Vom 19. bis 21. Oktober 2023 lief an der deutschen Ostseeküste eine Sturmflut auf, die zwischen Flensburg und Eckernförde regional die schwerste seit 1872 war. Was ist passiert, was hat gehalten, was nicht – und was folgt daraus für Menschen, die an der Küste wohnen oder dort Urlaub machen? Dieser Artikel stützt sich auf den Bericht des Landes Schleswig-Holstein, erstellt beim Landesbetrieb für Küstenschutz (LKN.SH), auf Fachbeiträge in der Zeitschrift „Die Küste“, auf Berichte des Landtags und einen Gesetzentwurf der Landesregierung. Die Bewertungen stammen aus diesen Quellen, nicht von uns.
Das Wichtigste in Kürze
- Höchster Wasserstand: 2,29 m über NHN am Pegel Schleswig – regional die schwerste Ostsee-Sturmflut seit 1872.
- Das Wasser stand ungewöhnlich lange hoch: in Schleswig 62 Stunden mehr als 1 m über NHN.
- Das BSH warnte zwei Tage vor Beginn; die Warnung kam laut Auswertung rechtzeitig für die Gefahrenabwehr.
- Die Landesdeiche hielten, mehrere Regionaldeiche brachen oder wurden überströmt, etwa bei Arnis und Maasholm.
- Viele Schäden trafen Boote, Campingplätze und Strände – oft bewegliche Werte, die man hätte wegbringen können.
Was vom 19. bis 21. Oktober 2023 passiert ist
Ein Hoch über Skandinavien und ein Tief, das der Deutsche Wetterdienst „Wolfgang“ nannte, trafen über der Ostsee aufeinander. Der Druckunterschied erzeugte tagelang starken Wind aus Ost, der das Wasser in die westliche Ostsee drückte. Schon am 18. Oktober stieg der Wasserstand an der schleswig-holsteinischen Küste, am 19. Oktober lag er mehr als einen Meter über dem Mittel – ab dieser Schwelle spricht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) von einer Sturmflut.
Die Scheitel kamen am Abend des 20. Oktober und in der Nacht zum 21. Den höchsten Wert maß der Pegel Schleswig an der Schlei: 2,29 Meter über Normalhöhennull (NHN), 2,23 Meter über dem mittleren Wasserstand. Flensburg erreichte 2,27 Meter, Eckernförde 2,15 Meter. Zwischen Flensburg und Eckernförde war es damit eine „sehr schwere Sturmflut“, die höchste Stufe der BSH-Einteilung für die Ostsee. Weiter südlich bis zur Grenze nach Mecklenburg-Vorpommern blieb es bei einer „schweren Sturmflut“, in Mecklenburg-Vorpommern lagen die Werte deutlich niedriger.
Regional war es laut Landesbericht die schwerste Sturmflut seit dem 13. November 1872. In Flensburg, Schleswig und Eckernförde war es nach 1872 der zweithöchste gemessene Wasserstand. An der Nordseeküste passierte zur selben Zeit das Gegenteil: Der Ostwind drückte das Wasser weg, es gab eine Sturmebbe.
Video: Ostsee-Kommunen bereiten sich auf Sturmflut vor (tagesschau) – tagesschau-Bericht vom 20. Oktober 2023 (knapp 5 Minuten): erste Überschwemmungen und Vorbereitungen an der Küste, bevor die Scheitel kamen.
Warum es diesmal so viel Schaden gab
Nicht nur die Höhe machte die Flut gefährlich, sondern ihre Dauer. In Flensburg lag das Wasser 52 Stunden über einem Meter und 9 Stunden über zwei Metern, in Schleswig sogar 62 und 16 Stunden. Dazu kam starker Seegang: An Messstellen in der Kieler Bucht wurden über mehr als 24 Stunden signifikante Wellenhöhen von 2,0 bis 2,5 Metern aufgezeichnet, an einer Stelle bis knapp drei Meter.
