Manchmal geht es schneller als gedacht: Die Wehen kommen dicht, der Weg in die Klinik ist zu weit, der Rettungswagen noch unterwegs. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, was bei einer Geburt ohne Hebamme wirklich zählt – und woran du erkennst, dass es ohne Fachleute nicht geht. Er folgt „Where There Is No Doctor“ der Hesperian Foundation, dem Praxisleitfaden der WHO für Schwangerschaft, Geburt und Neugeborene und den Leitlinien 2025 des European Resuscitation Council.
Das Wichtigste in Kürze
- Zuerst 112 wählen, sagen, dass ein Kind kommt, und am Telefon bleiben.
- Die meisten Geburten verlaufen von selbst. Nie am Kind ziehen, nie auf den Bauch drücken, nie an der Nabelschnur ziehen.
- Das Neugeborene sofort abtrocknen, Haut an Haut auf die Mutter legen und beide zudecken – Wärme ist entscheidend.
- Abnabeln hat keine Eile: erst, wenn die Schnur nicht mehr pulsiert, und nur mit sauberem Werkzeug.
- Starke Blutung, Nabelschnur vor dem Kind, Po oder Arm zuerst, Kind atmet nicht: sofort 112, falls noch nicht geschehen.
Zuerst: wofür dieses Wissen gedacht ist
Eine Geburt gehört heute in die Hände einer Hebamme oder einer Ärztin. Beginnt sie unerwartet, heißt der erste Schritt: 112 wählen, sagen, dass ein Kind kommt, und am Telefon bleiben. Die ERC-Leitlinien 2025 verlangen ausdrücklich, dass Rettungsdienste auf unerwartete Geburten außerhalb des Krankenhauses vorbereitet und trainiert sind und die Ausrüstung für Wärme und Atmung des Kindes mitführen.
Zugleich gilt, was „Where There Is No Doctor“ an den Anfang stellt: Eine Geburt ist ein natürliches Ereignis. Ist die Mutter gesund und läuft alles gut, kann das Kind ohne fremde Hilfe zur Welt kommen. Bei den meisten Geburten geht es umso besser, je weniger die Helfenden tun. Deine Aufgabe: da sein, sauber arbeiten, warm halten, Warnzeichen erkennen.
Achtung Notfall- und Zivilisationswissen: Dieser Artikel beschreibt Wissen für eine Lage, in der Versorgung, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Behörden und Fachbetriebe dauerhaft nicht erreichbar sind. Solange sie erreichbar sind, gehen sie vor – bei einer Geburt heißt das 112, die Klinik oder die Hebamme. Der Text ersetzt keine Ausbildung, keine ärztliche Behandlung und keine Genehmigung.
Woran du merkst, dass die Geburt beginnt
Hesperian nennt drei Zeichen, die nicht bei jeder Geburt alle auftreten und in beliebiger Reihenfolge kommen können: Aus der Scheide geht klarer oder leicht blutiger Schleim ab, der den Muttermund während der Schwangerschaft verschlossen hat. Klares Fruchtwasser läuft ab, weil die Fruchtblase gesprungen ist. Und Wehen setzen ein – kommen sie regelmäßig im Abstand von 10 bis 20 Minuten, hat die Geburt wahrscheinlich begonnen.
Auf die Eröffnungsphase folgen die Austreibungsphase bis zur Geburt des Kindes und die Nachgeburtsphase, bis der Mutterkuchen (Plazenta) heraus ist. Die Eröffnung kann laut Hesperian mehr als 20 Stunden dauern, vor allem beim ersten Kind, oder weniger als 10. Die Austreibung dauert meist 2 bis 3 Stunden.
Die WHO nennt zwei Zeichen, bei denen die Frau sofort, Tag oder Nacht, in eine Klinik gehört: Das Fruchtwasser ist abgegangen und nach 6 Stunden haben keine Wehen eingesetzt, oder die Wehen dauern länger als 12 Stunden an. Hesperian zählt Wehen, die mehr als 3 Wochen vor dem Termin beginnen, zu den Zeichen besonderen Risikos.
