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Haushalt & Familie

Gerben mit Rinde oder Hirn: aus Haut wird Leder

Was Gerben mit der Haut macht, wie Salzen, Äscher, Lohgrube, Hirngerbung und Rauch zusammenspielen – und warum Tierhäute Hygiene und Recht verlangen.

8 Min. LesezeitFür FortgeschritteneStand: 26. September 2026
Historische Zeichnung zeigt das Schälen und Stapeln von Hemlock-Rinde für eine Gerberei im 19. Jahrhundert.
Historische Darstellung aus den 1840er-Jahren: Rinden mit hohem Gerbstoffgehalt wurden gezielt für die Lederherstellung gewonnen.Foto: R. H. Pease / Public Domain / Wikimedia Commons

Eine frische Tierhaut fault, und getrocknet wird sie steif wie Pergament. Leder entsteht erst, wenn man die Haut gerbt. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt nach FAO, dem Historischen Lexikon der Schweiz und einer Werkstatt der experimentellen Archäologie, wie eine Haut gesichert, enthaart und mit Rinde oder mit Hirn und Rauch zu Leder wird. Er sagt auch, warum Tierhäute Krankheiten übertragen können und welche Regeln für sie gelten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gerbstoff verbindet sich mit den Kollagenfasern der Haut und macht sie beständig gegen Wärme und Fäulnis.
  • Frische Haut sofort entfleischen und trocknen oder salzen – die FAO nennt Salz in Höhe von 25 Prozent des Hautgewichts.
  • Im Äscher lösen Kalk- oder Aschenlauge die Haare; die Lauge ist stark alkalisch.
  • Lohgerbung mit Eichen- oder Tannenrinde dauerte in Lohgruben ein bis zwei Jahre und gab festes Schuh- und Sohlleder.
  • Häute können Milzbrand übertragen: nur von gesunden Tieren, mit Handschuhen, ohne offene Wunden an den Händen.

Was Gerben mit der Haut macht

Die Lederhaut besteht aus verflochtenen Faserbündeln aus Kollagen, einem Eiweiß mit sehr hoher Zugfestigkeit – dasselbe Material macht Sehnen so stark. Nach der FAO ersetzt das Gerben das Wasser in der Haut durch einen Gerbstoff, der sich mit den Kollagenfasern verbindet und sie umhüllt. Dadurch werden sie beständig gegen Wärme und Fäulnis. Verschiedene Gerbstoffe geben verschiedene Leder; Dicke, Fettgehalt und Geschmeidigkeit bestimmt danach die Zurichtung.

Ohne Gerbung bleibt nur Rohhaut. In einer Werkstatt, über die das Musée du quai Branly in Paris berichtet, wurde sie auf einem Rahmen getrocknet: Heraus kam ein helles, flaches, steifes Material wie Pergament, leicht, aber sehr empfindlich gegen Wasser. Auch Pergament selbst entstand nach dem Historischen Lexikon der Schweiz durch Einkalken von Kalbshäuten, ohne Gerben.

Das alte Handwerk kannte drei Wege. Rot- oder Lohgerber gerbten schwere Rinderhäute mit Rinde, Weißgerber dünnere Felle mit dem Mineralsalz Alaun, Sämischgerber walkten Schaf- und Ziegenfelle mit Fett und machten daraus wasserdichtes Leder. Die Grundschritte waren überall gleich: Haut vorbereiten, gerben, zurichten.

Vier Schritte untereinander: Haut sichern durch Salzen oder Trocknen, enthaaren im Äscher oder durch Schaben, gerben mit Rinde oder Hirn, zurichten und weich machen.
Die Grundschritte waren überall gleich: Haut vorbereiten, gerben, zurichten.Skizze: WildWeasel

Die frische Haut sichern: entfleischen, trocknen, salzen

Nach dem FAO-Handbuch zum Schlachten kleiner Wiederkäuer musst du Häute und Felle sofort nach dem Abziehen haltbar machen. Zuerst entfernst du anhaftendes Fleisch, Fett und Schmutz – das Entfleischen. Dann wäschst du die Haut, lässt sie abtropfen und schneidest Ohren und Lippen weg.