Der Landesbericht nennt beschädigte und gebrochene Regionaldeiche, abgebrochene Steilküsten an der Kieler Förde, Schäden auf Campingplätzen, in Marinas und an Seebrücken. Insgesamt beziffert der LKN.SH die Schäden in einer Größenordnung von 200 Millionen Euro, davon rund 50 Millionen an Küstenschutzanlagen. Auf Fehmarn starb eine Frau während des Sturms, als ein Baum auf ihr Auto stürzte.
Ein Grund für die vielen Sachschäden war die Jahreszeit, heißt es in einem Beitrag der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW). Im Oktober lagen noch viele Boote im Wasser, Wohnwagen standen auf den Plätzen, Strandkörbe am Strand. Schwere Ostsee-Sturmfluten kommen vor allem im Winter vor, wenn solche Werte längst weggeräumt sind. In den Häfen Schilksee und Damp wurden kurz nach dem Ereignis rund 60 Boote als Totalschaden registriert, überflutet wurden unter anderem Campingplätze in Waabs, Damp und Langballigau.
Was funktioniert hat
Die Vorwarnung war lang. Das BSH gab am 17. Oktober mittags eine erste Warnung für eine Sturmflut ab dem 19. Oktober heraus. Am 19. Oktober nannte es bis zu 2,00 Meter über dem mittleren Wasserstand für den Raum Flensburg und erhöhte später auf 2,10 Meter. Die Auswertung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Ostsee hält fest, dass die Warnung für Maßnahmen der Gefahrenabwehr rechtzeitig erfolgt ist. Der BAW-Beitrag schreibt, die Flut sei sehr gut vorhergesagt worden, auch wenn die Scheitel die Vorhersage teils geringfügig übertrafen.
Die Deiche in Verantwortung des Landes haben gehalten: Laut Bericht des Landtags standen die Landesdeiche allesamt dem Ostseewasser stand. Der BAW-Beitrag kommt zu dem Schluss, dass der klassische Sturmflutschutz durch das Land für das Hinterland überwiegend gut funktioniert hat.
Auch die fachlichen Grundlagen haben sich laut LKN.SH bewährt: Hochwassergefahrenkarten, Referenzwasserstände und eine Sicherheitsüberprüfung der Regionaldeiche halfen, die Flut und ihre Schäden einzuordnen. Die Überprüfung von 2022 hatte die Deiche von Arnis und Damp-Fischleger bereits in die schlechteste Klasse eingestuft – beide wurden schwer beschädigt. Das Sicherheitsniveau aus der Überprüfung sei in weiten Teilen als plausibel bestätigt worden.
Was laut den Auswertungen nicht funktioniert hat
Die Schwachstelle waren die Regionaldeiche. Anders als Landesschutzdeiche sind sie nicht einheitlich auf ein 200-jährliches Hochwasser ausgelegt; ihr Sicherheitsstandard ist laut LKN.SH sehr unterschiedlich, manche waren ursprünglich Strandwälle. Im Landtag wurden gebrochene Regionaldeiche bei Arnis, Oehe, Maasholm, Schönhagen und Brodersby genannt. Die Deiche Watestelle bei Arnis, Fleckeby und Ohrfeldhaff wurden kaum von Wellen getroffen, aber wegen ihrer sehr geringen Höhe überströmt und versagten trotzdem.
Das Bewertungsverfahren selbst hatte Lücken. Die lange Verweildauer des Hochwassers und die damit verbundene Dauer der Wellenbelastung gehen bisher nicht in die Bewertung der Deiche ein. Auch der bauliche Zustand war grundsätzlich bekannt, floss aber nicht ausdrücklich ein. Am Deich Oehe erklären genau diese Punkte die hohen Schäden. Eigene Wellenmessbojen in der Ostsee betrieb der LKN.SH zum Zeitpunkt der Flut nicht.
