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Konkrete Lagen

Warntag 2020: als die bundesweite Probewarnung scheiterte

Am 10. September 2020 kam die bundesweite Probewarnung zu spät an. Was schiefging, was sich seither geändert hat – und was du daraus mitnimmst.

7 Min. LesezeitEinstiegStand: 25. September 2026
Infografik mit den in Deutschland verwendeten Sirenensignalen für Warnung, Entwarnung und Feuerwehralarm.
Sirenensignale sind nur ein Teil des Warnmixes. Der Warntag 2020 zeigte, wie problematisch es wird, wenn mehrere Warnwege nicht wie geplant zusammenspielen.Foto: Urban Survival Prepper · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Am 10. September 2020 sollte um 11 Uhr in ganz Deutschland eine Probewarnung ankommen – über Warn-Apps, Radio und Fernsehen und, wo vorhanden, über Sirenen. Das Bundesinnenministerium stufte diesen ersten bundesweiten Warntag seit der Wiedervereinigung als fehlgeschlagen ein. Was war passiert, was folgte daraus, und wie liefen die Warntage danach? Dieser Artikel stützt sich auf die Antwort der Bundesregierung an den Bundestag und auf Angaben des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Bewertungen stammen aus diesen Quellen, nicht von uns.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Probewarnung des Bundes kam am 10.09.2020 nur verzögert bei den weiterleitenden Stellen an.
  • Hauptgrund laut Bundesregierung: ein Designfehler in der Software des Modularen Warnsystems MoWaS.
  • Es folgten ein Sirenenförderprogramm ab 2021 und Cell Broadcast, eingeführt zum 23. Februar 2023.
  • Bei den Warntagen 2024 und 2025 erhielten laut BBK-Umfrage je 97 Prozent der Befragten die Probewarnung.
  • Kein Kanal erreicht alle: Richte Warn-App und Cell Broadcast ein und halte ein Radio bereit.

Was am 10. September 2020 geplant war

Den jährlichen bundesweiten Warntag hatte die Innenministerkonferenz im Juni 2019 beschlossen. Ausgearbeitet wurde der erste im Bund-Länder-Projekt „Warnung der Bevölkerung“, das die Warnstrukturen, die Wirksamkeit von Warnungen und die eingesetzten Warnmittel verbessern sollte. So beschreibt es die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag vom Oktober 2020.

Kern des Ablaufs ist das Modulare Warnsystem, kurz MoWaS. Das BBK stellt es den Ländern bundesweit zur Verfügung. Über MoWaS werden Warn-Apps wie NINA, Radio- und Fernsehsender und weitere Kanäle angesteuert, heute auch Cell Broadcast. Die Warnzentrale des Bundes schickt ihre Meldung dafür an sogenannte Warnmultiplikatoren, die sie an die Endgeräte weitergeben. Daneben können Länder, Landkreise und Gemeinden lokal warnen, zum Beispiel mit Sirenen, regionalen Warn-Apps oder Lautsprecherwagen.

Der Warntag ist bewusst als Stresstest angelegt. Das BBK nennt zwei Ziele: die technische Warninfrastruktur einem Funktionstest zu unterziehen und die Bevölkerung umfassend über Warnung zu informieren. Vorgesehen ist er jeweils am zweiten Donnerstag im September.

Was schiefging: eine Meldung, die im System hängen blieb

Die Einschätzung des Bundesinnenministeriums, der Warntag sei fehlgeschlagen, bezieht sich laut Bundesregierung auf einen Punkt: Die Probewarnung der Warnzentrale des Bundes kam verzögert bei den Warnmultiplikatoren an. Damit kam sie auch verspätet auf den Wegen an, die von ihnen abhängen – etwa in den Warn-Apps.

