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Konkrete Lagen

Waldbrände 2022 in Sachsen und Brandenburg: was daraus folgt

Munition im Boden, Wind, Flugfeuer und evakuierte Dörfer: was die Auswertungen aus Sachsen und Brandenburg zum Brandsommer 2022 festhalten.

7 Min. LesezeitEinstiegStand: 26. September 2026
Ein rauchender, teils verbrannter Kiefernwald mit umgestürzten und abgebrochenen Stämmen beim Waldbrand bei Treuenbrietzen im Juni 2022.
Waldbrand bei Treuenbrietzen an der B 102, 19. Juni 2022.Foto: Leonhard Lenz · CC0 · Wikimedia Commons

Im Sommer 2022 brannten in Sachsen und Brandenburg mehrere Großfeuer zum Teil gleichzeitig, Dörfer wurden evakuiert, und in Brandenburg wurde erstmals seit der Wiedervereinigung wegen eines Waldbrands der Katastrophenfall festgestellt. Zwei amtliche Auswertungen haben das aufgearbeitet: der Bericht der sächsischen Expertenkommission „Waldbrände Sommer 2022“ und der Bericht des Brandenburger Innenministeriums zur Waldbrandsaison 2022. Dieser Artikel fasst zusammen, was sie festgestellt haben – mit ihren Bewertungen, nicht mit unseren – und was daraus für dich folgt. Wie du dich bei einem Waldbrand verhältst, steht im Artikel „Waldbrand: am Wohnort, beim Wandern, bei einer Evakuierung“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Brandenburg zählte 2022 nach dem Innenministerium 521 Waldbrände auf über 1.400 Hektar – ein Ausnahmejahr.
  • Munition im Boden hielt die Feuerwehr auf Abstand, oft bis zu 1.000 Meter – auch Hubschrauber.
  • Wind drehte mehrfach, Glut flog Hunderte Meter weit; Dörfer mussten binnen Stunden geräumt werden.
  • Totholz beschleunigte die Ausbreitung im Nationalpark laut Gutachten nicht, behinderte aber die Einsatzkräfte.
  • Für dich: früh gehen, nichts Brennbares ans Haus, Rettungspunkte kennen, amtlichen Meldungen folgen.

Ein Sommer mit mehreren Großbränden

Der Sommer 2022 war nach der sächsischen Expertenkommission von einer lang andauernden, niederschlagsfreien Hitzeperiode geprägt; hinzu kamen wiederholte Dürrejahre und Borkenkäferschäden in den Fichten. In Sachsen wurden 215 Waldbrände dokumentiert. Das Brandenburger Innenministerium nennt für sein Land 521 Waldbrände auf 1.425,5 Hektar Wald und spricht von einem Ausnahmejahr: Acht Brände waren größer als 10 Hektar, vier davon größer als 100 Hektar.

Die Kommission untersuchte drei Brände in Sachsen, zwei davon reichten nach Brandenburg hinein. Der Brandenburger Bericht beschreibt fünf Großschadensereignisse. Die Tabelle fasst die wichtigsten zusammen. Zu den Ursachen einzelner Brände trifft dieser Artikel keine Aussage.

Große Brände 2022, nach den Berichten aus Sachsen und Brandenburg
BrandZeitraumFlächeFolgen für Anwohner
Treuenbrietzen/Frohnsdorf (BB)17.–23. Juni173 ha WaldKatastrophenfall, Evakuierung gefährdeter Ortsteile
Beelitz (BB)19.–22. Junirund 233 ha WaldEvakuierung bedrohter Häuser, Front zeitweise rund 100 m vor der Siedlung
Gohrischheide (SN/BB)23. Juni – 9. Julietwa 905 haRäumung eines Ortsteils auf Brandenburger Seite
Arzberg/Falkenberg (SN/BB)25. Juli – Anfang August422 ha Wald, dazu rund 400 ha Offenland (BB-Bericht)rund 600 Menschen in Rehfeld, Kölsa und Kölsa-Siedlung evakuiert
Sächsische Schweiz (SN/CZ)25. Juli – 3. September1.146 ha, davon 115 ha in SachsenKatastrophenalarm für Bad Schandau und Sebnitz, Waldbetretungsverbot im Landkreis

Wie schnell es gehen kann

Beim Brand bei Arzberg brachte ein für 17 Uhr angekündigtes Gewitter keinen Regen, sondern sturmartige Böen. Die Fläche wuchs nach der Kommission binnen einer Stunde um das Zehnfache auf 850 Hektar. Der Brandenburger Bericht beschreibt für diesen Abend Böen bis etwa 80 km/h, drei Windwechsel in vier Stunden und Glut, die über 500 Meter weit getragen wurde. Zwischen 19 und 20 Uhr wurden die Orte Rehfeld, Kölsa und Kölsa-Siedlung geräumt. Das Feuer griff auf einen Stall über und erreichte die Grundstücksgrenzen von Einfamilienhäusern; die Wohnhäuser selbst konnten gehalten werden. Die Evakuierung wurde am Abend des 26. Juli aufgehoben.

