Wenn Handy, Festnetz und Funk schweigen, bleiben Licht, Ton, Stoff und der eigene Körper. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ zeigt das internationale Morsealphabet, die festgelegten Notzeichen für See, Berg und Luftrettung und wie du Signale so gibst, dass andere sie verstehen. Solange der Notruf 112 funktioniert, geht er immer vor.
Das Wichtigste in Kürze
- SOS ist ···–––··· und darf nach den Seeregeln mit jeder Signalart gegeben werden – Licht, Ton oder Flagge.
- Alpines Notsignal: sechs Zeichen pro Minute, eine Minute Pause; die Antwort sind drei Zeichen pro Minute.
- Beide Arme schräg nach oben heißt „Ja, wir brauchen Hilfe“, ein Arm oben und einer unten „Nein“.
- Bodenzeichen für Flugzeuge: V Hilfe nötig, X ärztliche Hilfe, N nein, Y ja, Pfeil für die Richtung.
- Notzeichen zu missbrauchen ist nach § 145 StGB strafbar – übe so, dass niemand es für echt hält.
Wann Zeichen ohne Technik helfen
Ein Zeichen wirkt nur, wenn jemand es sieht oder hört und versteht. Deshalb lohnt es sich, die wenigen international festgelegten Signale zu kennen: das Morsealphabet der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), die Notzeichen der Seefahrt, das alpine Notsignal der Bergrettungen und die Boden-Luft-Zeichen der Luftfahrt. Mit ihnen kannst du mit einer Taschenlampe, einem Stück Stoff oder den eigenen Armen um Hilfe bitten.
Die ITU-Empfehlung M.1677 hält fest, dass Versionen des Morsecodes seit 1844 in Gebrauch sind. Heute wird er vor allem noch im Amateurfunk genutzt, in anderen Funkdiensten immer weniger. Das Alphabet selbst ist aber nicht an Funk gebunden: Jede Folge aus kurz und lang lässt sich auch mit Licht, Ton oder Bewegung übertragen.
Solange 112 erreichbar ist, geht der Notruf vor – wie du ihn richtig absetzt, steht in „Notruf richtig absetzen“. Wie Nachrichten per Funk laufen und was dort erlaubt ist, erklärt „Funk ohne Netz“. Die Zeichen hier sind der Weg, wenn beides nicht mehr geht.
Das Morsealphabet: die Buchstaben
Die Tabelle gibt die Buchstaben so wieder, wie sie in Anhang 1 der ITU-Empfehlung M.1677-1 stehen. Der Punkt (·) ist das kurze Zeichen, der Strich (–) das lange. Umlaute und ß stehen nicht in der Tabelle; schreib sie aus, also AE, OE, UE und SS.
Genauso wichtig wie die Zeichen ist der Takt, sonst verschwimmen sie. Nach der ITU ist ein Strich so lang wie drei Punkte. Zwischen den Zeichen eines Buchstabens liegt eine Pause von der Länge eines Punkts, zwischen zwei Buchstaben eine von drei Punkten und zwischen zwei Wörtern eine von sieben Punkten.
| Buchstabe | Morse | Buchstabe | Morse |
|---|---|---|---|
| A | · – | N | – · |
| B | – · · · | O | – – – |
| C | – · – · | P | · – – · |
| D | – · · | Q | – – · – |
| E | · | R | · – · |
| F | · · – · | S | · · · |
| G | – – · | T | – |
| H | · · · · | U | · · – |
| I | · · | V | · · · – |
| J | · – – – | W | · – – |
| K | – · – | X | – · · – |
| L | · – · · | Y | – · – – |
| M | – – | Z | – – · · |
Ziffern, Satzzeichen und Betriebszeichen
Auch Ziffern und einige Satzzeichen legt die ITU fest. Die Ziffern folgen einem einfachen Muster: Jede hat fünf Zeichen, von 1 bis 5 wächst die Zahl der Punkte von vorn, von 6 bis 0 die Zahl der Striche. Dazu kommen Betriebszeichen, mit denen zwei Stationen den Ablauf regeln – etwa „verstanden“, „warten“ oder „du bist dran“.
Ohne Netz genügen wenige davon: das Fragezeichen, das nach ITU auch um Wiederholung bittet, die Irrung aus acht Punkten, wenn du dich vertan hast, und K als Aufforderung an die Gegenseite, zu senden. Das Ende einer Übertragung zeigt nach ITU das Kreuz an, gefolgt von K.
