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Konkrete Lagen

Unfall im Kernkraftwerk: richtig schützen, Jodtabletten verstehen

Drinnen bleiben, Radio an, Jodtabletten nur auf Aufforderung: was bei einem Kernkraftwerksunfall wirklich schützt – und was du lassen solltest.

7 Min. LesezeitEinstiegStand: 25. September 2026
Eine geöffnete Packung mit Kaliumiodidtabletten und Blisterstreifen liegt auf einer neutralen Unterlage.
Kaliumiodidtabletten werden für radiologische Notfälle bereitgehalten und nur nach behördlicher Aufforderung eingenommen.Foto: unbekannt · CC0 · Wikimedia Commons

Deutschland betreibt keine Kernkraftwerke mehr zur Stromerzeugung, in den Nachbarländern laufen aber weiterhin welche. Deshalb gibt es einen Notfallschutz, der auch nach dem Atomausstieg bestehen bleibt. Dieser Artikel erklärt, welche Schutzmaßnahmen die Behörden vorbereitet haben, was „Aufenthalt in Gebäuden“ praktisch heißt und warum Jodtabletten nur auf ausdrückliche Aufforderung eingenommen werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die drei wichtigsten Schutzmaßnahmen sind Aufenthalt in Gebäuden, Jodblockade und Evakuierung – angeordnet von Behörden.
  • Drinnen: Fenster und Türen schließen, Lüftung und Klimaanlage aus, Keller oder innenliegenden Raum aufsuchen.
  • Jodtabletten schützen nur die Schilddrüse vor radioaktivem Jod – nicht vor anderer Strahlung.
  • Einnahme nur nach ausdrücklicher Aufforderung der Behörden und nur in der genannten Dosis, nie auf eigene Faust.
  • Personen über 45 Jahre wird von der Einnahme abgeraten; Kinder, Jugendliche und Schwangere haben Vorrang.

Die Lage in Deutschland: Ausstieg, aber Nachbarn mit Kraftwerken

Am 15. April 2023 wurden die letzten drei deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet: Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2. Sie sind seither im Nachbetrieb, an den sich der Rückbau anschließt. Für einen schweren Unfall in einem deutschen Kernkraftwerk, das noch im Nachbetrieb ist und noch Brennelemente enthält, sieht der Notfallplan des Bundes laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) weiterhin ein eigenes Referenzszenario vor.

Wichtiger für die meisten Menschen sind die Kraftwerke jenseits der Grenze. Als grenznah gilt laut BfS ein Kernkraftwerk, das nicht weiter als 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt betrieben wird. Das BfS nennt dafür Tihange in Belgien, Cattenom und Chooz in Frankreich, Leibstadt, Beznau und Gösgen in der Schweiz sowie Temelin in Tschechien.

Auch weiter entfernte Unfälle können Deutschland betreffen, vor allem über die Landwirtschaft. Das BfS erinnert an Tschornobyl (Tschernobyl) 1986: Der Unfall geschah mehr als 1.000 km vom deutschen Staatsgebiet entfernt. Bei einem Unfall außerhalb Europas schließt das BfS Schutzmaßnahmen auf deutschem Gebiet dagegen aus.

Kühltürme und Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Cattenom hinter Feldern.
Das französische Kernkraftwerk Cattenom zählt laut BfS zu den grenznahen Anlagen – weniger als 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.Foto: Gerd Eichmann · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Wie der Notfallschutz geplant ist

Für verschiedene Unfallarten legt der Allgemeine Notfallplan des Bundes sogenannte Referenzszenarien fest, etwa einen Unfall in einem grenznahen Kraftwerk. Für jedes Szenario sind Schutzstrategien vorbereitet. Im Umkreis von Kernkraftwerken gibt es zudem Planungszonen, damit frühe Schutzmaßnahmen wie Evakuierungen vorab geplant werden können.