Bei Beelitz und in der Gohrischheide beobachteten die Einsatzkräfte phasenweise Feuerfronten, die 300 Meter in der Minute zurücklegten. In der Sächsischen Schweiz breitete sich der Brand vermutlich durch Flugfeuer auf mehrere, weit auseinanderliegende Stellen aus. Einsatzkräfte berichteten der Kommission von Feuerwalzen, die sie zum fluchtartigen Rückzug zwangen. Bei Falkenberg erlitten nach dem Brandenburger Bericht sieben Einsatzkräfte Rauchgasvergiftungen und leichte Brandverletzungen, als ihr Fahrzeug bei schlechter Sicht durch den Brandbereich flüchten musste.

Was funktioniert hat

Die sächsische Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass die Brände insgesamt gut gemeistert wurden. Obwohl mehrere tausend überwiegend ehrenamtliche Einsatzkräfte in schwierigem Gelände arbeiteten, gab es nach ihrem Bericht keinen schwerwiegenden Unfall. In der Sächsischen Schweiz kamen Kräfte aus zehn weiteren Bundesländern hinzu; über Verbindungsbeamte arbeiteten die deutschen und tschechischen Einsatzleitungen zusammen.

Bewährt hat sich Vorbereitung. In der Gohrischheide wurden Schneisen mit Kreisregnern beregnet und Flächen mit Schaumteppichen gesichert. Beide Verfahren brauchten wenig Personal, und die Riegelstellung mit Kreisregnern war im Vorjahr geübt worden – das hat sich nach der Kommission sehr positiv ausgewirkt. Bei Falkenberg nennt der Brandenburger Bericht eine gute Löschwasserversorgung über Brunnen, die im Zuge der Genehmigung von Windrädern und Solaranlagen entstanden waren. In der Sächsischen Schweiz bauten die Einsatzkräfte zwei Wasserförderstrecken von der Elbe und der Kirnitzsch mit 48 Pumpen und rund 42 Kilometern Schlauch auf.

Ein Tanklöschfahrzeug der Feuerwehr steht an einer Löschwasserentnahmestelle am Rand eines Kiefernwalds, daneben ein Pumpenanhänger des THW und Schläuche.
Löschwasserentnahme beim Waldbrand bei Treuenbrietzen, Juni 2022.Foto: Leonhard Lenz · CC0 · Wikimedia Commons

Was nicht funktioniert hat

Das Kernproblem nennen beide Berichte: Die Brandstellen waren schwer oder gar nicht zugänglich. In der Gohrischheide und bei Arzberg lag Munition im Boden, in Brandenburg nach dem Innenministerium auf etwa 292.000 der rund einer Million Hektar Wald. Dort gilt ein Absperrbereich von 1.000 Metern, auch für Hubschrauber. Aus dieser Höhe lässt sich nach der Kommission kaum noch wirksam löschen. In der Sächsischen Schweiz erschwerten Schluchten, Felsen, lange Anmarschwege und fehlende offene Wasserstellen die Arbeit.

Auch die Abstimmung hakte. In der Gohrischheide galten beiderseits der Landesgrenze zeitweise unterschiedliche Absperrgrenzen; das erzeugte nach der Kommission eine hohe Unsicherheit bei den Einsatzkräften. Der Brandenburger Bericht stellt fest, dass Einsatzziele beider Seiten anfangs nicht deckungsgleich waren, erst Verbindungspersonen und verlegte Befehlsstellen brachten eine Verbesserung. Bei Arzberg war der Funkkontakt zu Einsatzkräften zeitweise abgerissen, bei Treuenbrietzen war der Digitalfunk der Einsatzkräfte überlastet und der Mobilfunk teils unterversorgt.