| Zeichen | Morse | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1 | · – – – – | Ziffer |
| 2 | · · – – – | Ziffer |
| 3 | · · · – – | Ziffer |
| 4 | · · · · – | Ziffer |
| 5 | · · · · · | Ziffer |
| 6 | – · · · · | Ziffer |
| 7 | – – · · · | Ziffer |
| 8 | – – – · · | Ziffer |
| 9 | – – – – · | Ziffer |
| 0 | – – – – – | Ziffer |
| É | · · – · · | e mit Akzent |
| Punkt | · – · – · – | Satzende |
| Komma | – – · · – – | Satzzeichen |
| Fragezeichen | · · – – · · | Frage oder Bitte um Wiederholung |
| Schrägstrich | – · · – · | Bruchstrich |
| Irrung | · · · · · · · · | acht Punkte: Fehler, neu ansetzen |
| Verstanden | · · · – · | Empfang bestätigt |
| Warten | · – · · · | Gegenseite soll warten |
| K | – · – | Aufforderung zum Senden |
| Kreuz | · – · – · | Ende einer Nachricht |
| Spruchanfang | – · – · – | vor jeder Übertragung |
| Schluss | · · · – · – | Ende der Verbindung |
SOS und das alpine Notsignal
Das bekannteste Notzeichen ist SOS: drei kurz, drei lang, drei kurz. Die Kollisionsverhütungsregeln der Seefahrt (KVR) führen es in Anlage IV als Morsesignal ···–––···, das durch eine beliebige Signalart gegeben werden darf – also auch mit Lampe, Horn, Pfeife oder Flagge. In der KVR steht es als durchgehende Folge geschrieben.
Am Berg gilt ein eigenes, einfacheres Zeichen. Das alpine Notsignal ist nach der Bergrettung Vorarlberg, einer Landesorganisation des Österreichischen Bergrettungsdienstes, ein optisches oder akustisches Signal beliebiger Art, sechs Mal innerhalb einer Minute. Nach einer Minute Pause wiederholst du es in gleicher Folge, solange Aussicht besteht, bemerkt zu werden. Der Deutsche Alpenverein nennt als Beispiele Rufen oder bei Dunkelheit die Stirnlampe.
Wer das Signal empfängt, antwortet mit drei Zeichen pro Minute, ebenfalls mit einer Minute Pause. So weiß der Alarmierende, dass sein Signal angekommen ist. Das alpine Notsignal braucht kein Alphabet – es ist für Laien auf beiden Seiten leichter als SOS.
- SOS: ···–––···, mit jeder Signalart, festgelegt in KVR Anlage IV
- Alpines Notsignal: sechs Zeichen pro Minute, eine Minute Pause, wiederholen
- Antwort: drei Zeichen pro Minute, eine Minute Pause, wiederholen
- Weitere Notzeichen der KVR: langsames Heben und Senken der seitlich ausgestreckten Arme, orangefarbener Rauch, rote Handfackel
Achtung Rechtslage heute: Wer absichtlich oder wissentlich Notrufe oder Notzeichen missbraucht oder eine Notlage vortäuscht, wird nach § 145 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Auf See dürfen Notzeichen nach KVR Anlage IV nur bei Not gezeigt werden, verwechselbare Signale sind verboten. Gefahr: Verwechslung – ein Übungs-SOS mit der Lampe oder sechs Blitze pro Minute am Hang können einen echten Rettungseinsatz auslösen, und ein Signalfeuer kann einen Brand entfachen. Zuständig: Wer ein Notsignal bemerkt, meldet es über 112; die Leitstelle alarmiert Feuerwehr, Bergwacht oder Seenotrettung.
Licht, Spiegel, Flaggen und Stoff
Mit einer Taschen- oder Stirnlampe morst du, indem du kurz und lang aufleuchten lässt und den ITU-Takt einhältst. Leichter geht es, wenn du die Lampe anlässt und mit der Hand abdeckst, statt den Schalter zu drücken. Für das alpine Notsignal genügen sechs gleichmäßige Blitze pro Minute, also etwa einer alle zehn Sekunden.
Ein Spiegel wirft Sonnenlicht als hellen Fleck auf ein Ziel. Das geht nur bei Sonne, und der Fleck muss das Ziel treffen, sonst sieht ihn niemand – deshalb vorher an einer Hauswand üben. Eine belastbare amtliche Angabe, wie weit ein Spiegelblitz zu sehen ist, konnten wir nicht gegenlesen; darum nennen wir keine Zahl.
Die KVR kennt auch Flaggensignale: das Notzeichen NC des Internationalen Signalbuchs und eine viereckige Flagge mit einem Ball oder etwas Ballähnlichem darüber oder darunter. Zur Erkennung aus der Luft verweist sie auf ein orangefarbenes Segeltuch mit einem schwarzen Quadrat oder Kreis. Das Winkeralphabet mit zwei Handflaggen haben wir nicht aufgenommen, weil uns keine amtliche Tafel zum Gegenlesen vorlag.
Am einfachsten ist oft ein bunter Stoff. Der leitende Flugretter der Bergrettung Vorarlberg berichtet, dass kräftig geschwungene bunte Kleidungsstücke sich bewährt haben, weil sie schon aus großer Entfernung sichtbar sind. Die Bergrettung empfiehlt deshalb ein farbiges Kleidungsstück oder eine Warnweste im Rucksack.
Rauch und Feuer nennt die KVR nur für Schiffe: orangefarbenen Rauch und Flammensignale an Bord. An Land ist ein Signalfeuer vor allem ein Brandrisiko – was bei Trockenheit gilt, steht im Artikel über Waldbrand.
