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Konkrete Lagen

Anhalt-Bitterfeld 2021: Katastrophenfall nach Cyberangriff

Im Juli 2021 legte ein Cyberangriff eine ganze Kreisverwaltung lahm. Was die Berichte über Folgen, Hilfe und Lehren sagen – und was das für dich heißt.

7 Min. LesezeitEinstiegStand: 25. September 2026
Blick über ein Rapsfeld auf die Silhouette von Köthen mit Rathaus und der Kirche St. Jakob.
Köthen ist der Verwaltungssitz des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, dessen Kreisverwaltung 2021 durch den Cyberangriff weitgehend lahmgelegt wurde.Foto: MEH Bergmann · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Katastrophenfall – das klingt nach Hochwasser oder Waldbrand. Im Juli 2021 stellte der Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt ihn fest, weil ein Cyberangriff seine Verwaltung lahmgelegt hatte. Diese Fallstudie fasst zusammen, was Landesregierung, BSI, BBK und der Landkreis selbst darüber berichtet haben. Am Ende steht, welche einfachen Schlüsse du daraus für deinen Haushalt ziehen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Angriff mit Erpressungssoftware legte im Juli 2021 die IT aller Standorte der Kreisverwaltung lahm.
  • Der Katastrophenfall galt laut Landesregierung vom 9. Juli 2021 bis 31. Januar 2022.
  • Sozialleistungen, Unterhaltsvorschuss und Elterngeld waren betroffen, Katastrophenschutz nicht.
  • BSI, Land, Bundeswehr und weitere Stellen halfen; der Landkreis zahlte kein Lösegeld.
  • Für dich heißt das: Bescheide auf Papier, Fristen notieren und einen Puffer für verspätete Zahlungen.

Was im Juli 2021 passiert ist

Anfang Juli 2021 wurde die Verwaltung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld Ziel eines Angriffs mit sogenannter Ransomware, also Erpressungssoftware, die Daten verschlüsselt. Laut dem Lagebericht 2022 des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) waren sämtliche IT-Systeme aller Standorte der Kreisverwaltung beeinträchtigt. Die Schadensdatenbank KatRiMa des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) beschreibt, dass die Verwaltung dadurch extrem in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt war.

Die Angreifer stahlen außerdem Daten, veröffentlichten einen Teil davon und erpressten die Verwaltung. Nach Kenntnis der Landesregierung wurden insgesamt rund 62 GB Daten ausgespäht. Das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt und die zuständige Staatsanwaltschaft nahmen die Ermittlungen auf. Zu Tätern und technischen Einzelheiten äußert sich diese Fallstudie bewusst nicht.

Am 9. Juli 2021 stellte der Landkreis den Katastrophenfall fest. Nach einer Aufstellung der Landesregierung dauerte er bis zum 31. Januar 2022 – gezählt mit Anfangs- und Endtag sind das 207 Tage. Alle anderen Katastrophenfälle, die das Land für die Jahre 2011 bis 2022 auflistet, gingen auf Hochwasser, einen Erdrutsch, eine Pflanzenkrankheit, die Pandemie und einen Waldbrand zurück.

Realer Serverraum mit mehreren Serverschränken, Netzwerkverkabelung und IT-Systemen.
Symbolbild: Fällt zentrale IT-Infrastruktur aus, können viele Verwaltungsverfahren gleichzeitig betroffen sein. Abgebildet ist nicht die IT des Landkreises Anhalt-Bitterfeld.Foto: Indrajit Das · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons · zugeschnitten

Hinweis Die Angaben zum Datum weichen leicht voneinander ab: Das BSI nennt den 5. Juli 2021 als Tag des Angriffs und den 2. Februar 2022 als Tag der Aufhebung, das BBK den 6. Juli als Tag des Ausfalls. Die Dauer oben folgt der Antwort der Landesregierung an den Landtag.

