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Grundlagen

INES-Skala verstehen: was „Stufe 2“ in einer Meldung heißt

Stufe 0 bis 7: was die internationale INES-Skala über ein Ereignis in einer Atomanlage aussagt – und warum sie keine persönliche Gefahrenstufe ist.

8 Min. LesezeitEinstiegStand: 06. Oktober 2026

Dieser Artikel ist eine Grundlage zur Medienkompetenz: Er erklärt die internationale Bewertungsskala INES, mit der Ereignisse in kerntechnischen Anlagen und beim Umgang mit radioaktiven Stoffen eingestuft werden. Er behandelt keinen bestimmten Unfall und keine Kernwaffe. Die Leitfrage lautet: Was sagt eine Meldung wie „Ereignis der INES-Stufe 2“ aus – und was nicht? Kurz vorweg: Eine INES-Stufe ist keine Handlungsanweisung. Ob du etwas tun sollst, sagen dir die Behörden.

Das Wichtigste in Kürze

  • INES hat acht Stufen: 0 heißt Abweichung, 1 bis 3 Störung oder Störfall, 4 bis 7 Unfall.
  • Die Skala ist ein Werkzeug, um die Öffentlichkeit einheitlich über die Bedeutung eines Ereignisses zu informieren.
  • Bewertet werden drei Blickwinkel; die höchste Einzelbewertung ergibt die Stufe.
  • INES ist laut Handbuch keine Grundlage für die Wahl von Schutzmaßnahmen – die entscheiden die Behörden.
  • Eine erste Einstufung kann vorläufig sein und später geändert werden.

Wofür es die INES-Skala gibt

INES steht für International Nuclear and Radiological Event Scale. Es ist die Bewertungsskala der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien. Laut dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) soll sie der Öffentlichkeit verständlich Auskunft geben, welche Bedeutung ein meldepflichtiges Ereignis für die Sicherheit der Anlage hatte und inwieweit radiologische Auswirkungen auf Bevölkerung und Umgebung auftraten.

Das deutsche INES-Handbuch, das das Bundesumweltministerium 2015 bekannt gemacht hat, sagt es noch knapper: „INES ist ein Kommunikationswerkzeug.“ Der Zweck der Skala ist, die Verständigung zwischen Fachwelt, Medien und Öffentlichkeit zu erleichtern. Entstanden ist die Skala laut Handbuch 1990, entwickelt von Fachleuten, die die IAEA und die Kernenergie-Agentur der OECD zusammengerufen hatten.

Die IAEA vergleicht INES mit der Richterskala für Erdbeben oder der Celsius-Skala für Temperatur: Eine gemeinsame Skala macht Meldungen verständlicher. Sie gilt nicht nur für Kernkraftwerke, sondern auch für Strahlenquellen in Industrie und Medizin und für den Transport radioaktiver Stoffe. Die Skala ist laut Handbuch nur für den zivilen Bereich gedacht.

Acht Stufen, drei Bereiche

Die Skala umfasst laut BASE acht Stufen. Die Stufen 1 bis 7 stehen für Ereignisse mit wesentlicher sicherheitstechnischer Bedeutung, die Stufe 0 für Ereignisse mit geringer oder ohne sicherheitstechnische Bedeutung. Für die Information der Öffentlichkeit hat jede Stufe eine feste Bezeichnung.

Das Handbuch fasst die Stufen in drei grobe Bereiche zusammen. Ereignisse der Stufen 4 bis 7 heißen „Unfälle“, Ereignisse der Stufen 1 bis 3 „Störungen“ und „Störfälle“. Ereignisse ohne oder mit sehr geringer sicherheitstechnischer Bedeutung heißen „Abweichungen“ und werden als „unterhalb der Skala/Stufe 0“ eingestuft. Die IAEA nennt die Stufen 1 bis 3 auf Englisch „incidents“ und 4 bis 7 „accidents“.

Wichtig für das Lesen: Die Stufen sind nicht gleichmäßig verteilt wie die Zahlen auf einem Lineal. Laut IAEA ist die Skala so angelegt, dass die Schwere eines Ereignisses mit jeder Stufe etwa zehnmal größer wird; das deutsche Handbuch spricht von einer logarithmischen Skala. Zwischen Stufe 2 und Stufe 7 liegen also Welten.