Die Zuständigkeiten sind verteilt: Im Ernstfall beruft das Bundesumweltministerium das Radiologische Lagezentrum des Bundes ein, in dem auch das BfS mitarbeitet und die Lage bewertet. Den Katastrophenschutz vor Ort verantworten die Bundesländer. Deren Katastrophenschutzbehörden entscheiden, ob und wann Maßnahmen ergriffen werden, und informieren darüber.

Video: Schutzmaßnahmen nach einem Atomunfall (Bundesamt für Strahlenschutz) – Erklärvideo des BfS (6 Minuten) aus seiner Reihe zum radiologischen Notfallschutz: welche Schutzmaßnahmen die Notfallpläne für welche Lage vorsehen.

  • Aufenthalt in Gebäuden – schützt vor Strahlung aus der radioaktiven Wolke und verringert das Einatmen.
  • Jodblockade – hochdosierte Jodtabletten verhindern, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert.
  • Evakuierung – im unmittelbaren Umfeld des Unfallorts, wenn die Strahlung dort zu hoch werden kann.
  • Später oft Beschränkungen bei Lebensmitteln und in der Landwirtschaft.

Aufenthalt in Gebäuden: was das praktisch heißt

Drinnenbleiben ist laut BfS eine einfache und wirksame Schutzmaßnahme. Alpha- und Betastrahlung werden von einem Haus vollständig abgeschirmt, Gammastrahlung je nach Bauart und Raum um bis zu 85 %, im Keller noch stärker. Wände aus Ziegel oder Beton schützen besser als Holz. Fahrzeuge und Wohnmobile bieten keinen ausreichenden Schutz, sind aber immer noch besser als der Aufenthalt im Freien.

Die Maßnahme gilt, bis die Behörden etwas anderes sagen. Führe in dieser Zeit auch Haustiere nicht aus. Verlasse das Gebäude nur bei unmittelbarer Gefahr wie Feuer, Gasleck oder schwerer Verletzung. Von einer eigenständigen Evakuierung rät das BfS ausdrücklich ab.

Skizze eines Hauses im Querschnitt: Fenster zu, Lüftung aus, Aufenthalt in einem innenliegenden Raum oder im Keller, Radio an.
Drinnenbleiben nach BfS: Fenster zu, Lüftung aus, Innenraum oder Keller, Radio an.Skizze: WildWeasel
  • Fenster und Türen schließen, Lüftungs- und Klimaanlagen ausschalten.
  • Einen innenliegenden Raum ohne Fenster oder den Keller aufsuchen; sonst Abstand zu Fenstern halten.
  • Wer von draußen kommt: Oberbekleidung und Schuhe am Eingang ausziehen und in einer Plastiktüte außerhalb der Wohnung lagern.
  • Hände, Kopf und unbedeckte Haut unter fließendem Wasser waschen, dann duschen – ohne dass Wasser in Mund, Nase oder Augen läuft.
  • Radio einschalten (Sender mit Verkehrsfunk) und den Notruf nicht mit Fragen überlasten.

Tipp Vorräte, die schon im Haus sind, darfst du laut BfS weiter nutzen, ebenso Leitungswasser, solange die Behörden nichts anderes empfehlen. Ein Vorrat für einige Tage macht das Drinnenbleiben deutlich leichter.

Wie Jodtabletten wirken – und wie nicht

Bei einem Kernkraftwerksunfall kann radioaktives Jod freigesetzt werden. Gelangt es über die Atemluft, Nahrung oder Getränke in den Körper, reichert es sich in der Schilddrüse an und kann Schilddrüsenkrebs befördern. Hochdosierte Jodtabletten, auch Kaliumjodidtabletten genannt, sättigen die Schilddrüse vorher mit nicht radioaktivem Jod. Dann nimmt sie das radioaktive Jod nicht mehr auf – das nennt man Jodblockade.

Die Wirkung ist eng begrenzt. Die Tabletten schützen ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor Strahlung von außen und nicht vor anderen radioaktiven Stoffen. Die Strahlenschutzkommission betont, dass sie keine „Strahlenschutzsubstanz“ gegen jede Art von Strahlenschäden sind. Drinnenbleiben und gegebenenfalls Evakuierung bleiben deshalb die Grundlage des Schutzes.

