Flicken hält Kleidung lange am Leben, aber irgendwann ist der letzte Stoffrest verbraucht. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ zeigt den Weg davor: wie aus Flachs und Wolle spinnfähige Fasern werden, wie du mit einer Handspindel Garn drehst und daraus auf einem einfachen Rahmen Stoff webst. Er erklärt auch, warum Hanf heute kein Gartenthema ist und worauf du beim Hecheln achten solltest.
Das Wichtigste in Kürze
- Flachs wird gerauft, geriffelt, geröstet, getrocknet, gebrochen, geschwungen und gehechelt, bevor er spinnbar ist.
- Die Handspindel ist das einfachste Spinnwerkzeug: ein Stab mit Gewicht, das die Drehung verlängert.
- Leinwandbindung: der Schussfaden geht abwechselnd über und unter einem Kettfaden, Reihe für Reihe versetzt.
- Nutzhanf dürfen heute nur landwirtschaftliche Unternehmen anbauen, mit Anzeige bei der BLE bis zum 1. Juli.
- Stricken braucht keinen Webstuhl und ist für handgesponnenes Garn oft der schnellere Weg zum Kleidungsstück.
Warum Stoff die langsamste Vorsorge ist
Wie du Kleidung flickst und stopfst, steht im Artikel „Nähen, Flicken, Stopfen“. Hier geht es um den Schritt davor: neuen Stoff herzustellen, wenn es keinen mehr zu kaufen gibt. Das LWL-Museum für Archäologie und Kultur erinnert daran, dass Manufakturen für Garne und Stoffe erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts existieren. Davor stellte jeder Haushalt seine Kleidung selbst her, vom Scheren der Wolle oder der Flachsernte an.
Von allen Fertigkeiten der Selbstversorgung braucht diese vielleicht am meisten Zeit. Zwischen Aussaat und fertigem Tuch liegen viele Arbeitsgänge, Wochen des Wartens und sehr viele Stunden Handarbeit. Wer das weiß, geht mit jedem vorhandenen Stück Stoff sorgfältiger um – und fängt früh an zu üben.
Die Fasern, um die es hier geht, sind Flachs (Lein), Hanf, Schafwolle und die Brennnessel. Flachs und Wolle stehen im Mittelpunkt, weil sie am besten dokumentiert sind und ohne Genehmigung verarbeitet werden dürfen.
Vom Flachs zur Faser: sieben Arbeitsgänge
Leinenfasern stecken im Stängel der Flachspflanze, dem Gemeinen Lein. Das Handwebmuseum Rupperath, getragen von einem Verein, und das Historische Museum Hellental, das sich auf Angaben des Freilichtmuseums Hessenpark stützt, beschreiben dieselbe Abfolge. Geerntet wird nach Hellental im August – und zwar nicht geschnitten, sondern mitsamt der Wurzel aus dem Boden gezogen, damit die volle Faserlänge erhalten bleibt.
Beim Rösten lösen Mikroorganismen in einem Gär- oder Fäulnisprozess den Zusammenhalt zwischen Holz und Bast. Für die Tauröste auf dem feuchten Acker nennt Hellental 4–6 Wochen, für die Wasserröste in einer Grube 8–10 Tage. Danach müssen die Stängel wieder ganz trocken werden, bevor die Holzteile brechen.

Video: Bäuerliche Flachskultur - 3. Brechen, Schwingen, Hecheln (Kurzfassung) (Alltagskulturen im Rheinland) – Dokumentarfilm des LVR von 1978 aus dem Hunsrück (Kurzfassung, gut 3 Minuten): Rösten, Brechen, Schwingen und Hecheln von Flachs, in Schwarzweiß.
- Raufen: die reifen Pflanzen mit der Hand samt Wurzel ausziehen und in Bündeln zum Trocknen aufstellen.
- Riffeln: die trockenen Bündel mit den Spitzen durch einen Riffelkamm ziehen; die Samenkapseln fallen auf ein Tuch. Der Leinsamen ist Saatgut, Nahrung und Rohstoff für Leinöl.
- Rösten: auf Wiese oder Stoppelfeld ausbreiten (Tauröste) oder in eine Wassergrube legen (Wasserröste), bis sich die Fasern vom Holz lösen.
- Trocknen oder Darren: in der Sonne, in der Restwärme des Backofens oder auf Hürden über offenem Feuer.
- Brechen: die Stängel bündelweise durch die Flachsbreche ziehen und den oberen Teil auf- und abschlagen, bis das Holz zerbricht.
