Wenn Telefon, Funk und Post ausfallen, bleibt eine der ältesten Übertragungen: ein Vogel, der nach Hause will. Dieser Artikel aus der Reihe „Kaltstart – Wissen für danach“ erklärt, wie Brieftauben heimfinden, wie Haltung, Aufzucht und Training aussehen und wie eine Nachricht ans Bein kommt. Er zeigt auch, wo die Grenzen liegen und was für Taubenhalter heute rechtlich gilt.
Das Wichtigste in Kürze
- Brieftauben fliegen nur zu ihrem eigenen Schlag – für jede Richtung brauchst du Tauben vom Zielort.
- Laut Züchterverband orientieren sie sich am Sonnenstand und am Magnetfeld der Erde.
- Training steigert die Entfernung in Stufen, etwa von 30 über 50 und 70 auf 100 Kilometer.
- Greifvögel, Wetter und Aufwand setzen Grenzen: Die Versorgung kostet laut Verband 1–2 Stunden am Tag.
- Taubenhaltung ist nach § 26 Viehverkehrsverordnung anzeigepflichtig; gegen Paramyxovirose wird geimpft.
Wie eine Brieftaube nach Hause findet
Eine Brieftaube bringt keine Nachricht an einen beliebigen Ort. Sie kehrt zu ihrem Schlag zurück, dem Taubenhaus, in dem sie lebt. Im Brieftaubensport werden die Tiere dazu in einem Transporter an einen „Auflassort“ gebracht und dort freigelassen. Von dort treten sie nach Darstellung des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter, eines eingetragenen Vereins der Züchter, ihren Nachhauseflug an – im Schnitt mit 80 km/h.
Wie die Tiere den Weg finden, ist Gegenstand der Forschung. Nach Darstellung des Verbands orientieren sie sich am Sonnenstand und am Magnetfeld der Erde. Die Universität Duisburg-Essen schreibt, dass Brieftauben und Zugvögel das Erdmagnetfeld nutzen, sei seit Jahrzehnten bekannt – wo dieser Magnetsinn sitzt, sei dagegen lange unklar gewesen.
Eine 2026 im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie der Universitäten Bonn und Duisburg-Essen und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie beschreibt eisenhaltige Immunzellen in der Leber als möglichen Sensor. Die Tauben waren darauf trainiert, aus 20 Kilometern Entfernung zu ihrem Schlag in Radolfzell am Bodensee zurückzukehren. Mit vorübergehend ausgeschalteten Zellen fanden sie bei bewölktem Himmel nicht nach Hause, bei Sonne dagegen schon – vermutlich, weil ihnen der Sonnenstand half. Wie das Signal ins Gehirn gelangt, ist noch offen.
Nur eine Richtung: was das für Nachrichten heißt
Aus dem Heimfinden folgt die wichtigste Einschränkung: Eine Taube bringt Nachrichten nur zu ihrem eigenen Schlag. Wer von einem entfernten Hof zur eigenen Wohnung melden will, braucht Tauben aus dem Schlag an der Wohnung, die vorher zum Hof getragen werden. Für Meldungen in die Gegenrichtung braucht es einen zweiten Schlag am Hof und dessen Tauben bei dir.
Jede Taube ist damit eine Einmalverbindung. Sie fliegt einmal heim und muss dann wieder hinausgebracht werden, bevor sie erneut eingesetzt werden kann. Eine Verbindung in beide Richtungen verlangt also zwei Bestände und regelmäßigen Transport zwischen den Orten – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Wagen.
Für die Planung heißt das: Tauben ergänzen Wege, die ohnehin begangen werden. Sie tragen eine Nachricht schneller zurück, als ein Bote laufen könnte, aber sie ersetzen den Weg hinaus nicht.
Tipp Kennzeichne Transportkörbe nach Heimatschlag. Wer Tauben aus verschiedenen Schlägen mitführt, muss sicher wissen, welche Taube wohin fliegt – sonst landet die Nachricht am falschen Ort.
Aus der Geschichte: Paris und der Erste Weltkrieg
Das Historische Museum Hannover bewahrt ein Erinnerungsstück an die Belagerung von Paris durch deutsche Truppen vom 19. September 1870 bis zum 28. Januar 1871. Nach der Objektbeschreibung des Museums nutzten die Belagerten Brieftauben und Heißluftballons, um mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben. Im Mittelpunkt der Darstellung steht allerdings die Hungersnot der rund zwei Millionen Bewohner – Nachrichten waren in der abgeschnittenen Stadt nur ein Teil der Not.
Im Ersten Weltkrieg setzten die Armeen Brieftauben an Land, in der Luft und auf See ein. Das Imperial War Museum in London beschreibt sie als zeitweise einzigen verlässlichen Weg, wichtige Nachrichten durchzubringen. Die Tauben lebten in festen und beweglichen Schlägen; ein umgebauter Londoner Doppeldeckerbus beherbergte als fahrbarer Schlag 60–75 Vögel.
