Dieser Artikel gehört zur Serie „Kaltstart – Wissen für danach“: Grundtechniken für den Fall, dass öffentliche Versorgung und Ordnung länger ausfallen. Wenn Wasser, Wärme und Essen gesichert werden müssen, wirken Lieder, Feste und Spiele wie Luxus. Hier erfährst du, warum internationale Leitlinien für Notlagen das anders sehen, welche Spiele ohne Material auskommen und wie eine Gemeinschaft ihre Traditionen bewahrt, ohne sich darüber zu zerstreiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Hilfsorganisationen zählen die Rückkehr zu gewohnten kulturellen Anlässen ausdrücklich zur psychosozialen Hilfe.
- Rituale geben Halt, wenn vieles unsicher ist, und schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit.
- Kinder brauchen Spiel und feste Abläufe; bekannte Spiele, Lieder und selbst gemachtes Spielzeug genügen.
- Kinder haben ein verbrieftes Recht auf Spiel und Freizeit – auch in einer Krise.
- Feste brauchen Planung und klare Absprachen, damit sie verbinden statt spalten.
Mehr als Zeitvertreib: was die Notfallleitlinien sagen
Die Leitlinien des Inter-Agency Standing Committee (IASC), des Abstimmungsgremiums der UN-Organisationen und großer Hilfswerke, beschreiben, wie psychische Gesundheit und psychosoziales Wohlbefinden in Notlagen geschützt werden. Unter den Maßnahmen, mit denen sich Gemeinschaften selbst helfen, nennen sie ausdrücklich die Wiederaufnahme gewohnter kultureller und religiöser Anlässe für alle – neben Sportgruppen, Freizeitangeboten und Gesprächsrunden.
Die Leitlinien empfehlen außerdem, gemeinsam mit den Betroffenen zu fragen, welche Mechanismen früher geholfen haben, mit Unglück und Verlust fertigzuwerden, und nennen dabei Rituale und Feste. Umgekehrt halten sie fest, dass Menschen erheblich unter Stress geraten können, wenn sie ihre gewohnten religiösen, spirituellen oder kulturellen Bräuche nicht ausüben können. Trauerrituale etwa können Leid lindern und das Trauern erst ermöglichen.
Ein Beispiel aus den Leitlinien zeigt, wie schlicht das aussehen kann: Nach den Kriegen der 1990er-Jahre in Bosnien trafen sich Frauen auf dem Land – anknüpfend an eine Gewohnheit aus der Vorkriegszeit – in Strickgruppen, um zu stricken, Kaffee zu trinken und einander beizustehen. Außenstehende Organisationen halfen unter anderem mit kleinen Beträgen für Wolle.
Rituale geben Halt, Feste verbinden
Wie Menschen in einer weltweiten Krise mit ihren Traditionen umgingen, hat die UNESCO während der Covid-19-Pandemie erfragt. Innerhalb von zwölf Monaten erhielt sie mehr als 200 Erfahrungsberichte aus allen Weltregionen. Aus den Antworten geht hervor, dass rituelle Aktivitäten in der Pandemie sprunghaft zunahmen und vielen als Konstante in einer unsicheren Welt dienten.
Der Bericht fasst zusammen, dass Rituale helfen können, Gefühle von Angst und Chaos zu lindern – besonders dann, wenn man den Eindruck hat, Gegenwart und Zukunft nicht kontrollieren zu können. Gemeinsame Rituale schaffen durch geteilte Erlebnisse ein Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Lebendiges Erbe wirkte dabei als seelischer Trost, als Weg für gegenseitige Unterstützung und als Mittel, Identität und Kontinuität zu bewahren.
Für eine Gruppe, die länger auf sich gestellt ist, lässt sich daraus ableiten: Ein fester Abend zum Singen, eine gemeinsame Mahlzeit am Ende der Woche oder ein Gedenken an Verstorbene sind keine Ablenkung von der Arbeit, sondern Teil der Versorgung. Sie geben der Woche eine Form, wenn Arbeitsplatz, Schule und Kalender weggefallen sind. Wie du Stressreaktionen erkennst und was einzelnen Menschen hilft, steht in „Psychische Belastung in der Krise: was normal ist und was hilft“.
Tipp Kleine Rituale wirken auch im Alltag: ein Lied zum Abendessen, ein Satz zum Tagesende, eine Kerze für jemanden, der fehlt. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht der Aufwand.
Kinder: Spiel ist kein Luxus
Für Kinder ist Spiel ein Recht. Artikel 31 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention, in Deutschland seit 1992 geltend, lautet: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.“ Absatz 2 verpflichtet die Staaten, geeignete und gleiche Möglichkeiten für kulturelle und künstlerische Betätigung sowie für aktive Erholung und Freizeitbeschäftigung zu fördern.
