Im Frühjahr 2020 standen viele Menschen in Deutschland vor leeren Regalen – bei Toilettenpapier, Mehl, Nudeln und Desinfektionsmitteln. Gleichzeitig betonten Politik und Wirtschaftsverbände, die Versorgung sei gesichert. Beides stimmte. Dieser Artikel zeigt anhand amtlicher Zahlen, wie das zusammenpasst und was du daraus für deinen eigenen Vorrat mitnehmen kannst.
Das Wichtigste in Kürze
- Mitte März 2020 lag der Absatz von Toilettenpapier laut Destatis 211 Prozent über dem üblichen Durchschnitt.
- Die Regale waren leer, weil viele gleichzeitig kauften – nicht, weil keine Ware mehr hergestellt wurde.
- Hersteller und Logistik reagierten: mehr Nudeln, Lkw-Sonntagsfahrverbot aufgehoben.
- Weltweit knapp waren vor allem Schutzausrüstung und Desinfektionsmaterial.
- Vorrat vorher und schrittweise aufbauen – dann musst du in der angespannten Lage nicht mitkaufen.
Was im Frühjahr 2020 passiert ist
Ende Februar 2020 begannen in Deutschland viele Haushalte, deutlich mehr einzukaufen als sonst. Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat das mit einer Sonderauswertung von Kassendaten aus dem Handel nachgezeichnet, sogenannten Scannerdaten. Verglichen wurde der wöchentliche Absatz einzelner Produkte mit dem Durchschnitt der sechs Monate zuvor, also August 2019 bis Januar 2020.
Schon in der letzten Februarwoche (24. Februar bis 1. März) lag der Absatz von Mehl um 150 Prozent, von Seife um 122 Prozent und von Teigwaren um 109 Prozent über diesem Durchschnitt. In der ersten Märzwoche stieg die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln auf mehr als das Achtfache, ein Plus von 751 Prozent. In der Woche vom 16. bis 22. März lag Toilettenpapier bei plus 211 Prozent, Seife sogar bei plus 337 Prozent.
Destatis weist selbst darauf hin, dass diese Auswertungen experimentellen Charakter haben: Das Amt erprobte damit neue Datenquellen und Methoden. Die Zahlen zeigen deshalb vor allem Verläufe und Größenordnungen. Bier übrigens wurde in allen vier Wochen etwas weniger verkauft als sonst.
| Produkt | 24.2.–1.3. | 2.–8.3. | 9.–15.3. | 16.–22.3. |
|---|---|---|---|---|
| Toilettenpapier | +56 | +99 | +131 | +211 |
| Seife | +122 | +153 | +235 | +337 |
| Mehl | +150 | +99 | +192 | +105 |
| Teigwaren | +109 | +150 | +140 | +117 |
| Reis | +206 | +41 | +163 | +208 |
| Desinfektionsmittel | +659 | +751 | +206 | −49 |
| Bier | −9 | −9 | −4 | −5 |
Warum Regale leer waren, obwohl die Versorgung stand
Ein leeres Regal zeigt nur, was gerade im Laden fehlt – nicht, was im Land fehlt. Das sieht man an den Desinfektionsmitteln: Ihr Absatz fiel in der Woche vom 16. bis 22. März auf die Hälfte des Üblichen. Laut Destatis lag das nicht an fehlendem Interesse, sondern daran, dass das Produkt vorübergehend praktisch ausverkauft war. Auch den Rückgang bei Teigwaren führt das Amt auf ein kurzfristig fehlendes Angebot zurück.
Beim Toilettenpapier ist das Bild besonders deutlich. Die Hersteller produzierten im März 2020 laut Destatis 17 Prozent mehr als im März 2019, im April 12 Prozent mehr. Über Januar bis September 2020 blieb die Produktion aber auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahreszeitraum (minus 3,5 Prozent). Anders als bei Nudeln und Desinfektionsmitteln lässt sich daraus kein dauerhaft höherer Bedarf ablesen. Die Käufe wurden offenbar vorgezogen – verbraucht wurde übers Jahr nicht mehr.
Handel und Logistik sind auf den gewohnten Abverkauf eingestellt. Springt die Nachfrage innerhalb weniger Tage auf das Doppelte oder Dreifache, kommen Transport, Lager und das Einräumen nicht sofort hinterher. Wie eng diese Glieder zusammenhängen, zeigte eine Äußerung aus dem Bundesverkehrsministerium im Verkehrsausschuss am 11. März 2020: Es bringe nichts, das Sonntagsfahrverbot aufzuheben, wenn der Handel die gelieferte Ware dann nicht abnehme. Man müsse die gesamten Lieferketten betrachten.
