Kaufseile halten lange, aber irgendwann ist die letzte Leine verschlissen. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ zeigt, wie Menschen seit der Steinzeit Schnur und Seil aus Pflanzen herstellen: Bast aus der Lindenrinde gewinnen, Fasern zu Schnur drehen und mehrere Stränge zu einem Seil schlagen. Die Grundknoten selbst stehen im Artikel Knoten und Seile; hier geht es um die Knoten, die zu selbstgemachter Schnur passen, und um ihre Grenzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Lindenbast entsteht durch Rotten der Rinde in Wasser; im Versuch der Universität Erlangen dauerte das knapp acht Wochen.
- Schnur drehen: zwei Stränge einzeln in eine Richtung verdrehen, dann gemeinsam in die Gegenrichtung.
- Beim Seilschlagen wird das Seil kürzer – Seiler rechneten rund ein Drittel Länge dazu.
- Knoten schwächen jedes Seil; für Naturfaserschnur aus eigener Herstellung gibt es keine belastbare Zahl.
- Selbstgedrehtes Seil nie zum Sichern von Menschen und nie für Lasten, unter denen jemand steht.
Was selbstgedrehtes Seil kann – und was nie
Schnur ist eines der ältesten Werkzeuge überhaupt. Nach dem Kuratorium Pfahlbauten, das in Österreich das UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ betreut, stammen die ersten Schnurfunde in Mitteleuropa aus der Jungsteinzeit vor etwa 7.000 Jahren. Gebraucht wurde sie zum Bündeln von Holz, zum Umwickeln von Werkzeugen, als Trageriemen, beim Hausbau und als Bogensehne.
Wie stark Pflanzenfaser werden kann, zeigt ein Fund aus dem bronzezeitlichen Salzbergwerk in Hallstatt: ein 4 cm dickes Seil aus Lindenbast mit einer Zugkraft von über einer Tonne. Das ist die Leistung eines über Generationen geübten Handwerks. Ein Seil aus deinen ersten Versuchen ist ungleichmäßig, und wie viel es hält, weiß niemand – auch du nicht. Deshalb gehört es an Plane, Bündel, Zaun und Wäscheleine, nicht an Menschen.
Achtung Rechtslage heute: Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet, wild lebende Pflanzen ohne vernünftigen Grund zu entnehmen oder ihre Bestände zu verwüsten. Erlaubt ist unter anderem, Kräuter und Zweige in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich zu sammeln, wo kein Betretungsverbot gilt. Eine Linde gehört jemandem; Äste von Bäumen außerhalb von Wald und Gärten dürfen vom 1. März bis 30. September zudem nicht abgeschnitten werden, schonende Pflegeschnitte ausgenommen – und genau dann löst sich die Rinde am besten. Gefahr: Selbstgedrehtes Seil und selbstgebundene Knoten können ohne Vorwarnung reißen oder rutschen. Nie zum Sichern, Abseilen oder Klettern von Menschen verwenden und nie Lasten damit heben, unter oder neben denen jemand steht. Zuständig: für Holz und Rinde die Eigentümerin, im Wald die Försterei; für die Rettung aus Höhe und Tiefe die Feuerwehr über die 112; für das Heben von Lasten geprüfte Anschlagmittel und wer im Umgang damit unterwiesen ist.
Vom Faden zum Seil: die Begriffe der Seiler
Das LWL-Freilichtmuseum Hagen beschreibt das Prinzip, das sich seit zweihundert Jahren nicht verändert hat: Einzelne Fasern werden zu Fäden versponnen, die Fäden zu Litzen zusammengedreht, und aus mehreren Litzen wird das Seil geschlagen. Ein dünnes Seil besteht aus drei bis vier solcher Litzen. Wichtigster Rohstoff der Seiler war Hanf, der vorher durch grobe und feine Hecheln gezogen wurde.
Seiler arbeiteten auf geraden Bahnen, weil nur so der nötige Drall entsteht. Die Seilerbahnen waren nach dem Museum bis zu 400 Meter lang und lagen oft im Freien entlang der Stadtbefestigung. So viel Platz brauchst du nicht, aber das Prinzip bleibt: Seil entsteht gestreckt, nicht im Knäuel.
- Schnur: mindestens zwei Fäden
- Seil: mindestens zwei Schnüre
- Tau: vier Schnüre mit jeweils 16 bis 50 Fäden
- Strick: ein kurzes Seil von etwa 2 Metern
Lindenbast gewinnen: Rinde, Wasser, Geduld
Bast ist die Schicht unter der Borke. Das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Erlangen-Nürnberg hat seine Gewinnung im Forschungsprojekt THEFBO nachvollzogen und dokumentiert. Ein Landwirt sägte im Mai zwei große Äste seiner Linde ab; der Baum stand gut im Saft, und die Rinde ließ sich bei sonnigem Wetter elastisch vom Holz trennen. Die Rindenstreifen kamen in kleine, mit Wasser gefüllte Regentonnen.