Die IASC-Leitlinien empfehlen für kleine Kinder Gelegenheiten zu aktivem Spiel und Austausch mit anderen und halten fest, dass Kinder ein Gefühl von Routine und vertraute, normalisierende Tätigkeiten brauchen, um Belastung zu verringern. Ausdrücklich raten sie, bekannte Spiele, Lieder und Tänze sowie selbst gemachtes Spielzeug zu nutzen, weil das in einer Notlage am praktikabelsten ist. Für Lernangebote empfehlen sie gemeinsame statt gegeneinander gerichteter Spiele.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) weist darauf hin, dass kleinere Kinder ihre Empfindungen womöglich in Zeichnungen oder im Spiel ausdrücken. Wer spielende Kinder beobachtet, erfährt deshalb viel darüber, was sie beschäftigt. Wie Lesen, Rechnen und ein fester Tagesablauf ohne Schule gelingen, beschreibt „Kinder unterrichten ohne Schule: Lesen, Rechnen, Alltag“.
Spiele ohne Material
Viele überlieferte Spiele brauchen nichts außer Menschen, Platz oder ein paar Steine. Die folgende Liste ist eine Auswahl bekannter Spiele; Regeln unterscheiden sich von Ort zu Ort, und genau das ist Teil der Überlieferung. Lasst die Kinder die Regeln mitbestimmen und lieber gemeinsam als gegeneinander spielen, wo es sich anbietet.
- Bewegungsspiele: Fangen, Verstecken, Plumpsack, Stille Post im Kreis, Ochs am Berg, Kreis- und Klatschspiele.
- Ratespiele: Ich sehe was, was du nicht siehst; Teekesselchen; Wörter raten mit Ja-Nein-Fragen; Pantomime.
- Sprachspiele: Reime finden, Kettengeschichten, bei denen jeder einen Satz anfügt, Zungenbrecher, Stadt-Land-Fluss mündlich.
- Mit Steinen, Stöcken und Kreide: Himmel und Hölle auf den Boden gezeichnet, Mühle oder Dame mit Kieseln, Murmeln, Zielwerfen.
- Mit Schnur oder Stoff: Fadenspiele, Seilspringen, Tauziehen, Blindekuh mit Tuch.
- Ruhige Spiele für den Abend: Rätsel, Kopfrechenspiele, Summen und Erraten von Liedern.
Erzählen, Vorlesen, Singen
Wenn Bildschirme dunkel bleiben, wird die Stimme wieder zum wichtigsten Medium. Vorlesen bei Kerzenlicht, Märchen aus dem Gedächtnis, Erinnerungen der Älteren an früher – all das kostet nichts und verbindet Generationen. Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen gehören nach dem UNESCO-Übereinkommen ausdrücklich zum immateriellen Kulturerbe.
Gemeinsames Singen ist eine der ältesten Formen, Menschen zusammenzubringen. Der UNESCO-Bericht schildert ein Beispiel aus Frankreich: Dort läutete während der Pandemie ein Glockenspiel an festen Abenden über der Stadt, begleitet von Konzerten, und lud die Menschen ein, von zu Hause oder von der Straße aus mitzusingen. Solche gemeinsamen Handlungen waren nach dem Bericht wichtig, um Menschen in Kontakt zu bringen.
Praktisch heißt das: Schreibt Liedtexte, Gedichte und Geschichten auf, solange jemand sie auswendig kann. Wer ein Instrument spielt, das ohne Strom auskommt, ist ein Gewinn für die ganze Gruppe. Und wer glaubt, nicht singen zu können, kann trotzdem mitsummen, klatschen oder den Takt schlagen.
Jahreszeitenfeste: Ernte und die langen Nächte
Feste im Jahreslauf sind in vielen Kulturen an die Natur gebunden. Im Herbst danken Menschen seit alters für die eingebrachte Ernte, ob als kirchliches Erntedankfest, als Dorffest oder als gemeinsames Essen nach der letzten Einfuhr. Um die Wintersonnenwende, den kürzesten Tag des Jahres auf der Nordhalbkugel, feiern viele Traditionen die Rückkehr des Lichts; in Europa sind dazu zahlreiche Lichterbräuche überliefert.
Für eine Gemeinschaft ohne Kalender von außen haben solche Feste einen doppelten Wert: Sie markieren den Lauf des Jahres und damit Aussaat, Ernte und Vorratsplanung, und sie geben einen Anlass, zusammenzukommen und Geleistetes zu würdigen. Wie ihr ein Fest begeht, ob religiös, weltlich oder beides, entscheidet eure Gruppe. Niemand sollte zur Teilnahme an einem religiösen Brauch gedrängt werden.