Vorbereiten: sauber, warm, hell
Die WHO nennt für eine Geburt ohne Fachkraft: eine saubere Unterlage, Hände vor und nach jeder Berührung von Mutter und Kind mit sauberem Wasser und Seife waschen, Fingernägel sauber halten. Hesperian ergänzt: Der Platz soll sauber und hell genug sein, um alles gut zu sehen. Saubere Laken oder Tücher werden untergelegt und gewechselt, sobald sie nass oder schmutzig sind.
Wer Fieber, Husten, Halsschmerzen oder Wunden und Infektionen an der Haut hat, sollte die Geburt laut Hesperian besser jemand anderem überlassen. Wenn möglich, trägst du Handschuhe. Der Raum soll warm und zugfrei sein; die ERC-Leitlinien nennen für Kliniken 23 bis 25 °C im Entbindungsbereich, wenn das Kind nicht sehr früh geboren wird.
- viele sehr saubere Tücher und eine Decke für Mutter und Kind
- Seife, eine saubere Bürste für Hände und Fingernägel, eine Schüssel zum Händewaschen
- eine zweite Schüssel für die Nachgeburt
- zwei saubere Bänder oder Stoffstreifen zum Abbinden der Nabelschnur
- eine neue, noch verpackte Rasierklinge oder eine saubere, rostfreie Schere, die kurz vorher sterilisiert wird
- eine Mütze oder ein Tuch für den Kopf des Kindes
Während der Geburt: das Kind kommen lassen
In der Eröffnungsphase soll die Mutter laut Hesperian nichts beschleunigen. Sie trinkt oft, geht zur Toilette, wechselt häufig die Lage oder läuft umher und liegt nicht lange flach auf dem Rücken. Gepresst wird erst, wenn das Kind in den Geburtskanal rutscht und sie selbst den Drang dazu spürt. Tiefes, langsames Atmen hilft gegen Schmerz und Angst; die starken Schmerzen sind kein Warnzeichen.
In der Austreibungsphase presst die Mutter mit den Wehen – hockend, kniend, halb sitzend oder liegend, wie es für sie passt. Wird der Kopf sichtbar, soll sie nicht mehr stark pressen, sondern kurz und schnell atmen. So kommt der Kopf langsamer, und der Damm reißt seltener ein.
Die wichtigste Regel bei Hesperian: Die ganze Kraft kommt von der Mutter. Du darfst den Kopf stützen, aber nie daran ziehen, ihn drehen oder den Hals des Kindes biegen. Die WHO nennt ausdrücklich: nicht auf den Bauch drücken und nichts in die Scheide geben.
Das Neugeborene: trocknen, wärmen, atmen
Neugeborene kühlen schnell aus – außerhalb der Klinik laut ERC mit erhöhtem Risiko. Die Leitlinien sind deshalb klar: das Kind sofort abtrocknen, nasse Tücher entfernen, den Kopf bedecken und den Körper in trockene Tücher hüllen. Braucht es keine Hilfe, kommt es Haut an Haut auf die Brust der Mutter, und beide werden zugedeckt. Beim Abtrocknen regst du das Kind zugleich sanft an, etwa durch Reiben von Rücken oder Fußsohlen.
Schleim wischst du laut Hesperian mit einem sauberen Tuch von Mund und Nase. Routinemäßiges Absaugen empfehlen die ERC-Leitlinien nicht, weil es die Beatmung verzögert. Die WHO rät, die Augen mit einem sauberen Tuch für jedes Auge abzuwischen und das Kind erst nach 6 Stunden zu baden.
Atmet das Kind nicht oder nicht ausreichend, zählt jede Sekunde: Nach den ERC-Leitlinien soll die Beatmung möglichst innerhalb von 60 Sekunden beginnen – das Kind liegt dazu auf dem Rücken, der Kopf in neutraler Lage. Die Leitstelle leitet dich am Telefon an. Wie die Beatmung eines Säuglings geht, lernt man sicher nur im Kurs.
