Fällt das öffentliche Netz dauerhaft aus, bleibt Strom trotzdem möglich – im Kleinen. Ein Inselnetz ist ein eigenes, von Hausinstallation und öffentlichem Netz vollständig getrenntes Kleinnetz aus Erzeuger, Speicher und wenigen Verbrauchern. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt die Bausteine, wie du deinen Bedarf in Wattstunden abschätzt und was du zuerst abschaltest. Und er erklärt, warum ein solches Netz nie mit der Hausinstallation verbunden wird – gerade dann nicht, wenn das öffentliche Netz zurückkommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Inselnetz ist vollständig getrennt: keine Verbindung zu Hausinstallation, Steckdose oder öffentlichem Netz.
- Bausteine: Erzeuger, Laderegler, Speicher mit Sicherung, Verbraucher – am besten direkt mit Kleinspannung.
- Rechne den Bedarf in Wattstunden: Leistung mal Stunden, für jedes Gerät, dann die Summe pro Tag.
- Plane für den Winter: Im Dezember kommt weniger als ein Achtel der Sonnenenergie von Juni und Juli an.
- Rückspeisung setzt Leitungen unter Spannung, an denen andere arbeiten. Zuständig: Elektrofachkraft und Netzbetreiber.
Wofür dieser Artikel gedacht ist
Der Artikel erklärt, wie ein kleines, eigenständiges Stromnetz aufgebaut ist und wie du es sparsam betreibst. Er enthält bewusst keine Anleitung, ein solches Netz mit der Hausinstallation oder dem öffentlichen Netz zu verbinden – keine Umschaltung, keine Einspeisung über Steckdosen, keine Klemmen- oder Erdungspläne. Das ist Arbeit für eine Elektrofachkraft in Abstimmung mit dem Netzbetreiber, und warum das so ist, steht weiter unten.
Achtung Das ist Notfall- und Zivilisationswissen für eine Lage, in der Versorgung, Ärzte, Behörden und Fachbetriebe – auch Elektrofachbetriebe und Netzbetreiber – dauerhaft nicht erreichbar sind. Solange sie erreichbar sind, gehen sie vor. Dieser Artikel ersetzt keine Ausbildung in der Elektrotechnik, keine ärztliche Behandlung und keine Genehmigung.
Was ein Inselnetz ist – und was nicht
Ein Inselnetz im Sinne dieses Artikels ist ein kleines Stromnetz, das für sich allein steht. Ein Erzeuger liefert Energie, ein Speicher puffert sie, und daran hängen die wenigen Geräte, die wirklich laufen müssen. Die feste Hausinstallation mit ihren Steckdosen, Leitungen in der Wand und dem Sicherungskasten gehört nicht dazu, das öffentliche Netz erst recht nicht.
Die kleinste Form kennst du vielleicht schon: eine Powerstation mit einem Faltpanel. Was eine solche fertige Insel im Haushalt trägt, beschreibt der Artikel „Powerstation und Solar“. Dort steht auch, warum ein Balkonkraftwerk bei Stromausfall nichts liefert – es ist für den Betrieb am Netz gebaut, nicht für die Insel.
Dieser Artikel geht einen Schritt weiter: Er beschreibt eine selbst zusammengestellte Insel aus einzelnen Bausteinen, etwa für eine Hütte oder einen Haushalt, der über Wochen ohne Netz auskommen muss. Der Grundsatz bleibt: Die wenigen wichtigen Geräte hängen direkt an der Insel, statt das ganze Haus versorgen zu wollen.
Die Bausteine und wie sie zusammenspielen
Jede Insel besteht aus vier Teilen. Der Erzeuger wandelt Sonne, Wind, Wasser oder Brennstoff in Strom. Der Laderegler sorgt dafür, dass der Speicher nur so geladen wird, wie es sein Typ verträgt. Der Speicher – eine Bleibatterie oder ein Lithium-Akku mit eigener Schutzschaltung – gleicht aus, dass Erzeugung und Verbrauch fast nie gleichzeitig stattfinden. Die Verbraucher hängen abgesichert und möglichst ohne Umweg am Speicher.
Beim Erzeuger unterscheiden sich die Quellen stark. Ein Solarmodul liefert ohne bewegte Teile, aber nur bei Licht. Wind- und Wasserräder liefern zunächst eine Drehbewegung, die ein Generator erst in Strom wandelt; wie solche Räder arbeiten, zeigt der Artikel „Wind- und Wassermühle“. Ein Stromerzeuger mit Verbrennungsmotor liefert viel Leistung auf Abruf, braucht aber Brennstoff und läuft ausschließlich im Freien.