- Schwingen: das Bündel über das Brett des Schwingstocks hängen und mit dem Schwingmesser bearbeiten, bis Holzreste und kurze Fasern herausfallen.
- Hecheln: das Bündel mehrmals durch Bretter mit spitzen Eisenstiften ziehen, von grob nach fein. Übrig bleibt glänzender Langfaserflachs.
Tipp Nichts wegwerfen: Die kurzen Fasern aus Schwingen und Hecheln, Hede oder Werg genannt, lassen sich nach dem Handwebmuseum zu gröberem Garn verspinnen oder zum Abdichten verwenden. Die Holzstückchen, die Schäben, taugen als Brennmaterial.
Hanf und Brennnessel: Fasern mit Einschränkungen
Hanf wurde nach dem Handwebmuseum bis ins Mittelalter ebenfalls zu Leinen verarbeitet; der Flachs hat ihn später verdrängt. Die Arbeitsgänge ähneln sich, doch der Anbau ist heute streng geregelt. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) schreibt: Der Anbau von Nutzhanf ist nur den Unternehmen der Landwirtschaft im Sinne des Gesetzes über die Alterssicherung der Landwirte erlaubt. Privatpersonen, die Landwirtschaft nicht als Beruf oder nicht selbständig ausüben, erfüllen diese Voraussetzungen nicht.
Die Brennnessel ist eine alte Faserpflanze. Nach der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), einem eingetragenen Verein, verarbeiteten die Menschen im Mittelalter ihre langen, festen Fasern zu Tauen, Schnüren, Fischernetzen und Nesselstoff. In beiden Weltkriegen wurde sie als heimischer Rohstoff wiederentdeckt. Als Fasernessel bezeichnet die FNR allerdings Pflanzen, die gezielt auf hohen Fasergehalt ausgelesen wurden – die wilde Nessel am Wegrand ist nicht dasselbe.
Achtung Rechtslage heute: Nutzhanf darf nach dem Konsumcannabisgesetz nur ein landwirtschaftliches Unternehmen anbauen, und zwar nur zugelassene Sorten aus zertifiziertem Saatgut. Jeder Anbau ist nach § 32 KCanG bis zum 1. Juli des Anbaujahres der BLE anzuzeigen; wer das nicht oder zu spät tut, handelt laut BLE ordnungswidrig und riskiert eine Geldbuße bis zu zehntausend Euro. Gefahr: Staub von Rohflachs und Rohhanf ist in der Berufskrankheiten-Verordnung als Ursache von Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen aufgeführt (Byssinose). Brechen, Schwingen und Hecheln deshalb im Freien oder bei offener Tür erledigen und Mund und Nase bedecken. Zuständig: für den Hanfanbau die BLE, bei Atembeschwerden die Arztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten der Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Wolle waschen und kardieren
Das LWL-Museum nennt das Scheren der Wolle neben der Flachsernte als Anfang der Kleiderherstellung im Haushalt. Frisch geschoren ist sie fettig und voller Schmutz und Pflanzenteile. Die folgenden Schritte sind überliefertes Handwerkswissen; eine amtliche Anleitung gibt es dafür nicht.
Zuerst wird das Vlies ausgebreitet und grob sortiert: stark verschmutzte Ränder, Kotklumpen und verfilzte Stellen kommen weg. Dann weicht die Wolle in warmem Wasser mit Seife ein. Entscheidend ist, sie dabei nicht zu kneten, zu reiben oder zwischen heißem und kaltem Wasser zu wechseln – Wärme, Seife und Bewegung zusammen lassen Wolle verfilzen. Nach dem Spülen trocknet sie ausgebreitet im Schatten.
Kardieren ordnet die Fasern. Mit zwei Handkarden, das sind Bretter mit vielen feinen Drahthäkchen, streichst du eine kleine Portion Wolle immer wieder von einer Karde auf die andere, bis die Fasern locker und gleichmäßig liegen. Die Faserlage wird abgenommen und zu einer lockeren Rolle gewickelt, die sich gut verspinnen lässt.
Spinnen mit der Handspindel
Spinnen heißt, Fasern miteinander zu verdrehen, bis ein Faden entsteht. Mit den Fingern allein dauert das nach dem LWL-Museum sehr lange und hält schlecht. Einfacher ist die Spindel: ein schmaler Stab, der an den Enden leicht spitz zuläuft, und ein aufgestecktes Gewicht, der Spinnwirtel. Er wurde aus Ton, Knochen, Holz oder Glas gemacht. Wichtig ist nur das Loch in der Mitte und eine symmetrische Form, damit sich die Spindel gleichmäßig dreht.