Haltbar wird die Haut durch Trocknen an der Luft, durch Salz oder beides. Beide Verfahren entziehen ihr Wasser, damit Keime nicht wachsen. Zum Lufttrocknen spannst du die Haut mit Schnüren von allen Seiten in einen Holzrahmen oder eine Drahtschlinge und hängst sie frei in die Luft. Auf dem Boden getrocknet wird sie rissig und faltig und kann schimmeln oder faulen. Beim Trocknen schrumpft sie um 40 bis 50 Prozent ihres Frischgewichts. In feuchtem Klima eignet sich Lufttrocknen nach der FAO schlecht.

Beim Grünsalzen reibst du die Fleischseite mit trockenem Salz ein und stapelst die Häute unter Gewicht an einem kühlen Ort, 30 Tage lang. Die FAO nennt 25 Prozent des Frischgewichts an Salz, feines für kleine Felle, grobes für große Häute. Salz entzieht Wasser durch Osmose und hemmt zusätzlich Fäulniskeime. Vor dem Gerben weicht man gesalzene oder getrocknete Häute wieder in Wasser ein; dabei gehen Salz und Schmutz heraus.

Enthaaren im Äscher: Kalk oder Holzasche

Die Rotgerber reinigten die eingeweichten Häute nach dem Historischen Lexikon der Schweiz mit dem Gerbermesser am Schabebaum von Fleisch- und Fettresten. Die Haare lösten sie im Äscher, einer Lauge aus Asche oder Kalk; auch Beizen, etwa mit Urin, oder Räuchern wurden genannt.

Was im Äscher geschieht, beschreibt die FAO: Die Lauge löst die Oberhaut, verseift Hautfett und lockert das Fasergefüge auf. Die Häute werden dabei stark alkalisch. Bei Reptilhäuten dauert der Schritt in der Gerberei etwa zwei Tage; danach wird die Haut teilweise neutralisiert. Der Kalkäscher ist also eine ätzende Lauge – dazu mehr im letzten Abschnitt.

Es geht auch ohne Lauge. In der Werkstatt des quai Branly wurden Fleisch auf der einen und Haare auf der anderen Seite mechanisch mit einem stumpfen Messer abgeschabt; früher nahm man dafür Knochen. Für die Fettgerbung betonte die Leiterin, auch die oberste Hautschicht mit abzuziehen, damit die Haut das Fett voll aufnehmen kann.

Lohgerbung: Rinde, Grube und viel Geduld

Lohe ist zerkleinerte Baumrinde. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt Eichen- und Tannenrinde; damit gerbten die Lohgerber Sohl-, Schuh-, Sattel- und Zaumzeugleder aus schweren Häuten. Zum eigentlichen Gerben kamen die Häute für ein bis zwei Jahre in Lohgruben. Danach wurden sie gespült, abgetropft, getrocknet und zugerichtet, etwa geglättet und gespalten.

Die Werkstatt des quai Branly bestätigt die Größenordnung: Die Haut liegt in einem Wasserbad voller pflanzlicher Gerbstoffe; mit Rinde und Blättern dauerte es früher 12 bis 18 Monate, bis der Gerbstoff tief in die Haut eingedrungen war. Mit fertigem Gerbstoffextrakt verkürzt sich der Schritt auf einen Monat – den hast du nach einem Zusammenbruch aber nicht.

Nach dem Gerben wird die Haut halb getrocknet, mit pflanzlichem oder tierischem Fett eingerieben und durch Bearbeiten wieder geschmeidig gemacht. Das Ergebnis ist ein eher hartes, dickes, braunes Leder, das seine Narbung behält und recht wasserfest ist. Nach der FAO sind pflanzliche Gerbstoffe einfach anzuwenden und geben weiche, volle Leder.

Video: Die Lohgerberei. Teil 1: Vorbereiten und Gerben der Häute (Alltagskulturen im Rheinland) – Dokumentarfilm des LVR-Instituts, Moers 1975: Waschen, Enthaaren, Entfleischen und Gerben von Rinderhäuten mit Eichenlohe – in einer Gerberei mit Maschinen aus der Zeit um 1900.

Hirngerbung und Fettgerbung

Die Fettgerbung mit Hirn hat die Experimentalarchäologin Theresa Emmerich Kamper in der Werkstatt des quai Branly an Hirschhäuten vorgeführt. Die enthaarte Haut, bei der auch die oberste Schicht entfernt ist, wird in einem Bad aus Hirn bearbeitet, das mit Wasser zu einer Emulsion verrührt ist. Dabei wird sie glatt und seidig.

