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Gesundheit

Seelische Erste Hilfe in langer Krise: Belastung, Schlaf, Trauer

Wenn Ärzte und Therapeuten fehlen: wie eine Gemeinschaft nach WHO-Leitfäden einander beisteht – bei Stress, Schlaflosigkeit, Trauer und Suizidgefahr.

9 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 26. September 2026

Dieser Artikel gehört zur Serie „Kaltstart – Wissen für danach“: Grundtechniken für den Fall, dass öffentliche Versorgung und Ordnung länger ausfallen. Er beantwortet die Frage, wie Menschen einander seelisch beistehen, wenn über Wochen keine Praxis, keine Klinik und keine Beratungsstelle erreichbar ist. Grundlage sind Leitfäden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Helfende ohne psychologische Fachausbildung. Der Text stellt keine Diagnosen, beschreibt keine Therapie und nennt keine Medikamente.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beobachten, zuhören, weitervermitteln: Seelische Erste Hilfe nach WHO kann jeder leisten – sie ist keine Therapie.
  • Gegen Schlafprobleme helfen feste Zeiten zum Zubettgehen und Aufstehen; Alkohol stört den Schlaf.
  • Trauer zeigt sich sehr verschieden und wird meist mit der Zeit leichter; Abschiedsrituale helfen.
  • Nach Suizidgedanken zu fragen, löst sie nicht aus, sondern entlastet oft. Bei akuter Gefahr: nie allein lassen.
  • Wer hilft, braucht selbst Pausen, Essen, Schlaf und jemanden zum Reden.

Zuerst: wofür dieses Wissen gedacht ist

Heute gilt: Wer seelisch in Not ist, findet Hilfe in der ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis, in der psychiatrischen Klinik oder bei der TelefonSeelsorge, bei akuter Gefahr über den Notruf 112. Was in einer kurzen Krise normal ist und hilft, erklärt „Psychische Belastung in der Krise: was normal ist und was hilft“.

Dieser Text geht weiter – in eine Lage, in der all diese Stellen lange fehlen. Auch die Fachwelt setzt dann zuerst auf die Menschen selbst: Die psychosoziale Notfallversorgung geht laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) davon aus, dass zunächst immer die persönlichen und sozialen Kräfte der Betroffenen aktiviert werden.

Achtung Notfall- und Zivilisationswissen: Dieser Artikel beschreibt Wissen für eine Lage, in der Versorgung, Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Behörden und Fachbetriebe dauerhaft nicht erreichbar sind. Solange sie erreichbar sind, gehen sie vor – bei Suizidgedanken oder akuter Gefahr heißt das 112 oder die nächste psychiatrische Klinik. Der Text ersetzt keine Ausbildung, keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung und keine Genehmigung.

Beobachten, zuhören, weitervermitteln: die Grundsätze der WHO

Der Leitfaden der WHO zur Psychologischen Ersten Hilfe von 2011, vom Österreichischen Roten Kreuz mit Genehmigung der WHO übersetzt, beschreibt mitmenschliche, praktische Hilfe: unterstützen, ohne sich aufzudrängen, bei Essen, Wasser und Information helfen, zuhören, ohne zum Reden zu zwingen, und vor weiterem Schaden schützen. Sie ist ausdrücklich nicht auf Profis beschränkt und keine Beratung oder Therapie.

Die drei Grundsätze heißen im Original Look, Listen, Link. Beobachten: erst die Sicherheit prüfen, dann nach Menschen schauen, die sofort Hilfe brauchen oder unter schwerem Stress stehen. Zuhören: nach Bedürfnissen und Sorgen fragen und helfen, sich zu beruhigen. Weitervermitteln: bei Grundbedürfnissen helfen, verlässliche Informationen geben und Menschen mit Familie, Freunden und Gemeinschaft verbinden – in einer langen Lage vor allem innerhalb der eigenen Gruppe.

Eine ausführliche Nachbesprechung, bei der Betroffene das Erlebte der Reihe nach schildern sollen, lehnt der Leitfaden ab: Dieses psychologische Debriefing hat sich als unwirksam erwiesen. Wer sich wie in einem Film fühlt, dem hilft laut WHO eher, die Füße fest auf den Boden zu stellen, mit den Händen auf den Schoß zu klopfen, auszusprechen, was er gerade sieht, hört und fühlt, und langsam in den Bauch zu atmen. Was du besser lässt:

  • Zum Reden drängen, unterbrechen oder zur Eile treiben.
  • Bewerten, was jemand getan oder gefühlt hat, oder Dinge erfinden – sag lieber ehrlich, was du nicht weißt.
  • Falsche Versprechen machen oder so tun, als müsstest du alle Probleme lösen.