Dazu kommt ein Verstärker, den das Bundeslandwirtschaftsministerium in seiner Kampagne #KaufNurWasDuBrauchst beschrieb: Jedes unnötig leere Regal schüre Panik und führe dazu, dass der nachfolgende Kunde beim nächsten Mal ebenfalls zu viel kaufe. Leere Regale erzeugen so selbst die Nachfrage, die sie wieder leert.
Was funktioniert hat
Die Grundversorgung mit Lebensmitteln ist 2020 nicht zusammengebrochen. Politik und Wirtschaftsverbände sahen die Versorgungslage mit Gütern des täglichen Bedarfs als gesichert an, hält Destatis in seiner Pressemitteilung vom 25. März 2020 fest. Das Bundeslandwirtschaftsministerium verwies darauf, dass Deutschland bei einigen Grundnahrungsmitteln mehr erzeugt, als es verbraucht: Der Selbstversorgungsgrad lag bei Kartoffeln bei 148 Prozent, bei Käse bei 126 Prozent, bei Frischmilchprodukten bei 116 Prozent und bei Getreide bei 107 Prozent.
Die Hersteller reagierten schnell. Im März 2020 wurden in Deutschland gut 36.600 Tonnen Nudeln produziert, 82 Prozent mehr als im März 2019. Von Januar bis September lag die Nudelproduktion im Schnitt 20 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Bei Desinfektionsmitteln erreichte die Produktion im April 2020 den Jahreshöhepunkt, 161 Prozent mehr als im April 2019. Die Zahlen stammen aus der Produktionserhebung von Destatis, die Betriebe ab 50 Beschäftigten erfasst.
Auch bei der Logistik wurde nachgesteuert. Das Bundesverkehrsministerium, die 16 Landesverkehrsminister und Verbände der Verkehrswirtschaft verständigten sich am 10. März 2020 darauf, das Sonntagsfahrverbot für Lkw deutschlandweit bis mindestens Ende April komplett aufzuheben. Hintergrund war laut Ministerium die problematische Versorgung von Lebensmittel- und Drogerieläden in einigen Regionen. Destatis beschreibt den Nachfrageanstieg im Rückblick als zeitweise.
Was nicht funktioniert hat
Schwieriger als bei Lebensmitteln war die Lage bei medizinischer Schutzausrüstung. Nach Darstellung der Bundesregierung gab es zum Zeitpunkt der Beschaffung weltweit eine Verknappung solcher krisenrelevanter Güter, aber auch von Desinfektionsmaterial. Es habe einen harten Wettbewerb gegeben, und Lieferketten seien gestört gewesen. Wie die Beschaffung im Einzelnen lief, ist politisch umstritten und nicht Gegenstand dieses Artikels.
Schwer war auch die Informationslage. Die ersten Monate des Jahres 2020 waren nach Angaben der Bundesregierung von Unsicherheit geprägt, wie schnell sich das Virus ausbreiten und welche Folgen es für die Gesundheit haben würde. Für Haushalte standen beruhigende Aussagen zur Versorgung neben Bildern leerer Regale. Wer vor einem leeren Regal steht, glaubt dem eigenen Eindruck eher als einer Mitteilung aus Berlin – verständlich, aber genau das hielt den Kreislauf aus Sorge und Mehrkauf in Gang.
Die Hygieneartikel zeigen außerdem, dass eine Lage nicht nur Lebensmittel betrifft. Seife, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel gehörten zu den Produkten mit den stärksten Ausschlägen. Wer beim Vorrat nur an Essen denkt, hat an dieser Stelle eine Lücke.
Die Lehren aus offizieller Sicht
Die offizielle Empfehlung hat sich durch 2020 nicht geändert, sie hat nur an Gewicht gewonnen: Vorrat anlegen, bevor etwas passiert. Das BBK nennt Lieferengpässe durch gestörte Lieferketten – ausdrücklich auch durch eine Pandemie – als einen der Gründe für einen Vorrat. Du solltest dich nach seiner Empfehlung möglichst zehn Tage selbst versorgen können. Auch ein Vorrat für zumindest drei Tage helfe schon sehr, darauf lasse sich schrittweise aufbauen.
Wie das ohne Großeinkauf geht, beschreibt das BBK als „lebenden Vorrat“: Bei jedem Einkauf nimmst du etwas zusätzlich mit, zum Beispiel ein bis zwei Packungen Nudeln mehr, als du gerade brauchst. Die Produkte verbrauchst du im Alltag, das zuerst Ablaufende zuerst, und kaufst Verbrauchtes beim nächsten Einkauf nach. So wächst der Vorrat über Wochen, ohne dass an einem einzelnen Tag ein Regal leer wird.
Die Kampagne des Bundeslandwirtschaftsministeriums verwies damals auf einen Vorratskalkulator, mit dem sich ein persönlicher Vorrat für 1 bis 28 Tage berechnen lässt. Die Botschaft beider Stellen ist dieselbe: Vorsorge ist erwünscht, sie gehört nur in die ruhige Zeit.