Für Stromerzeuger nennt die Richtlinie der Netzbetreiber für Notstromaggregate einen Grundsatz, der zur Insel passt: An bestimmte mobile Aggregate sollten Verbrauchsgeräte nur direkt angeschlossen werden. Das Gerät hängt mit seinem eigenen Kabel am Erzeuger – nicht an einer Steckdose der Hausinstallation.
| Baustein | Aufgabe | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Erzeuger | liefert Energie | Solar nur bei Licht, Motor nur im Freien |
| Laderegler | lädt den Speicher | auf den Batterietyp eingestellt |
| Speicher | puffert Tag und Nacht | Sicherung nah am Pol |
| Verbraucher | nutzen die Energie | möglichst direkt mit Kleinspannung |
Kleinspannung: warum 12 oder 24 Volt
Die meisten Inseln arbeiten mit 12 oder 24 Volt Gleichspannung, weil Batterien, Laderegler, Leuchten und Radios dafür gebaut sind. Dazu kommt ein Sicherheitsgrund. Die DGUV Regel 103-011 zum Arbeiten unter Spannung gilt nicht für Anlagen bis 50 Volt Wechselspannung oder 120 Volt Gleichspannung, die Kleinspannungsbereiche SELV und PELV. Eine 12- oder 24-Volt-Insel liegt weit darunter.
Der Haken: Bei niedriger Spannung braucht dieselbe Leistung mehr Strom, denn Leistung ist Spannung mal Stromstärke. Ein Gerät, das bei 12 Volt einen bestimmten Strom zieht, braucht bei 24 Volt für dieselbe Leistung nur die Hälfte. Hohe Ströme erwärmen Leitungen – deshalb gehören kurze Wege und ausreichend dicke Kabel zur Kleinspannung. Die Grundlagen dazu erklärt „Strom verstehen“.
Kleinspannung heißt nicht harmlos. Eine Batterie liefert im Kurzschluss einen enormen Strom, Metall glüht, Leitungen brennen. Wie du eine Batterie mit einer Sicherung nah am Pluspol schützt und sicher lädst, beschreibt der Artikel „Die 12-Volt-Welt“.
Sobald ein Wechselrichter im Spiel ist, verlässt du die Kleinspannung: Er erzeugt Netzspannung, und die ist an der Insel genauso gefährlich wie in der Wand. Nutze ihn nur für die Geräte, die nichts anderes kennen, und schalte ihn ab, wenn nichts daran hängt.
Energiebilanz: den Bedarf in Wattstunden abschätzen
Eine Insel ist so gut wie ihre Rechnung. Die Grundformel ist einfach: Leistung in Watt mal Betriebsstunden ergibt Wattstunden. Das rechnest du für jedes Gerät, das am Tag laufen soll, und addierst. Die Summe ist dein Tagesbedarf – der Speicher muss ihn über die Nacht und über trübe Tage tragen, der Erzeuger muss ihn im Mittel wieder hereinholen.
Die Watt-Zahl steht auf dem Typenschild; genauer ist es, sie zu messen, solange das noch geht. Die Tabelle zeigt den Rechenweg mit angenommenen Werten – ein Beispiel, kein Richtwert für deine Geräte.
Beim Erzeuger zählt vor allem die Jahreszeit. Der Deutsche Wetterdienst nennt als mittlere Monatssumme der Globalstrahlung für Deutschland im Zeitraum 1991 bis 2020 für den Dezember unter 20 kWh/m², für Juni und Juli über 160 kWh/m². Im Winter kommt also weniger als ein Achtel der Sommerenergie an. Eine Solarinsel, die im Juli locker reicht, reicht im Dezember nicht – plane sie für den dunkelsten Monat oder nimm im Winter einen zweiten Erzeuger dazu.
Jede Wandlung kostet zusätzlich Energie, vor allem der Umweg über den Wechselrichter, und eine Batterie gibt nicht alles zurück, was hineingeladen wurde. Rechne deshalb mit Reserve.
| Gerät | Leistung | Stunden pro Tag | Wattstunden pro Tag |
|---|---|---|---|
| Leuchte (angenommen) | 5 W | 5 h | 25 Wh |
| Radio (angenommen) | 3 W | 4 h | 12 Wh |
| Handy laden (angenommen) | 10 W | 2 h | 20 Wh |
| Summe | 57 Wh |
Tipp Schreib die Rechnung auf und leg sie zum Speicher. Wenn du ein Gerät dazunimmst, siehst du sofort, was es kostet – und was dafür wegfallen muss.
