Wer ohne Stahl und Beton bauen muss, hat Stein, Holz und Seil – und die Frage, wie man damit einen Raum überspannt oder einen Bach quert. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, wie Kräfte in Balken, Bögen und Seilen wirken, warum ein Steinbogen ohne Mörtel stehen kann und wie du das mit einem Modell aus Pappe selbst ausprobierst. Traglasten nennt er bewusst nicht: Sie hängen vom einzelnen Bauwerk ab und gehören in die Hand von Fachleuten. Was heute gilt, steht im Warnkasten am Ende.
Das Wichtigste in Kürze
- Bogen drückt, Seil zieht, Balken biegt sich: Jede Brückenform trägt die Last auf ihre eigene Weise ab.
- Stein und Beton halten viel Druck, aber wenig Zug – deshalb baute man mit Stein Bögen.
- Eine hängende Kette zeigt, umgedreht, die Form, in der ein Bogen nur auf Druck steht.
- Ein Steinbogen trägt erst, wenn alle Steine sitzen – bis dahin hält ihn das Lehrgerüst.
- Bögen schieben nach außen: Weichen die Widerlager aus, kann der Bogen einstürzen.
Druck, Zug, Biegung: drei Arten, belastet zu werden
Jedes Bauteil, das eine Last trägt, wird zusammengedrückt, auseinandergezogen oder gebogen. LEIFIphysik, das Physikportal des FWU Instituts für Film und Bild, beschreibt danach die Grundformen von Brücken: Bei der Bogenbrücke treten in erster Linie Druckkräfte auf. In den Seilen einer Hängebrücke wirken ausschließlich Zugkräfte, in ihren Pfeilern dagegen vor allem Druckkräfte. In der Balkenbrücke treten relativ hohe Zug- und Druckkräfte zugleich auf.
Deshalb stieß man laut LEIFI mit einfachen Baustoffen bei größeren Spannweiten schnell an Grenzen und fügte Zwischenpfeiler ein. Trotzdem ist die Balkenbrücke bis heute der verbreitetste Brückentyp – sie ist am einfachsten zu bauen.
Was beim Biegen passiert, kannst du selbst sehen: Nimm einen Streifen Schaumstoff oder einen dicken Radiergummi, zeichne an der Seite senkrechte Striche im gleichen Abstand und biege ihn durch. Auf der Innenseite der Biegung rücken die Striche zusammen, auf der Außenseite auseinander. Ein durchhängender Balken wird also oben gedrückt und unten gezogen – er muss beides aushalten.
Warum Stein nur Druck mag
Baustoffe halten Druck und Zug unterschiedlich gut aus. LEIFI nennt Beton als Beispiel: Zugfestigkeit 4, Druckfestigkeit 20 Newton pro Quadratmillimeter – auf Druck also rund fünfmal so belastbar wie auf Zug. Für Stahl stehen in derselben Tabelle 800 und 500. Natursteine wie Sandstein und Granit sind laut LEIFI relativ gering auf Zug, aber stark auf Druck belastbar.
Die Forscher Philippe Block, Matthew DeJong und John Ochsendorf vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) rechnen Mauerwerk nach den Annahmen des Ingenieurs Jacques Heyman: Es hat keine Zugfestigkeit, hält beliebig viel Druck aus, und die Steine gleiten nicht gegeneinander. Die Spannungen in historischen Mauerwerksbauten liegen laut den Autoren typischerweise eine Größenordnung unter der Bruchspannung. Ob ein Steinbau steht, ist deshalb vor allem eine Frage von Form und Gleichgewicht.
Für dich heißt das: Stein legst du nicht als Balken über eine Lücke, wo seine Unterseite gezogen würde. Du setzt ihn so, dass er nur gedrückt wird – als Bogen.
Rundbogen, Spitzbogen, Keilstein
Ein Steinbogen besteht aus keilförmigen Steinen, den Keilsteinen. Ein Lehrblatt der Mathematikdidaktik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erklärt das an einem Holzmodell: Weil die einzelnen Steine trapezförmig sind, kann keiner in die Mitte rutschen; der mittlere Schlussstein hält die Bogenform zusammen. Der Bogen trägt sich selbst und steht ohne Klebstoff oder Zement.
