Morsezeichen lassen sich mit Licht und Ton über Sichtweite schicken – mit einem Draht kommen sie auch um die Ecke, durch Wände und über Hunderte Meter. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, wie der elektrische Telegraf funktioniert, und zeigt, wie du aus Batterie, Draht, Blech und einem Nagel zwei Stationen verbindest. Alles bleibt bei Batteriespannung; eine Verbindung zu Strom- oder Telefonnetz ist ausgeschlossen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Telegraf braucht nur vier Teile: Taste, Batterie, Leitung und am anderen Ende einen Elektromagneten.
- Einen Elektromagneten wickelst du aus einem Eisennagel und lackiertem Kupferdraht selbst.
- Je länger und dünner der Draht, desto größer sein Widerstand – am fernen Ende kommt weniger an.
- Zwei Stationen mit je Batterie und Taste teilen sich zwei Drähte; beide Pluspole an denselben Draht.
- Nie über Straßen, nie nahe Freileitungen, nie an Strom- oder Telefonnetz, bei Gewitter weg vom Draht.
Das Prinzip: Strom an, Magnet zieht
Der elektrische Telegraf nutzt eine einzige Wirkung des Stroms: Eine Spule, durch die Strom fließt, wird zum Magneten. LEIFIphysik, das Physikportal des FWU Instituts für Film und Bild, beschreibt den Aufbau so knapp, wie er ist. Der Sender besteht nur aus einer Taste, mit der kurze oder lange elektrische Impulse auf eine Leitung gegeben werden. Der Empfänger besteht aus einem Elektromagneten, über dem ein Anker sitzt.
Drückst du die Taste, ist der Stromkreis geschlossen, der Elektromagnet zieht den Anker an. Lässt du los, fällt der Anker zurück. Im historischen Schreibtelegrafen trug der Anker einen Stift, der auf einem Papierstreifen kurze und lange Striche hinterließ; ein Uhrwerk zog den Streifen mit gleichmäßiger Geschwindigkeit weiter. Aus der Folge der Striche las man mit dem Morsealphabet die Buchstaben.
Für den Selbstbau brauchst du kein Uhrwerk. Es genügt, den Anker hörbar zu machen – als Klicken, als Summen oder als Lampe, die aufleuchtet. Das Alphabet selbst, den Takt und die Notzeichen erklärt der Artikel „Morsen, Lichtzeichen, Spiegel, Flaggen“; hier geht es um die Technik dahinter.
Kurz zur Geschichte: Göttingen, München, Morse
Nach der Universität Göttingen bauten Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber den ersten elektromagnetischen Telegrafen der Welt und erprobten ihn im Mai 1833 erfolgreich. Die Leitung war mehr als einen Kilometer lang und führte über Dächer und Türme der Stadt vom damaligen Physikalischen Kabinett zur Sternwarte. Die beiden entwickelten dafür den ersten Telegrafencode mit fünf Bit. Eine der ersten Nachrichten lautete „Wissen vor Meinen, Sein vor Scheinen“ – ihre Übermittlung dauerte 270 Sekunden.
LEIFIphysik ordnet den Gauß-Weber-Apparat als Nadeltelegrafen ein, der sich im praktischen Einsatz bewährte. Nach seinem Vorbild baute Carl August von Steinheil 1837 in München einen zweiten Telegrafen. Im selben Jahr stellte Samuel Morse sein System vor, das sich nach LEIFIphysik wegen seiner Einfachheit und Robustheit durchsetzte und mehr als hundert Jahre im Einsatz blieb. Sein erster Apparat war auf einer Malerstaffelei aufgebaut.
Die Lehre daraus für heute: Das Verfahren ist so einfach, dass es mit den Mitteln einer Werkstatt des 19. Jahrhunderts funktionierte. Genau das macht es für eine Lage ohne Netz interessant.
Video: Carl Friedrich Gauß und die Geburtsstunde der Telekommunikation | Studierende informieren (Universität Göttingen) – Studentischer Film der Universität Göttingen über den Telegrafen von Gauß und Weber von 1833 und seine Bedeutung für die Telekommunikation.
Den Elektromagneten selbst wickeln
LEIFIphysik beschreibt einen Heimversuch, der sich direkt übernehmen lässt. Du brauchst eine Batterie, am besten eine 4,5-Volt-Flachbatterie, einen Eisennagel oder eine Eisenschraube von etwa 6 cm Länge und rund 2 m Kupferdraht, am besten lackierten Draht mit 0,3 mm Durchmesser. Die Drahtenden werden auf 1,5 cm Länge abisoliert, bei Lackdraht also blank geschabt.
Dann wickelst du den Draht eng und möglichst oft um den Nagel; ist er zu dick, geht es auch in mehreren Lagen. Schließt du die Enden an die Batterie, zieht der Nagel Büroklammern an. LEIFIphysik weist ausdrücklich darauf hin, dass der Magnet nur kurz an der Batterie hängen soll, weil er viel Energie verbraucht. Für den Telegrafen passt das: Strom fließt nur, solange die Taste gedrückt ist.