Priorisieren: was zuerst abgeschaltet wird
In einer Insel gibt es keinen Nachschub von außen. Wenn der Speicher sinkt, entscheidest du, was weiterläuft – besser vorher in Ruhe als nachts bei fast leerer Batterie. Die folgende Einteilung ist eine Einschätzung der Redaktion, keine Norm.
Wärme mit Strom zu erzeugen, ist in einer kleinen Insel fast immer die teuerste Lösung: Heizlüfter, Wasserkocher und Herdplatte leeren einen Speicher, der Licht und Radio tagelang trägt, in kurzer Zeit. Ist jemand auf ein strombetriebenes medizinisches Gerät angewiesen, steht es an erster Stelle, und der Bedarf wird mit Arzt und Hersteller geklärt, solange das möglich ist.
- Stufe 1, läuft immer: lebenswichtige Geräte, etwas Licht, ein Radio für Informationen.
- Stufe 2, läuft bei guter Ladung: Kühlung, Laden von Handy und Lampen, eine Wasserpumpe.
- Stufe 3, läuft nur bei Überschuss: Werkzeug, Unterhaltung, alles mit Wechselrichter.
- Bei sinkender Ladung zuerst Stufe 3 abschalten, dann Stufe 2 – nie umgekehrt.
- Große Verbraucher dann einschalten, wenn der Erzeuger gerade liefert, etwa mittags bei Sonne.
Warum die Insel nie ans Hausnetz darf
Der naheliegende Gedanke ist, die Insel über eine Steckdose ins Haus zu führen. Genau das darf nicht passieren. Eine Steckdose ist mit der ganzen Hausinstallation verbunden, und die hängt am öffentlichen Netz. Wer dort einspeist, legt Spannung auf Leitungen, die andere für stromlos halten.
Die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) beschreibt, wie an elektrischen Anlagen gearbeitet wird: allseitig freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen. Mit dem Feststellen der Spannungsfreiheit wird auch ausgeschlossen, dass durch Ersatzstromversorgungsanlagen, Rücktransformation oder Hilfseinspeisung noch Spannung anliegt. Schwere Unfälle entstehen laut BG ETEM immer wieder, wenn jemand eine freigeschaltete Anlage irrtümlich wieder einschaltet und sie unerwartet unter Spannung steht. Ein Erzeuger an der Steckdose wirkt nach unserer Einschätzung genauso: als unerwartete Quelle.
Die Richtlinie der Netzbetreiber für Notstromaggregate (Ausgabe 2004) verlangt eine einwandfreie Trennung zwischen der vom Aggregat versorgten Installation und dem Netz; Möglichkeiten der Rückspeisung sind auszuschließen. Kommt das Netz zurück, während eine Insel am Hausnetz hängt, treffen zwei Quellen aufeinander – nach unserer Einschätzung mit Schäden an Erzeuger und Installation und mit Gefahr für jeden, der gerade daran arbeitet. Wiederkehr und Reparatur sind also genau die Momente, in denen Rückspeisung am gefährlichsten ist.
Auch das Recht ist eindeutig. Nach § 13 der Niederspannungsanschlussverordnung (NAV) sind unzulässige Rückwirkungen der Anlage auszuschließen; errichten, erweitern oder ändern dürfen die Hausinstallation außer dem Netzbetreiber nur Installationsunternehmen, die in ein Installateurverzeichnis eines Netzbetreibers eingetragen sind. Nach § 19 NAV ist eine Eigenanlage vorher dem Netzbetreiber mitzuteilen und ihr Anschluss mit ihm abzustimmen. Wie ein Notstromaggregat sicher betrieben wird, steht in „Notstrom sicher betreiben“.
Die Gefahren auf einen Blick
Auch eine getrennte Insel hat ihre Gefahren. Die DGUV Information 205-019 für Einsatzkräfte geht bei Photovoltaikanlagen grundsätzlich von bis zu 1.000 Volt Gleichspannung aus. Leitungen und Bauteile führen bei Tageslicht ständig Spannung, und das Abdecken der Module ist laut DGUV keine geeignete Maßnahme, sie spannungsfrei zu machen. Wer im Gleichstrombereich anders als am dafür vorgesehenen Freischalter trennt, riskiert laut DGUV einen Lichtbogen.
In Reihe geschaltete Module addieren ihre Spannungen – eine größere Anlage liegt schnell über der Kleinspannungsgrenze von 120 Volt Gleichspannung. Bleib bei kleinen Anlagen, deren Spannung du kennst, und lass größere von einer Elektrofachkraft mit Photovoltaik-Kenntnissen errichten.
Speicher bringen Kurzschluss- und Brandgefahr mit. Warum Lithium-Akkus thermisch durchgehen können und wie du sie lagerst und lädst, erklärt der Artikel „Lithium-Akkus aus Altgeräten“. Für Stromerzeuger mit Verbrennungsmotor kommt Kohlenmonoxid dazu: Sie laufen ausschließlich im Freien, nie in Keller, Garage oder Schuppen.