Parallele Lagen banden die Kräfte. Weil in der Sächsischen Schweiz der Katastrophenfall galt, wurde Unterstützung anfangs landesweit dorthin gelenkt. Für Treuenbrietzen angeforderte Einheiten mussten nach Beelitz umgeleitet werden. Eine Medienmeldung, das Feuer sei unter Kontrolle, erschwerte dort nach dem Brandenburger Bericht die Anforderung von Bundeswehr-Hubschraubern, obwohl sich die Lage gerade verschärft hatte. Das überwiegend ehrenamtliche System erreichte im Juni und Juli nach dem Fazit des Berichts kurzzeitig eine schwer zu kompensierende Belastungsgrenze.

Die Totholz-Frage

Nach dem Brand in der Sächsischen Schweiz wurde öffentlich viel über Totholz im Nationalpark diskutiert. Die Kommission stützt sich auf ein Gutachten der TU Dresden: Danach hat das Totholz dort nicht zu einer stärkeren horizontalen Ausbreitung des Feuers beigetragen, wohl aber die Intensität am jeweiligen Brandort verstärkt. Auch zwischen totholzreichen und totholzarmen Flächen ergaben sich nach der Kommission im Nationalpark keine Unterschiede bei Brandausprägung und -fläche. Brandenburg nennt die Diskussion kontrovers; dort nahmen Feuerwehren die Ausbreitung durch trockenes Totholz als sehr schnell wahr.

Einig sind sich die Berichte bei der Sicherheit der Einsatzkräfte: Liegende Stämme versperren Wege und einen schnellen Rückzug, brennende stehende Stämme können umstürzen. Bei Treuenbrietzen, auf einer bereits 2018 verbrannten Fläche mit viel Totholz, machten Munition und abbrennende Stämme direkte Nachlöscharbeiten kaum möglich.

Verbrannter Wald an den Richterschlüchten im Nationalpark Sächsische Schweiz: abgestorbene stehende Stämme, liegendes Holz und nachwachsendes Grün zwischen Felsen.
Waldbrandschäden an den Richterschlüchten im Nationalpark Sächsische Schweiz, aufgenommen im September 2023.Foto: Lukas Beck · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Was die Berichte empfehlen

Die sächsische Kommission legte nach Angaben der Staatsregierung über 100 Handlungsvorschläge vor. Ihre Leitlinie: Brände schnell erkennen, in der Entstehungsphase löschen und Menschen an bewohnten Waldrändern vorrangig schützen. Besonders wichtig ist ihr die Aufklärung der Bevölkerung, weil Waldbrände hierzulande fast ausschließlich auf menschliches Fehlverhalten zurückgehen. Zu den Vorschlägen gehören:

Der Brandenburger Bericht schlägt zusätzlich vor, bei der Planung anzusetzen: Das Risiko durch Vegetationsbrände soll schon in der Bauleitplanung berücksichtigt werden. Als Feuerbrücken auf Grundstücken nennt der Bericht etwa mit Nadelstreu gefüllte Dachrinnen und Pappdächer. Einiges ist umgesetzt: Sachsen kauft nach eigener Mitteilung vom Januar 2024 drei Polizeihubschrauber, die auch löschen können, fördert Löschwasserzisternen und hat Großschadensereignisse im Brandschutzgesetz neu geregelt.

  • Laubmischwälder statt reiner Nadelholzbestände, vorrangig neben Wohngebieten
  • Totholz direkt an Wohnbebauung und an Rettungswegen möglichst gering halten
  • Munition im Umkreis von bis zu 1.000 Metern um Wohngebiete vorrangig räumen
  • ein landesweit einheitliches Orientierungssystem im Wald und besserer Mobilfunk
  • Löschwasserkonzepte und mehr Zisternen, schnell verfügbare Löschhubschrauber
  • feste Abläufe über Landes- und Staatsgrenzen: Verbindungspersonen, gemeinsame Übungen

Was das für dich heißt

Die Berichte richten sich an Behörden. Einige Lehren lassen sich aber in den eigenen Alltag übersetzen. Die folgenden Punkte sind unsere Folgerungen aus den Befunden; wo ein Bericht dahintersteht, ist er genannt.

Was bei einer Räumung zu tun ist, erklärt der Artikel „Evakuierung“, wie du dich vor Rauch schützt, der Artikel „Rauch draußen, Fenster zu“. Wie lange andere echte Lagen dauerten, beschreibt „Wie lange echte Lagen dauerten“.