Außerhalb der Deichlinie hätte sich vieles vermeiden lassen. Laut Gesetzentwurf der Landesregierung waren zahlreiche Campingplätze in nicht ausreichend geschützten Küstengebieten nicht geräumt oder gesichert. Früher wurden solche Plätze in der Sturmflutsaison regelmäßig geräumt, zuletzt wurden sie zunehmend auch im Winter genutzt. Boote während der Flut noch zu sichern, war laut BAW kaum möglich, ohne sich in Gefahr zu bringen: Die Stege standen unter Wasser.
Welche Lehren gezogen werden
Die Fachleute des LKN.SH folgern, dass sich die Verfahren zur Bewertung von Küstenschutzbauwerken weiterentwickeln müssen: Die Dauer hoher Wasserstände soll künftig berücksichtigt werden, ebenso der bauliche Zustand der Anlagen. Weil sich der Seegang als so bedeutend erwiesen hat, komme an der Ostsee auch der Seegangsvorhersage eine besondere Bedeutung zu.
Politisch ging es um die Verantwortung für die Regionaldeiche. Umweltminister Tobias Goldschmidt signalisierte laut Landtag die Bereitschaft, Regionaldeiche in Landesdeiche umzuwidmen, wenn die zuständigen Wasser- und Bodenverbände notwendige Investitionen nicht selbst stemmen können. Land und Kommunen verständigten sich auf Grundzüge eines Wiederaufbaufonds von 200 Millionen Euro.
Im November 2024 legte die Landesregierung einen Gesetzentwurf vor, nach dem Betreiber von Campingplätzen und Sportboothäfen auf Sturmflutgefahren hinweisen müssen. Als Sturmflutsaison nennt er die Zeit vom 1. Oktober bis 15. April. Bauaufsichtsbehörden sollen zudem die Nutzung von Gebäuden an abbrechenden Steilufern untersagen können, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Der BAW-Beitrag empfiehlt für Campingplätze konkrete Evakuierungspläne und für Marinas Schwimmstege, die mit dem Wasser steigen.

Video: Schleswig-Holstein: Nach der Jahrhundert-Sturmflut | Die Nordreportage | NDR Doku (NDR Doku) – NDR-Reportage (29 Minuten, Erstausstrahlung 2.11.2023) über Aufräumen und Wiederaufbau an der Küste und die Frage, wie der Küstenschutz künftig aussehen muss.
Hinweis Wiedergegeben ist der Entwurf der Landesregierung vom November 2024. Ob und in welcher Fassung die Regeln beschlossen wurden, prüfe im geltenden Landeswassergesetz Schleswig-Holstein.
Was das für dich heißt
Die Flut von 2023 war gut vorhergesagt. Die Schäden entstanden vor allem dort, wo Menschen und bewegliche Werte im ungeschützten Bereich blieben. Daraus lassen sich einige Schritte ableiten – sie sind unsere Folgerung, nicht Teil der Berichte.
Wie du dich auf Hochwasser allgemein vorbereitest, steht in „Hochwasser und Starkregen“. Was bei einer Räumung mit muss, erklärt „Evakuierung“, Sturmwarnungen und Verhalten bei Orkan „Sturm und Orkan“. Wie lange andere Lagen dauerten, zeigt „Wie lange echte Lagen dauerten“.
- Warnungen ernst nehmen: Das BSH veröffentlicht Wasserstandsvorhersagen für die Ostseepegel. Eine Warnung zwei Tage vorher ist Zeit zum Handeln.
- Lage kennen: Prüfe in den Hochwassergefahrenkarten des Landes, ob deine Wohnung oder dein Ferienort hinter einem Landesschutzdeich, einem Regionaldeich oder ungeschützt liegt.
- Fahrzeuge wegbringen: Wohnmobil, Wohnwagen und Auto rechtzeitig aus tief liegenden Plätzen und Hafenbereichen fahren – vor dem Sturm, nicht währenddessen.