Als Hauptgrund nennt die Bundesregierung, gestützt auf Angaben des Dienstleisters, einen Designfehler in der Anwendungssoftware von MoWaS. Mehrere Hundert Nutzerinnen und Nutzer der MoWaS-Stationen warteten auf die bundesweite Meldung und klickten in ihrem Posteingang fortlaufend auf „Aktualisieren“. Als die Meldung um 11 Uhr nicht erschien, klickten sie weiter. Der Designfehler führte dazu, dass diese ständigen Datenbankabfragen das System überlasteten.

Zwei weitere Gründe führt der Dienstleister an: das hohe Aufkommen an Meldungen, weil zugleich viele Warnungen lokal ausgelöst wurden, und die Größe der Bundesmeldung, die im System einen Fehlerstatus verursachte. Die Bedienerinnen und Bediener taten also, was naheliegt – das Problem lag in einer Software, die dieses Verhalten unter Last nicht verkraftete.

Schema: Warnzentrale Bund, darunter MoWaS (rot umrandet, „überlastet“), gestrichelter Pfeil „verzögert“ zu den Multiplikatoren, von dort Pfeile zu Apps, Radio und Fernsehen.
Am 10. September 2020 hing die Meldung in MoWaS fest und kam verzögert bei den Multiplikatoren an.Skizze: WildWeasel

Hinweis Alle Angaben zur Ursache stammen aus der Antwort der Bundesregierung an den Bundestag vom Oktober 2020, die sich ihrerseits auf den Dienstleister beruft. Namen einzelner Verantwortlicher spielen für die Lehren keine Rolle und stehen deshalb nicht hier.

Was funktionierte – und was der Tag sichtbar machte

Die Panne betraf den zentralen Weg des Bundes. Vor Ort lösten viele Leitstellen eigene Warnmeldungen aus – gerade deren Menge nennt der Dienstleister als einen Grund für die Überlastung. Wie gut diese lokalen Warnungen bei den Menschen ankamen, beziffert die Antwort der Bundesregierung nicht. Eine Umfrage mit Zahlen zur Erreichbarkeit, wie es sie ab 2022 gibt, lag für 2020 in unseren Quellen nicht vor.

Die Aufarbeitung begann laut Bundesregierung noch am selben Tag: Die Beseitigung der Mängel in der MoWaS-Infrastruktur sei am 10. September 2020 eingeleitet worden. Welche weiteren Schritte nötig sind, sollten Bund und Länder in einer gemeinsamen Auswertung prüfen.

Sichtbar wurde auch, wie ungleich Sirenen verteilt sind. Das BBK schreibt, der Warntag 2020 und später die Flut im Juli 2021 hätten gezeigt, dass Sirenen große Bedeutung haben und die Bevölkerung erwartet, dass es sie gibt. Tatsächlich sind Sirenen in Deutschland nicht flächendeckend vorhanden; ob eine Gemeinde welche vorhält, entscheidet sie selbst. Ein Teil der Geräte kann zudem die bundesweit einheitlichen Signale nicht wiedergeben.

Die Konsequenzen: Sirenen, Cell Broadcast, neue Aufgaben

Das BBK legte ein Konzept zu seiner Neuausrichtung vor und nennt seither mehrere Maßnahmen für die Warnung. Seit November 2020 stand dort Cell Broadcast auf der Tagesordnung, im April 2021 gab das BBK eine Eignungsprüfung bei der Universität der Bundeswehr München in Auftrag. Im September 2021 beschloss der Bundestag die Einführung: Das Gesetz verpflichtet die Mobilfunkbetreiber, Cell Broadcast in ihren Netzen dauerhaft bereitzustellen. Eingeführt wurde die Technik in Deutschland zum 23. Februar 2023.