Hinweis Das Bundeslandwirtschaftsministerium schrieb in seiner Kampagne: „Hamsterkäufe sind unnötig.“ Gemeint war der Kauf in der Lage, nicht der Vorrat, den man vorher angelegt hat.
Was das für dich heißt
Der entscheidende Unterschied zwischen Vorsorge und Hamsterkauf ist der Zeitpunkt. Wer seinen Vorrat in ruhigen Zeiten aufbaut, kauft kleine Mengen, wenn die Regale voll sind, und muss in einer angespannten Lage nicht mit in den Laden. Wer erst kauft, wenn alle kaufen, trifft auf leere Regale und trägt ungewollt zu ihnen bei. Das ist keine Frage des Charakters, sondern der Reihenfolge.
- Baue deinen Vorrat schrittweise auf, Ziel zehn Tage. Wie das geht, steht in „Lebensmittelvorrat für 10 Tage aufbauen“.
- Rotiere: Was zuerst abläuft, wird zuerst gegessen und dann nachgekauft.
- Denk an Seife, Toilettenpapier und Hausapotheke, nicht nur an Essen.
- Plane für den Fall, dass du krank zu Hause bleiben musst – dazu mehr in „Pandemie und Quarantäne zu Hause“.
- Kaufe in einer angespannten Lage nicht mehr als sonst. Dein Vorrat trägt dich über die Tage, bis nachgefüllt ist.
Tipp Wie lange echte Lagen tatsächlich dauerten – vom Stromausfall bis zur Flut –, fasst der Überblick „Wie lange echte Lagen dauerten“ zusammen. Er hilft, die zehn Tage einzuordnen.
Häufige Fragen
War Hamstern 2020 nicht einfach vernünftig?
Einen Vorrat zu haben ist vernünftig, das empfiehlt auch das BBK. Das Problem war der Zeitpunkt: Wenn viele gleichzeitig große Mengen kaufen, leeren sich die Regale schneller, als sie nachgefüllt werden können – und leere Regale lösen weitere Käufe aus.
Gab es 2020 in Deutschland echten Lebensmittelmangel?
Politik und Wirtschaftsverbände sahen die Versorgung als gesichert an. Destatis führt Einbrüche beim Absatz einzelner Produkte auf ein kurzfristig fehlendes Angebot im Handel zurück. Bei Kartoffeln, Käse, Frischmilchprodukten und Getreide erzeugt Deutschland mehr, als es verbraucht.
Warum ausgerechnet Toilettenpapier?
Die Kassendaten zeigen, was gekauft wurde, nicht warum. Sie zeigen aber, dass die Toilettenpapier-Produktion übers Jahr 2020 auf ähnlichem Niveau blieb wie 2019. Es wurde also früher gekauft, nicht dauerhaft mehr verbraucht.
Wie groß sollte mein Vorrat sein?
Das BBK empfiehlt, sich möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können; auch drei Tage helfen schon sehr. Mengen je Person und Tag findest du im Artikel zum Lebensmittelvorrat.
Quellen
- Corona-Krise: Experimentelle Daten zeigen Kaufverhalten im Einzelhandel (Pressemitteilung Nr. 112 vom 25. März 2020)Statistisches Bundesamt (Destatis) · Absatzveränderungen je Woche (Tabelle), ausverkaufte Desinfektionsmittel, fehlendes Angebot bei Teigwaren, Versorgungslage als gesichert eingeschätzt
- Produktion in Corona-Zeiten: 80 % mehr Desinfektionsmittel von Januar bis September 2020 (Pressemitteilung Nr. N 075 vom 18. November 2020)Statistisches Bundesamt (Destatis) · Produktion von Nudeln, Desinfektionsmitteln und Toilettenpapier 2020 im Vergleich zum Vorjahr
- Aufhebung des Lkw-Sonntagsfahrverbots (hib 276/2020 vom 11. März 2020)Deutscher Bundestag, heute im bundestag · Vereinbarung von Bund und Ländern zum Sonntagsfahrverbot, Begründung und Hinweis auf die gesamte Lieferkette
- Große Unsicherheit zu Beginn der Corona-Pandemie (hib 273/2025 vom 1. Juli 2025)Deutscher Bundestag, heute im bundestag · Darstellung der Bundesregierung zur weltweiten Verknappung von Schutzausrüstung und zur Unsicherheit Anfang 2020
- Kampagne #KaufNurWasDuBrauchstDie Bundesregierung (Archiv) · Kreislauf aus leeren Regalen und Mehrkauf, Selbstversorgungsgrade, Vorratskalkulator
- Essen und Trinken bevorratenBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Pandemie als Grund für Lieferengpässe, zehn Tage Vorrat, lebender Vorrat