Wenn keine Fachleute kommen: die Gemeinschaft trägt

Die Leitlinien des Inter-Agency Standing Committee (IASC), des Abstimmungsgremiums der UN-Organisationen und großer Hilfswerke, halten fest: Fast jede betroffene Gruppe hat Menschen, an die sich andere in der Not wenden. Weil ein Stück Kontrolle über das eigene Leben nach überwältigenden Erfahrungen guttut, gilt Selbsthilfe als entscheidend. Zugleich warnen die Leitlinien davor, einzelne Gruppen zu stärken und andere an den Rand zu drängen.

Für eure Gruppe heißt das: Klärt, wer gut zuhören kann – Ältere, Lehrkräfte, Menschen aus Pflege oder Seelsorge – und wer nach wem schaut. Wer einen schwer belasteten Angehörigen versorgt, braucht nach dem Handbuch von WHO und UN-Flüchtlingshilfswerk für humanitäre Notlagen (mhGAP-HIG) selbst Entlastung: Jemand anderes übernimmt zeitweise, damit die Hauptpflegeperson ruhen kann. Welche Gewohnheiten helfen, fasst der WHO-Leitfaden so zusammen:

  • Hilft: Pausen, regelmäßig essen und trinken, Zeit mit Familie und Freunden, Probleme mit Vertrauten besprechen.
  • Hilft: gehen, singen, beten, spielen, sich bewegen und sichere Wege finden, anderen zu helfen.
  • Schadet: Alkohol, Drogen, Rauchen, den ganzen Tag schlafen, pausenlos arbeiten, sich abkapseln.

Schlaf in einer langen Lage

Schlafprobleme sind nach extremem Stress häufig, stellt das mhGAP-HIG fest – das darfst du Betroffenen so sagen. Das Handbuch richtet sich an Gesundheitspersonal ohne psychiatrische Fachausbildung. Es fragt zuerst nach äußeren und körperlichen Ursachen wie Lärm oder Schmerzen und empfiehlt dann feste Schlafgewohnheiten.

Gegen Anspannung am Abend beschreibt es eine Atemübung: eine Hand auf den Bauch, eine auf die Brust, erst ganz ausatmen, dann in den Bauch einatmen, als fülle sich ein Ballon. Dann 3 Sekunden einatmen, 2 Sekunden halten, 3 Sekunden ausatmen, etwa eine Minute lang. Wichtig ist das langsamere Tempo, nicht die genaue Zahl. Schlafmittel sieht das Handbuch nur ausnahmsweise und kurz in der Hand von Gesundheitspersonal vor; sie bleiben hier außen vor.

  • Regelmäßige Zeiten fürs Zubettgehen und Aufstehen, auch ohne Arbeit und Schule.
  • Kein Kaffee, kein Nikotin und kein Alkohol am späten Tag; Alkohol stört den Schlaf.
  • Nicht den ganzen Tag schlafen.
  • Bei kleinen Kindern feste Fütterungs- und Schlafzeiten, bei älteren gewohnte Abläufe beibehalten (WHO-Leitfaden).

Trauer: was normal ist, was Rituale leisten, was Kinder brauchen

Die meisten Reaktionen auf einen Verlust klingen laut mhGAP-HIG ab, ohne zu einer Erkrankung zu werden. Typisch sind Traurigkeit, Wut, Sehnsucht, sich aufdrängende Erinnerungen, Erschöpfung, Schlafprobleme und Rückzug; je nach Kultur auch, die Stimme der verstorbenen Person zu hören oder ihr im Traum zu begegnen.

Das Handbuch empfiehlt, Trauernden zu sagen: Menschen reagieren verschieden, Weinen ist keine Schwäche, und wer nicht weint, kann genauso tief leiden. Der Schmerz wird meist mit der Zeit leichter, kann aber durch eine Erinnerung plötzlich zurückkommen – auch das ist normal. Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Dräng niemanden zum Reden und ermutige, wo es passt, zur Rückkehr in gewohnte Tätigkeiten.

