Wer Wissen auf Papier sichern will, braucht irgendwann neues Papier, etwas zum Schreiben und eine Tinte, die hält. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ zeigt, wie du aus Altpapier einen Bogen schöpfst, wie die Papiermühlen es mit Lumpen taten, wie eine Eisengallustinte nach einem mittelalterlichen Rezept entsteht und wie ein Gänsekiel zum Schreibgerät wird. Wie lange Papier und Schrift halten und wie du sie lagerst, steht im Artikel „Wissen sichern: warum Papier Festplatten überlebt“.
Das Wichtigste in Kürze
- Papier ist ein Faserbrei, der auf einem Sieb abgeschöpft, auf ein Tuch gegautscht, gepresst und getrocknet wird.
- Erst Leim macht Papier beschreibbar – die Papiermühlen kochten ihn aus Tierhäuten und Klauen.
- Eisengallustinte entsteht aus Galläpfeln, Eisenvitriol, Gummi arabicum und Wasser oder Wein.
- Eisen(II)-sulfat reizt Augen und Haut und ist beim Verschlucken gesundheitsschädlich – Kinder fernhalten.
- Ein Gänsekiel wird vor dem Zuschnitt in Wasser eingeweicht und in heißem Sand gehärtet.
Vom Lumpen zum Bogen: wie Papiermühlen arbeiteten
Papier war nicht immer selbstverständlich. Nach dem Klostermühlenmuseum Thierhaupten baute der Handelsherr Ulmann Stromer 1390 in Nürnberg die erste Papiermühle Deutschlands. Rohstoff waren Leinenhadern, also Lumpen, die Lumpensammler zur Mühle brachten. Dort ließ man sie faulen, in Faulkellern oder Steingruben, und zerstampfte sie dann in einem Stampfwerk, bis sich die Fasern im Wasser zu einer gleichmäßigen Masse auflösten.
Die Arbeit war geteilt. Der erste Geselle schöpfte mit dem Sieb einen Bogen aus der Bütte, der Gautscher drückte das Sieb mit dem nassen Blatt auf einen Filz, der Leger trennte später Filze und Bogen. Der Stapel aus Filzen und Papier wurde in einer Spindelpresse ausgepresst, die Bogen wurden auf dem Dachboden zum Trocknen aufgehängt.
Holz als Rohstoff kam erst spät. Das Museum nennt Friedrich Gottlob Kellers Holzschliff als Antwort auf den Lumpenmangel, der mit den Papiermaschinen entstand. In Thierhaupten selbst arbeiteten die Papierer fast 250 Jahre, bis ein Brand 1847 die Herstellung beendete. Das Museum zeigt heute den Nachbau eines Hadernstampfwerks und einer Schöpfbütte – solche Vorführungen sind der beste Weg, das Handwerk zu sehen.

Video: Papier Handschöpfen (Deutsches Museum) – Vorführung im Deutschen Museum: Fasern werden mit dem Schöpfrahmen aus der Bütte geschöpft, auf Filze übertragen, gepresst und zum Trocknen aufgehängt. Knapp 7 Minuten.
Der Papierbrei: aus Altpapier oder Lumpen
Am einfachsten gelingt der Einstieg mit Altpapier. Der Abfallzweckverband Hof empfiehlt in seiner Anleitung Zeitungspapier: erst in Streifen, dann in Stücke etwa von der Größe einer 2-Euro-Münze reißen. Die Stücke kommen locker in einen Standmixer, der zu drei Vierteln mit Papier und zu drei Vierteln mit Wasser gefüllt wird. Nach etwa 20 Sekunden ist ein gleichmäßiger Brei entstanden, die Pulpe. Sie wird in eine Wanne gegossen, bis diese zur Hälfte gefüllt ist.
Ohne Strom fehlt der Mixer. Dann bleibt der Weg der Papiermühlen: Fasern einweichen und so lange stampfen, bis sie sich im Wasser lösen. Das Vorbild sind die Leinenhadern. Wie viel Handarbeit das kostet, nennen die Quellen nicht; rechne mit Geduld – das ist eine Folgerung der Redaktion aus der Beschreibung des Stampfwerks.