Die Stufen und ihre deutschen Bezeichnungen laut INES-Handbuch
StufeBezeichnungBereich
7katastrophaler UnfallUnfälle
6schwerer UnfallUnfälle
5ernster UnfallUnfälle
4UnfallUnfälle
3ernster StörfallStörungen und Störfälle
2StörfallStörungen und Störfälle
1StörungStörungen und Störfälle
0unterhalb der SkalaAbweichungen

Drei Blickwinkel: was eine Stufe bewertet

Eine INES-Stufe ist keine einzelne Messgröße. Laut Handbuch wird jedes Ereignis unter drei Blickwinkeln betrachtet: Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, Beeinträchtigung radiologischer Barrieren und Überwachungsmaßnahmen in der Anlage sowie Beeinträchtigung von Sicherheitsvorkehrungen. Das Ereignis erhält die höchste Stufe, die sich aus diesen drei Bewertungen ergibt.

Der erste Blickwinkel betrifft laut IAEA die Strahlendosen von Menschen in der Nähe des Ereignisorts und eine ungeplante Freisetzung radioaktiver Stoffe aus einer Anlage. Der zweite gilt nur innerhalb größerer Anlagen: etwa ein ungeplant hohes Strahlungsniveau oder radioaktive Stoffe, die sich in der Anlage verteilen, aber eingeschlossen bleiben. Der dritte erfasst Ereignisse ohne direkte Auswirkung auf Menschen oder Umwelt, bei denen Vorkehrungen gegen Unfälle nicht wie vorgesehen funktioniert haben.

Daraus folgt eine Unterscheidung, die in Meldungen oft verloren geht. Eine Stufe kann aus der sicherheitstechnischen Bedeutung stammen, ohne dass außerhalb der Anlage etwas angekommen ist. Sie kann auch radiologische Auswirkungen beschreiben. Welcher Blickwinkel den Ausschlag gab, steht meist in der Beschreibung des Ereignisses, nicht in der Zahl.

Skizze: Drei Kästen „Mensch und Umwelt“, „Barrieren in der Anlage“ und „Sicherheitsvorkehrungen“ führen zu „Die höchste Bewertung zählt“. Darunter drei gleich breite Bereiche: „Stufe 4 bis 7 – Unfälle“, „Stufe 1 bis 3 – Störungen, Störfälle“, „Stufe 0 – Abweichungen“. Unten: „Eine Einordnung, keine persönliche Gefahrenstufe“.
Die drei Bereiche sind bewusst gleich breit gezeichnet: Die Skizze ordnet Ereignisse ein und zeigt keine persönliche Gefährdung.Skizze: WildWeasel

Warum Stufe 0 oder 1 nicht „gar nichts“ heißt

Bei einer Meldung über ein Ereignis der Stufe 0 oder 1 liegt der Gedanke nahe, es sei nichts passiert. So einfach ist es nicht. Laut Handbuch soll INES nicht nur tatsächliche Folgen abdecken, sondern auch mögliche. Viele Ereignisse haben keine tatsächlichen Auswirkungen, aber unterschiedliche sicherheitstechnische Bedeutung. Stufe 1 deckt laut Handbuch eine geringe Beeinträchtigung der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen ab; die IAEA nennt als Beispiel eine Überschreitung betrieblicher Grenzen in einer kerntechnischen Anlage.

Stufe 0 und 1 bedeuten also: Es gab eine Abweichung oder eine Störung, die erfasst, bewertet und öffentlich gemacht wird. Genau dafür gibt es die Störfallmeldestelle des BASE. Sie erfasst laut BASE zentral alle meldepflichtigen Ereignisse in kerntechnischen Einrichtungen in Deutschland und veröffentlicht Monats- und Jahresberichte darüber.

Die Skala hat dabei eine Obergrenze: Ereignisse, bei denen Vorkehrungen versagt haben, ohne dass es tatsächliche Folgen gab, werden laut Handbuch höchstens mit Stufe 3 bewertet. Die Stufen 4 bis 7 beschreiben gravierendere Auswirkungen. Die Grenze zwischen Stufe 0 und Stufe 1 einheitlich zu ziehen, ist laut Handbuch zudem schwierig.

Tipp INES eignet sich laut Handbuch nicht, um die Sicherheit verschiedener Anlagen, Organisationen oder Länder zu vergleichen. Wie über geringfügige Ereignisse informiert wird, unterscheidet sich zwischen Ländern. Viele Meldungen aus einem Land heißen also nicht automatisch, dass es dort unsicherer ist.

Warum eine hohe Stufe keine Anweisung für dich ist

Die INES-Stufe beschreibt ein Ereignis, nicht deine Lage. Das Handbuch sagt ausdrücklich, dass die Skala nicht mit anderen Systemen zur Einstufung von Notfällen verwechselt und nicht als Grundlage für die Wahl von Notfallschutzmaßnahmen verwendet werden soll. Umgekehrt zählen getroffene Schutzmaßnahmen nicht für die Einstufung.