Die Sammlung zeigt auch, was das die Tiere kostete. Die Taube Nr. 498 überbrachte im August 1917 trotz eines Granatsplitters im Flügel den Hilferuf eines britischen Schiffsführers, dessen Boot ein deutsches U-Boot angegriffen hatte. Eine andere kämpfte sich mit der Nachricht von vier auf See niedergegangenen Fliegern gegen einen Sturm heim und starb nach der Ankunft an Erschöpfung.
Video: Die letzten Militärtauben Europas: Frankreichs gefiederte „Soldaten“ (tagesschau) – tagesschau-Beitrag (3:20 min): Die französische Armee hält bis heute Brieftauben – mit Rückblick auf ihre Rolle in beiden Weltkriegen.
Schlag, Futter und Gesundheit
Tauben brauchen keinen teuren Bau. Der Verband schreibt, sie fühlten sich auch in einem umgebauten Gartenhäuschen, einem Bauwagen oder auf dem Dachboden einer Scheune wohl. Wie der Schlag beschaffen sein muss, hängt davon ab, wie viele Tiere darin leben, ob es Zucht- oder Reisetauben sind und ob sie Freiflug haben.
Beim Futter empfiehlt der Verband Mischungen je nach Jahreszeit. Im Winter soll es „leicht“ sein und viel Rohfaser enthalten, etwa Gerste, Hafer und Buchweizen, dazu eiweißhaltige Erbsen. Gerste allein sei zu vermeiden, weil die Tiere dann mehr fressen und verfetten. Zucht und Mauser brauchen fett- und eiweißreichere Körner; im Zuchtfutter sollte nach Verband etwa 15 Prozent Hanf enthalten sein.
Die größte gesundheitliche Gefahr ist die Paramyxovirose. Sie kommt laut Verband natürlich bei Wildtauben vor, und schon eine infizierte Taube, die in der Nähe des Schlags rastet, kann sie verbreiten. Typisch sind sehr nasser Kot, großer Durst und schlechtes Allgemeinbefinden. Medikamente gibt es nicht, die vorbeugende Impfung ist der einzige Schutz. Die Berliner Veterinäraufsicht nennt als Übertragungswege Atemluft, direkten Kontakt und Nahrung, indirekt auch Personen und Gegenstände.
Aufzucht und Training in Stufen
Die Zucht beginnt laut Verband im Januar oder Februar, wenn die Tage länger werden. Das Weibchen legt das erste Ei etwa 10 Tage nach dem Nestbau, das zweite zwei Tage später. Nach 17 Tagen schlüpfen die Jungen, nach gut vier Wochen fressen und trinken sie selbst und verlassen das Nest.
Vor den Trainingsflügen sollen die Tauben laut Verband so fit sein, dass sie beim täglichen Freiflug am Schlag ohne Zwang 45–60 Minuten in der Luft bleiben. Dann wird die Entfernung zwischen Auflassort und Schlag schrittweise gesteigert – wie bei Sportlern, deren Belastung langsam wächst.
Für den Einsatz als Nachrichtenträger heißt das: Die Strecke, über die du Nachrichten schicken willst, sollte vorher in Stufen erflogen sein. Eine Taube, die nie weiter als ein paar Kilometer vom Schlag entfernt war, ist für eine lange Verbindung nicht vorbereitet.
| Tiere | Training | Wettflüge |
|---|---|---|
| Alttauben (ab Vorjahr) | 30, 50, 70, 100 und 150 km | ab 200 km bis über 600 km |
| Jungtauben (aktuelles Jahr) | 30, 50, 70 und 100 km | oft ab 120 km, dann steigend |
Die Nachricht: kurz, leicht, am Bein
Jede Verbandstaube trägt am rechten Bein einen Verbandsring, der sie unverwechselbar macht; bei Wettflügen kommt am linken Bein ein elektronischer Chipring dazu. Über die Ringnummern wird jede Taube auch in der Impfbescheinigung eingetragen.
Die Nachricht selbst wurde im Ersten Weltkrieg ebenfalls am Bein befestigt – das Imperial War Museum zeigt ein Foto, auf dem die Royal Navy diese Methode vorführt. Praktisch bedeutet das: so kurz wie möglich, auf dünnem Papier, eng gerollt in eine kleine Hülse, die fest sitzt und den Ring nicht verdeckt. Eine belegte Gewichtsgrenze für Hülse und Papier nennen die hier genutzten Quellen nicht; je weniger die Taube trägt, desto besser.
