Der Kühlschrank hat sich in Deutschland erst ab 1950 verbreitet. Vorher kühlte man mit verdunstendem Wasser, mit dem Erdreich und mit Eis, das im Winter geerntet und für den Sommer aufgehoben wurde. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt die drei Prinzipien, zeigt, wie du einen Tonkrugkühler baust, und sagt ehrlich, wo die Grenze liegt: Fleisch, Milch und Reste bleiben so nicht verlässlich kalt genug.
Das Wichtigste in Kürze
- Verdunstung kühlt nur bei trockener Luft. Laut FAO sinkt die Temperatur wenig, die Luftfeuchte steigt stark.
- Ein Tonkrugkühler hielt Tomaten und Möhren in Tests im Sudan bis zu 20 Tage frisch statt 2 bis 4 Tage.
- Der Boden dämpft Hitze und Kälte, fast konstant ist die Temperatur aber erst unterhalb von 10 bis 15 m.
- Eiskeller hielten Natureis bis in den Sommer – mit Stroh als Dämmung und Kies für das Schmelzwasser.
- Leicht Verderbliches gehört laut BfR auf höchstens 7 °C, besser unter 5 °C. Das schafft Verdunstung nicht sicher.
Drei Wege, Wärme fernzuhalten
Kühlen ohne Strom heißt nicht, Kälte zu erzeugen, sondern Wärme abzuführen oder draußen zu halten. Dafür gibt es drei alte Mittel, die sich gut kombinieren lassen: verdunstendes Wasser, das Erdreich und Dämmung. Im Winter kommt ein viertes hinzu – Eis, das man für den Sommer aufhebt.
Wenn Wasser verdunstet, entzieht es seiner Umgebung Energie, und das kühlt spürbar. So erklärt es das Merkblatt der gemeinnützigen Entwicklungsorganisation Practical Action, das die Welternährungsorganisation FAO veröffentlicht. Der Boden wiederum speichert Wärme und gibt sie nur langsam weiter. Dämmstoffe wie Stroh oder Torf halten sie fern.
Eis ist dabei mehr als kaltes Wasser. Nach dem FAO-Schulungshandbuch zur Kühlung von Obst und Gemüse nimmt Eis weiter Wärme auf, solange es schmilzt. Ein Pfund Eis kühlt dort etwa drei Pfund Erntegut von 29,4 auf 4,4 Grad.
Verdunstung: stark bei trockener, schwach bei feuchter Luft
Wie viel ein Verdunstungskühler bringt, hängt nach Practical Action vor allem an der Luftfeuchte. Sehr trockene Luft nimmt viel Wasser auf, entsprechend stark ist die Kühlung. Ist die Luft vollständig mit Wasser gesättigt, verdunstet nichts mehr, und es wird auch nicht kühler.
Das FAO-Schulungshandbuch ist dabei nüchtern: In einfachen Verdunstungskühlern sinkt die Temperatur nur wenig. Ihr eigentlicher Nutzen ist die Luftfeuchte, die auf 90 Prozent und mehr steigt. Das bremst Wasserverlust, Welken, Schrumpeln und Nachreifen – genau das, was Obst und Gemüse ohne Kühlung schnell verdirbt.
Für Mitteleuropa folgt daraus eine Einschränkung: An schwülen Sommertagen leistet ein solcher Kühler weniger als im heißen, trockenen Klima, für das die meisten Bauformen entwickelt wurden. Am meisten bringt er an warmen, trockenen und windigen Tagen. Practical Action rät, jeden Verdunstungskühler in den Schatten zu stellen; Wind verstärkt die Kühlung.
Video: How to preserve and keep food fresh using a zeer pot clay fridge (Practical Action) – Kurzer englischer Clip (36 s) von Practical Action aus dem Sudan: der Zeer im Einsatz. Die Organisation ist Quelle der Haltbarkeitstests im Artikel.
Tipp Leg ein Thermometer in den Kühler und eines daneben. Nach ein paar Tagen weißt du, was dein Aufbau an deinem Standort wirklich leistet.