- Nicht zurückgehen: Überflutete Stege, Molen und Uferwege sind kein Ort, um Boot oder Vorzelt noch zu retten.
- Urlaub in der Übergangszeit: Frag auf dem Campingplatz oder im Hafen nach, was bei einer Sturmflutwarnung geplant ist.
Achtung Bei Sturm drohen neben dem Wasser auch umstürzende Bäume und herabfallende Teile. Folge Aufforderungen zur Räumung sofort und meide unnötige Fahrten, solange eine Sturmwarnung gilt.
Häufige Fragen
War es die höchste Ostsee-Sturmflut seit 1872?
Regional ja: Zwischen Flensburg und Eckernförde war es laut Landesbericht die schwerste seit dem 13. November 1872. Die Flut von 1872 selbst wurde an keinem Pegel erreicht, und zwischen Kiel und Lübeck gehört 2023 nicht zu den höchsten Ereignissen.
Was ist der Unterschied zwischen Landesschutzdeich und Regionaldeich?
Landesschutzdeiche sind in Schleswig-Holstein auf ein 200-jährliches Hochwasser ausgelegt. Gebiete hinter Regionaldeichen gelten als eingeschränkt geschützt, weil deren Schutzwirkung im Allgemeinen nicht bekannt ist.
Wann ist an der Ostsee Sturmflutzeit?
Die meisten schweren Ostsee-Sturmfluten fallen in die Monate November bis Januar. Der Gesetzentwurf des Landes nennt als Sturmflutsaison die Zeit vom 1. Oktober bis 15. April.
Wie früh wurde gewarnt?
Das BSH gab die erste Warnung am 17. Oktober 2023 mittags heraus, die Sturmflut begann am 19. Oktober. Die Auswertung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Ostsee bewertet die Warnung als rechtzeitig.
Quellen
- Bericht zur Ostseesturmflut Wolfgang vom 19. bis zum 21.10.2023 (PDF)Land Schleswig-Holstein, erstellt von Thiesen, Peters, Blümel (LKN.SH), Mai 2024 · Wetterlage, Wasserstände je Pegel, Einordnung seit 1872, Verweildauern, Seegang, Schadensbilder, BSH-Klassen
- Die Ostseesturmflut Oktober 2023 in Schleswig-Holstein (Die Küste 94, PDF)Hirschhäuser u. a., LKN.SH und Umweltministerium Schleswig-Holstein, Die Küste 94 (2024) · Schadenssumme, Landesschutz- und Regionaldeiche, Sicherheitsüberprüfung, überströmte und beschädigte Deiche, Schlussfolgerungen
- Ablauf der Ostseesturmflut vom Oktober 2023 (Die Küste 94, PDF)Nöthel u. a., Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee, Die Küste 94 (2024) · Zeitpunkt und Inhalt der BSH-Warnung, Bewertung der Warnung als rechtzeitig
- Die Ostseesturmflut vom 20./21. Oktober – Ursachen des vergleichsweise hohen Schadensaufkommens (Die Küste 94, PDF)Guntram Seiß, Bundesanstalt für Wasserbau, Die Küste 94 (2024) · Schäden an Booten, Campingplätzen und Stränden, Jahreszeit, Vorhersagegüte, Bewertung des Landesküstenschutzes, Evakuierungspläne und Schwimmstege
- Ostsee-Sturmflut: Landespolitik dankt EinsatzkräftenSchleswig-Holsteinischer Landtag, 3. November 2023 · Todesfall auf Fehmarn, gebrochene Regionaldeiche, Landesdeiche hielten, Umwidmung von Regionaldeichen, Wiederaufbaufonds
- Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Landeswassergesetzes (Drucksache 20/2644, PDF)Schleswig-Holsteinischer Landtag, Gesetzentwurf der Landesregierung vom 5. November 2024 · Nicht geräumte Campingplätze, Hinweispflicht für Campingplätze und Sportboothäfen, Sturmflutsaison, Nutzungsuntersagung an Steilufern