Dort rottet die Rinde, bis sich die Bastfasern von der Borke lösen. Nach gut zwei Wochen färbte sich das Wasser rötlich, Blasen stiegen auf, und der Geruch setzte ein. Die Streifen mussten mit Steinen beschwert werden, weil die oberen Lagen nicht mehr unter Wasser lagen. Nach etwas mehr als vier Wochen ließen sich die Bastbahnen stellenweise lösen, nach knapp acht Wochen war es so weit.
Dann wird der übelriechende Schleim mit frischem Wasser ausgespült, und die einzelnen Bastlagen werden voneinander getrennt. Zum Schluss trocknen die Streifen auf einem Gestell – im Erlanger Versuch wegen Regen im Gewächshaus. Wähle für die Tonnen deshalb einen Platz abseits vom Haus und plane den Frühsommer dafür ein.
Tipp Die Erlanger Gruppe sah alle ein bis zwei Wochen nach. Nach gut fünf Wochen ließ sich der Bast zwar von der Borke lösen, die einzelnen Lagen aber noch nicht gut voneinander trennen – Geduld lohnt sich.
Brennnessel und Flachs als Alternativen
Linde ist nicht das einzige Material. Nach dem Kuratorium Pfahlbauten wurden Schnüre in der Steinzeit auch aus Rindenbast von Ulme oder Eiche, aus Gräsern und aus Brennnesseln hergestellt. Die Brennnessel wächst fast überall und ist deshalb für erste Versuche das naheliegende Material.
Die folgenden Handgriffe zur Nessel sind überliefertes Handwerkswissen, keine amtliche Anleitung: lange, kräftige Stängel schneiden, die Blätter mit Handschuhen von unten nach oben abstreifen, den Stängel flach drücken und der Länge nach aufspalten. Der holzige Kern wird herausgebrochen, die äußere Faserhaut abgezogen und getrocknet. Grüne Stängel lassen sich leichter schälen, getrocknete Fasern schrumpfen später weniger in der fertigen Schnur.
Flachs und Hanf liefern feine, lange Fasern, verlangen aber viele Arbeitsgänge. Wie Flachs gerauft, geröstet, gebrochen und gehechelt wird und was mit dem kurzen Werg geschieht, beschreibt der Artikel Spinnen und Weben.
Die Schnur drehen: der Zweischlag
Das Kuratorium Pfahlbauten beschreibt das Drehen einer Bastschnur in wenigen Schritten. Es braucht kein Werkzeug, nur Finger und etwas Übung. Das Prinzip: Jeder Strang bekommt Drall in eine Richtung, und weil beide sich wieder aufdrehen wollen, verdrillen sie sich gegenseitig in die Gegenrichtung. Diese Gegenspannung hält die Schnur zusammen.
- Zwei bis drei Baststreifen nehmen und in der Mitte festhalten.
- Auf einer Seite etwa 5 cm des Strangs zu dir hin verdrehen, dann auf der anderen Seite ebenso – beide Stränge sind nun in dieselbe Richtung gedreht.
- Beide Stränge gemeinsam in die entgegengesetzte Richtung zusammendrehen.
- Diese Schritte wiederholen, bis die Schnur fertig ist.
- Gehen die Fasern aus, rechtzeitig neue Fasern überlappend über das Ende des Strangs legen und mit eindrehen.
Tipp Aus der Handwerkspraxis: Setze neue Fasern an den beiden Strängen versetzt an, nie an derselben Stelle – sonst entsteht eine dünne, schwache Stelle. Leicht angefeuchteter Bast lässt sich gleichmäßiger drehen.
Vom Zweischlag zum Seil
Eine dickere Leine entsteht, wenn du mehrere fertige Schnüre noch einmal miteinander verdrehst – wieder gegen ihre eigene Drehrichtung. Die Seiler taten das mit dem Kammgeschirr an einem Ende der Bahn, das die Fäden verdrehte, und dem Schlitten am anderen Ende mit einem festgesetzten Haken. Im Kleinen ersetzen drei Haken an einer Latte und ein Helfer am anderen Ende die Maschine; auch das ist Handwerkswissen, kein belegter Befund.
Wichtig für die Planung ist eine Zahl des LWL-Museums: Beim Verdrehen wird das Seil kürzer. Zur gewünschten Endlänge musste etwa ein Drittel dazugerechnet werden, für ein Seil mit Endknoten weitere 15 bis 20 Zentimeter. Wer ein Seil von drei Metern braucht, spannt also rund vier Meter Stränge.
Ein fertiges Seilende dreht sich auf, wenn du es nicht sicherst. Die Wasserrettung der DLRG steckt einen Achtknoten auf das Ende, damit die Leine nicht aus Ösen oder Rollen rutscht. Für dauerhaft gesicherte Enden wickeln Seeleute nach überliefertem Brauch einen Takling, also eine dünne Schnur, die straff um das Ende gelegt und verklemmt wird.