Bauanleitung: der Tonkrugkühler
Die bekannteste Bauform stammt von Mohammed Bah Abba, einem Lehrer aus Nigeria: Ein kleinerer Tontopf steckt in einem größeren, der Zwischenraum ist mit Sand gefüllt. Im Sudan haben Practical Action und ein Frauenverband für Töpferwaren die Bauart getestet. Dort heißt sie nach dem arabischen Wort für die großen Krüge „Zeer“.
Maße gibt das Merkblatt nicht vor. Wichtig ist, dass der Ton porös ist, denn ein Verdunstungskühler besteht nach Practical Action aus einem porösen Material, das mit Wasser versorgt wird. Das Wasser wandert durch die Außenwand und verdunstet an ihrer Oberfläche. So gehst du vor:
- Zwei unglasierte Tontöpfe besorgen, den inneren so viel kleiner, dass rundum eine Fuge von einigen Fingern Breite bleibt.
- Das Bodenloch des inneren Topfes mit Ton oder einem Korken verschließen.
- Den Boden des großen Topfes mit Sand bedecken, bis der kleine Topf mit dem Rand etwa auf Höhe des großen steht.
- Den kleinen Topf mittig einsetzen und die Fuge rundum mit Sand füllen.
- Den Sand mit Wasser tränken und ihn von nun an immer feucht halten.
- Obst oder Gemüse in den inneren Topf legen und ihn mit einem feuchten Tuch abdecken.
- Den Kühler schattig und luftig aufstellen, damit Wind die Außenwand trifft.
| Lagergut | Ohne Zeer | Mit Zeer |
|---|---|---|
| Tomaten | 2 Tage | 20 Tage |
| Guaven | 2 Tage | 20 Tage |
| Rucola | 1 Tag | 5 Tage |
| Okra | 4 Tage | 17 Tage |
| Möhren | 4 Tage | 20 Tage |
Kühlschränke aus Holz, Jute und Holzkohle
Beim Janata-Kühler, den der indische Food and Nutrition Board entwickelt hat, steht ein Vorratstopf in einer Tonschale mit Wasser. Darüber liegt ein feuchtes Tuch, dessen Ende ins Wasser taucht und es nach oben saugt. Die Schale selbst steht auf nassem Sand, der sie vom heißen Boden trennt.
Practical Action beschreibt einen Bambuskühler: In einer großen Wasserwanne stehen Ziegel, darauf ein offen geflochtener Zylinder aus Bambus, umwickelt mit Sackleinen aus Jute, das unten ins Wasser taucht. Das Almirah ist die Schrankversion – ein Holzrahmen mit Stoffbespannung, Wasserschalen unten und oben, in die der Stoff taucht, dazu Tür und Regale.
Ohne Stoff kommt der Holzkohlekühler aus. Ein offener Holzrahmen von etwa 50 mal 25 Millimetern Querschnitt wird innen und außen mit Gitter bespannt, der etwa 25 Millimeter breite Zwischenraum mit Holzkohlestücken gefüllt und mit Wasser besprüht. Practical Action stellt ihn draußen auf einen Pfahl mit Blechkegel gegen Ratten und fettet den Pfahl gegen Ameisen ein; ein überstehendes Dach hält Insekten ab.
Für große Mengen gibt es den Kühlraum des Indian Agricultural Research Institute: eine doppelte Ziegelwand mit etwa 75 Millimetern Fuge, gefüllt mit Sand. Rund 400 Ziegel ergeben einen Raum für etwa 100 kg. Einmal ganz durchnässt, genügt nach Practical Action zweimaliges Besprühen am Tag.
Das Erdreich als Puffer – und kaltes Wasser aus der Tiefe
Der Boden gleicht Hitze und Kälte aus, aber langsamer und schwächer, als oft angenommen wird. Nach dem Deutschen Wetterdienst setzt sich die starke Erwärmung an Strahlungstagen nur zeitverzögert und abgeschwächt in tiefere Schichten fort. Im Sommer ist es oben wesentlich wärmer als in 100 cm Tiefe, im Winter kehrt sich das um. Bewuchs und eine Schneedecke isolieren den Boden zusätzlich.