Die Last läuft durch den Bogen nach unten und nach außen. Bogenbrücken brauchen laut LEIFI deshalb Widerlager, die große waagerechte Kräfte aufnehmen – und diese Kräfte sind umso größer, je flacher der Bogen ist. Ein flacher Bogen schiebt also stärker gegen seine Füße als ein hoher.
Block, DeJong und Ochsendorf vergleichen einen Rund- und einen Spitzbogen mit gleichem Verhältnis von Dicke zu Radius, nämlich 18 Prozent, und nahezu gleichem Eigengewicht. Der kleinste mögliche Seitenschub beträgt beim Rundbogen 16 Prozent, beim Spitzbogen 14 Prozent des Eigengewichts. Insgesamt schiebt der Spitzbogen etwa 15 Prozent weniger zur Seite.
Die hängende Kette: Hookes Umkehrprinzip
Der englische Naturforscher Robert Hooke entdeckte 1675 laut Block, DeJong und Ochsendorf die richtige Form für Bögen. Er schrieb sie als lateinisches Anagramm nieder; aufgelöst heißt es sinngemäß: Wie das biegsame Seil hängt, so steht umgekehrt der starre Bogen. Eine Kette unter ihrem eigenen Gewicht bildet eine Kettenlinie und steht nur unter Zug. Umgedreht ergibt dieselbe Form einen Bogen, der nur unter Druck steht – die Kräfte sind einfach umgekehrt.
Die Linie, auf der die Druckkräfte durch den Bogen laufen, heißt Stützlinie. Nach den Autoren gilt: Lässt sich eine solche Linie finden, die überall innerhalb des Mauerwerks liegt, ist der Bogen für diese Last sicher. Der Bogen muss also nicht exakt die Kettenform haben – er muss dick genug sein, dass die Stützlinie in ihm Platz findet.
Poleni nutzte das Prinzip 1748 an einem echten Bau, der gerissenen Kuppel des Petersdoms in Rom. Er teilte die Kuppel in Scheiben, hängte 32 ungleiche Gewichte entsprechend den Abschnitten an eine Kette und zeigte, dass die Kette in den Querschnitt passte – die Kuppel war sicher. Gewölbe und Kuppeln tragen nach demselben Prinzip wie der Bogen: Sie stehen, solange die Druckkräfte im Mauerwerk bleiben.
Tipp Ein Riss ist nicht automatisch der Anfang vom Ende: Laut Block, DeJong und Ochsendorf verträgt ein Bogen sehr große Verformungen, bevor er instabil wird, und große Risse bedeuten nicht unbedingt unmittelbare Einsturzgefahr. Beurteilen muss das trotzdem jemand vom Fach.
Lehrgerüst und Widerlager: wie ein Bogen entsteht und wie er fällt
Ein halb fertiger Bogen trägt nichts. LEIFI schreibt, dass die Statik einer Bogenbrücke erst funktioniert, wenn alle Steine zwischen den Widerlagern eingepasst sind; während des Baus sind erhebliche Stützkonstruktionen nötig. Diese Stütze heißt Lehrgerüst: ein Gerüst, dessen Oberkante die Form der Bogenunterseite hat. Die Steine werden von beiden Seiten gleichmäßig aufgesetzt, der Schlussstein kommt zuletzt. Erst dann wird das Gerüst abgesenkt.
Wie Bögen versagen, beschreiben Block, DeJong und Ochsendorf: Mauerwerksbögen stürzen häufig ein, weil sich ihre Auflager stark bewegen – durch Setzungen im Boden oder sich neigende Stützpfeiler. Weichen die Widerlager auseinander, reißt der Bogen an Stellen, die wie Gelenke wirken. Mit drei Gelenken steht er noch; bei mehr als drei stürzt er ein. Beim Auseinanderweichen wird der Bogen außerdem flacher, und der Seitenschub wächst.

Modellversuch: ein Bogen aus Pappe und Klötzen
Mit diesem Versuch siehst du alles, was oben steht, auf dem Küchentisch. Du brauchst eine feine Kette, zwei Reißzwecken, festen Karton, Bleistift, ein Messer, Material für die Klötze – Holz, Hartschaum oder mehrere zusammengeklebte Lagen Pappe – und einige Bücher.