Achtung Rechtslage heute: Nach §§ 13 und 19 NAV sind unzulässige und schädliche Rückwirkungen ins Netz auszuschließen; errichten, erweitern oder ändern dürfen die Hausinstallation nur der Netzbetreiber oder eingetragene Installationsunternehmen, Eigenanlagen werden vorher mitgeteilt. Gefahr: Rückspeisung über eine Steckdose setzt freigeschaltete Leitungen unter Spannung – lebensgefährlich für alle, die sie reparieren, besonders wenn das Netz zurückkommt. Dazu Stromschlag und Lichtbogen an Solaranlagen, Kurzschluss und Brand an Akkus, Kohlenmonoxid an Verbrennungsmotoren. Zuständig: Elektrofachkraft und Netzbetreiber, für Photovoltaik ein Fachbetrieb, bei Brand oder Stromunfall der Notruf 112.
Häufige Fragen
Kann ich die Insel über eine Steckdose ins Hausnetz einspeisen?
Nein. Rückspeisung setzt Leitungen unter Spannung, die andere für stromlos halten; nach der NAV sind schädliche Rückwirkungen ins Netz auszuschließen. Jede Verbindung zur Hausinstallation ist Sache einer Elektrofachkraft und des Netzbetreibers.
Warum sind 12 oder 24 Volt sicherer als 230 Volt?
Sie liegen weit unter der Kleinspannungsgrenze von 120 Volt Gleichspannung, die die DGUV Regel 103-011 nennt. Kurzschluss und Brand bleiben trotzdem gefährlich, deshalb gehört eine Sicherung nah an die Batterie.
Wie groß muss meine Solarinsel sein?
Das hängt von deinem Tagesbedarf in Wattstunden ab, deshalb steht hier keine feste Zahl. Rechne für den Winter: Im Dezember liegt die Einstrahlung nach dem Deutschen Wetterdienst unter einem Achtel des Werts von Juni und Juli.
Kann ich ein Solarmodul abdecken, um daran gefahrlos zu arbeiten?
Nein. Nach der DGUV Information 205-019 ist das Abdecken der Module keine geeignete Maßnahme, um sie spannungsfrei zu machen. Leitungen und Bauteile führen bei Tageslicht ständig Spannung.
Quellen
- Niederspannungsanschlussverordnung (NAV), §§ 13 und 19Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · § 13: unzulässige Rückwirkungen der Anlage ausschließen, Errichtung, Erweiterung und Änderung nur durch Netzbetreiber oder eingetragene Installationsunternehmen; § 19: Eigenanlagen vorher mitteilen, schädliche Rückwirkungen ins Netz ausschließen, Anschluss mit dem Netzbetreiber abstimmen
- Notstromaggregate – Richtlinie für Planung, Errichtung und Betrieb von Anlagen mit Notstromaggregaten (Ausgabe 2004, PDF)Verband der Netzbetreiber (VDN), veröffentlicht beim VDE · Abschnitt 3.1.1: einwandfreie Trennung vom Netz, Rückspeisung ausschließen; Abschnitt 3.1.2: an bestimmte mobile Aggregate Verbrauchsgeräte nur direkt anschließen
- Arbeiten im spannungsfreien ZustandBerufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) · Fünf Sicherheitsregeln, allseitiges Freischalten; schwere Unfälle durch irrtümliches Wiedereinschalten durch Dritte, wenn die Anlage unerwartet wieder unter Spannung steht; das Feststellen der Spannungsfreiheit schließt auch Spannung durch Ersatzstromversorgungsanlagen, Rücktransformation oder Hilfseinspeisung aus
- DGUV Information 205-019: Einsatz an Photovoltaikanlagen (Juni 2012, PDF)Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) · Grundannahme bis zu 1.000 Volt Gleichspannung, ständige Spannung bei Tageslicht, Lichtbogengefahr im Gleichstrombereich, Abdecken der Module ungeeignet, Elektrofachkraft mit PV-Kenntnissen
- DGUV Regel 103-011: Arbeiten unter Spannung an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln (PDF)Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) · Abschnitt 1.2: keine Anwendung auf Anlagen bis 50 Volt Wechselspannung oder 120 Volt Gleichspannung (SELV oder PELV)
- Thema des Tages: Energieinput von obenDeutscher Wetterdienst (DWD) · Mittlere Monatssumme der Globalstrahlung 1991 bis 2020: Dezember unter 20 kWh/m², Juni und Juli über 160 kWh/m²