Rühre den Brei vor jedem Schöpfen mit der Hand auf, denn die Fasern setzen sich ab. Reste gehören nach dem AZV Hof in die Toilette, keinesfalls in das Waschbecken.
Schöpfrahmen bauen und schöpfen
Das Werkzeug ist schlicht. Der AZV Hof beschreibt ein Set aus zwei rechteckigen Holzrahmen, von denen einer mit feinmaschigem Gitter bespannt ist. Ein straff gespanntes Fliegengitter erfüllt diesen Zweck; das ist eine Übertragung der Redaktion. Der Rahmen ohne Gitter, der Deckel, legt den Rand des Bogens fest.
Lege beide Rahmen exakt übereinander, den Rahmen ohne Gitter oben, beim Siebrahmen die Netzseite nach oben. Tauche das Set schräg in die Pulpe, ohne es ganz unterzutauchen, richte es gerade aus und verteile den Brei durch leichtes Hin- und Herschwenken gleichmäßig. Dann stellst du den Rahmen schräg auf den Wannenrand, lässt ihn kurz abtropfen und nimmst mit einem Schwamm von unten Wasser ab.
Ein altes Extra: Wasserzeichen. Nach dem Klostermühlenmuseum entstanden sie, indem man in der gewünschten Form einen Draht auf das Schöpfsieb nähte. Hält man den fertigen Bogen gegen das Licht, scheint die Figur durch.
Gautschen, pressen, trocknen
Gautschen heißt: den nassen Faserfilm vom Sieb auf eine Unterlage übertragen. Der AZV Hof geht so vor: Deckrahmen vorsichtig abheben, ein Vlies oder eine gefaltete Zeitung auflegen, einen festen Karton darüber, alles zusammen umdrehen. Dann drückt eine zweite Person das Sieb auf die Unterlage, während aufquellendes Wasser mit einem Lappen abgetupft wird – tupfen, nicht reiben. Das Sieb hebst du langsam von einer Ecke aus ab.
Nun wird entwässert. Leg ein weiteres Vlies auf den Bogen und roll mit einem Nudelholz darüber, nicht zu fest. Danach nimmst du das obere Vlies ab und legst den Bogen mit seiner Unterlage auf eine glatte, wasserbeständige Fläche. Das Trocknen dauert nach dem AZV Hof etwa 2 bis 3 Tage. Wer viele Bogen macht, stapelt sie wie die Papiermühlen abwechselnd mit Tüchern und presst den ganzen Stapel.
Zum Schluss den Schöpfrahmen unter fließendem Wasser gründlich abspülen. Blätter oder Halme lassen sich schon beim Schöpfen in den Bogen einlegen.
Leimen: damit die Tinte nicht verläuft
Ein frisch geschöpfter Bogen ist noch kein Schreibpapier. Nach dem Klostermühlenmuseum Thierhaupten musste die Oberfläche behandelt werden, um die Bogen beschreibbar zu machen. Dafür gab es in jeder Papiermühle eine Leimküche, in der aus Tierhäuten und Klauen Leim gekocht wurde. Ungeleimtes Papier nimmt Tinte auf und lässt sie verlaufen; für Kohle und Bleistift stört das weniger – beides ist eine Folgerung der Redaktion.
Anschließend glätteten die Papierer jeden Bogen von Hand mit einem Glättstein, sortierten die Bogen nach Qualität und bündelten sie zum Ries. Wie der Leim genau aufgetragen wurde und in welcher Stärke, beschreiben die hier genutzten Quellen nicht. Probiere eine dünne Leimlösung deshalb zuerst an einem Probebogen aus, bevor du einen ganzen Stapel behandelst.
Eisengallustinte nach einem alten Rezept
Die häufigste Tinte des Mittelalters war nach Planet Wissen (WDR) die Eisengallustinte. Ihr Grundstoff sind Galläpfel: Wucherungen, die an dünnen Ästen und Blättern junger Eichen entstehen, wenn die Gallwespe dort ihr Gelege ablegt. Sie wachsen in drei bis sechs Monaten, werden bis kirschgroß und bestehen bis zu 60 Prozent aus Gerbsäure.