Skizze eines Hauses am Waldrand: Glut fliegt in einem Bogen zum Haus. Markiert sind Nadeln in der Dachrinne und Holz und Kanister an der Hauswand als Stellen, an denen Feuer übergreifen kann.
Feuerbrücken am Haus: Dachrinne frei halten, nichts Brennbares an die Wand.Skizze: WildWeasel
  • Früh gehen: Bei Arzberg wuchs die Brandfläche binnen einer Stunde auf das Zehnfache, wenige Stunden später wurden drei Orte geräumt. Ein gepacktes Notgepäck spart dann die entscheidende Zeit.
  • Grundstück prüfen: Dachrinnen von Nadeln befreien, Holz, Kanister und Brennbares nicht an die Hauswand – der Brandenburger Bericht nennt solche Feuerbrücken ausdrücklich.
  • Abstand ernst nehmen: Sperrungen um Munitionsflächen gelten bis zu 1.000 Meter. Betretungsverbote wie 2022 in der Sächsischen Schweiz schützen dich und halten Wege frei.
  • Amtlichen Meldungen folgen: Rauch war bis Dresden zu riechen und führte nach der Kommission zu vielen eigenen, fachlich nicht begründeten Deutungen. Lagemeldungen können zudem schnell veralten.
  • Rettungspunkte kennen: Die Kommission empfiehlt ein einheitliches Orientierungssystem, weil Anrufer oft keinen Empfang haben oder den Brand nur aus der Ferne sehen.

Tipp Der Brandenburger Bericht erwartet, dass sich Einsätze bei nicht mehr kontrollierbaren Bränden künftig eher auf die Verteidigung von Siedlungen als auf das Löschen im Wald konzentrieren. Genau dort zählt, was du am eigenen Haus vorbereitest.

Häufige Fragen

Warum hat die Feuerwehr nicht einfach im Wald gelöscht?

Auf munitionsbelasteten Flächen drohen Detonationen. Die Einsatzkräfte mussten deshalb meist bis zu 1.000 Meter Abstand halten und den Brand von Wegen und Schneisen aus eingrenzen, oft mit Kreisregnern und Hubschraubern.

Hat das Totholz im Nationalpark den Brand angefacht?

Nach dem Gutachten, auf das sich die Kommission stützt, hat Totholz die Ausbreitung nicht beschleunigt, aber die Hitze am Brandort verstärkt. Für die Einsatzkräfte war es ein Hindernis und eine Gefahr.

Wie schnell musste evakuiert werden?

Bei Arzberg wurden rund 600 Menschen zwischen 19 und 20 Uhr aus ihren Orten gebracht, nachdem der Wind am frühen Abend gedreht und aufgefrischt hatte. Am nächsten Abend durften sie zurück.

Wo kann ich die Berichte selbst lesen?

Der Bericht der sächsischen Expertenkommission und der Brandenburger Bericht zur Waldbrandsaison 2022 sind öffentlich. Die Links stehen unten bei den Quellen.

Quellen

  1. Bericht der Expertenkommission „Waldbrände Sommer 2022“ in Sachsen (Februar 2023)Sächsische Staatsregierung · Verlauf der Brände Arzberg, Gohrischheide und Sächsische Schweiz, Flächen, Evakuierung, Munition, Löschwasser, Totholz, länderübergreifende Zusammenarbeit, Empfehlungen
  2. Großwaldbrände im Land Brandenburg – Bericht zur Waldbrandsaison 2022 (April 2023)Ministerium des Innern und für Kommunales des Landes Brandenburg · Saisonbilanz, Brände bei Treuenbrietzen, Beelitz, Bad Liebenwerda und Falkenberg, Kampfmittel, Funk, Grenzabstimmung, Belastungsgrenze, Raumplanung und Feuerbrücken
  3. Expertenkommission „Waldbrände Sommer 2022“ übergibt Empfehlungen an Staatsregierung (14. März 2023)Sächsische Staatskanzlei (Medienservice Sachsen) · Über 100 Handlungsvorschläge, Kernempfehlungen zu Laubmischwald, Totholz und Munition
  4. Rückblick auf die Waldbrände 2022: Diese Maßnahmen sind umgesetzt (9. Januar 2024)Sächsisches Staatsministerium des Innern und Umweltministerium (Medienservice Sachsen) · Umsetzungsstand: Hubschrauber, Löschwasserzisternen, Novelle des Brandschutzgesetzes