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Konkrete Lagen

Blackout in Italien 2003: eine Nacht, ein Land ohne Strom

Ein Überschlag an einer Schweizer Leitung legte am 28. September 2003 fast ganz Italien lahm. Was die offiziellen Berichte über Ablauf und Lehren sagen.

8 Min. LesezeitEinstiegStand: 26. September 2026
Mehrere Leiterseile einer italienischen Hochspannungsleitung verlaufen an großen Isolatoren eines Strommastes.
Symbolbild aus dem italienischen Übertragungsnetz: Der Blackout 2003 begann mit Störungen an grenzüberschreitenden Hochspannungsverbindungen.Foto: Terna S.p.A. / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

In der Nacht zum Sonntag, dem 28. September 2003, fiel in fast ganz Italien der Strom aus – mitten im Schlaf, ohne Unwetter. Ausgelöst hatte das eine Störung an einer Hochspannungsleitung in der Schweiz. Ausgewertet haben das Ereignis ein Untersuchungsausschuss der europäischen Übertragungsnetzbetreiber und die italienische Regulierungsbehörde. Dieser Artikel fasst zusammen, was ihre Berichte festhalten – und was du daraus für deinen Haushalt mitnehmen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach einem Überschlag zu einem Baum an einer Schweizer Leitung zerfiel das Netz binnen einer knappen halben Stunde.
  • Außer Sardinien war fast ganz Italien ohne Strom; die Behörde nennt rund 54 Millionen betroffene Menschen.
  • Der letzte Kunde hatte nach gut 18 Stunden wieder Strom; manche Orte nach einer Stunde, Teile Siziliens nach über 20.
  • Die Berichte nennen fehlende Dringlichkeit, lückenhafte Abstimmung und Probleme beim Wiederanfahren der Kraftwerke.
  • Für dich heißt das: Ein Ausfall kann nachts kommen – Licht muss im Dunkeln griffbereit sein, Kühlgut braucht einen Plan.

Was in der Nacht zum 28. September 2003 passiert ist

Um 3:01 Uhr – so die Zeitangabe im Bericht – schaltete sich in der Schweiz die 380-Kilovolt-Leitung Mettlen–Lavorgo ab, auch Lukmanier-Leitung genannt. Ursache war ein Überschlag zu einem Baum. So beschreibt es der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses der UCTE, der damaligen Vereinigung der Übertragungsnetzbetreiber in Kontinentaleuropa (heute Teil von ENTSO-E). Mehrere automatische Versuche, die Leitung wieder zuzuschalten, schlugen fehl, ebenso ein Versuch von Hand um 3:08 Uhr.

Knapp eine halbe Stunde später war Italien vom europäischen Netz getrennt und das italienische Stromsystem zusammengebrochen. Die italienische Regulierungsbehörde AEEG (heute ARERA) hält fest: Betroffen war fast das ganze Land, ausgenommen Sardinien, dazu ein Teil der Schweiz im Tessin. In ihrem Vergleich großer Ausfälle nennt sie rund 54 Millionen betroffene Menschen. Nach Angaben der befragten Verteilnetzbetreiber waren in dieser Nacht etwa 32 Millionen Anschlüsse ohne Strom.

Die knappe halbe Stunde bis zur Trennung

Um 3 Uhr bezog Italien laut UCTE insgesamt 6.951 Megawatt aus dem Ausland. Der Bericht erklärt, warum das nachts so war: Importe waren wirtschaftlich günstiger als eigene Erzeugung, und Pumpspeicherwerke lagern in den Nachtstunden Energie ein. Zum Zeitpunkt der Störung liefen in Italien Pumpen mit etwa 3.500 Megawatt Leistung.

Nach dem Ausfall der Lukmanier-Leitung übernahmen andere Leitungen deren Last. Die benachbarte Leitung Sils–Soazza, die San-Bernardino-Leitung, war dadurch überlastet – nach Berechnung der Experten zulässig nur für etwa 15 Minuten. Um 3:11 Uhr bat die Schweizer Koordinationsstelle ETRANS in einem Telefonat die Leitwarte des italienischen Netzbetreibers GRTN, den Import um 300 Megawatt zu senken. Die Absenkung wirkte ab 3:21 Uhr, reichte aber zusammen mit Maßnahmen im Schweizer Netz nicht aus.