Parallel startete 2021 das Sirenenförderprogramm des Bundes mit 88 Millionen Euro aus einem Konjunkturprogramm. Gefördert werden neue Sirenen und neue Steuerungen für bestehende Anlagen. Geförderte Sirenen müssen die einheitlichen Signale senden, über MoWaS und den Digitalfunk der Behörden auslösbar sein und für mindestens vier Warn- und Entwarnungszyklen einen Akku haben. Seit 2023 läuft das Programm unbefristet weiter; für 2023 bis 2025 stellte der Bund 22,5 Millionen Euro bereit, die Länder legen eigene Mittel dazu.

Weitere Punkte aus dem BBK: ein bundesweites Warnmittelkataster, das erstmals zeigen soll, wo welche Warnmittel stehen, und der Ausbau von NINA zur Warn-App des Bundes. Ihre volle Wirkung entfalten die neuen Sirenen laut BBK erst mit dem Anschluss an MoWaS – wann der abgeschlossen ist, lässt sich nach Angaben des Amts noch nicht sagen. Die Flut an Ahr und Erft 2021, die das BBK ebenfalls als Anlass nennt, behandeln wir in einer eigenen Fallstudie.

Die Warntage danach: was die Umfragen zeigen

Die Bundesregierung kündigte im Oktober 2020 den nächsten Warntag für September 2021 an. Der zweite bundesweite Warntag fand laut BBK am 8. Dezember 2022 statt. Dabei wurde erstmals Cell Broadcast erprobt, das damals noch im Ausbau war. Zu den Warntagen ab 2022 veröffentlicht das BBK Ergebnisse von Online-Umfragen.

Die Tabelle zeigt, welcher Anteil der Befragten die Probewarnung über mindestens einen Kanal erhielt. 2025 nannten 82 Prozent der Befragten den Verlauf gut. 76 Prozent gaben an zu wissen, wie sie in Notfällen gewarnt werden – gut über Risiken informiert fühlten sich aber nur 43 Prozent.

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Werte beschreiben die Menschen, die an einer Online-Umfrage teilgenommen haben, 2025 waren es 117.073 erfasste Bögen. Sie sagen nicht genau, wie viele Menschen in ganz Deutschland erreicht wurden. Der Warntag 2026 fand am 10. September statt; die Auswertung der Umfrage lief bei Redaktionsschluss noch.

Bundesweite Warntage nach 2020 laut BBK-Umfragen
WarntagBefragte mit ProbewarnungWeitere Angaben des BBK
8. Dezember 2022rund 90 %Cell Broadcast erstmals erprobt
14. September 202396 %Cell Broadcast flächendeckend bewährt
12. September 202497 %Warn-Apps und Sirenen je 59 %
11. September 202597 %Cell Broadcast 73 %, Warn-Apps 67 %, Sirenen 65 %

Was das für dich heißt

2020 zeigte, dass ein einzelner Weg ausfallen kann. Heute setzt das BBK ausdrücklich auf einen Warnmix: Sirenen machen aufmerksam, Radio, Fernsehen und Apps liefern danach die Einzelheiten. Für deinen Haushalt lassen sich daraus einige Schritte ableiten. Sie sind unsere Folgerung, nicht Teil der Berichte.

Wie die einzelnen Kanäle funktionieren, erklärt der Artikel „Warnsysteme in Deutschland: So erreichen dich Warnungen“. Ein Radio, das ohne Netz läuft, behandelt „Notfallradio: informiert bleiben ohne Strom und Netz“.

  • Cell Broadcast prüfen: Laut BBK braucht dein Handy Android ab Version 11 oder iOS ab 16.1, muss eingeschaltet und darf nicht im Flugmodus sein. Updates einspielen.
  • Nichts versehentlich abschalten: Warnstufen 2 und 3 lassen sich am Gerät unterdrücken, die höchste nicht. Schau nach, was bei dir aus ist.
  • Warn-App zusätzlich: Cell Broadcast überträgt höchstens 500 Zeichen Text. Das BBK empfiehlt deshalb weiter eine Warn-App wie NINA.
  • Sirenen kennen: Warnung ist ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton, Entwarnung ein einminütiger Dauerton. Frag bei deiner Gemeinde, ob es bei dir Sirenen gibt.
  • Radio bereithalten: Batterie- oder Kurbelradio für den Fall, dass Handy und Netz schweigen.
  • Nachbarn einbeziehen: Wer eine Warnung bekommt, sagt sie weiter – besonders an Menschen ohne Smartphone.