- Hänge die Kette mit den Reißzwecken an eine senkrechte Pappe, sodass sie frei durchhängt, und zeichne ihre Linie nach.
- Übertrage die Linie auf Karton und dreh sie auf den Kopf: Das ist die Stützlinie deines Bogens für sein Eigengewicht.
- Zeichne ober- und unterhalb der Linie im gleichen Abstand je eine zweite Linie – das ist die Dicke des Bogens.
- Teile den Bogen in eine ungerade Zahl von Stücken, damit ein Schlussstein in die Mitte fällt. Zeichne die Fugen quer zur Linie; so wird jedes Stück ein Keil.
- Übertrage die Stücke auf das Klotzmaterial und schneide sie sauber aus.
- Schneide aus Karton ein Lehrgerüst in der Form der Bogenunterseite und stelle es auf zwei gleich hohe Bücherstapel.
- Stelle schwere Bücher als Widerlager an beide Bogenenden. Setze die Keile von beiden Seiten gleichmäßig auf, den Schlussstein zuletzt.
- Ziehe die Bücher unter dem Gerüst einzeln heraus, sodass es langsam absinkt. Der Bogen steht jetzt allein.
- Drücke leicht auf den Schlussstein. Dann schiebe ein Widerlager langsam nach außen und beobachte, wo sich Fugen öffnen – das sind die Gelenke.
Alte Brücken: was die Denkmalpflege zeigt
Dass wir heute noch Brücken aus römischer Zeit sehen können, erklärt LEIFI mit dem Material: Anders als Holz hat Stein eine hohe Lebensdauer. Ein Beispiel ist der Pont du Gard in Südfrankreich, eine Aquäduktbrücke der frühen römischen Kaiserzeit. Nach der UNESCO ist sie knapp 49 Meter hoch. Die Bögen der unteren Stockwerke bestehen aus Keilsteinen, in die Markierungen für ihre Lage im Bogen eingraviert sind; der Steinbruch liegt rund 600 Meter entfernt. Der Hauptbogen über dem Fluss ist mit 24,52 Metern weiter als die äußeren Bögen mit 21,87 Metern, damit Hochwasser besser abfließt.
Die Brücke zeigt auch, wie man ein Bauwerk gefährdet. Im Mittelalter wurden für einen Weg die Pfeiler des zweiten Stockwerks zur Hälfte ihrer Dicke abgetragen – laut UNESCO bedrohte das die Standsicherheit. 1699 bis 1702 wurden die Pfeiler repariert. Seit 1840 steht der Pont du Gard unter Denkmalschutz, jede Arbeit daran braucht eine Genehmigung. Die Lehre für jedes alte Bauwerk: Nimm nie Steine aus einem tragenden Bogen oder Pfeiler.

Über den Bach: Balken und Seil
Für einen schmalen Bach ist der einfachste Übergang ein Balken, der auf beiden Ufern aufliegt. LEIFI nennt neben den Balkenbrücken kleine Hängebrücken als die in der Frühzeit verbreitetsten Formen. Der Balken biegt sich, wird oben gedrückt und unten gezogen. Wie viel ein Stamm trägt, hängt von Holzart, Zustand, Durchmesser und Spannweite ab; eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, und dieser Artikel nennt keine.
Bei der Hängebrücke tragen Seile nur auf Zug, die Pfeiler, an denen sie hängen, werden gedrückt. LEIFI weist auf eine Schwäche hin: Hängebrücken sind nicht starr, ungünstiger Wind kann sie in Schwingungen versetzen, die sie zerstören – wie 1940 an der Tacoma-Brücke. Grundsätze für einen einfachen Übergang, abgeleitet aus dem Prinzip:
- Auflager auf festem Grund suchen, nicht auf unterspültem oder lockerem Ufer.
- Den Balken weit genug auf beide Ufer legen, damit er beim Durchbiegen nicht abrutscht.
- Nur gesundes Holz nehmen, nichts Morsches oder Angefaultes.
- Seile an beiden Enden an unverrückbaren Punkten verankern – sie ziehen mit der ganzen Last.
- Einen Übergang erst betreten, wenn seine Tragfähigkeit geprüft ist, und dann einzeln.