Danach kommt die schwere Arbeit. Zuerst presst du das Wasser heraus, durch Auswringen und mit dem stumpfen Messer. Dann machst du die Haut weich, indem du sie dehnst und kräftig über ein Seil oder eine Holzkante ziehst. Heraus kommt eine sehr weiche, dehnbare, weiße Haut, die sich zum Beispiel für Kleidung eignet.

In Mitteleuropa war Fettgerbung das Handwerk der Sämischgerber. Sie walkten Schaf- und Ziegenfelle nach dem Historischen Lexikon der Schweiz mit Tran und erhielten wasserdichtes Leder. Die Weißgerber gerbten mit Alaun in höchstens drei Monaten – schneller als die Lohgerber, aber Alaun ist ein Mineral, das du erst beschaffen musst.

Räuchern, Weichmachen und der Zeitaufwand

Zum Schluss kann die Haut geräuchert werden. Das verbessert nach der Werkstatt des quai Branly ihre Haltbarkeit und ihre Beständigkeit gegen Wasser; die Haut wird gelblich-grau und riecht deutlich nach Rauch. Vorgeführt wurde das so: Die Haut wurde zu einer Art Beutel genäht, über das Ofenrohr eines kleinen Holzofens gehängt, und jede Seite bekam eine halbe Stunde Rauch.

Jede Gerbart braucht nach der Werkstatt einige Wochen bis mehrere Monate. Die meiste Zeit liegt die Haut im Bad oder hängt zum Trocknen; die eigentliche Handarbeit – Schaben, Wringen, Dehnen – ist aber körperlich anstrengend. Plane sie für Tage ein, an denen du Zeit und Kraft hast, und fange mit kleinen Fellen an.

Drei Wege im Vergleich (Historisches Lexikon der Schweiz, Musée du quai Branly)
VerfahrenGerbmittelDauerErgebnis
LohgerbungEichen- oder Tannenrinde12 Monate bis 2 Jahrefest, dick, braun, recht wasserfest
Hirngerbung, geräuchertHirn-Emulsion, HolzrauchWochen bis Monatesehr weich, dehnbar, hell bis gelblich-grau
WeißgerbungAlaunhöchstens 3 Monatedünnes, weißes Bekleidungsleder
Rohhaut, ungegerbtkeins, nur Trocknenbis sie trocken iststeif wie Pergament, empfindlich gegen Wasser

Wofür das Leder taugt – und was Häute dir antun können

Festes lohgares Leder ist das Material für Sohlen, Schuhe, Riemen, Sattel- und Zaumzeug; weiches fettgegerbtes Leder für Kleidung. Wie du Leder und Stoff nähst und flickst, steht im Artikel „Nähen, Flicken, Stopfen“. Häute von Kaninchen aus eigener Haltung sind ein naheliegender Rohstoff, siehe „Kaninchen halten“. Lederreste und Abfälle vom Gerben taugen zudem für Hautleim, beschrieben im Artikel „Leim, Holzteer und Pech“.

Tierhäute sind aber kein harmloser Rohstoff. Nach dem Robert Koch-Institut tragen Menschen, die Tierhäute und Felle verarbeiten, ein gewisses Risiko für Milzbrand. Der Erreger dringt beim Hautmilzbrand über kleinste Verletzungen der Haut ein; seine Sporen sind hoch resistent gegen Hitze und Desinfektionsmittel und können im Boden Jahrzehnte überdauern, auch an alten Gerbereistandorten. Der letzte Fall von Hautmilzbrand in Deutschland war 1994. Unbehandelt verläuft er in 10 bis 40 Prozent der Fälle tödlich, mit rechtzeitigen Antibiotika ist er gut heilbar.

Auch rechtlich sind Häute nicht einfach Abfall. Nach der EU-Verordnung 1069/2009 über tierische Nebenprodukte gehören Häute und Felle gesund geschlachteter Tiere zum Material der Kategorie 3. Körper von Heim-, Zoo- und Zirkustieren und von Wildtieren mit Verdacht auf eine übertragbare Krankheit sind dagegen samt Haut und Fell Material der Kategorie 1. Für Jagdwild gelten Ausnahmen, die auf das EU-Lebensmittelhygienerecht verweisen.