Das Museum beschreibt den Ablauf so: Die ersten Fasern werden mit den Fingern verzwirbelt und an der Spindel befestigt, per Haken, Öse oder Knoten. Dann wird die Spindel zwischen den Fingern oder über den Oberschenkel angedreht und hängt frei, während beide Hände frische Fasern zuführen – bis sie stehen bleibt oder den Boden berührt. Der Wirtel beschleunigt und verlängert die Drehung. Auf diese Weise wurde über 7.000 Jahre lang Garn hergestellt, bis im 11. oder 12. Jahrhundert die ersten Spinnräder aufkamen.
Die folgenden Einzelheiten sind überliefertes Handwerkswissen und ergänzen die Beschreibung des Museums.

- Anfangsfaden: ein Stück fertiges Garn unter dem Wirtel um den Schaft knoten, nach oben führen und am Haken oder mit einer Schlinge an der Spitze sichern.
- Fasern ansetzen: das Ende des Anfangsfadens aufdröseln und in die Wolle legen, die Spindel andrehen – die Drehung packt die Fasern.
- Ausziehen: die hintere Hand hält den Faservorrat locker, die vordere zieht wenige Fasern heraus und hält die Drehung zurück, bis die ausgezogene Strecke gleichmäßig dünn ist. Dann die Drehung hinauflaufen lassen.
- Immer in dieselbe Richtung drehen. Läuft die Spindel rückwärts, dreht sich der Faden wieder auf.
- Für Anfänger: andrehen, die Spindel zwischen die Knie klemmen, in Ruhe ausziehen, Drehung einlassen, wieder andrehen.
- Aufwickeln: ist der Faden lang, lösen, auf den Schaft über dem Wirtel wickeln, neu sichern und weitermachen.
- Zwirnen: zwei fertige Fäden gemeinsam in die Gegenrichtung verdrehen. Das ergibt ein ausgewogeneres, festeres Garn.
- Flachs wird traditionell feucht gesponnen; die Finger werden dazu immer wieder benetzt, damit die glatten Fasern zusammenhalten.
Weben: Rahmen, Leinwandbindung, Brettchen
Gewebe besteht aus zwei Fadensystemen: den gespannten Kettfäden und dem Schussfaden, der quer hindurchläuft. Die einfachste und haltbarste Bindung ist die Leinwandbindung: Der Schuss geht abwechselnd über einen und unter einem Kettfaden, in der nächsten Reihe genau umgekehrt. Die Anleitungen in diesem Abschnitt sind überliefertes Handwerkswissen.
Ein Rahmenwebstuhl ist ein stabiler Holzrahmen, oben und unten mit Kerben oder Nägeln in gleichen Abständen. Um sie wird die Kette gewickelt, straff und gleichmäßig. Ein flaches Holz, das Webschwert, wird abwechselnd unter und über die Kettfäden geschoben und hochkant gestellt: Es öffnet ein Fach, durch das du den Schuss auf einem Stab oder Schiffchen führst. Für die Gegenreihe fädelst du den Schuss mit der Hand oder mit einem zweiten Stab, an dem jeder zweite Kettfaden mit einer Fadenschlinge hängt. Nach jeder Reihe schlägst du den Schuss mit einem Kamm oder einer Gabel an.
Lass den Schuss an den Rändern in einem flachen Bogen liegen, bevor du anschlägst. Ziehst du ihn straff, wird das Tuch nach oben immer schmaler. Am Ende werden die Kettfäden abgeschnitten und paarweise verknotet, damit nichts aufgeht.
Brettchenweben erzeugt schmale, sehr feste Bänder – für Gürtel, Träger oder Taschenriemen. Du brauchst quadratische Brettchen aus festem Karton, Holz oder Leder mit je einem Loch in jeder Ecke. Durch jedes Loch läuft ein Kettfaden; die Kette wird zwischen einem festen Punkt und deinem Gürtel gespannt. Alle Brettchen gemeinsam eine Vierteldrehung weiterdrehen, Schuss durchführen, anschlagen, wiederholen. Nach einigen Drehungen in eine Richtung drehst du zurück, sonst verdrillt sich die Kette hinter den Brettchen.
Video: Wie man Stoff webt | SWR Handwerkskunst (SWR Handwerkskunst) – Eine Handweberin richtet einen großen Handwebstuhl ein (Schären, Bäumen) und webt. Zeigt Kette und Schuss anschaulich – aber am Webstuhl, nicht am einfachen Rahmen aus dem Artikel.