Achtung Rechtslage heute, am Beispiel Bayern: Nach Art. 57 Abs. 1 Nr. 8 der Bayerischen Bauordnung sind „private Verkehrsanlagen einschließlich Brücken und Durchlässen mit einer lichten Weite bis zu 5 m“ verfahrensfrei. Das entbindet laut Art. 55 Abs. 2 nicht von den öffentlich-rechtlichen Anforderungen, etwa Art. 10: Die Standsicherheit „muss auch während der Errichtung“ gewährleistet sein. Für Brücken kann nach Art. 62a ein von Prüfsachverständigen bescheinigter Standsicherheitsnachweis nötig sein. Brücken und Stege über Gewässern sind nach § 36 Wasserhaushaltsgesetz so zu errichten, dass keine schädlichen Gewässerveränderungen zu erwarten sind; im Übrigen gilt Landesrecht. Andere Länder haben eigene Bauordnungen. Gefahr: Ein Bogen stürzt ein, wenn das Lehrgerüst entfernt wird, bevor alle Steine sitzen und die Widerlager fest sind – wer darunter arbeitet, wird verschüttet. Eine selbst gebaute Brücke kann unter Menschen brechen oder ins Wasser kippen; lass niemanden hinüber, bevor ihre Tragfähigkeit geprüft ist. Zuständig: die untere Bauaufsichtsbehörde, für Gewässer die Wasserbehörde, für die Berechnung Tragwerksplaner und Bauingenieure, bei alten Brücken die Denkmalbehörde.
Häufige Fragen
Ist ein Spitzbogen schwächer als ein Rundbogen?
Nicht grundsätzlich. Laut Block, DeJong und Ochsendorf schiebt ein Spitzbogen bei gleichem Verhältnis von Dicke zu Radius und nahezu gleichem Eigengewicht etwa 15 Prozent weniger zur Seite.
Steht ein Bogen wirklich ohne Mörtel?
Im Modell ja: Laut KIT trägt sich ein Bogen aus trapezförmigen Klötzen selbst, ohne Klebstoff oder Zement. Entscheidend sind Form, Schlussstein und feste Widerlager.
Heißt ein Riss im alten Steinbogen, dass er gleich einstürzt?
Nicht zwingend – ein Bogen verträgt laut MIT-Forschern große Verformungen. Betritt ihn trotzdem erst, wenn jemand vom Fach ihn beurteilt hat.
Wie viel trägt ein Baumstamm als Brücke?
Dafür gibt es keine allgemeine Zahl. Es hängt von Holzart, Zustand, Durchmesser und Spannweite ab und gehört in eine Tragfähigkeitsprüfung.
Quellen
- BrückenLEIFIphysik, FWU Institut für Film und Bild · Balken-, Bogen-, Hängebrücke; Druck und Zug; Widerlager und flacher Bogen; Stützkonstruktion beim Bau; Festigkeiten von Beton und Stahl; Tacoma 1940
- As Hangs the Flexible Line: Equilibrium of Masonry Arches (Nexus Network Journal 8, 2006)Block, DeJong, Ochsendorf, Massachusetts Institute of Technology · Hooke 1675, Kettenlinie und Stützlinie, Annahmen für Mauerwerk, Poleni 1748, Rund- und Spitzbogen, Einsturz durch ausweichende Auflager
- Brücken (Lehrblatt Online-Labor, PDF)Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Didaktik der Mathematik · Bogen aus Klötzen, Schlussstein, trapezförmige Steine, Kettenlinie
- Pont du Gard (Roman Aqueduct)UNESCO World Heritage Centre · Höhe, Keilsteine mit Markierungen, Steinbruch, Bogenweiten, Schäden im Mittelalter, Reparatur, Denkmalschutz
- § 36 WHG – Anlagen in, an, über und unter oberirdischen GewässernBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Brücken und Stege über Gewässern, Verweis auf Landesrecht
- Bayerische Bauordnung (BayBO), GesamtansichtFreistaat Bayern, BAYERN.RECHT · Art. 10 Standsicherheit, Art. 55 Abs. 2, Art. 57 Abs. 1 Nr. 8 Brücken bis 5 m, Art. 62a Standsicherheitsnachweis