Um 3:25 Uhr schaltete sich auch die San-Bernardino-Leitung nach einem Überschlag zu einem Baum ab. Der Bericht hält es für wahrscheinlich, dass die erhitzten Leiterseile zu stark durchhingen. Nun waren die übrigen Verbindungen so überlastet, dass sie sich fast gleichzeitig automatisch abschalteten. Etwa 12 Sekunden nach dem Verlust der zweiten Leitung war Italien vom europäischen Netz getrennt.

Zweieinhalb Minuten allein

Getrennt vom Verbund fehlte Italien schlagartig der gesamte Import. Die Frequenz, die normalerweise bei 50 Hertz liegt, fiel rasch. Automatische Schutzpläne schalteten Pumpspeicherwerke und einen Teil der Verbraucher ab, und die Frequenz fing sich zunächst bei etwa 49 Hertz. Doch dann fielen nach dem UCTE-Bericht aus verschiedenen technischen Gründen weitere Kraftwerke aus. Zweieinhalb Minuten nach der Trennung erreichte die Frequenz 47,5 Hertz, und das System brach zusammen.

Ein Befund betrifft ausdrücklich die Nachtzeit. Der Lastabwurf funktionierte laut UCTE zwar wie vorgesehen, doch es war weniger abschaltbare Last vorhanden als erwartet. Der Grund: Nachts besteht der Verbrauch der Haushalte überwiegend aus bevorzugt versorgten Abnehmern, die aus vertraglichen und rechtlichen Gründen nicht in den Abschaltplänen stehen. Die Pläne sind fest auf Spitzenlastzeiten eingestellt und lassen sich nicht stündlich anpassen.

Verlauf der Netzfrequenz nach der Trennung: von 50 Hertz rasch hinunter auf etwa 49 Hertz, dort kurz gefangen, dann weiter fallend bis 47,5 Hertz. Zwischen Trennung und Zusammenbruch liegen zweieinhalb Minuten.
Nach der Trennung fing sich die Frequenz kurz bei 49 Hertz – dann brach das System zusammen.Skizze: WildWeasel

Was die Berichte als Ursachen nennen

Der UCTE-Ausschuss stellt zunächst fest: Vor der ersten Störung erfüllte das Netz das N-1-Kriterium. Diese Grundregel besagt, dass der Ausfall eines einzelnen Elements, etwa einer Leitung, die Sicherheit des Verbunds nicht gefährden darf. Als Gegenmaßnahme für den Verlust der Lukmanier-Leitung war vorgesehen, Pumpen in Italien nahe der Grenze abzuschalten. Rein technisch stand das zur Verfügung. Dennoch verhinderten nach dem Bericht menschliche, technische und organisatorische Faktoren, dass das Netz in einen sicheren Zustand zurückkehrte.

Als Hauptgründe nennt der Ausschuss vier Punkte. Die Lukmanier-Leitung ließ sich nicht wieder zuschalten, weil eine Schutzeinrichtung wegen eines zu großen Phasenwinkels blockierte. Den Beteiligten war nicht bewusst, dass die Überlast auf der San-Bernardino-Leitung nur etwa 15 Minuten zulässig war – der Bericht spricht von fehlendem Gespür für die Dringlichkeit und einer Gegenmaßnahme, die nicht ausreichte. Nach der Trennung verlor das italienische System seine Stabilität. Und schließlich nennt er die Pflege der Leitungstrassen, also den Baumschnitt. Die zuständige Schweizer Aufsicht fand die Wartung regelkonform, kündigte aber eine Überprüfung der Verfahren an.

Auch die Abstimmung zwischen den Netzbetreibern war lückenhaft. Nach einem Doppelausfall an denselben beiden Leitungen im Jahr 2000 war ein Verfahren zwischen Frankreich, der Schweiz und Italien vereinbart worden: Im Notfall sollten Informationen per Fax ausgetauscht werden. In dieser Nacht wurde es nach dem Bericht nicht angewandt. Bei ETRANS war zum Zeitpunkt der Störung ein einziger Operator im Dienst.

Hinweis Der UCTE-Bericht betont, er dürfe nicht als Beleg für Verschulden oder Haftung verwendet werden. Die italienische und die französische Regulierungsbehörde kamen in einer gemeinsamen Untersuchung zu einer schärferen Bewertung der Abläufe auf Schweizer Seite. Hier steht nur, was die Berichte ausdrücklich festhalten.