Knoten für selbstgemachte Schnur – und ihre Grenzen
Jeder Knoten kostet Festigkeit. Der Deutsche Alpenverein gibt als Faustregel an, dass Knoten die Festigkeit von Seilen und Polyamid-Reepschnüren um bis zu 50 Prozent verringern, bei sehr glatten Kevlar- und Dyneema-Schnüren um bis zu 75 Prozent. Für handgedrehte Pflanzenschnur gibt es keine solche Zahl. Rechne deshalb damit, dass sie am Knoten reißt, und behandle sie so.
Der DLRG Landesverband Württemberg, ein Verein der Wasserrettung, beschreibt die Knoten, die seine Bootsführer beherrschen müssen. Der Kreuzknoten verbindet zwei gleich starke Leinen, doch bei dickem, steifem oder glattem Tauwerk kann er sich auch richtig gebunden öffnen – die Enden müssen auf derselben Seite liegen. Ungleich starke Schnüre verbindest du mit dem Schotstek. Der Palstek ergibt ein Auge, das sich nicht zuzieht.
Für eine Spannschnur, etwa an einer Plane, eignet sich der Stopperstek: Mit ihm wird nach der DLRG eine dünne Leine so an einer anderen Leine oder Stange belegt, dass sie bei Zug nicht abrutscht – aber nur, solange der Zug in Richtung des Knotens wirkt. Lässt die Spannung nach, kannst du ihn verschieben und nachspannen. Der Webeleinstek hält Zug in beide Richtungen und wird mit einem halben Schlag um die feste Part gesichert.
| Knoten | Wofür | Grenze |
|---|---|---|
| Achtknoten | Seilende gegen Durchrutschen | kein Ersatz für ein abgebundenes Ende |
| Kreuzknoten | zwei gleich starke Schnüre | öffnet sich bei steifem oder glattem Material |
| Schotstek | zwei ungleich starke Schnüre | Sitz vor der Belastung prüfen |
| Palstek | festes Auge | an Eigenbau-Seil nie für Personen |
| Webeleinstek | Leine an Pfosten oder Stange | mit halbem Schlag sichern |
| Stopperstek | Spannschnur, verschiebbar | hält nur in Zugrichtung |
Häufige Fragen
Welches Material eignet sich für den Anfang am besten?
Die Brennnessel, weil sie fast überall wächst und ohne Tonne und Wartezeit verarbeitet werden kann. Lindenbast ergibt kräftige Schnur, kostet aber Äste, Wasser und rund zwei Monate Geduld.
Darf ich eine fremde Linde schälen?
Nein. Die Linde gehört jemandem, und Äste von Bäumen außerhalb von Wald und Gärten dürfen vom 1. März bis 30. September nicht abgeschnitten werden. Frag die Eigentümerin oder im Wald die Försterei.
Wie viel hält eine selbstgedrehte Schnur?
Das lässt sich nicht sagen. Handgedrehte Schnur ist ungleichmäßig, und jeder Knoten schwächt sie zusätzlich. Nutze sie nur für Aufgaben, bei denen ein Riss niemanden gefährdet.
Kann ich mit selbstgedrehtem Seil im Notfall jemanden abseilen?
Nein. Menschen werden nur mit geprüfter Ausrüstung und von ausgebildeten Kräften gesichert. Im Notfall rufst du die 112.
Quellen
- Urgeschichte für Kinder – Schnüre drehen wie in der SteinzeitKuratorium Pfahlbauten – Nationales Management Österreich im UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ · Erste Schnurfunde vor etwa 7.000 Jahren, Materialien, Hallstatt-Seil aus Lindenbast, Anleitung zum Drehen einer Zweischlag-Schnur
- THEFBO – LindenbastexperimentFriedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Ur- und Frühgeschichte · Rinde im Mai im Saft, Rotte in Wassertonnen, Verlauf nach zwei, vier, fünf und knapp acht Wochen, Auswaschen des Schleims, Trocknen
- Mit Drall: Herstellung in der SeilereiLWL-Freilichtmuseum Hagen, Kompetenzzentrum Handwerk und Technik · Faser, Faden, Litze, Seil; Seilerbahnen bis 400 Meter; ein Drittel Längenzugabe; Begriffe Schnur, Seil, Tau, Strick
- § 39 Bundesnaturschutzgesetz – Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und PflanzenBundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de · Verbot der Entnahme ohne vernünftigen Grund, Sammeln in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf, Schnittverbot für Bäume außerhalb von Wald und Gärten vom 1. März bis 30. September
- Knotenkunde (Achtknoten, Kreuzknoten, Schotstek, Palstek, Webeleinstek, Stopperstek)DLRG Landesverband Württemberg e. V. · Zweck und Grenzen der seemännischen Grundknoten, Stopperstek hält nur in Zugrichtung
- Drum prüfe, wer sich bindet – Knotenfestigkeit bei Schlingen und Reepschnüren (DAV Panorama 4/2007)Deutscher Alpenverein (DAV), Sicherheitsforschung · Knoten verringern die Festigkeit von Seilen und Polyamid-Reepschnüren um bis zu 50 Prozent, von Kevlar und Dyneema um bis zu 75 Prozent