Achtung Rechtslage heute: Häute und Felle sind nach der EU-Verordnung 1069/2009 tierische Nebenprodukte; Häute von Heimtieren und von krankheitsverdächtigen Wildtieren gehören zur Kategorie 1 und nicht auf den Gerbrahmen. Gefahr: Tierhäute können Milzbrand übertragen, vor allem über kleine Wunden. Verarbeite nur Häute von Tieren, die gesund geschlachtet oder erlegt wurden, nie von verendeten Tieren. Trag Handschuhe, decke Wunden ab, wasch dir danach die Hände. Der Äscher mit Kalk ist eine stark alkalische Lauge: Handschuhe und Schutzbrille – warum gelöschter Kalk das Auge schwer schädigt, steht im Artikel „Leim, Holzteer und Pech“. Zuständig: bei einem verendeten oder krank wirkenden Tier das Veterinäramt oder ein Tierarzt; bei einer schmerzlosen, sich schwarz verfärbenden Hautstelle nach Kontakt mit Häuten sofort ärztliche Hilfe, denn Ärzte müssen einen Milzbrandverdacht dem Gesundheitsamt melden.

Häufige Fragen

Kann ich eine Haut einfach trocknen, statt sie zu gerben?

Ja, dann erhältst du Rohhaut. Sie wird hell, flach und steif wie Pergament und reagiert stark auf Wasser. Weich und geschmeidig wird eine Haut erst durch Gerben und Bearbeiten.

Welche Rinde eignet sich zum Gerben?

Das Historische Lexikon der Schweiz nennt Eichen- und Tannenrinde als Lohe der Rotgerber. Die Werkstatt des quai Branly spricht allgemein von Baumrinde und Blättern.

Warum wird hirngegerbtes Leder geräuchert?

Nach der Werkstatt des quai Branly macht Rauch die fettgegerbte Haut über die Zeit haltbarer und beständiger gegen Wasser. Sie färbt sich dabei gelblich-grau.

Darf ich Häute von einem tot gefundenen Tier gerben?

Nein, lass es. Nach dem RKI übertragen Häute kranker Tiere Milzbrand, und Wildtiere mit Krankheitsverdacht gelten nach der EU-Verordnung 1069/2009 als Material der Kategorie 1. Zuständig ist das Veterinäramt.

Quellen

  1. Manual for the slaughter of small ruminants in developing countries, Kapitel 10: Byproduct utilizationFood and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) · Häute sofort sichern, Entfleischen, Lufttrocknen im Rahmen, Schrumpfung 40–50 %, Grünsalzen mit 25 % Salz und 30 Tagen, Wirkung von Salz
  2. The management of crocodiles in captivity (FAO Conservation Guide 22), Abschnitt „Skins to leather“Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), M. Bolton 1989 · Kollagen und Wirkung des Gerbstoffs, Einweichen, Äscher mit Kalk (Oberhaut lösen, Fett verseifen, stark alkalisch, etwa zwei Tage), pflanzliche Gerbstoffe
  3. GerbereiHistorisches Lexikon der Schweiz (A.-M. Dubler), Version 2001, bearbeitet 2012 · Rot-, Weiß- und Sämischgerber; Lohe aus Eichen- und Tannenrinde; Äscher mit Aschen- oder Kalklauge; Lohgruben ein bis zwei Jahre; Alaun höchstens drei Monate; Pergament durch Einkalken
  4. The Workshop „Tanning Hides“Musée du quai Branly – Jacques Chirac, Projekt CRoyAN (Werkstatt mit T. Emmerich Kamper, Universität Exeter) · Rohhaut, pflanzliche Gerbung (12–18 Monate mit Rinde), Hirngerbung Schritt für Schritt, Weichmachen, Räuchern je Seite eine halbe Stunde, Dauer Wochen bis Monate
  5. RKI-Ratgeber Milzbrand (Anthrax)Robert Koch-Institut · Infektionsrisiko bei Verarbeitung von Häuten und Fellen, Infektion über kleinste Hautverletzungen, Sporen im Boden und an Gerbereistandorten, letzter Fall 1994, Letalität unbehandelt, Meldepflicht
  6. Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 mit Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische NebenprodukteEuropäisches Parlament und Rat der EU (Amtsblatt L 300) · Art. 2 Ausnahmen (Jagdwild), Art. 8 Kategorie 1 mit Häuten und Fellen von Heim-, Zoo- und krankheitsverdächtigen Wildtieren, Art. 10 Kategorie 3 mit Häuten und Fellen