Warum ein Katastrophenfall ohne Flut

Laut BBK rief die Verwaltung den Katastrophenfall aus, um ihre Handlungsfähigkeit möglichst schnell wiederherzustellen und die Auszahlung der Sozial- und Unterhaltsleistungen wieder zu ermöglichen. Nach einem Bericht der Fachzeitschrift Kommunal sicherte sich der Landkreis damit mehr Befugnisse und eine vereinfachte Vergabe kurzfristig nötiger Aufträge. Außerdem konnte er sofort Hilfe anfordern.

Im Krisenstab arbeiteten nach diesem Bericht neben Beschäftigten des Landkreises Fachleute der Bundeswehr, des BSI, des Landeskriminalamts, des Computer Emergency Response Teams Nord und der Landesverwaltung. Die Zeitschrift bezeichnet den Fall als ersten Cyber-Katastrophenfall in Deutschland.

Video: Katastrophenfall durch Cyberattacke (Sachsen-Anhalt AKTUELL) – MDR-Nachrichtenbeitrag vom 9. Juli 2021, dem Tag der Feststellung des Katastrophenfalls. Stand damals: Verwaltung seit fast einer Woche handlungsunfähig.

Was für die Menschen im Landkreis nicht mehr ging

Das BSI hält fest, dass infolge des Angriffs keine Dienste für Bürgerinnen und Bürger erbracht werden konnten. Nach der BBK-Datenbank konnten mindestens eine Woche lang keine Sozial- und Unterhaltsleistungen bearbeitet und ausgezahlt werden. Landrat Andy Grabner sagte der Fachzeitschrift Kommunal, das Einzige, was noch funktioniert habe, sei die Telefonanlage gewesen.

Die Landesregierung zählt in ihrer Antwort an den Landtag die Aufgabenbereiche auf, die von der Cyberattacke betroffen waren. Aus dem Sozialbereich gehören dazu der Unterhaltsvorschuss, das Elterngeld, die Hilfe zur Pflege und die Blindenhilfe, außerdem der öffentliche Gesundheitsdienst. Zu den Aufgaben des Kreises zählt sie unter anderem auch die Zulassung von Kraftfahrzeugen, Führerscheine, Wohngeld und die Ausländerbehörde.

Das BSI bewertet das so: Wenn kommunale Verwaltungsprozesse ausfallen, kann das die Bevölkerung vielfältig belasten. Das gelte besonders für Menschen, die durch ausbleibende Zahlungen, etwa von Sozialleistungen oder Elterngeld, unmittelbar betroffen sind.

Was weiter funktioniert hat

Nicht alles fiel aus. Brand- und Katastrophenschutz waren laut Landesregierung nicht betroffen, weil sie mit eigener, örtlicher IT arbeiteten. Auch die Pandemiebekämpfung lief weiter, weil sie IT des Bundes nutzte. Damit blieben wichtige Stellen für Notfälle arbeitsfähig.

Nach der BBK-Datenbank stand am 19. Juli 2021 wieder eine „Not-Infrastruktur“, knapp zwei Wochen nach dem Ausfall. Der Landkreis beschreibt den Wiederaufbau in einem Vortrag in drei Stufen: zuerst ein Notbetriebsnetz, physisch von der alten Technik getrennt. Danach eine Zwischeninfrastruktur ausschließlich für hoch priorisierte Fachverfahren, schließlich die neue Zielinfrastruktur.

Der Landkreis zahlte kein Lösegeld und setzte stattdessen auf den Wiederaufbau, wie BSI und Landkreis übereinstimmend berichten.

Drei Stufen des IT-Wiederaufbaus untereinander: 1 Notbetriebsnetz, getrennt von alter Technik; 2 Zwischenstufe nur für priorisierte Verfahren; 3 neu aufgebaute Zielinfrastruktur.
Der Wiederaufbau in drei Stufen, wie ihn der Landkreis in seinem Vortrag beschreibt.Skizze: WildWeasel

Hilfe von Land, Bund und Bundeswehr

Zuständig für die Bewältigung war nach Auffassung der Landesregierung der Landkreis selbst. Das Finanzministerium des Landes stellte ihm aber über bestehende Rahmenverträge externe IT-Fachleute zur Verfügung. Sein Informationssicherheitsbeauftragter unterstützte ab dem 9. Juli 2021 vor Ort die Wiederherstellung einer sicheren IT.