Zeichen für die Luftrettung: Körper und Boden
Für Hubschrauber gibt es zwei Körperzeichen. Nach der Bergrettung Vorarlberg bedeuten beide Hände schräg nach oben gestreckt „YES“ – „wir brauchen Hilfe“. Eine Hand nach oben und eine nach unten gestreckt bedeutet „NO“ – „wir brauchen keine Hilfe“. Der Körper bildet so ein Y oder ein schräges N. Die Bergrettung räumt selbst ein, dass kaum ein Wanderer diese Zeichen kennt.
Für Flugzeuge, die ein Gebiet absuchen, gibt es Bodenzeichen. Das Luftfahrthandbuch Österreich (AIP) der Flugsicherung Austro Control führt sie im Einklang mit Kapitel 5 des ICAO-Anhangs 12 als Zeichen, die Überlebende am Boden auslegen, wenn keine Funkverbindung besteht. Suchmannschaften am Boden haben eigene Zeichen, etwa LLL für „Aktion beendet“ oder NN für „Haben nichts gefunden, suchen weiter“.
Lege die Zeichen so groß und kontrastreich wie möglich: dunkle Äste oder Steine auf Schnee oder hellem Sand, helles Tuch auf Wiese oder Waldboden. Eine Mindestgröße nennt das Luftfahrthandbuch an dieser Stelle nicht.
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| V | Brauchen Hilfe |
| X | Brauchen ärztliche Hilfe |
| N | Nein oder negativ |
| Y | Ja oder positiv |
| Pfeil | Begeben uns in diese Richtung |
Üben und merken
Lerne die Morsezeichen als Rhythmus, nicht als Bild aus Punkten und Strichen – beim Empfangen hast du keine Zeit zum Zählen. Fang mit wenigen Buchstaben an: E und T sind die kürzesten, S und O ergeben schon SOS.
Viele Buchstaben sind Spiegelbilder voneinander, das halbiert den Lernstoff: A (· –) und N (– ·), D (– · ·) und U (· · –), G (– – ·) und W (· – –), B (– · · ·) und V (· · · –). Die Ziffern merkst du dir über ihr Muster aus fünf Zeichen.
Übe zu zweit: Lampe im Flur, Klopfen an der Wand, eine Uhr für den Takt des alpinen Notsignals. Draußen, wo Fremde es sehen oder hören könnten, übst du nie mit SOS oder sechs Zeichen pro Minute. Wer tiefer einsteigen will, findet in „Radio aus Schrottteilen: der Detektorempfänger“ den ersten Schritt zu eigener Empfangstechnik.
Tipp Schreib dir eine Merkkarte fürs Notgepäck: SOS, das alpine Notsignal mit Antwort, die Körperzeichen Y und N und die Bodenzeichen V, X, N, Y. Im Ernstfall liest du lieber nach, als zu raten.
Häufige Fragen
Muss ich das ganze Morsealphabet können?
Nein. Für einen Hilferuf reichen SOS und das alpine Notsignal. Das ganze Alphabet lohnt sich, wenn du mit Menschen in Sichtweite Nachrichten austauschen willst, die es ebenfalls gelernt haben.
SOS oder alpines Notsignal – was nehme ich am Berg?
Die Bergrettung und der Deutsche Alpenverein nennen für die Berge das alpine Notsignal mit sechs Zeichen pro Minute. SOS ist in den Seeregeln festgelegt, verlangt aber den genauen Rhythmus.
Wie weit sieht man einen Signalspiegel?
Eine amtliche Reichweite konnten wir nicht belegen. Sicher ist nur: Ohne Sonne funktioniert er nicht, und der Lichtfleck muss das Ziel treffen.
Was tue ich, wenn ich ein Notsignal bemerke?
Merke dir Richtung und Ort und setze einen Notruf über 112 ab. Am Berg bestätigst du den Empfang mit drei Zeichen pro Minute, damit die Person weiß, dass sie gesehen wurde.
Quellen
- Recommendation ITU-R M.1677-1: International Morse codeInternationale Fernmeldeunion (ITU) · Vollständige Tabelle der Buchstaben, Ziffern und Zeichen, Takt, Betriebszeichen, Nutzung seit 1844
- Kollisionsverhütungsregeln (KVR), Anlage IV: NotzeichenBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · SOS mit beliebiger Signalart, Flaggensignale, Armzeichen, Rauch, Verbot verwechselbarer Signale
- § 145 StGB: Missbrauch von NotrufenBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Strafbarkeit des Missbrauchs von Notzeichen
- NotrufzeichenÖsterreichischer Bergrettungsdienst, Land Vorarlberg (Verein) · Alpines Notsignal und Antwort, Körperzeichen YES und NO, bunte Kleidung
- Wie funktioniert das? NotrufDeutscher Alpenverein (Verein) · Alpines Notsignal mit Beispielen Rufen und Stirnlampe
- AIP Austria GEN 3.6: Search and Rescue (PDF)Austro Control GmbH (Flugsicherung Österreich) · Boden-Luft-Sichtzeichen für Überlebende und Suchmannschaften nach ICAO-Anhang 12