Traditionen bewahren und weitergeben
Das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes von 2003 – Deutschland ist ihm beigetreten – zählt gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste, darstellende Künste, mündliche Überlieferungen, Wissen über Natur und Universum sowie traditionelle Handwerkstechniken dazu. Die Deutsche UNESCO-Kommission beschreibt, wie Menschen ihr kulturelles Erbe erhalten und gestalten, indem sie ihr Wissen und Können an die nächsten Generationen weitergeben.
Dieses Erbe existiert nur, solange Menschen es ausüben. Für eure Gruppe heißt das: Fragt, wer welche Lieder, Tänze, Rezepte für Festtage oder Bräuche kennt, und nehmt das in euer Verzeichnis der Fähigkeiten auf. Wie man Wissen erfasst, lehrt und aufschreibt, beschreibt „Wissen weitergeben: wer kann was?“. Bringen Menschen aus verschiedenen Regionen oder Ländern unterschiedliche Bräuche mit, ist das kein Problem, sondern ein Reichtum.
Video: Das Hötschelspiel (Alltagskulturen im Rheinland) – Dokumentarfilm des LVR-Instituts (Bladersbach 1980): ein altes Wurfspiel am Ostermontag im Oberbergischen – ein Brauch, der lebt, solange Menschen ihn ausüben.
Feste ohne Streit
Feste verbrauchen Vorräte, Brennstoff und Arbeitszeit, und genau darüber kann Streit entstehen. Legt vorher fest, was ein Fest kosten darf, wer beiträgt und was für den Alltag unangetastet bleibt. Ein bescheidenes Fest, das alle mittragen, verbindet mehr als ein großes, über das hinterher gestritten wird.
Achtet darauf, dass niemand ausgeschlossen wird: Menschen, die trauern, keinen Alkohol trinken, andere Bräuche pflegen oder schlicht Ruhe brauchen, sollten ihren Platz finden oder fernbleiben dürfen, ohne dass es ihnen vorgehalten wird. Wie eine Gruppe ohne Verwaltung zu gemeinsamen Entscheidungen kommt und Konflikte beilegt, beschreibt „Entscheiden und Streit schlichten, wenn keine Verwaltung hilft“.
Häufige Fragen
Ist es nicht verschwenderisch, in einer Krise zu feiern?
Ein Fest muss nicht aufwendig sein. Internationale Leitlinien zählen gewohnte kulturelle Anlässe zur psychosozialen Hilfe; wichtig ist, vorher festzulegen, was es kosten darf.
Was, wenn Kinder im Spiel die Krise nachspielen?
Kleinere Kinder drücken ihre Empfindungen mitunter im Spiel aus. Begleite sie mit Verständnis; wenn du dir große Sorgen machst, hol dir Rat, solange Beratungsangebote erreichbar sind.
Wir kennen kaum noch alte Lieder oder Spiele. Was tun?
Fragt die Älteren und schreibt auf, was sie wissen. Viele einfache Spiele lassen sich neu erfinden – die Regeln dürfen die Kinder mitbestimmen.
Müssen alle an einem Fest teilnehmen?
Nein. Gerade bei religiösen Bräuchen sollte niemand gedrängt werden. Wer Ruhe braucht oder trauert, darf fernbleiben, ohne dass es ihm vorgehalten wird.
Quellen
- IASC Guidelines on Mental Health and Psychosocial Support in Emergency Settings (PDF, englisch)Inter-Agency Standing Committee (IASC), 2007 · Maßnahmenblätter 5.2 bis 5.4 und 7.1: kulturelle Anlässe, Rituale und Feste als Hilfe, Strickgruppen in Bosnien, Spiel, Routine und bekannte Spiele für Kinder, gemeinsame statt gegeneinander gerichteter Spiele
- Lebendiges Erbe in Zeiten von Covid-19, Kulturbericht Mai 2021 (PDF)UNESCO, deutsche Fassung bei der Deutschen UNESCO-Kommission · Umfrage mit mehr als 200 Erfahrungsberichten, Rituale gegen Angst und Chaos, Zugehörigkeit und Zusammenhalt, Glockenspiel und gemeinsames Singen, Bereiche des immateriellen Kulturerbes
- Immaterielles KulturerbeDeutsche UNESCO-Kommission · Weitergabe von Wissen und Können an die nächsten Generationen, Beitritt Deutschlands zum Übereinkommen von 2003
- Übereinkommen über die Rechte des Kindes – VN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut (PDF)Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Ausgabe 2022) · Artikel 31: Recht auf Ruhe, Freizeit, Spiel und Teilnahme am kulturellen Leben; Inkrafttreten in Deutschland 1992
- Mit Kindern über Krieg sprechenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Kinder drücken Empfindungen in Zeichnungen und im Spiel aus, gemeinsame symbolische Handlungen, Rat bei großer Sorge