Frag, ob eine angemessene Trauerfeier stattgefunden hat oder geplant ist, und räumt Hindernisse gemeinsam aus. Ist der Leichnam nicht auffindbar, hilft laut Handbuch eine andere Form des Erinnerns, etwa eine Gedenkstätte. Auch die IASC-Leitlinien halten fest, dass Trauer- und Bestattungsrituale Leid lindern und das Trauern ermöglichen. Den hygienisch sicheren Umgang mit Verstorbenen behandelt ein eigener Artikel dieser Serie.

Kindern beantwortest du Fragen klar, ehrlich und altersgerecht. Das Handbuch warnt davor, bei einem Verlust zu lügen – das verwirrt und beschädigt Vertrauen. Kleine Kinder glauben manchmal, der Tod sei ihre Schuld; dieses magische Denken sprichst du an und korrigierst es. Halten starke Sehnsucht und großer Schmerz mindestens 6 Monate an und lähmen den Alltag, soll laut Handbuch Fachpersonal hinzugezogen werden.

Suizidgefahr erkennen und handeln

Viele fürchten, die Frage nach Suizidgedanken bringe jemanden erst auf die Idee. Das mhGAP-HIG nennt das einen Irrtum: Darüber zu sprechen, verringert oft die Angst, hilft, sich verstanden zu fühlen, und öffnet das Gespräch. Anzeichen sind extreme Verzweiflung, tiefe Hoffnungslosigkeit und frühere Selbstverletzungen.

Sprich an einem ruhigen Ort, ohne zu urteilen, mit Fragen, die aufeinander aufbauen: Wie geht es dir? Wie siehst du deine Zukunft? Gehst du manchmal schlafen und wünschst dir, nicht mehr aufzuwachen? Denkst du daran, dir etwas anzutun? Hast du Pläne und Mittel dazu? Bleib ruhig und mach keine falschen Versprechen.

Akut gefährdet ist nach dem Handbuch, wer gerade Gedanken, Pläne oder Handlungen in Richtung Suizid hat – oder wer im letzten Monat solche Gedanken oder im letzten Jahr eine Selbstverletzung hatte und jetzt extrem aufgewühlt, verzweifelt oder verschlossen ist. Dann gilt:

  • Nie allein lassen: Vertraute bleiben rund um die Uhr, nach einem festen Plan, wer wann da ist.
  • Mittel zur Selbsttötung entfernen und, wenn möglich, einen ruhigen Raum anbieten.
  • Nicht mit Lösungen beginnen, sondern Hoffnung geben: Vielen, die sich so fühlten, ging es mit der Zeit besser.
  • Gemeinsam Gründe zum Weiterleben finden, dann zusammen nach Lösungen suchen.
  • Wer sich verletzt hat, wird mit Respekt versorgt wie jeder andere, nicht bestraft.

Achtung Rechtslage heute: Beistehen und zuhören darf jeder. Wer berufs- oder gewerbsmäßig Krankheiten feststellt, heilt oder lindert, übt nach § 1 Heilpraktikergesetz Heilkunde aus und braucht dafür, wenn er nicht Arzt ist, eine Erlaubnis; Psychotherapie unter dieser Berufsbezeichnung setzt nach dem Psychotherapeutengesetz eine Approbation voraus. Gefahr: Suizidgedanken können tödlich enden, eine akute Psychose kann die Person und andere gefährden. Zuständig: bei akuter Gefahr der Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Klinik, sonst Praxis und Krisendienst; die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Wann jemand dringend mehr braucht als Beistand

Sofort weitergehende Hilfe brauchen laut WHO-Leitfaden Menschen mit lebensbedrohlichen Verletzungen, Menschen, die so außer sich sind, dass sie nicht mehr für sich oder ihre Kinder sorgen können, Menschen, die sich selbst verletzen, und Menschen, die andere gefährden. Stark belastete Menschen sollen nicht allein bleiben und einen sicheren Ort bekommen.

Eine Psychose zeigt sich nach dem mhGAP-HIG etwa darin, dass jemand Stimmen hört oder Dinge sieht, die nicht da sind, an festen falschen Überzeugungen hängt, extrem misstrauisch ist oder zusammenhanglos spricht. Extremer Stress und fehlende Medikamente können sie auslösen oder verschlimmern. Nicht alles, was die Person sagt, ist falsch; sorgfältiges Zuhören ist der Schlüssel.