Entscheidend ist der Zeitpunkt. Zu früh eingenommen, ist das Jod schon wieder abgebaut, wenn die radioaktive Wolke kommt; zu spät, hat die Schilddrüse das radioaktive Jod bereits aufgenommen. Wann der richtige Moment ist, wissen nur die Katastrophenschutzbehörden, die die Ausbreitung verfolgen. Sie geben ihn über Rundfunk und andere Medien bekannt.

Wer Jodtabletten nehmen soll – und wer nicht

Nach ausdrücklicher Aufforderung sollen in den betroffenen Gebieten grundsätzlich alle Personen bis 45 Jahre hochdosierte Jodtabletten einnehmen. Die Dosierung hängt vom Alter ab und wird von den Behörden genannt. Besonders wichtig ist die Einnahme für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, weil ihre Schilddrüse besonders empfindlich ist. Bei Schwangeren dient sie vor allem dem Schutz des ungeborenen Kindes.

Das BfS schreibt dazu wörtlich: „Personen über 45 Jahre wird von einer Einnahme von Jodtabletten zur Schilddrüsenblockade abgeraten.“ Für sie überwiegen die Risiken von Nebenwirkungen den Nutzen. Mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf, und das Risiko für strahlenbedingten Schilddrüsenkrebs nimmt stark ab.

Wer eine bekannte Schilddrüsenerkrankung hat, sollte die Tabletten laut BfS erst nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt einnehmen. Kläre das am besten jetzt, in ruhigen Zeiten, statt im Ernstfall.

Einnahme nur auf Aufforderung – der wichtigste Punkt

Hochdosierte Jodtabletten sollen nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Katastrophenschutzbehörden eingenommen werden und nur in der genannten Dosis. Grundsätzlich reicht eine einmalige Einnahme; weitere Tabletten nur, wenn die Behörde es empfiehlt. Die Strahlenschutzkommission nennt eine Jodblockade aus eigener Initiative „nutzlos und sogar schädlich“.

Die Einnahme kann Nebenwirkungen haben. Laut BfS kann eine unerkannte Überfunktion der Schilddrüse durch hohe Jodmengen in eine Überfunktion mit Krankheitszeichen übergehen, bis hin zu akutem Herz-Kreislauf-Versagen. Auch Überempfindlichkeit gegen Jod ist bekannt. Deshalb rät das BfS von einer Eigenmedikation dringend ab.

Achtung Keine Jodtabletten auf eigene Faust – auch nicht „vorsorglich“ bei beunruhigenden Nachrichten. Jodsalz und niedrig dosierte Jodtabletten aus der Drogerie sind laut Strahlenschutzkommission nicht zur Jodblockade geeignet. Geeignet sind nur die für den nuklearen Notfall vorgesehenen hochdosierten Tabletten. Vor im Internet angebotenen Präparaten aus dem Ausland als Nahrungsergänzungsmittel warnt die Kommission ausdrücklich: Es sind keine zugelassenen Arzneimittel. Nimm auch keine anderen jodhaltigen Mittel als Ersatz ein.

Wo es Jodtabletten gibt und was mit Lebensmitteln ist

Für Lagerung und Verteilung sind die Bundesländer zuständig. In der direkten Umgebung eines Kernkraftwerks sind die Tabletten je nach Land an alle Haushalte vorverteilt oder etwa in Rathäusern und Feuerwehrhäusern gelagert. Darüber hinaus lagern laut BfS mehr als 180 Millionen hochdosierte Jodtabletten an verschiedenen Standorten. Im Ereignisfall werden sie zum Beispiel an Feuerwehrwachen, Rathäusern, Apotheken oder bekannten Wahllokalen ausgegeben; wann du sie abholen kannst, wird über die Medien bekannt gegeben.