Das BSI war auf Anfrage des Landkreises bereits am 8. Juli mit einem mobilen Einsatzteam vor Ort. Es koordinierte das Krisenmanagement danach von Bonn aus mit, analysierte die Schadsoftware und beriet beim sicheren Wiederaufbau. Die Bundeswehr, ebenfalls vom Landkreis angefordert, leistete technische Amtshilfe; das BSI stimmte seine Maßnahmen eng mit ihr ab. Beratend war laut Landkreis außerdem die Hochschule Harz beteiligt.

Schnell ging es trotzdem nicht. Im März 2022 liefen laut Fachzeitschrift Kommunal erst 40 der 159 Fachanwendungen wieder. Daten auf dem Mailserver, im Intranet und auf den einzelnen Arbeitsplatzrechnern waren dauerhaft verloren, der Rest konnte gerettet werden. Das BSI hält fest, dass bei Aufhebung des Katastrophenfalls noch nicht alle Schäden behoben waren, wohl aber die Funktionsfähigkeit.

Welche Lehren gezogen wurden

Die Landesregierung zog eine Erkenntnis ausdrücklich: Der Informationsaustausch zwischen Land und Kommunen weise Schwachstellen auf und müsse gerade bei Sicherheitsvorfällen verbessert werden. Dafür richtete sie eine Arbeitsgruppe zur Einbindung der Kommunen in das Sicherheitsmanagement des Landes ein. Für die Informationssicherheit sind die Kommunen selbst verantwortlich. Als Einstieg verweist das Land auf ein IT-Grundschutz-Profil zur Basis-Absicherung von Kommunalverwaltungen, das auf dem Standard des BSI beruht.

Der Landkreis selbst nennt in seinem Vortrag unter anderem: Arbeiten nach BSI-Grundschutz, Backups und Dokumentation, dokumentierte Abläufe mit Rückfallverfahren, eine benannte IT-Sicherheitsbeauftragte oder einen -beauftragten sowie Wiederanlauf- und Notfallpläne. Die Leiterin des technischen Einsatzes betonte gegenüber Kommunal, dass die Reihenfolge, in der Fachanwendungen wieder anlaufen, vorab verbindlich festgelegt sein sollte.

Seine Erfahrungen will der Landkreis weitergeben. In seinem Vortrag nennt er ein Expertengremium, unter anderem mit der Universität Magdeburg, dem BSI und der Bundeswehr, dazu Vorträge, Seminare und eine Handreichung. Laut Kommunal wurde der Landkreis außerdem Modellkommune des BSI und sollte an einem Grundschutz-Profil für Kommunalverwaltungen mitarbeiten.

Tipp Wie ein anderer großer IT-Ausfall verlief, der kein Angriff war, zeigt die Fallstudie zum weltweiten IT-Ausfall im Juli 2024.

Was das für deinen Haushalt heißt

Einen Angriff auf eine Behörde kannst du nicht verhindern. Du kannst aber dafür sorgen, dass dich ein Amt, das wochenlang kaum arbeiten kann, nicht unvorbereitet trifft. Die folgenden Punkte sind unsere Schlussfolgerungen aus den Berichten, keine Empfehlungen der Behörden zu diesem Fall.

Wie lange so etwas dauern kann, zeigt dieser Fall: knapp zwei Wochen bis zum Notbetrieb, mehr als ein halbes Jahr Katastrophenfall, und selbst danach lief noch nicht alles wieder. Bei Behörden nur mit einem Ausfall von ein paar Tagen zu rechnen, greift also zu kurz.