Plötzliche Verwirrtheit kann auch körperlich bedingt sein: Das Handbuch nennt Kopfverletzungen, Infektionen bis zur Blutvergiftung, Austrocknung, Unterzucker sowie Alkohol- oder Drogenrausch und -entzug. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen werden in Notlagen laut Handbuch besonders oft vernachlässigt, verlassen oder misshandelt. Wer sie versorgt, achtet ihre Würde und beteiligt sie so weit wie möglich an Entscheidungen über ihr Leben.

Wer hilft, braucht selbst Hilfe

Helfende sind oft selbst betroffen. Der Kern des WHO-Leitfadens dazu: Wer auf sich achtet, kann anderen gut helfen – und niemand ist für die Lösung aller Probleme verantwortlich.

Nach einer schweren Zeit hilft es laut Leitfaden, sich bewusst zu machen, was man tun konnte – auch Kleines zählt – und die Grenzen des Möglichen anzuerkennen. Plagen dich belastende Erinnerungen, Nervosität, Traurigkeit oder schlechter Schlaf, oder trinkst du zu viel, such dir einen vertrauten Menschen. Halten die Schwierigkeiten länger als einen Monat an, empfiehlt die WHO das Gespräch mit einer Fachkraft oder einem Arzt, sobald das wieder möglich ist.

  • Nimm dir Zeit zum Essen und Ausruhen, auch wenn es nur kurz ist.
  • Teilt die Last: Schichten und feste Ruhezeiten verhindern, dass Einzelne sich erschöpfen.
  • Meide Alkohol, Koffein und Nikotin, und achtet in der Gruppe aufeinander.

Häufige Fragen

Darf ich jemanden direkt fragen, ob er an Suizid denkt?

Ja. Nach dem WHO-Handbuch für humanitäre Notlagen bringt die Frage niemanden auf die Idee, sondern entlastet oft. Lass die Person bei akuter Gefahr nicht allein.

Soll ich Betroffene das Erlebte ausführlich erzählen lassen?

Nur wenn sie selbst wollen. Die WHO rät davon ab, Menschen zum Schildern zu drängen; das psychologische Debriefing hat sich als unwirksam erwiesen.

Mein Kind fragt, wo der verstorbene Opa ist. Was sage ich?

Die Wahrheit, klar und dem Alter angemessen. Das WHO-Handbuch warnt davor, bei Verlusten zu lügen, und rät, Schuldgedanken kleiner Kinder anzusprechen.

Wie lange ist Trauer normal?

Eine feste Grenze gibt es nicht, die Gefühle kommen oft in Wellen. Halten starke Sehnsucht und Schmerz mindestens 6 Monate an und lähmen den Alltag, soll laut WHO-Handbuch Fachpersonal hinzugezogen werden.

Quellen

  1. Psychological first aid: Guide for field workers (deutsche Fassung: Psychische Erste Hilfe – Handbuch)Weltgesundheitsorganisation (WHO), War Trauma Foundation und World Vision International, 2011; deutsche Übersetzung Österreichisches Rotes Kreuz, 2015 · Grundsätze, Kommunikation, Beruhigen, Gewohnheiten, Kinder, dringender Hilfebedarf, Selbstfürsorge der Helfenden
  2. mhGAP Humanitarian Intervention Guide (mhGAP-HIG), englischWHO und UNHCR, 2015 · Schlaf, Atemübung, Pflegende, Trauer, Kinder, Suizid, Psychose und körperliche Ursachen
  3. IASC Guidelines on Mental Health and Psychosocial Support in Emergency Settings (PDF, englisch)Inter-Agency Standing Committee (IASC), 2007 · Maßnahmenblätter 5.2 und 5.3: Selbsthilfe der Gemeinschaft, niemanden an den Rand drängen, Trauer- und Bestattungsrituale
  4. Qualitätssicherung der Psychosozialen NotfallversorgungBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Grundannahme der PSNV: zuerst persönliche und soziale Ressourcen
  5. Akute Notlage – was tun?Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention (gemeinnützige Stiftung) · Anlaufstellen bei akuter Suizidgefahr: Praxis, psychiatrische Klinik, Notruf 112, Krisendienst, TelefonSeelsorge
  6. § 1 HeilpraktikergesetzBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Erlaubnispflicht für die Ausübung der Heilkunde und ihre Begriffsbestimmung