Der Wiederaufbau: was funktioniert hat und was nicht

Der Wiederaufbau begann laut UCTE unmittelbar nach dem Zusammenbruch. Fast ganz Norditalien hatte vor 8 Uhr wieder Strom, Mittelitalien gegen 12 Uhr, das übrige Festland um 17 Uhr, Sizilien vollständig um 21:40 Uhr. Geholfen haben die intakten Nachbarnetze: Der Nordwesten war früh wieder mit dem französischen Netz verbunden, der Osten um Venedig wurde aus Slowenien versorgt. Der letzte Kunde war nach 18 Stunden und 12 Minuten wieder am Netz. Der Ausschuss wertet den Wiederaufbau insgesamt als erfolgreich.

Nicht funktioniert hat vieles, was für einen raschen Neustart vorgesehen war. Die italienische Behörde stellt fest, dass der Start der Kraftwerke für den ersten Wiederaufbau fast durchweg misslang. Nur wenige Kraftwerke hielten sich nach der Trennung im Eigenbedarfsbetrieb. Die UCTE nennt zudem Probleme mit Sprach- und Datenverbindungen und fehlende Informationen aus den Anlagen; Bereitschaftsteams wurden deshalb teils telefonisch angeleitet. Beide Berichte halten fest, dass der Wiederaufbau mit mehr erfolgreich gehaltenen Kraftwerken wohl schneller gegangen wäre.

Für die Menschen dauerte der Ausfall sehr unterschiedlich lang. Nach der Behörde reichte die Spanne von etwa einer Stunde in Teilen des Piemont bis zu über 20 Stunden für die am stärksten Betroffenen in Teilen Siziliens. Haushalte meldeten vor allem verdorbene Lebensmittel und beschädigte Haushalts- und Elektrogeräte, Betriebe unterbrochene Produktionsprozesse.

Lehren der Berichte

Der UCTE-Ausschuss formuliert elf Empfehlungen. Notfallverfahren zwischen benachbarten Netzbetreibern sollen verbindlich werden, in gemeinsame Schulungen einfließen und regelmäßig geprüft werden. Im Operation Handbook, dem damals entstehenden Regelwerk der UCTE, sollen die Kriterien für das N-1-Prinzip vereinheitlicht und Fristen festgelegt werden, bis wann das Netz nach einer Störung wieder sicher sein muss. Der Echtzeit-Datenaustausch zwischen Nachbarn soll ausgebaut werden.

Auf nationaler Ebene fordert der Bericht verbindliche Schutz- und Wiederaufbaupläne, mit Kraftwerken, die sich zuverlässig im Eigenbedarf halten oder ohne Netz starten können – gemeinsam geübt mit allen Beteiligten. Auch der Baumschnitt unter Leitungen soll überprüft werden. Schon kurz nach dem Ausfall wurde die Übertragungskapazität nach Italien vor allem nachts deutlich verringert. ETRANS und GRTN vereinbarten eine engere Zusammenarbeit, Leitwartenpersonal beider Länder wurde gemeinsam geschult, und ETRANS kündigte zwei Operatoren je Schicht an.

Die italienische und die französische Regulierungsbehörde gingen weiter: Die bis dahin freiwilligen UCTE-Regeln müssten rechtlich verbindlich werden und überwacht werden. In Italien folgte auf die Untersuchung zudem ein mehrjähriges Verfahren, aus dem 2007 neue Regeln zum Schutz von Kunden bei langen oder großflächigen Unterbrechungen hervorgingen.

Was diesen Fall mit anderen Blackouts verbindet

Nur sechs Wochen zuvor, am 14. August 2003, war im Nordosten der USA und in Kanada ebenfalls ein großes Netz zusammengebrochen; die italienische Behörde stellt beide Fälle in ihrem Vergleich nebeneinander. Drei Jahre später zeigte die europäische Netzstörung vom November 2006 erneut, wie viel an der Abstimmung zwischen Netzbetreibern hängt. Und 2025 erlebten Spanien und Portugal wieder einen großflächigen Zusammenbruch mit einem langen Neustart.

Der UCTE-Bericht betont: Der Ausfall ging nicht auf ein außergewöhnliches Ereignis wie einen schweren Sturm oder einen Cyberangriff zurück. Die Faktoren, die eine Rückkehr in den sicheren Zustand verhinderten, betrafen nach dem Bericht bekannte Grundsätze und vorhandene Werkzeuge des Netzbetriebs. Genau das macht den Fall lehrreich – ein Blackout braucht keine Katastrophe als Auslöser.

Tipp Die Fallstudien „Blackout in Nordamerika 2003“, „Europäische Netzstörung vom 4. November 2006“ und „Blackout in Spanien und Portugal, April 2025“ gehen den Vergleichsfällen nach. Wie lange solche Lagen dauerten, zeigt der Artikel „Wie lange echte Lagen dauerten“.