Als Anker dient ein Streifen aus Eisenblech, etwa aus einer Konservendose, der federnd knapp über dem Nagelkopf sitzt. Zieht der Magnet, schlägt der Streifen hörbar an – ein einfacher Klopfer. Den Abstand stellst du durch Biegen so ein, dass der Streifen sicher angezogen wird und beim Loslassen zurückspringt.
Tipp Schneidkanten von Dosenblech sind scharf. Feile sie ab oder falte den Rand um, bevor du den Streifen anfasst und biegst.
Summer, Klopfer oder Lampe
Ein Klopfer macht nur ein Klicken beim Drücken und eines beim Loslassen; lange und kurze Zeichen unterscheidest du am Abstand. Leichter zu hören ist ein Summer. Er arbeitet wie eine elektrische Klingel, die LEIFIphysik als Selbstunterbrecher erklärt: Fließt Strom durch die Spule, zieht sie den Anker an. Dabei löst sich ein Kontakt, der Strom bricht ab, der Anker schwingt zurück, schließt den Kontakt wieder, und alles beginnt von vorn.
Für den Eigenbau heißt das: Der Strom zum Magneten läuft über den Blechanker selbst und über eine Kontaktschraube, an der der Anker in Ruhe anliegt. Solange die Taste gedrückt ist, schnarrt der Anker. Nach LEIFIphysik sorgt bei käuflichen Klingeln eine Feder dafür, dass der Anker immer in dieselbe Lage zurückkehrt und der Kontakt sicher schließt; ohne sie bleibt eine einfache Klingel mit der Zeit stehen.
Hast du einen fertigen Summer oder eine alte Türklingel für Kleinspannung, nimm sie. Eine kleine Glühlampe oder Leuchtdiode mit passendem Vorwiderstand geht ebenfalls; sie ist leise und eignet sich, wenn niemand mithören soll. Achte in jedem Fall darauf, dass Summer oder Lampe für die Spannung deiner Batterie gemacht sind.
Zwei Stationen verbinden: eine Bauanleitung
Die folgende Schaltung ist ein Vorschlag der Redaktion, keine Norm. Sie kommt mit zwei Drähten aus, und beide Seiten können senden und hören. Jede Station hat eine Taste, eine Batterie und einen Summer. Die beiden Leitungsdrähte nennst du „Plus“ und „Minus“ und markierst sie an beiden Enden, etwa mit Klebeband in zwei Farben.
An jeder Station hängt der Summer direkt zwischen den beiden Drähten. Ebenfalls zwischen den beiden Drähten liegt die Reihe aus Batterie und Taste: Pluspol der Batterie an den Plusdraht, Minuspol über die Taste an den Minusdraht. Drückt eine Seite ihre Taste, bekommen beide Summer Strom – der ferne und der eigene, sodass du dich selbst mithörst.
Die Taste baust du aus einem Holzbrett, einem federnden Blechstreifen, den du an einem Ende festschraubst, und einer Schraube darunter als Gegenkontakt. Ein Draht kommt an den Streifen, einer an die Schraube; drückst du den Streifen herunter, ist der Kreis zu. Als Leitung taugt jeder isolierte Doppeldraht, etwa Klingeldraht oder Lautsprecherkabel.
- Beispielwerte: je Station eine 4,5-Volt-Flachbatterie oder zwei in Reihe für 9 Volt, dazu ein Summer für dieselbe Spannung.
- Beide Batterien mit dem Pluspol an denselben Draht – sonst schließt ihr sie kurz, sobald beide gleichzeitig drücken.
- Erst auf dem Tisch mit kurzem Draht testen, dann die lange Leitung verlegen.
- Blanke Verbindungsstellen isolieren, damit die beiden Drähte sich nicht berühren.
- Batterien abklemmen, wenn nicht gefunkt wird.
Leitungslänge und Spannungsabfall
Jeder Draht hat einen Widerstand. Nach LEIFIphysik wächst er proportional mit der Länge und sinkt, je größer der Querschnitt ist; Kupfer gehört zu den besten Leitern. Weil der Strom hin und zurück muss, zählt die doppelte Strecke. Am fernen Summer kommt deshalb weniger Spannung an als an der Batterie – er wird leiser oder schweigt.
Ein eigenes Rechenbeispiel mit dem Wert aus der LEIFIphysik-Tabelle: Zwei Drähte von je 100 m aus Kupfer mit 0,5 mm² Querschnitt haben zusammen rund 6,8 Ohm. Bei einem sparsamen Summer ist das wenig, bei einer Glühlampe, die mehr Strom zieht, kann es schon spürbar sein. Dünner Klingeldraht über mehrere hundert Meter summiert sich entsprechend.