Am härtesten trifft so ein Ausfall Menschen, die auf regelmäßige Zahlungen vom Amt angewiesen sind. Wer Leistungen bezieht, sollte seine Unterlagen deshalb selbst griffbereit haben, statt sich darauf zu verlassen, dass das Amt sie jederzeit abrufen kann. Wie du eine Dokumentenmappe anlegst, steht im Artikel zu wichtigen Dokumenten.

  • Bewilligungsbescheide, Anträge und Schriftwechsel mit Ämtern auf Papier aufbewahren, nicht nur im Postfach.
  • Fristen, Aktenzeichen und Ansprechpartner notieren, dazu wann und wie du etwas eingereicht hast.
  • Einen kleinen Geldpuffer und etwas Bargeld einplanen, falls eine Zahlung sich um Wochen verschiebt.
  • Behördengänge wie Zulassung oder Ausweis nicht bis kurz vor Ablauf einer Frist aufschieben.
  • Bei Nachrichten, die sich auf einen Ausfall beziehen, nur offiziellen Wegen des Amts trauen.

Häufige Fragen

Warum wurde wegen eines Cyberangriffs der Katastrophenfall festgestellt?

Laut BBK, um die Verwaltung schnell wieder handlungsfähig zu machen und Sozialleistungen wieder auszahlen zu können. Laut Fachzeitschrift Kommunal brachte er zudem mehr Befugnisse, eine vereinfachte Auftragsvergabe und die Möglichkeit, sofort Hilfe anzufordern.

Wie lange dauerte der Katastrophenfall?

Nach der Antwort der Landesregierung an den Landtag vom 9. Juli 2021 bis zum 31. Januar 2022. Das BSI nennt den 2. Februar 2022 als Tag der Aufhebung.

War der Katastrophenschutz selbst betroffen?

Brand- und Katastrophenschutz waren nach Angabe der Landesregierung nicht betroffen, weil sie mit eigener örtlicher IT arbeiteten. Auch die Pandemiebekämpfung lief über IT des Bundes weiter.

Hat der Landkreis Lösegeld gezahlt?

Nein. BSI und Landkreis berichten übereinstimmend, dass kein Lösegeld gezahlt und die IT stattdessen neu aufgebaut wurde.

Quellen

  1. Cyberangriff auf die Landkreisverwaltung Anhalt-BitterfeldKatRiMa – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) · Ablauf, mindestens eine Woche keine Sozial- und Unterhaltsleistungen, Grund für den Katastrophenfall, Not-Infrastruktur am 19. Juli
  2. Hacker-Angriff auf die Verwaltung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld (Drucksache 8/288, Antwort auf Kleine Anfrage)Landtag von Sachsen-Anhalt / Landesregierung · Hilfe des Finanzministeriums, betroffene Aufgabenbereiche, nicht betroffener Katastrophenschutz, ausgespähte Datenmenge, Lehren des Landes
  3. Feststellung des Katastrophenfalls durch Katastrophenschutzbehörden in Sachsen-Anhalt (Drucksache 8/1796)Landtag von Sachsen-Anhalt / Landesregierung · Dauer des Katastrophenfalls und Vergleich mit anderen Katastrophenfällen im Land 2011 bis 2022
  4. Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2022Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) · Fallbeschreibung: Ausfall aller Standorte, kein Lösegeld, Bewertung der Folgen, Einsatz von BSI und Bundeswehr
  5. Umgang mit dem Cyberangriff auf den Landkreis Anhalt-Bitterfeld (Vortrag)Landkreis Anhalt-Bitterfeld, veröffentlicht vom Deutschen Landkreistag (kommunaler Spitzenverband) · Maßnahmen, Unterstützer, Stufen des Wiederaufbaus und Veränderungen aus Sicht des Landkreises
  6. Die Lehren aus den Hacker-Angriffen (25.03.2022)KOMMUNAL (Fachzeitschrift) · Aussagen des Landrats und der technischen Einsatzleitung, Krisenstab, Stand der Fachanwendungen im März 2022