Zweiter Bestandteil ist Vitriol, das in Wasser lösliche schwefelsaure Salz von Eisen oder Kupfer; für diese Tinte ist es Eisenvitriol, chemisch Eisen(II)-sulfat. Zusammen mit Gerbsäure und Luftsauerstoff fällt ein schwarzer Eisengallat-Komplex aus. Die Schrift dunkelt deshalb an der Luft nach. Als Lösungs- und Bindemittel nennt Planet Wissen Wasser, Gummi arabicum, Alaun, Zucker und Wein.
Planet Wissen gibt ein Rezept aus dem Heidelberger Codex Pal. germ. 489 wieder, sinngemäß: Nimm ein Viertel Maß Wasser oder Wein und ein Lot gut zerstoßene Galläpfel, gib sie ins Wasser und lass es eine halbe Stunde kochen. Gib ein Lot zerstoßenes Gummi arabicum hinein, rühr um und lass es eine kleine Weile kochen. Dann ein Lot zerstoßenes Vitriol hinein, gut umrühren und aufpassen, dass es nicht überläuft. Maß und Lot sind alte Einheiten; das Rezept legt vor allem gleiche Gewichtsteile Galläpfel, Gummi und Vitriol fest.

Achtung Gefahr: Eisen(II)-sulfat ist nach der GESTIS-Stoffdatenbank der Unfallversicherung beim Verschlucken gesundheitsschädlich und reizt Augen und Haut; nach dem Verschlucken sind lebensbedrohliche Vergiftungen möglich. Trag beim Zerstoßen eine Schutzbrille, vermeide Staub und bewahre Vitriol und fertige Tinte verschlossen und für Kinder unerreichbar auf. Koch die Tinte nicht in Geschirr, das danach wieder für Essen dient. Wer Ruß über einer offenen Flamme sammelt, arbeitet mit Brandgefahr – nur auf nicht brennbarer Unterlage und nie unbeaufsichtigt. Rechtslage: Eine Genehmigung oder Meldepflicht berührt das Thema nicht. Zuständig: Bei Verschlucken oder Augenkontakt ärztliche Hilfe holen, im Notfall 112.
Tintenfraß und Rußtinte: was wie lange hält
Eisengallustinte galt als Schreibmittel für die Ewigkeit, hat aber einen Preis. Nach Planet Wissen setzt sie beim Altern Schwefelsäure frei, die das Papier zersetzt – der sogenannte Tintenfraß. Außerdem ließen ihre Salze die ab 1750 aufkommenden Stahlfedern nach kurzem Gebrauch rosten. Für selbst angesetzte Eisengallustinte ist der Federkiel daher das passende Werkzeug.
Die ältere Lösung ist Rußtinte. Schon vor 5.000 Jahren schrieben die Ägypter nach Planet Wissen mit Tinten aus Ruß oder eisenoxidhaltigen Erden, Wasser und einem gummiähnlichen Bindemittel. In China presste man später Ruß aus verbranntem Lack und Nadelholzkohle zu Stangen und rieb diese Trockenfarbe so lange in Wasser, bis man damit schreiben konnte. Das ist das Prinzip der Tusche. Die Kehrseite: Rußtinte ließ sich auf Papyrus leicht abwaschen.
Für Wichtiges ist heute Laser-Toner oder Bleistift die sicherere Wahl, wie der Artikel über Papier als Wissensspeicher mit dem Bundesarchiv begründet. Selbst angesetzte Tinte ist der Weg, wenn diese Mittel nicht mehr nachkommen.
Den Gänsekiel härten und zuschneiden
Federkiele ersetzten nach dem Museum für Weinbau und Stadtgeschichte Edenkoben in Europa seit dem 4. Jahrhundert das Schilfrohr. Meist nahm man Gänsefedern, und zwar die äußersten fünf Federn eines Flügels. Weil die Federn leicht gekrümmt sind, greifen Rechtshänder zu Federn des linken Flügels, Linkshänder zu Federn des rechten. Die störende Befiederung am Kiel wurde meist entfernt.