Was das für dich heißt

Der italienische Blackout begann gegen halb vier Uhr morgens. Wer aufwachte, stand im Dunkeln, wusste nicht, wie groß der Ausfall war, und manche mussten bis zum Abend warten. Die folgenden Schlüsse stehen nicht in den Berichten selbst – sie sind unsere Übertragung ihrer Befunde auf deinen Haushalt.

  • Eine Taschen- oder Stirnlampe an einem festen Ort, den du auch im Dunkeln und halb verschlafen findest – etwa am Bett.
  • Ein Radio mit Batterie oder Kurbel, um zu erfahren, ob nur deine Straße oder das ganze Land betroffen ist.
  • Ein Plan für Kühlschrank und Gefriertruhe: Verdorbene Lebensmittel waren der Schaden, den Haushalte am häufigsten meldeten.
  • Ein Grundvorrat an Wasser und Essen, 2 Liter Trinkwasser pro Person und Tag – falls du zu den Letzten gehörst, die wieder Strom bekommen.

Tipp Wie du Kühlgut bei Stromausfall behandelst, steht im Artikel „Kühlschrank und Gefriertruhe bei Stromausfall“. Was im Haushalt der Reihe nach ausfällt, erklärt „Stromausfall: Was wirklich ausfällt – und was du vorbereitest“.

Häufige Fragen

Warum konnte eine Schweizer Leitung ganz Italien lahmlegen?

Italien importierte in dieser Nacht viel Strom über die Leitungen aus dem Norden. Als zwei davon ausfielen, schalteten sich die übrigen durch Überlast ab. Das abgetrennte italienische Netz konnte den fehlenden Import nicht ausgleichen und brach zusammen.

Waren Unwetter oder ein Angriff die Ursache?

Nein. Der UCTE-Bericht hält ausdrücklich fest, dass kein außergewöhnliches Ereignis wie ein schwerer Sturm oder ein Cyberangriff den Ausfall ausgelöst hat. Auslöser waren Überschläge zu Bäumen an zwei hoch belasteten Leitungen.

Wie lange dauerte der Stromausfall?

Das hing vom Ort ab. Nach der italienischen Behörde reichte die Spanne von etwa einer Stunde in Teilen des Piemont bis zu über 20 Stunden in Teilen Siziliens. Laut UCTE war der letzte Kunde nach 18 Stunden und 12 Minuten wieder versorgt.

Warum half der Lastabwurf nachts weniger?

Nachts besteht der Haushaltsverbrauch laut UCTE überwiegend aus bevorzugt versorgten Abnehmern, die nicht in den Abschaltplänen stehen. Dadurch war weniger Last abschaltbar, als der Plan vorsah.

Quellen

  1. Final Report of the Investigation Committee on the 28 September 2003 Blackout in Italy (April 2004)UCTE – Vereinigung der Übertragungsnetzbetreiber in Kontinentaleuropa (heute ENTSO-E) · Ablauf und Uhrzeiten, Import und Pumplast, Frequenz, Lastabwurf nachts, Hauptgründe, Fax-Verfahren, Besetzung, Wiederaufbau, Sofortmaßnahmen, Empfehlungen R1 bis R11
  2. Resoconto dell'attività conoscitiva in ordine alla interruzione del servizio elettrico verificatasi il giorno 28 settembre 2003 (Anlage A zu Beschluss 83/04, 9. Juni 2004)Autorità per l'energia elettrica e il gas (italienische Regulierungsbehörde, heute ARERA) · Betroffenes Gebiet ohne Sardinien, rund 54 Millionen Menschen, etwa 32 Millionen Anschlüsse, Dauer je Region, gemeldete Schäden, Probleme beim Wiederanfahren
  3. Le cause internazionali del black-out di settembre – gemeinsame Schlussfolgerungen von AEEG und CRE (23. April 2004)ARERA (italienische Regulierungsbehörde) · Bewertung der italienischen und französischen Regulierer, Forderung nach verbindlichen und überwachten UCTE-Regeln
  4. Direttiva per la tutela dei clienti finali interessati da interruzioni prolungate o estese (Beschluss 172/07, 12. Juli 2007)ARERA (italienische Regulierungsbehörde) · Neue Schutzregeln für Kunden bei langen oder großflächigen Unterbrechungen, angestoßen auch durch die Untersuchung des Blackouts