Für die Unfallstufen 4 bis 7 orientiert sich die Einstufung laut Handbuch an der Menge freigesetzter radioaktiver Stoffe, nicht an der Strahlenexposition, die am Ende tatsächlich auftritt. Der Grund: Wenn zum Beispiel eine Evakuierung gut funktioniert, bleiben die Strahlenexpositionen vielleicht gering, obwohl es einen Unfall gab. Eine Stufe sagt deshalb nichts darüber, ob du an deinem Wohnort betroffen bist.

Ob Schutzmaßnahmen nötig sind, ergibt sich aus dem radiologischen Lagebild. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) kann das Radiologische Lagezentrum des Bundes Schutzmaßnahmen vorschlagen, etwa das Verbleiben im Haus; die Entscheidungen zur Umsetzung treffen die Katastrophenschutzbehörden der Länder. Was in einer solchen Lage zu tun ist, erklärt der Artikel zum Unfall im Kernkraftwerk.

Zwei Ereignisse zeigen, was am oberen Ende der Skala steht. Der Reaktorunfall von Tschornobyl (Tschernobyl) 1986 entspricht laut Handbuch der Stufe 7. Der Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi wurde laut BASE als erstes Ereignis nach Tschornobyl in die höchste Stufe eingeordnet. Auch dazu betont das BASE: Die Einstufung gibt keine Auskunft darüber, wie viele Menschen am Ende betroffen sein werden und welche langfristigen Auswirkungen auf die Umwelt entstehen.

Achtung Im Ereignisfall gelten die Anweisungen deiner Katastrophenschutzbehörde über Cell Broadcast, Warn-App und Radio. Dieser Text erklärt Hintergründe und ersetzt sie nicht. Leite aus einer INES-Stufe allein weder Schutzmaßnahmen noch eine Entwarnung ab.

Vorläufig und endgültig: warum sich eine Stufe ändern kann

Gleich nach einem Ereignis sind oft nicht alle Einzelheiten bekannt. Die IAEA schreibt, dass Meldungen zügig erfolgen sollen, weil sonst Spekulationen in Medien und Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild erzeugen können. Ist das Ereignis noch nicht vollständig erfasst, kann deshalb zunächst eine vorläufige Einstufung herausgegeben werden.

Später wird laut IAEA die endgültige Einstufung festgelegt, und Unterschiede zur vorläufigen werden erklärt. Das Handbuch nennt einen typischen Fall: Bei einem ernsten Störfall oder Unfall lassen sich Strahlenexposition und Freisetzung im Frühstadium oft nicht genau bestimmen. Dann wird nach dem bisherigen Verlauf vorläufig eingestuft, und eine spätere Neubewertung kann eine Änderung nötig machen.

Für dich heißt das: Achte darauf, ob eine Meldung von einer vorläufigen Einstufung spricht. Eine spätere höhere oder niedrigere Stufe ist kein Beleg für Vertuschung oder Übertreibung, sondern ein vorgesehener Schritt. Entscheidend bleibt, was die zuständigen Behörden zur Lage sagen.

So liest du eine INES-Meldung ruhig

Meldungen über Ereignisse in Atomanlagen wirken schnell beunruhigend, vor allem wenn sie in sozialen Medien zugespitzt weitergegeben werden. Laut BASE werden aktuelle INES-Meldungen auf der Website der IAEA veröffentlicht; Ereignisse in deutschen Anlagen dokumentiert die Störfallmeldestelle des BASE. Ein paar Fragen helfen beim Einordnen:

  • Welche Stufe – und gehört sie zu den Abweichungen, Störungen und Störfällen oder zu den Unfällen?
  • Ist die Einstufung vorläufig oder endgültig?
  • Welcher Blickwinkel gab den Ausschlag: Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, Barrieren in der Anlage oder Sicherheitsvorkehrungen?
  • Steht in der Meldung, ob radioaktive Stoffe aus der Anlage freigesetzt wurden?
  • Geht es überhaupt um ein Kraftwerk – oder um eine Strahlenquelle oder einen Transport?
  • Gibt es eine Warnung der Behörden für deine Region? Nur dann gelten deren Anweisungen für dich.