Wirklich gleichmäßig wird es erst tief unten. Laut Geologischem Dienst NRW bestimmen in den obersten 10 bis 15 Metern Sonne, Luft und versickerndes Regenwasser die Bodentemperatur. Darunter liegt sie bis in rund 50 Meter ziemlich konstant bei etwa 10 °C. Ein Erdkeller in ein bis zwei Metern Tiefe folgt also den Jahreszeiten – gedämpft und verzögert, aber nicht gleichbleibend. Wie kalt es an deinem Standort ist, zeigt nur ein Thermometer.
Grundwasser hat nach dem Geologischen Dienst über das Jahr eine nahezu konstante Temperatur. Kaltes Brunnen- oder Quellwasser eignet sich deshalb, um geschlossene Flaschen und Gefäße zu kühlen, etwa in einem Eimer, dessen Wasser du regelmäßig erneuerst. Offene Lebensmittel gehören nicht ins Wasser, und in einen Brunnen, aus dem getrunken wird, hängst du nichts hinein.
Wie du Kartoffeln, Möhren und Kohl im Erdreich über den Winter bringst, steht im Artikel „Gemüse lagern ohne Strom: Erdmiete, Erdkeller, Sandkiste“.
Eiskeller und Eishaus: Winterkälte für den Sommer
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, eine private Stiftung, beschreibt in ihrem Magazin Monumente, wie Schloss- und Gutsherren Eiskeller anlegten. Eis aus einem nahen See hielt sich darin vom Spätwinter mindestens bis in den folgenden Sommer, teils bis zu anderthalb Jahre. Geerntet wurde es von Teichen, aufgestauten Bächen und ruhigen Flussarmen: aufhacken, Schollen herausziehen, einlagern.
Schon die Fachliteratur des 18. Jahrhunderts stellte klare Anforderungen: kühl, geschützt und trocken, ohne Fenster, gesichert gegen Bodenwärme und warme Außenluft. Ein runder Eisraum hat weniger Oberfläche je Inhalt als ein rechteckiger. Keine Mulde und kein Überschwemmungsgebiet, damit Grund- und Regenwasser fernbleiben; der Eingang klein und nach Norden, die Südseite im Schatten.
Die einfachste Form war die Eisgrube: nach unten verjüngt, unten grober Kies, damit das Schmelzwasser abläuft, zwischen Eis und Wand Stroh gegen die Erdwärme, obendrauf ein Strohdach. Noch schlichter war der Eishaufen, mit Torf, Erde oder Stroh abgedeckt. Hölzerne Eishäuser hatten eine doppelte Wand mit mindestens 40 Zentimetern Zwischenraum, gefüllt mit Holzwolle, Schlacke oder Torf. Betreten wurde der Keller im Sommer nur nachts, am besten kurz vor Sonnenaufgang.
Den Maßstab zeigen die Brauereien, ab 1850 die größten Eisverbraucher: Für 40.000 Hektoliter Bier brauchte man nach der Stiftung etwa 5.000 Tonnen Eis.
Achtung Natureis ist nicht sauber. Die FAO verlangt, dass Eis frei von chemischen, physikalischen und biologischen Gefahren ist – das kann Teicheis nicht zusagen. Nimm es nur zum Kühlen von außen, für verpackte Lebensmittel und geschlossene Gefäße, nie für Getränke oder direkt ans Essen.
Was sich so kühlen lässt – und was nicht
Verdunstungskühler, Erdgruben und Keller sind für Obst und Gemüse gemacht. Bei ihnen zählt die hohe Luftfeuchte oft mehr als ein paar Grad weniger.
Anders bei leicht verderblichen Lebensmitteln. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zählt Fleisch, Wurst, Käse, Milch, Eier und Fisch dazu, außerdem geschnittenen Salat und geschnittenes Obst. Nach der DIN 10508, auf die das BfR verweist, sollen sie bei höchstens 7 °C Produkttemperatur lagern. Für den Kühlschrank empfiehlt das BfR maximal 7 °C, besser unter 5 °C. Vorverpacktes Hackfleisch verlangt 2 °C; lässt sich das nicht einhalten, soll es am Einkaufstag verbraucht werden.
Zwei Erreger, Listeria monocytogenes und Yersinia enterocolitica, können laut BfR sogar unter 5 °C im Lebensmittel wachsen. Ein Tonkrug, der die Temperatur nur wenig senkt, oder ein Erdkeller im Hochsommer hält diese Grenzen nicht verlässlich ein. Daraus folgt eine einfache Regel: Frisches Fleisch, Fisch, Milch und gekochte Reste nicht ohne Strom „kühlen“, sondern am selben Tag zubereiten und essen – oder haltbar machen. Wie das geht, steht im Artikel „Haltbar machen: was die Verfahren leisten“.