Stricken als Abkürzung, Aufwand ehrlich betrachtet
Wer Garn hat, aber keinen Webstuhl, kann stricken. Dafür reichen zwei glatte Stäbe aus Holz oder Metall. Gestricktes ist dehnbar, verzeiht ungleichmäßiges Handgarn eher als ein Gewebe und lässt sich wieder aufziehen, wenn das Stück verschlissen ist. Auch das ist Handwerkswissen, kein amtlich belegter Befund.
Belastbare Angaben, wie viele Stunden ein Meter handgesponnenes und handgewebtes Tuch kostet, haben wir in den verwendeten Quellen nicht gefunden. Klar ist die Größenordnung: Allein das Rösten dauert Tage bis Wochen, danach folgen Trocknen, Brechen, Schwingen und Hecheln, und erst dann beginnt das Spinnen, Faden für Faden. Kleidung aus eigener Faser ist ein Jahresprojekt, keine Wochenendaufgabe.
Der sinnvollste Anfang ist deshalb klein: eine Handvoll gewaschener Wolle, eine selbstgebaute Spindel, ein Bilderrahmen als Webrahmen. Wer Spinnen und Weben einmal gesehen hat, lernt es viel schneller. Manche Museen zeigen die Arbeitsgänge; das Handwebmuseum Rupperath etwa baut selbst Flachs an und verarbeitet die Ernte gemeinsam mit Teilnehmenden.
Häufige Fragen
Darf ich Hanf im Garten anbauen, um Fasern zu gewinnen?
Nein. Nutzhanf dürfen nach Auskunft der BLE nur landwirtschaftliche Unternehmen anbauen, mit zugelassenen Sorten und Anzeige bis zum 1. Juli. Privatpersonen erfüllen diese Voraussetzungen nicht.
Was ist leichter zu verarbeiten, Flachs oder Wolle?
Wolle braucht nur Waschen und Kardieren, Flachs dagegen Raufen, Riffeln, Rösten, Trocknen, Brechen, Schwingen und Hecheln. Für den Einstieg ist Wolle deshalb der kürzere Weg.
Kann ich Brennnesseln vom Wegrand verspinnen?
Die Brennnessel ist eine alte Faserpflanze. Als Fasernessel gelten nach der FNR aber Pflanzen, die auf hohen Fasergehalt ausgelesen wurden. Wie viel Faser die wilde Nessel hergibt und wie man sie verarbeitet, sagen unsere Quellen nicht.
Warum soll ich beim Hecheln Mund und Nase bedecken?
Rohflachs- und Rohhanfstaub ist in der Berufskrankheiten-Verordnung als Ursache von Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen aufgeführt. Arbeite im Freien und halte den Staub von den Atemwegen fern.
Quellen
- Information zum Anbau von Nutzhanf gemäß Konsumcannabisgesetz (KCanG), Anlage 4 (PDF)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) · Anbau nur durch landwirtschaftliche Unternehmen, Privatpersonen ausgeschlossen, zugelassene Sorten, Anzeige bis 1. Juli nach § 32 KCanG, Geldbuße bis zehntausend Euro
- Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung (BKV)Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Nr. 4202: Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen durch Rohbaumwoll-, Rohflachs- oder Rohhanfstaub (Byssinose)
- Vom Flachs zum LeinenHandwebmuseum Rupperath (Betreiberverein Alte Schule Rupperath e. V.) · Sieben Arbeitsgänge der Flachsverarbeitung, Hanf bis ins Mittelalter, Hede und Werg, Schäben
- Flachsgewinnung und Flachsverarbeitung: VerarbeitungsschritteHistorisches Museum Hellental (Heimat- und Geschichtsverein Heinade-Hellental-Merxhausen e. V.), nach Angaben des Freilichtmuseums Hessenpark · Ernte im August, Tauröste 4–6 Wochen, Wasserröste 8–10 Tage, Spinnen, Haspeln, Bleichen
- Als Kleidung noch wertvoll war – die Spinnwirtel aus WarendorfLWL-Museum für Archäologie und Kultur · Aufbau von Spindel und Wirtel, Spinnen mit der Handspindel, Spinnräder ab dem 11. oder 12. Jahrhundert, Textilherstellung im Haushalt
- Themenportal Pflanzen: FasernesselFachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) · Brennnesselfasern im Mittelalter und in den Weltkriegen, Begriff Fasernessel