Die Abhilfen folgen daraus: dickeren Draht nehmen, Verbraucher wählen, die wenig Strom brauchen, oder Batterien in Reihe schalten und die Spannung erhöhen – aber nur so weit, wie Summer und Lampe es vertragen, und immer im Bereich der Kleinspannung. Wie du mit einer 12-Volt-Batterie sicher umgehst, steht im Artikel „Die 12-Volt-Welt“.
Betriebsverfahren: rufen, bestätigen, übergeben
Zwei Stationen auf einer Leitung brauchen Regeln, sonst drücken beide gleichzeitig und keiner versteht etwas. Vereinbart vorher einen Anruf, etwa den Anfangsbuchstaben der gerufenen Station, mehrmals wiederholt. Die gerufene Seite antwortet mit ihrem eigenen Buchstaben – damit ist die Verbindung bestätigt.
Danach sendet immer nur eine Seite. Wer fertig ist, gibt das Wort mit K ab (– · –), der Aufforderung zum Senden. Für „verstanden“, „warten“, „Irrung“ und das Ende einer Nachricht gibt es festgelegte Betriebszeichen der Internationalen Fernmeldeunion; sie stehen in der Tabelle im Artikel „Morsen, Lichtzeichen, Spiegel, Flaggen“. Schreibt jede Nachricht mit Uhrzeit auf, dann lässt sich später nachvollziehen, was angekommen ist.
Legt außerdem feste Hörzeiten fest, zum Beispiel zu jeder vollen Stunde. Ein Summer, der eingeschaltet auf Anrufe wartet, braucht keinen Strom – erst die gedrückte Taste zieht Strom aus der Batterie.

Achtung Gefahr: Ein Draht in der Nähe einer Freileitung kann tödliche Spannung abbekommen. Der Netzbetreiber MITNETZ STROM rät schon beim Drachensteigen zu 500 m Abstand von Leitungen und warnt, dass eine Schnur bei Gewitter wie ein Blitzableiter wirken kann – das gilt für jeden gespannten Draht. Spanne die Leitung nie über Straßen oder Wege, auf denen sie andere gefährdet, und verbinde sie nie mit Strom- oder Telefonnetz. Zieht ein Gewitter auf, Hände weg von Taste und Draht. Batteriepole nie kurzschließen. Zuständig: Hängt etwas in einer Stromleitung, nicht selbst bergen, sondern den Netzbetreiber rufen, bei Verletzten 112.
Häufige Fragen
Brauche ich für einen Telegrafen gefährliche Spannung?
Nein. Der Heimversuch von LEIFIphysik arbeitet mit einer 4,5-Volt-Flachbatterie. Auch für längere Leitungen bleibst du bei Batterien im Bereich der Kleinspannung.
Wie weit reicht so eine Leitung?
Eine feste Grenze gibt es nicht; sie hängt von Drahtquerschnitt, Batterie und Verbraucher ab. Gauß und Weber überbrückten schon 1833 mehr als einen Kilometer. Probiere es mit deinem Material aus und prüfe, ob am Ende noch genug ankommt.
Kann ich die alte Telefonleitung im Haus nutzen?
Nur Drähte, die mit keinem Netz mehr verbunden sind und dir gehören. Eine Leitung, die zum Telefon- oder Stromnetz führt, fasst du nicht an und schließt nichts daran an.
Geht das auch ohne Morsealphabet?
Für einfache Absprachen ja: Vereinbart wenige Zeichen, etwa einmal lang für „komm“ und dreimal kurz für „alles gut“. Für freie Nachrichten lohnt sich das Alphabet.
Quellen
- MORSE-ApparatLEIFIphysik, FWU Institut für Film und Bild · Aufbau aus Taste, Leitung und Elektromagnet mit Anker, Schreibtelegraf mit Uhrwerk, Gauß-Weber-Nadeltelegraf, Morse 1837, Steinheil
- Elektromagnet (Heimversuch)LEIFIphysik, FWU Institut für Film und Bild · Material und Bauweise des selbst gewickelten Elektromagneten, nur kurz anschließen
- Elektrische KlingelLEIFIphysik, FWU Institut für Film und Bild · Selbstunterbrecher-Prinzip, Feder am Anker
- Spezifischer WiderstandLEIFIphysik, FWU Institut für Film und Bild · Widerstand proportional zur Länge, umgekehrt zum Querschnitt, Wert für Kupfer
- Erster elektromagnetischer Telegraph der Welt über den Dächern von GöttingenGeorg-August-Universität Göttingen · Erprobung im Mai 1833, Leitung über einen Kilometer, 5-Bit-Code, erste Nachricht in 270 Sekunden, Steinheil 1837
- Vorsicht beim Drachensteigen in der Nähe von StromleitungenMITNETZ STROM (Netzbetreiber, Unternehmen) · 500 m Abstand zu Leitungen, Lebensgefahr, Schnur als Blitzableiter bei Gewitter, nicht selbst bergen, Netzbetreiber rufen