Das Anlegen an die Brust hilft doppelt: Saugt das Kind, zieht sich laut Hesperian die Gebärmutter zusammen, das bremst die Blutung und hilft der Nachgeburt. Die WHO empfiehlt das Stillen in der ersten Stunde, sobald das Kind bereit ist.
Nabelschnur und Nachgeburt: ohne Eile
Es gibt keinen Grund, die Nabelschnur schnell zu durchtrennen. Die ERC-Leitlinien empfehlen bei Neugeborenen, die keine Hilfe brauchen, mindestens 60 Sekunden zu warten. Hesperian beschreibt, woran man den Zeitpunkt erkennt: Direkt nach der Geburt pulsiert die Schnur, ist dick und blau. Nach einer Weile wird sie dünn und weiß und hört auf zu pulsieren. Auch die WHO sagt: Durchtrennt wird, wenn sie nicht mehr pulsiert. Ist Hilfe unterwegs, kann das Kind mit intakter Schnur bei der Mutter bleiben.
Muss abgenabelt werden, dann nur mit sauberem Werkzeug – das schützt laut Hesperian vor Wundstarrkrampf (Tetanus). Du wäschst die Hände sehr gründlich, bindest die Schnur an zwei Stellen mit sehr sauberen, trockenen Bändern ab und schneidest dazwischen durch, mit einer neuen Rasierklinge oder frisch sterilisierten Schere. Am Kind bleiben etwa 2 Zentimeter. Auf den Nabelstumpf kommt nichts – keine Asche, kein Dung, kein Hausmittel –, er bleibt sauber und trocken.
Der Mutterkuchen kommt laut Hesperian meist 5 Minuten bis eine Stunde nach dem Kind von selbst. Wichtig: nie an der Nabelschnur ziehen – das kann eine gefährliche Blutung auslösen. Fang die Nachgeburt in der Schüssel auf und heb sie auf, damit Fachleute prüfen können, ob sie vollständig ist; ein Rest in der Gebärmutter kann Blutung oder Infektion verursachen. Mutter und Kind bleiben warm, und die Mutter wird laut WHO in den ersten 24 Stunden nicht allein gelassen.
Warnzeichen: sofort 112
Bei diesen Zeichen, die Hesperian und die WHO nennen, braucht es sofort professionelle Hilfe. Ist 112 noch nicht gewählt: jetzt.
- starke Blutung nach der Geburt – laut WHO ist eine Binde oder ein Tuch in weniger als 5 Minuten durchtränkt; Hesperian nennt mehr als einen halben Liter als ernstes Problem
- die Nachgeburt ist eine Stunde nach dem Kind nicht gekommen
- Blutung vor oder zu Beginn der Geburt – nichts in die Scheide einführen
- die Nabelschnur ist vor dem Kind außerhalb der Scheide zu sehen
- zuerst erscheinen Po, Füße oder ein Arm – nie am Körper des Kindes ziehen
- das Fruchtwasser ist dunkelgrün bis schwarz gefärbt
- das Kind atmet nicht, ist schlaff, sehr klein, fühlt sich kalt an oder hat Atemnot
- die Mutter wird schwach oder ohnmächtig, ihr Puls ist schnell und schwach – Zeichen eines Schocks
Achtung Rechtslage heute: Geburtshilfe ist nach § 4 Hebammengesetz Ärztinnen, Ärzten und Hebammen vorbehalten; dort heißt es aber auch: „Dies gilt nicht für Notfälle.“ Nach § 18 Personenstandsgesetz gilt: „Die Geburt eines Kindes ist dem Standesamt, in dessen Zuständigkeitsbereich es geboren ist, binnen einer Woche anzuzeigen“. Gefahr: Die größte Gefahr für die Mutter ist eine starke Blutung, auch eine innere, die man von außen kaum sieht. Unsauberes Werkzeug und Hände können Mutter und Kind infizieren. Zuständig: sofort 112; nach der Geburt eine Hebamme, die das Wochenbett überwacht.