Bei einem Unfall mit erheblicher Freisetzung kann laut BfS die Einnahme für Erwachsene bis zu einer Entfernung von 100 Kilometern und für Kinder in ganz Deutschland empfohlen werden. Die Ausgabe allein heißt noch nicht, dass du die Tabletten sofort nehmen sollst – das kommt als eigene Aufforderung. Wer in der Nähe eines grenznahen Kraftwerks wohnt, erkundigt sich am besten bei der eigenen Katastrophenschutzbehörde nach Ausgabestellen und Abläufen.

Bei Lebensmitteln gilt: Nach einem Unfall keine frisch geernteten Nahrungsmittel essen, auch nicht aus dem eigenen Garten, bis die Behörden Entwarnung geben. Radioaktive Stoffe können sich auf Obst und Gemüse ablagern. Wie lange das gilt und welche weiteren Regeln hinzukommen, teilen die Behörden über Radio und andere Kanäle mit.

Häufige Fragen

Sollte ich mir jetzt Jodtabletten auf Vorrat kaufen?

Die Behörden halten Jodtabletten vor und verteilen sie im Ereignisfall. Entscheidend ist ohnehin, sie nur auf Aufforderung und in der genannten Dosis zu nehmen; bei einer Schilddrüsenerkrankung kläre die Frage mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Ich bin über 45 – bin ich dann ungeschützt?

Nein. Dir wird nur von den Tabletten abgeraten, weil die Risiken den Nutzen überwiegen. Aufenthalt in Gebäuden, geschlossene Fenster und der Verzicht auf frisch geerntete Lebensmittel schützen dich genauso wie alle anderen.

Hilft Jodsalz, wenn keine Tabletten da sind?

Nein. Jodsalz und niedrig dosierte Jodtabletten sind laut Strahlenschutzkommission nicht zur Jodblockade geeignet. Bleib drinnen und folge den Anweisungen der Behörden.

Soll ich bei einer Warnung sofort mit dem Auto wegfahren?

Nein. Das BfS rät von einer Evakuierung auf eigene Faust ab; ein Auto schützt schlechter als ein Gebäude. Nutze das Auto nur, wenn eine Evakuierung angeordnet ist, und nur auf den festgelegten Routen.

Woher erfahre ich, was zu tun ist?

Über Radio, Fernsehen, offizielle Behördenseiten und Warn-Apps. Ein batteriebetriebenes Radio hilft, falls zusätzlich der Strom ausfällt.

Quellen

  1. Jodtabletten – Einnahme und WirkungBundesamt für Strahlenschutz (BfS) · Wirkung, Einnahme nur auf Aufforderung, Altersgrenze 45 Jahre (wörtlich), Risiken, Vorverteilung, mehr als 180 Millionen Tabletten, 100 Kilometer
  2. Aufenthalt in Gebäuden – Gebäude schützen im Notfall vor StrahlungBundesamt für Strahlenschutz (BfS) · Abschirmung, Verhalten im Haus, Kleidung und Waschen, Vorräte und Leitungswasser, keine eigenständige Evakuierung, Informationskanäle
  3. Notfallszenarien – ReferenzszenarienBundesamt für Strahlenschutz (BfS) · Definition grenznah (100 Kilometer), Liste grenznaher Kraftwerke, Tschornobyl, Schutzmaßnahmen im Umkreis
  4. Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei einem Notfall mit Freisetzung von radioaktivem JodStrahlenschutzkommission (SSK) · Jodblockade aus eigener Initiative nutzlos und schädlich, Jodsalz nicht geeignet, Warnung vor Internetpräparaten, Gründe für die Altersgrenze (PDF)
  5. Radiologischer Notfall – So schützen Sie sich (Broschüre)Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) · Radiologisches Lagezentrum, Evakuierung nur auf festgelegten Routen, Notruf nicht überlasten, keine frischen Nahrungsmittel auch aus dem Garten (PDF, Stand Juli 2023)
  6. Der Atomausstieg in DeutschlandBundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke am 15. April 2023, Nachbetrieb und Rückbau