Schreibe das Wichtigste zuerst, dazu Absender, Datum und Uhrzeit. Wichtige Meldungen schickst du besser doppelt, mit zwei Tauben zu verschiedenen Zeiten – jede einzelne kann unterwegs verloren gehen.

Grenzen, Aufwand und Rechtslage heute
Greifvögel sind laut Verband so verbreitet, dass Tauben im Winter fast flächendeckend in Deutschland keinen Freiflug bekommen können. Wind und Wetter beeinflussen jeden Flug, und die Tiere fliegen nur heim, nicht auf Bestellung zu einem neuen Ziel.
Dazu kommt der Aufwand. Wer das Hobby vollständig betreibt, rechnet laut Verband mit etwa 1–2 Stunden Versorgung am Tag und durchschnittlich 10–20 Euro pro Taube und Jahr; im Urlaub braucht es eine Vertretung. Brieftauben sind deshalb kein Vorrat, den man einlagert, sondern ein lebender Bestand, der jeden Tag versorgt werden will. Wer einsteigen möchte, findet über die örtliche Reisevereinigung erfahrene Züchter; der Verband vermittelt Kontakte.
Achtung Rechtslage heute: Wer Tauben halten will, muss das nach § 26 Absatz 1 der Viehverkehrsverordnung vor Beginn der zuständigen Behörde anzeigen – mit Name, Anschrift, der voraussichtlichen Zahl der Tiere im Jahresdurchschnitt, Nutzungsart und Standort; Änderungen sind unverzüglich zu melden. Eine gesetzliche Impfpflicht für Tauben besteht laut Berliner Veterinäraufsicht nicht, sie empfiehlt aber, den ganzen Bestand impfen zu lassen; der Verband sagt, Brieftauben müssen geimpft werden. Einen Gartenschlag zu errichten ist laut Verband genehmigungspflichtig. Gefahr: Paramyxovirose ist nicht behandelbar, Wildtauben tragen sie in jeden Bestand, und auch Hühner sind empfänglich. Für Menschen gilt der Erreger als unwahrscheinlich und ungefährlich, selten kommt es zu Bindehautentzündungen – meide trotzdem den Kontakt mit verendeten Tauben. Zuständig: Anzeige und Tierseuchenfragen beim Veterinäramt, Impfung und Krankheit beim Tierarzt, die Genehmigung des Schlags bei deiner Gemeinde erfragen.
Häufige Fragen
Kann eine Brieftaube hin und zurück fliegen?
Nein. Sie fliegt nur zu ihrem eigenen Schlag. Für Nachrichten in beide Richtungen brauchst du zwei Schläge und musst die Tauben jeweils zum anderen Ort bringen.
Wie weit fliegen Brieftauben?
Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter veranstaltet für Alttauben Wettflüge von 200 bis über 600 Kilometern. Das Training beginnt bei 30 Kilometern und wird in Stufen gesteigert.
Muss ich Tauben anmelden?
Ja. Nach § 26 Absatz 1 der Viehverkehrsverordnung musst du die Haltung von Tauben vor Beginn der zuständigen Behörde anzeigen, in der Regel dem Veterinäramt.
Sind Brieftauben eine Alternative zum Funk?
Eher eine Ergänzung. Sie brauchen keinen Strom, aber tägliche Pflege, Training und Transport – und sie fliegen nur in eine Richtung. Was ohne Anmeldung funkt, steht im Artikel „Funk ohne Netz“.
Quellen
- § 26 Viehverkehrsverordnung – Anzeige und RegistrierungBundesministerium der Justiz (gesetze-im-internet.de) · Anzeigepflicht für Taubenhaltungen mit Name, Anschrift, Tierzahl, Nutzungsart und Standort
- Paramyxovirose bei Wildtauben (Merkblatt, Stand 12.11.2019)Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Veterinär- und Lebensmittelaufsicht · Übertragungswege, Gefahr für Menschen und Hühner, keine gesetzliche Impfpflicht für Tauben, Impfempfehlung
- Häufige Fragen / FAQVerband Deutscher Brieftaubenzüchter e. V. (Verein) · Orientierung, Auflassort, Haltung, Futter, Paramyxovirose, Zucht, Trainingsstufen, Ringe, Greifvögel, Aufwand
- Tauben navigieren nach BauchgefühlUniversität Duisburg-Essen · Magnetsinn, Studie in Science 2026 mit Universität Bonn und Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, Versuch bei Radolfzell
- The Incredible Carrier Pigeons of the First World WarImperial War Museums (IWM) · Einsatz im Ersten Weltkrieg, Nachricht am Bein, Taube Nr. 498, mobile Schläge mit 60–75 Vögeln
- Erinnerungsstück an die Belagerung von Paris 1870/71Historisches Museum Hannover (museum-digital) · Dauer der Belagerung, Brieftauben und Ballons zur Kommunikation der Belagerten