Vorsorge heute: Plan und Hebamme
Die WHO rät, schon beim ersten Vorsorgetermin einen Geburts- und Notfallplan aufzustellen und ihn bei jedem weiteren Termin zu prüfen: Wo soll das Kind geboren werden, wie kommt ihr dorthin, wer begleitet die Mutter, wer kümmert sich um Haus und Geschwister? Hesperian rät, die Dinge für die Geburt bis zum siebten Schwangerschaftsmonat bereitzulegen.
Der Deutsche Hebammenverband, der Berufsverband der Hebammen, schreibt, dass jede Familie, die ein Kind bekommt, eine Hebamme braucht, und rät, sich selbst früh um eine zu kümmern. Nach dem Hebammengesetz gehört auch die Überwachung des Wochenbetts zur Geburtshilfe – nach einer Notgeburt ist die Hebamme deshalb eine wichtige Ansprechpartnerin. Ein Erste-Hilfe-Kurs mit Säuglingsteil gibt Sicherheit, die kein Text ersetzt.
Häufige Fragen
Das Fruchtwasser ist abgegangen, aber es kommen keine Wehen – was nun?
Solange eine Klinik erreichbar ist: hinfahren oder anrufen. Die WHO nennt es ein Warnzeichen, wenn 6 Stunden nach dem Blasensprung keine Wehen eingesetzt haben. Laut Hesperian steigt mit der Zeit die Gefahr einer Infektion.
Muss ich die Nabelschnur durchtrennen?
Nicht sofort. Die ERC-Leitlinien empfehlen mindestens 60 Sekunden Wartezeit, Hesperian und WHO warten, bis die Schnur nicht mehr pulsiert. Ist Hilfe unterwegs, kann das Kind mit intakter Schnur bei der Mutter bleiben.
Was passiert mit der Nachgeburt?
Sie kommt meist von selbst innerhalb einer Stunde. Nie an der Nabelschnur ziehen. Fang sie in einer Schüssel auf und heb sie für Hebamme oder Ärztin auf, damit sie prüfen können, ob sie vollständig ist.
Wer meldet ein Kind an, das zu Hause zur Welt kam?
Die Geburt muss nach § 18 Personenstandsgesetz binnen einer Woche dem Standesamt des Geburtsorts angezeigt werden. Das ist keine Rechtsberatung.
Quellen
- Where There Is No Doctor, Kapitel 19: Information for Mothers and Midwives (PDF)Hesperian Health Guides (gemeinnützige Organisation) · Zeichen und Phasen der Geburt, Vorbereitung, Verhalten während der Geburt, Versorgung des Kindes, Abnabeln, Nachgeburt, Blutung, schwierige Geburten
- Pregnancy, childbirth, postpartum and newborn care: a guide for essential practice (3. Auflage)World Health Organization (WHO), UNFPA, UNICEF · Geburt zu Hause ohne Fachkraft (C18), schädliche Praktiken, Warnzeichen für Mutter und Kind, Geburts- und Notfallplan, Nabelschnurvorfall
- Reanimation 2025 – Leitlinien kompakt (PDF)German Resuscitation Council (GRC) e. V., deutsche Kurzfassung der ERC-Leitlinien 2025 · Wärmeerhalt, Haut-an-Haut-Kontakt, verzögertes Abnabeln, kein routinemäßiges Absaugen, Beginn der Beatmung, unerwartete Geburten außerhalb des Krankenhauses
- § 4 Hebammengesetz – Geburtshilfe als vorbehaltene TätigkeitenBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Vorbehalt der Geburtshilfe und Ausnahme für Notfälle
- § 18 Personenstandsgesetz – AnzeigeBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Anzeige der Geburt beim Standesamt binnen einer Woche
- Deutscher HebammenverbandDeutscher Hebammenverband e. V. (Berufsverband) · Jede Familie braucht eine Hebamme; früh selbst um eine kümmern