Tipp Der nächste Warntag ist ein guter Anlass: Achte darauf, über welche Kanäle dich die Probewarnung erreicht. Kam nichts aufs Handy, prüfe die Einstellungen – der Test ist genau dafür da.

Häufige Fragen

Warum kam die Probewarnung 2020 zu spät?

Laut Bundesregierung vor allem wegen eines Designfehlers in der MoWaS-Software: Ständiges Aktualisieren durch mehrere Hundert Nutzer überlastete die Datenbank. Dazu kamen viele zeitgleiche lokale Meldungen und die Größe der Bundesmeldung.

Gab es 2021 einen Warntag?

Angekündigt war er für September 2021. Der zweite bundesweite Warntag fand laut BBK am 8. Dezember 2022 statt, erstmals mit Cell Broadcast.

Brauche ich für Cell Broadcast eine App?

Nein. Die Meldung verarbeitet das Betriebssystem, nötig sind laut BBK Android ab Version 11 oder iOS ab 16.1. Eine Warn-App ergänzt das, weil sie längere Texte und Hinweise liefern kann.

Wann findet der Warntag statt?

Jeweils am zweiten Donnerstag im September. Ob deine Gemeinde dabei auch Sirenen auslöst, erfährst du bei ihr.

Wie klingen Warnung und Entwarnung bei Sirenen?

Warnung: ein einminütiger, auf- und abschwellender Heulton. Entwarnung: ein einminütiger, gleichbleibender Heulton. Manche Gemeinden nutzen zusätzlich eigene Signale.

Quellen

  1. Antwort der Bundesregierung: Bundesweiter Warntag 2020 (Drucksache 19/23413, PDF)Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung vom 14.10.2020 · Beschluss der IMK, Projekt „Warnung der Bevölkerung“, Bewertung als fehlgeschlagen, Designfehler in MoWaS, Ursachen der Verzögerung, Mängelbeseitigung ab 10.09.2020, nächster Warntag für September 2021 angekündigt
  2. Cell Broadcast kommt: Das BBK ist vorbereitet – Maßnahmen laufen seit November 2020Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Pressemitteilung vom 07.09.2021 · Neuausrichtung, Cell Broadcast seit November 2020, Eignungsprüfung April 2021, Bundestagsbeschluss, MoWaS, Warnmittelkataster, NINA als Bundes-Warn-App
  3. Sirenen und SirenenförderprogrammBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe · Sirenensignale, Warntag 2020 und Flut 2021 als Anlass, keine flächendeckende Verfügbarkeit, 88 Mio. Euro, Förderbedingungen, Programm 2.0 mit 22,5 Mio. Euro, Warnmix
  4. Cell BroadcastBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe · Einführung zum 23.02.2023, Voraussetzungen am Gerät, keine App nötig, 500 Zeichen, Empfehlung einer Warn-App
  5. Bundesweiter Warntag: UmfrageergebnisseBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe · Termine der Warntage 2022 bis 2025, rund 90 % (2022) und 96 % (2023) der Befragten gewarnt, Cell Broadcast erstmals im Dezember 2022 erprobt, Warntag 2026
  6. Der Bundesweite Warntag wirkt und gewinnt weiter an ZustimmungBundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Pressemitteilung vom 24.04.2026 · Umfrage 2025: 97 % gewarnt wie im Vorjahr, Cell Broadcast 73 %, Warn-Apps 67 %, Sirenen 65 % (2024 je 59 %), 82 % guter Verlauf, 76 % / 43 %, Stresstest, zweiter Donnerstag im September, Kanäle über MoWaS