei abtropft.
Wie du das aufgefangene Wasser nutzt, steht im Artikel über Regenwasser.
Das Loch im Dach: erst von unten, dann gesichert
Nach einem Sturm tropft es. Der erste Schritt geschieht nicht auf dem Dach, sondern darunter: Wasser auffangen, nasse Dinge wegräumen, die Stelle von innen suchen und prüfen, ob Balken oder Latten gebrochen sind. Ein stark beschädigtes Dach bleibt ein Fall für Fachleute; wie du dich nach einem Sturm verhältst, beschreibt der Artikel zu Sturm und Orkan.
Reet hat einen Vorteil: Nach IG Baupflege lassen sich Leck- und Schwachstellen an Kehlen, Firsten und Schornsteinen nachstopfen, und früher wurde Jahr für Jahr ein Stück Dachfläche erneuert. Bei Ziegeln und Schindeln setzt du das Ersatzstück so, dass es wieder von der Reihe darüber überdeckt wird und selbst die Reihe darunter überdeckt – dieselbe Regel wie beim Decken.
Eine Plane ist eine Überbrückung, keine Reparatur. Sie muss oberhalb des Lochs beginnen, damit Wasser über sie abläuft statt unter sie. Befestige sie so, dass der Wind nicht darunter greifen kann; wie du Leinen sicher festmachst, zeigt der Artikel über Knoten und Seile.
Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), eine gesetzliche Unfallversicherung, nennt Abstürze die häufigste Ursache tödlicher Arbeitsunfälle; die Hälfte der tödlichen Abstürze geschieht aus weniger als 5 m Höhe, die meisten von Dächern und Dachstühlen. Schon unter 2 m sind die Verletzungen tendenziell schwer.
- Nie ungesichert in der Nähe einer Absturzkante arbeiten – fehlt die Sicherung, heißt es laut BG BAU: Stopp.
- Die Leiter ist zweite Wahl; wenn doch, gegen Verrutschen und Umstürzen sichern.
- Nicht durchbruchsichere Dachflächen sehen oft sicher aus: nur mit lastverteilendem Belag betreten.
- Sicherungsgeschirr ist das letzte Mittel und braucht Übung, einen festen Anschlagpunkt, einen Helm mit Kinngurt und einen Plan für die Rettung.
- Nicht bei Nässe, Frost oder Wind aufs Dach und nie allein.
Brandschutz: warum Weichdächer Abstand brauchen
Reet und Stroh brennen. Die FAO nennt das Brandrisiko von Halmdeckungen extrem hoch, die UNESCO-Kommission spricht von erhöhter Brandgefahr. Die IG Baupflege schildert, wie Städte das Reet nach großen Stadtbränden verbannten – Flensburg schon im 14. Jahrhundert. Nachdem Preußen das Herzogtum Schleswig übernommen hatte, mussten ab 1868 die Giebel über der Haustür als Hartdach ausgeführt werden, damit herabstürzendes Reet bei Feuer die Flucht nicht behindert.
Daraus folgen zwei Regeln, die auch ohne Behörde sinnvoll sind: Ein Weichdach steht mit Abstand zu anderen Gebäuden, und über dem Ausgang liegt etwas, das nicht brennt.
Achtung Rechtslage heute, am Beispiel Bayern: Art. 30 Abs. 1 der Bayerischen Bauordnung lautet: „Bedachungen müssen gegen eine Brandbeanspruchung von außen durch Flugfeuer und strahlende Wärme ausreichend lang widerstandsfähig sein (harte Bedachung).“ Andere Bedachungen sind nach Abs. 2 bei Gebäuden der Gebäudeklassen 1 bis 3 nur zulässig, wenn die Gebäude unter anderem „einen Abstand von der Grundstücksgrenze von mindestens 12 m“ einhalten, zu Gebäuden mit harter Bedachung auf demselben Grundstück ebenfalls 12 m und zu Gebäuden mit weicher Bedachung 24 m; bei Wohngebäuden der Klassen 1 und 2 genügen 9 m beziehungsweise 12 m. Andere Länder regeln das in eigenen Bauordnungen. Gefahr: Absturz und Durchsturz vom Dach, auch aus geringer Höhe tödlich, sowie der Brand eines Weichdachs. Zuständig: für Arbeiten am Dach ein Dachdeckerbetrieb, für Genehmigung und Abstände die untere Bauaufsichtsbehörde, bei Gefahr die Feuerwehr unter 112.
Häufige Fragen
Kann ich ein flaches Dach einfach mit Schindeln decken?
Nein. Unterhalb der Mindestneigung drückt der Wind Wasser in die Überdeckung. Die FAO nennt für Holzschindeln mindestens 35 Grad.
Wie lange hält ein Reetdach?
Laut IG Baupflege sind 35 bis 40 Jahre auf der Süd- und Westseite eine gute Liegezeit; die Nord- und Ostseite halten länger. Entscheidend sind die Qualität des Reets und die Pflege.
Reicht eine Plane als Dauerlösung?
Nein. Sie überbrückt, bis das Dach richtig geflickt ist. Sie muss oberhalb des Lochs beginnen und so befestigt sein, dass der Wind nicht darunter greift.
Darf ich heute ein Reetdach bauen?
Grundsätzlich ja, aber nur mit den Abständen der Landesbauordnung. In Bayern verlangt Art. 30 BayBO bei weicher Bedachung unter anderem 12 m zur Grundstücksgrenze, bei Wohngebäuden der Gebäudeklassen 1 und 2 genügen 9 m.
Quellen
- Farm structures, Chapter 5: Roofing for pitched roofsErnährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) · Mindestneigungen, Deckflächen, Gewichte, Holzschindeln, Grasdach, Ziegel und Schiefer, Brandrisiko, Regenwasserableitung und Dachrinnen
- Das reetgedeckte DachIG Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen e. V. (Verein) · Mindestneigung, Qualität, Vernähen, Dicke, Liegezeit, Nachstopfen, Roggenstroh, Weichdach und historischer Brandschutz
- Reetdachdecker-HandwerkDeutsche UNESCO-Kommission · Aufnahme 2014, erste Reetdächer, Winterernte, Werkzeug, Brandgefahr
- AbsturzunfälleBerufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) · Verletzungsschwere, tödliche Abstürze unter 5 m, Dächer als häufigster Ort tödlicher Abstürze
- Absturz und Durchsturz vermeidenBerufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) · Absturzkanten, Leitern, nicht durchbruchsichere Dachflächen, Schutzausrüstung gegen Absturz
- Bayerische Bauordnung (BayBO), GesamtansichtFreistaat Bayern, BAYERN.RECHT · Art. 30 Dächer: harte Bedachung und Abstände bei weicher Bedachung