Vor dem Zuschnitt wird der Kiel gehärtet. Nach dem Museum schneidest du ihn schräg an und entfernst das Mark oder drückst es zurück. Dann weichst du ihn in einem Glas Wasser ein, bis er ganz weiß aussieht. Danach steckst du ihn in heißen Sand – so heiß, dass der Kiel zischt, aber nicht reißt – und lässt ihn darin, bis er an der Spitze durchscheinend ist. Zum Schluss wird die Haut auf dem Kiel mit einem scharfen Messer abgeschabt.
Den eigentlichen Zuschnitt der Schreibspitze beschreibt die Museumsquelle nicht im Einzelnen. Lass ihn dir am besten in einer Schreibwerkstatt oder einem Museum zeigen und übe an mehreren Federn. Planet Wissen merkt nüchtern an, dass Gänsekiele zum Klecksen neigen.
Häufige Fragen
Brauche ich für Papier unbedingt einen Mixer?
Nein. Die Papiermühlen haben Lumpen gefault und im Stampfwerk zerstampft, bis sich die Fasern im Wasser lösten. Mit dem Mixer geht es nur schneller.
Warum verläuft die Tinte auf meinem selbst geschöpften Papier?
Vermutlich ist der Bogen ungeleimt. Die Papiermühlen behandelten die Oberfläche mit Leim aus Tierhäuten und Klauen, um sie beschreibbar zu machen, und glätteten die Bogen danach mit einem Glättstein.
Hält Eisengallustinte ewig?
Sie ist wasserfest, setzt beim Altern aber Schwefelsäure frei, die das Papier zersetzt. Dieser Tintenfraß kann beschriebene Stellen mit der Zeit zerstören.
Kann ich mit Eisengallustinte und Stahlfeder schreiben?
Stahlfedern rosteten nach Planet Wissen schon nach kurzem Gebrauch durch die Salze der Tinte. Nimm für selbst angesetzte Tinte besser einen Federkiel.
Quellen
- Die PapiermühleKlostermühlenmuseum Thierhaupten (Museum) · Erste Papiermühle Nürnberg 1390, Leinenhadern, Faulen und Stampfen, Schöpfen, Gautschen, Leger, Spindelpresse, Trocknen, Leimküche mit Leim aus Tierhäuten und Klauen, Glättstein, Wasserzeichen, Holzschliff nach Keller, Brand 1847
- Wir schöpfen Papier – AnleitungAbfallzweckverband Stadt und Landkreis Hof (AZV Hof) · Material, Schöpfrahmenset aus zwei Holzrahmen mit Gitter, Pulpe, Schöpfen, Gautschen, Entwässern mit Nudelholz, 2 bis 3 Tage Trocknen, Entsorgung der Reste
- Tinte: EisengallustintePlanet Wissen (WDR) · Galläpfel, Vitriol, Eisengallat-Komplex, Bindemittel, Rezept aus dem Heidelberger Codex Pal. germ. 489
- Farbe: TintePlanet Wissen (WDR) · Rußtinte in Ägypten und China, Tintenfraß durch Schwefelsäure, Stahlfedern ab 1750 rosten, Gänsekiele klecksen
- Federkiel (Objekt, 1820–1823)Museum für Weinbau und Stadtgeschichte Edenkoben, museum-digital:rheinland-pfalz · Federkiel seit dem 4. Jahrhundert, äußerste fünf Federn, linker Flügel für Rechtshänder, Härten mit Wasser und heißem Sand, Haut abschaben
- GESTIS-Stoffdatenbank: Eisen(II)-sulfatInstitut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) · Einstufung H302, H315, H319; reizende Wirkung auf Augen, Haut und Schleimhäute; lebensbedrohliche Vergiftungen nach Verschlucken möglich; Staubentwicklung vermeiden