Tipp Nennt eine Meldung zusätzlich Messwerte, hilft der Artikel Becquerel, Gray, Sievert beim Lesen der Einheiten. Wie das Messnetz in Deutschland Radioaktivität bemerkt, erklärt der Artikel über das ODL-Messnetz. Gegen zugespitzte Meldungen hilft der Artikel zu Desinformation in Krisen, und wie echte Warnungen dich erreichen, steht bei den Warnsystemen in Deutschland.

Häufige Fragen

Ist Stufe 2 schon gefährlich für die Bevölkerung?

Die Stufe allein sagt das nicht. Stufe 2 heißt laut INES-Handbuch „Störfall“ und gehört zu den Störungen und Störfällen, nicht zu den Unfällen. Ob für eine Region Schutzmaßnahmen nötig sind, entscheiden die Katastrophenschutzbehörden und melden es über die Warnkanäle.

Warum werden auch Ereignisse ohne Folgen eingestuft?

Weil INES laut Handbuch auch mögliche Folgen abdecken soll. Würde man nur tatsächliche Auswirkungen bewerten, landeten viele sicherheitstechnisch bedeutsame Ereignisse unterhalb der Skala, und die Skala wäre wenig aussagekräftig.

Kann eine INES-Stufe später geändert werden?

Ja. Ist anfangs nicht alles bekannt, kann zunächst eine vorläufige Einstufung erfolgen. Die endgültige Einstufung folgt später, Unterschiede werden laut IAEA erklärt.

Kann ich mit INES vergleichen, welches Land sicherere Anlagen hat?

Nein. Laut INES-Handbuch eignet sich die Skala nicht für solche Vergleiche, auch weil Länder unterschiedlich über geringfügige Ereignisse informieren.

Quellen

  1. Systematik der internationalen Bewertungsskala (INES)Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · INES als Bewertungsskala der IAEA; verständliche Auskunft über sicherheitstechnische Bedeutung und radiologische Auswirkungen; acht Stufen, 1 bis 7 und 0; aktuelle INES-Meldungen auf der Website der IAEA (Stand 04.09.2026)
  2. Störfallmeldestelle des BASEBundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · Zentrale Erfassung meldepflichtiger Ereignisse in kerntechnischen Einrichtungen in Deutschland; Einstufung nach INES; Monats- und Jahresberichte
  3. Handbuch der Internationalen Nuklearen und Radiologischen Ereignis-Skala (INES), deutsche Fassung (RS-Handbuch 3-56)Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Bekanntmachung vom 20.02.2015, bereitgestellt vom BASE · Kapitel 1 (PDF-S. 6–10): Bezeichnungen der Stufen, Unfälle 4 bis 7, Störungen und Störfälle 1 bis 3, Abweichungen Stufe 0; logarithmische Skala; Tschernobyl Stufe 7; drei Bewertungsaspekte, höchste Stufe; Unfallstufen nach Freisetzung statt Exposition; potenzielle Auswirkungen; höchstens Stufe 3 ohne tatsächliche Folgen; „INES ist ein Kommunikationswerkzeug“; kein Vergleich von Anlagen oder Ländern; Grenze 0/1 schwierig; vorläufige und endgültige Einstufung; nur ziviler Bereich; 1990. Kapitel 2.1 (S. 11): keine Verwechslung mit Systemen zur Einstufung von Notfällen und keine Grundlage für die Wahl von Notfallschutzmaßnahmen; getroffene Schutzmaßnahmen für die Einstufung nicht relevant; vorläufige Einstufung im Frühstadium eines ernsten Störfalls oder Unfalls
  4. INES – The International Nuclear and Radiological Event Scale (Faltblatt)International Atomic Energy Agency (IAEA) · Werkzeug zur einheitlichen Kommunikation; Vergleich mit Richter- und Celsius-Skala; Levels 1–3 incidents, 4–7 accidents; Schwere etwa zehnmal größer je Stufe; drei Bereiche; vorläufige und endgültige Einstufung; Strahlenquellen und Transport; Beispiel Stufe 1; Tschernobyl Stufe 7
  5. Was bedeutet die Einstufung des Unfalls in Fukushima Daiichi in die Stufe INES 7?Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · Fukushima Daiichi als erstes Ereignis nach Tschernobyl in der höchsten Stufe; Einstufung sagt nichts darüber, wie viele Menschen betroffen sein werden (Stand 02.03.2026)
  6. Das Radiologische Lagezentrum des BundesBundesamt für Strahlenschutz (BfS) · Lagezentrum schlägt Schutzmaßnahmen vor, Entscheidungen zur Umsetzung treffen die Katastrophenschutzbehörden der Länder; Information der Bevölkerung