Achtung Rechtslage heute: Eine allgemeine Temperaturvorgabe für den Privathaushalt gibt es laut BfR nicht; die DIN 10508 nennt für den gewerblichen Bereich höchstens 7 °C für leicht Verderbliches. Gefahr: Lebensmittelinfektion – Listerien und Yersinien wachsen noch unter 5 °C. Für kleine Kinder, Schwangere, ältere und vorerkrankte Menschen kann sie laut BfR im Extremfall lebensbedrohlich sein. Zuständig: Bei Beschwerden nach dem Essen, vor allem bei diesen Gruppen, hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117, im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Funktioniert ein Tonkrugkühler auch in Deutschland?
Eingeschränkt. Verdunstung kühlt umso stärker, je trockener die Luft ist; an schwülen Tagen bringt sie wenig. Der größte Nutzen ist die hohe Luftfeuchte, die Obst und Gemüse vor dem Welken schützt.
Wie kalt ist es in einem Erdkeller?
Das hängt von Tiefe, Boden und Standort ab. In ein bis zwei Metern folgt die Temperatur gedämpft den Jahreszeiten; fast konstant wird sie laut Geologischem Dienst NRW erst unterhalb von 10 bis 15 Metern. Miss selbst nach.
Kann ich Milch oder Fleisch im Tonkrug lagern?
Nicht sicher. Das BfR nennt für leicht Verderbliches höchstens 7 °C, besser unter 5 °C, und ein Verdunstungskühler senkt die Temperatur laut FAO nur wenig. Verbrauche solche Lebensmittel am selben Tag.
Darf ich Eis vom Teich zum Kühlen nehmen?
Zum Kühlen von außen ja, für Getränke oder direkt am Essen nein – Natureis ist nicht hygienisch sicher. Betritt keine Eisfläche, deren Tragfähigkeit du nicht kennst.
Quellen
- Evaporative cooling (Technical Brief)Practical Action (gemeinnützige Entwicklungsorganisation), veröffentlicht bei der FAO · Prinzip der Verdunstungskühlung, Abhängigkeit von der Luftfeuchte, Pot-in-Pot nach Mohammed Bah Abba, Zeer-Tests im Sudan mit Haltbarkeitstabelle, Janata-, Bambus-, Almirah- und Holzkohlekühler, Ziegelkühlraum des IARI, Schatten und Wind
- Horticultural chain management for countries of Asia and the Pacific region, Section VII Module 4: Cooling and cold storageFood and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) · Verdunstungskühler senken die Temperatur wenig und heben die Luftfeuchte auf 90 Prozent und mehr; Kühlwirkung von Eis; Eis muss frei von Gefahren sein
- Erläuterungen zur BodentemperaturDeutscher Wetterdienst (DWD) · Erwärmung setzt sich zeitverzögert und abgeschwächt in die Tiefe fort, Vergleich mit 100 cm Tiefe, Isolation durch Bewuchs und Schnee
- Oberflächennahe GeothermieGeologischer Dienst Nordrhein-Westfalen · Oberste 10 bis 15 Meter witterungsbestimmt, darunter bis rund 50 Meter etwa 10 °C, Grundwasser über das Jahr nahezu konstant temperiert
- Ewiges Eis – Techniken des Kühlens (Monumente, Oktober 2014)Deutsche Stiftung Denkmalschutz (private Stiftung) · Eiskeller und Eishäuser: Haltbarkeit des Eises, Anforderungen der Fachliteratur, Eisgrube, Eishaufen, Holzeishaus, Eisernte, Brauereien, Verbreitung des Kühlschranks ab 1950
- Korrektes Kühlen von Lebensmitteln im PrivathaushaltBundesinstitut für Risikobewertung (BfR) · Leicht verderbliche Lebensmittel, Kühlschrank maximal 7 °C und besser unter 5 °C, DIN 10508, Hackfleisch 2 °C, Listerien und Yersinien unter 5 °C, Risikogruppen
